Wissenschaft und Religion, eine misslungene Mischung

Von: Susan Taylor Martin

Muslimische Wissenschaftler erklären, warum die wissenschaftlichen Studien ihrer Genossen nicht den Durchbruch erreichen.
Dr. Essam Heggy, 32, ist einer der Planetenwissenschaftler bei der NASA – Mars Erforschung. Er sagt: „Die Wissenschaft ist jetzt vom religiösen Denken losgelöst“.

In der Anerkennung der besten 50 wissenschaftlichen Durchbrüche im Jahr 2007 zitiert das Magazin „Scientific American Magazin“ über die Weiterentwicklung der alternativen Brennstoffe, die Behandlung der Parkinson Krankheit und die Technologie, durch die die Verbraucher der elektronischen Geräte besser bedient sind. Unter den Ländern sind hoch angesehen Japan, Italien und die Niederlande, ein Land mit einer Bevölkerung von nur 16 Millionen. Aber die Liste der Forscher enthält keinen einzigen bemerkenswerten Durchbruch in irgendeinem Land von 56 muslimischen Ländern auf der Welt mit einer Bevölkerung von mehr als 1 Milliarde Menschen.

Dr. Essam Haggy nennt die Gründe. „Wir leben nicht in einer Gesellschaft, die die Wissenschaft schätzt“, sagt Haggy, ein Astroforscher, der seine Heimat Libyen verlassen hat und zurzeit in Houston beim Marsforschungsprogramm der NASA arbeitet. „Die Wissenschaft und die  Intellektuellen sind reelle Bedrohungen für Regierungen, die keine ernsthaften Intentionen im Bezug auf demokratische Richtlinien haben“.

Warum dieser Mangel an wissenschaftlichen Errungenschaften in der modernen islamischen Welt? Wie Heggy, machen viele Kritiker die autoritären Regimes verantwortlich für die Erstickung des unabhängigen Denkens und die Beschränkung des Kontaktes mit der Außenwelt. Die meisten Schulen und Universitäten in den muslimischen Ländern führen keine Diskussionen und Analysen, sie legen eher Wert auf das papageiartige Lernen. Das Verteidigungsbudget – besonders in den kriegslustigen Ländern des Mittleren Osten – verschlingt Milliarden von Dollars, was andererseits im Bereich der Forschung ausgegeben werden könnte.

Genau wie die konservativen Christen in Amerika, die auf eingeschränkte Genforschung und andere alternativen Lernmethoden anstelle der Evolutionstheorie beharren, hält der wachsende islamische Fundamentalismus viele Muslimen von der Wissenschaft ab und treibt sie in Richtung der Religion als die beste Methode der Weltanschauung und Darlegung. „Religiöser Fundamentalismus ist immer eine schlechte Neuigkeit für die Wissenschaft“, schrieb Pervez Amirali Hoodbhoy, muslimischer Physiker aus Pakistan, in einem vor kurzem erschienenen Artikel mit dem Namen der Islam und die Wissenschaft für die heutige Physik. „Die unaufhörlich fortschreitende Wissenschaft fordert, dass Tatsachen und Hypothesen revidiert werden. Aber das Problem besteht darin: Die wissenschaftliche Praktik ist den althergebrachten, unreformierten und religiösen Gedanken gegenüber fremd “.

Während die Beweggründe zahlreich und meist umstritten sind, gibt es keinen Zweifel, dass die muslimische Welt bei den wissenschaftlichen Errungenschaften und Forschungen weit hinterher hinkt: Die muslimischen Länder leisten einen Beitrag von weniger als 2% der weltweiten wissenschaftlichen Literatur. Spanien erzeugt allein  mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen als alle muslimischen Länder zusammen. In den muslimischen Ländern, mit beträchtlich großer Bevölkerung, liegt die durchschnittliche Zahl der Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker von 1.000 Personen bei 8,5. Der Durchschnitt der gesamten Bevölkerung liegt bei 40. Die muslimischen Länder erlangen so wenig Patente für ihre Erfindungen, dass sie diese nicht einmal registrieren lassen, Zwecks des Vergleichs zum Balkendiagramm mit anderen Ländern. Von den mehr als 3 Millionen ausländischen Erfindungen, die in den Vereinigten Staaten zwischen 1977 und 2004 patentiert worden sind, gehören nur 1500 davon den muslimischen Ländern.

In einer Studie der Londoner Times, sind nur zwei muslimische Universitäten – beide in Malaysia – unter den besten 200 Universitäten weltweit. Es sind zwei muslimische Wissenschaftler, die auch den Nobelpreis bekommen haben, sie beide aber haben ihre bahnbrechenden Forschungen an  westlichen Institutionen erlangt.

Dem pakistanischen Physiker Abdus Salam, der den Physik Preis von 1979 in Großbritannien bekam, wurde in seinem Heimatland Rede- und Unterrichtsverbot an den pakistanischen Universitäten erteilt. Warum? Wessen Handlanger ist Salam gewesen, dass die pakistanische Regierung ihn zum „râfezi“ [Sunniten Bez. für Schiiten] und Ketzer erklärt hatte?

Die Avantgarde des Wissens

Ungeachtet des beliebten Mythos sind die Menschen in muslimischen Ländern nicht widerstandsfähig der Technologie gegenüber. Auch die ärmsten besitzen ein Mobiltelefon; einige sind sogar im Besitz der neuesten und exakten Ausstattung des Satelitennavigationssystems, das die Richtung zum Gebet gen Mekka genauestens berechnet. Die Gebetsteppiche sind mit Computer Chips ausgestattet, die dann die Anzahl der Kniebeugen und Verneigungen beim Gebet zählen, Zweck. der Vermeidung des verzählens während des Gebets. Und wie die Al-Qaida’s  Botschaften zeigen, dass das Internet zu einem hochwertigen Instrument geworden ist, um Drohungen gegen die westliche Welt zu verbreiten.

Das ist aber ein Schrei aus der Ferne, aus den ersten Zeiten des Islams, als der Prophet Mohammed sagte: „Die Tinte des Gelehrten ist heiliger als das Blut der Märtyrer“ [Es muss erwähnt werden, dass heute sehr viele Hadithe nicht mehr zu den glaubwürdigen Hadithen gehören; ob nun der Prophet diesen Satz tatsächlich ausgesprochen hat, ist zu bezweifeln]. Sobald der Islam anfing seinen Entstehungsort, die arabische Halbinsel zu verlassen, hatten die muslimischen Gelehrten und Wissenschaftler das Wissen errungen durch die römischen, griechischen und anderen Kulturen [Die Autorin dieses Artikels vergisst gerne die Rolle der Iraner und zählt sie nicht zu den bedeutenden Kulturen; hier spielt die angelsächsische Mentalität die Rolle].

Das goldene Zeitalter des Islams umfasst das 8. bis 13. Jahrhundert, erblickte bedeutende Fortschritte in der Mathematik, Physik/Optik, Chemie, Astronomie und Medizin, während Europa Jahrhunderte lang in der geistigen Dunkelheit tief geschlafen hatte [Die Gründer des goldenen Zeitalters des Islams waren die iranischen Wissenschaftler, die leider heute alle aufgrund ihrer arabischen Namen als arabischen Wissenschaftler bekannt sind].

Mit der Zeit jedenfalls, wuchsen die gespannten Verhältnisse zwischen den liberalen Muslimen, die eine anpassungsfähigere Auslegung des Islams darlegten, und den Fundamentalisten, die an Vorbestimmung mit all ihren abschreckend selbstverständlichen Folgen für die Wissenschaft und Entdeckung glaubten. Die Vernunft beugte sich dem Glauben, „die Wissenschaft in der islamischen Welt brach signifikant zusammen“, schreibt Hoodbhoy. „Keine bedeutende Erfindung oder Entdeckung wurde in der muslimischen Welt seit mehr als sieben Jahrhunderten gemacht“.

Heute verlässt eine große Anzahl der klügsten wissenschaftlichen Köpfe ihre Länder, um an den westlichen Universitäten wie Virginia Tech und dem Massachusetts Institut of Technology – die beiden haben eine beachtliche Menge an muslimischen Studenten – zu studieren. Nach Schätzungen, kehrt mehr als die Hälfte der Wissenschaftsstudenten aus den arabischen Ländern nie wieder in ihre Heimat zurück, um dort zu arbeiten.

„Die Wissenschaft ist jetzt vom religiösen Denken losgelöst“, sagt Heggy, 32, der NASA Wissenschaftler, der seinen Doktortitel in Frankreich bekam. „Die Rationalität und Vernunft werden immer unbedeutendere Rollen in der Gesellschaft zugesprochen“. Muslimische Wissenschaftler, die in ihrer Heimat arbeiten, finden sich meistens in der Umklammerung der – in der Volkssprache – „islamischen Wissenschaft“ wieder. Mit einer islamischen Antwort auf die westliche Wissenschaft, durch die seit den 80er Jahren moralische Werte in den Hintergrund gerückt werden, wird versucht, die Religion und die Wissenschaft miteinander zu vermischen, allerdings mit kuriosen und seltsamen Resultaten.

„Einige Wissenschaftler haben die Temperatur in der Hölle berechnet, einigen die chemische Zusammensetzung der himmlischen Dschinn und ihren Geist“, schreibt Hoodbhoy. „Keiner hat eine neue Maschine oder ein Instrument hergestellt, ein Experiment durchgeführt oder sogar eine einzige prüfbare Hypothese verfasst“. Stattdessen nutzen die Fundamentalisten spezifisch die Wissenschaft nur, um die Existenz Gottes zu bekräftigen oder zur Darbietung der Wahrheit im Koran. Eine häufig besuchte Internetseite hat das offenbart: „Ein spektakuläres wissenschaftliches Faktum“ – Der Koran hat die Schwarzen Löcher und die Erbanlage vorausgesehen –„.

Stumme Notiznehmer

Obwohl Hoodbhoy seine muslimischen Mitmenschen kritisiert, schreibt er teilweise der USA die Schuld am jämmerlichen Registrieren der wissenschaftlichen Erfolge in den muslimischen Ländern zu. Die Unterstützung der unsäkularen und unbeliebten Regimes in Ägypten, Saudi Arabien und anderen muslimischen Ländern durch die westliche Welt, macht den Tank des Fundamentalismus in diesen Ländern voll, das wiederum die Entmutigung der akademischen und kulturellen Freiheit mit sich bringt.

An der Hoodbhoy’s Universität in Islamabad, Pakistan, tragen fast alle weiblichen Studenten Schleier und sind „die stummen Notiznehmer“, die sich in zunehmendem Maße schüchtern und ängstlich benehmen und keine Fragen stellen, sagt Hoodbhoy. Filme, Theater und Musik werden als unislamische Vergnügung gemieden. Das Universitätsgelände hat drei Moscheen, aber keine Buchhandlung.

Die Aussicht ist nicht völlig trübe. Obwohl Saudi Arabien die Basis einer starken, intoleranten islamischen Denkweise ist, hat eine Weltklasse Universität in Zusammenarbeit mit der Cape Cod’s prestigious Woods die „Hole Oceanographic Institution“ aufgebaut.

Die Türkei – dessen Gründer Kemal Atatürk das Land verwestlichen wollte – hat ihre Forschungsförderungsmittel seit dem Jahr 2003 verdreifacht, und das auch unter einem religiös, konservativ fungierenden Premierminister. Tunesien, ein anderes Land mit muslimischer Bevölkerung und einem säkularen Regime, hat größtenteils „die islamische Wissenschaft“ zugunsten praktischer Forschung abgelehnt. Die Anzahl der Laboratorien ist von 55 innerhalb der letzten 6 Jahre auf 139 gestiegen.

„Aber Vieles muss noch getan werden“, sagt Hoodbhoy; er argumentiert, dass das Aufhalten der wissenschaftlichen Entwicklungen in der muslimischen Welt, die Muslime zur „Marginalisierung“ führt und in ihnen das Gefühl der Ungerechtigkeit und der Opferrolle wachsen lässt. Die muslimischen Länder werden sonst auch wissenschaftlich sich nicht weiter entwickeln. „Die Wissenschaft muss sich anstrengen“, schreibt Hoodbhoy, „sie muss Schulter an Schulter mit breitem Ellenbogen gegen die Strenggläubigkeit kämpfen, um neue Denkweisen, Geisteswissenschaften, Philosophie, Demokratie und Vielfalt einzuführen“.

Bekannte modernen muslimischen Wissenschaftler:

Abdus Salam: Pakistaner, der Physik Nobel Preisträger von 1979
Ahmed Zewail: Ägypter, der Chemie Nobel Preisträger von 1999
Farouk El-Baz: Ägypter, der NASA Forscher, beteiligt an dem Apollo Mond Programm
Essam Heggy: Ägypter-Libyer, Planetenwissenschaftler in NASA’s Erforschungsprogramm
Lotfi Askar Zâde: Iraner, Mathematiker und Informatiker; der Gründer der unscharfen Logik (Fuzzy-Logik), die mehr als nur Wahr-oder-Falsch-Werte erkennt. Diese Methode wird bei den intelligenten Suchmaschinen und Rechtschreibprüfern benutzt, um falsch geschriebene Wörter durch die richtigen zu ersetzen.
Habiba Bouhamed Chaabouni: Tunesierin, Medizinische Genetikerin, die Gewinnerin des Women in Science Award von UNESCO 2006

Anmerkung von ©Fartâb Pârse:
Obwohl der Originalartikel im Januar 2008 erschien, ist er trotz der Veränderungen in den arabischen Ländern noch immer aktuell. Meines Erachtens verliert ein solches Thema nie seine Aktualität.

Die wahren Gründer des goldenen islamischen Zeitalters:

Niederländisch: De Gouden Periode van de islam

Italienisch: Appropriazione della cultura persiana

Teil 1- Vorislamische Zeit
Teil 2- Islamische Zeit
Teil 3- Islamische Zeit

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Ein Gedanke zu „Wissenschaft und Religion, eine misslungene Mischung

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