Wohin gehen wir?

Von: Siyâmak, Sohn von Gayumart

Dieser Artikel ist mit Respekt gegenüber jedem eine Antwort auf zwei Punkte, die manche erwähnen, um die Liebhaber der persischen Sprache einzuschüchtern:

Erstens: Das Wort „xâles“ خالص [in Arabisch: rein; unverfälscht] wird mit derselben Bedeutung des Wortes „sare“ سره [in Persisch: ohne Beimischung] definiert, und wenn wir von der „pârsiye sare“ پارسی سره [persischen Sprache ohne Beimischung] sprechen, nehmen manche uns das Übel und behaupten, es gäbe keine Sprache, die rein ist. Ja, richtig, in der Tat gibt es keine reine Sprache, und wir wissen sehr gut, dass heute jede Sprache mit anderen Sprachen vermischt ist und eine Sprache, die andere Sprachen nicht benötigt, existiert eben nicht. Also, wenn wir von der persischen Sprache ohne Beimischung sprechen, meinen wir aber nicht die reine persische Sprache.

Vielleicht wird das Wort „sare“ [ohne Beimischung] falsch verstanden, interpretiert und führt manche irre; aus dem Grund ist es vielleicht besser zu sagen „Pârsi“ als „persische Sprache ohne Beimischung“ und zu der „heutigen persischen Sprache“ dann „verwirrtes Persisch“ [pârsiye âšofte] پارسی آشفته . Wie dem auch sei, jede Sprache nimmt im Laufe ihrer Existenz bei Bedarf Lehnwörter aus anderen Sprachen in sich auf, wie z.B. das Deutsche die englische Sprache, und das ist gut so; aber nicht doch so ohne Plan, Regeln und durcheinander, dass bis zu fünfzig Prozent einer mächtigen Sprache von Lehnwörtern gezwungener Maße voll ist und sie in sich aufgenommen hat, dann sitzen wir da und predigen, „es sei auf der ganzen Welt so, es sei normal“!

Um ihre Meinung zu verteidigen, sagen einige, dass das Pendant für das Wort „tulâni“ طولانی [lang; langwierig; dauernd] im Persisch „derâz“ دراز [lang; anhaltend; langwierig] ist; und wenn sie dann diesen Satz im Pârsi bilden wollen: „U soxanrâniye tulâni kard“ او سخنرانی طولانی کرد [Seine Rede hat lange gedauert], müssten sie diesen Satz bilden, Pârsi, der ohne Fremdwörter ist: „U soxanrâniye derâz kard“ او سخنرانی دراز کرد [Seine Rede ist in die Länge gezogen], das wiederum überhaupt nicht in Persisch/Pârsi harmonisch klingt[1]. Aber, wenn sie etwas tiefer überlegen, würden sie bemerken, dass es nicht der Fall ist, weil es dann richtig auf Pârsi heißt: „Soxanrâniye u be derâzâ kešid“ سخنرانی او به درازا کشید [Seine Rede ist in die Länge gezogen; seine Rede hat lange gedauert]. Also der Satz „soxanrâniye u be derâzâ kešid“ hört sich viel ästhetischer an, als dieser Satz mit einem Fremdwort „tulâni“ dazwischen: „U soxanrâniye tulâni kard“.

Ein anderes Beispiel ist der Artikel selbst, der in Pârsi [ohne Beimischung der Fremdwörter] verfasst ist, und ich glaube nicht, dass beim Lesen des Textes etwas unverständlich und schwer zu verstehen ist. Übrigens, der Artikel ist von der Ästhetik[2] her schöner, fließender und harmonischer; er klingt beim Lesen besser als das heutige, verwirrte Persisch voller Fremdwörter[3].

Kurz gesagt, im Laufe der 1400 Jahre wurden unnötig und sinnlos unzählige Fremdwörter in die persische Sprache importiert und persische Wörter ersetzt; und daraus wurde aus dieser Sprache eine Mischsprache, die vom Satzbau her durcheinander ist und sich praktisch zu einer unfähigen Sprache entwickelt hat, die keine neuen Wörter von sich heraus bilden und schaffen kann. Unser Problem ist nicht, dass die persische Sprache nicht rein ist, unser Problem sind nicht die nützlichen Lehnwörter aus anderen Sprachen, unser Problem ist eine große Menge an Fremdwörtern, die wir nicht benötigen, die nicht harmonisch zum Rest der persischen Wörter sind, unser Problem ist eine Grammatik, in der es sehr viele Fehler gibt. Das Problem ist die Existenz einer großen Anzahl an Fremdwörtern, die ungerecht den einfachen, fließenden und schönen persischen Wörtern den Platz genommen haben, und sie dann mit Gewalt zum Schweigen gebracht haben; und aus ihr wurde eine unfähige Sprache, die kreativ sein kann.

Wir sind nicht gegen die arabische, englische oder jede andere Sprache. Wir sind gegen Lehn- und Fremdwörter, dort wo wir selbst die passenden Wörter haben und auch imstande sind für die Lehnwörter die passenden Wörter zu erschaffen. Es ist so, als ob unser Land sich zum Importeur des Teppichs erklären würde, obwohl wir die Kunst, die besten Teppiche zu produzieren besitzen, ins Ausland geschickt würde, um ihm die Arbeit wegzunehmen. Warum tun wir das? Entweder sind wir verloren oder ehren eher das Fremde, oder… Und das haben wir unserer Sprache angetan.

Also, von nun an, wenn wir über die Pârsi Sprache sprechen, meinen wir damit aber nicht „die reine persische Sprache“! Das Ausnutzen des Wortes „sare“ und seine falsche Interpretation ist nur dazu da, um die Liebhaber der persischen Sprache und Kultur zu unterdrücken.

Zweitens: Rezâ Šâh hatte einiges für die Wiederbelebung der iranischen/persischen Kultur getan, unter anderem die Säuberung der persischen Sprache, wie z. B. Wörter „šahrdâri“ شهرداری [Stadtverwaltung] anstatt „baladiye“ بلدیه und „šahrbâni“ شهربانی [Polizeipräsidium] anstatt „nazmiye“ نظمیه , oder die Namen der Kalendermonate ins Persische, anstatt ihrer arabischen Bezeichnungen und vieles mehr. Und damit hatte er den Grundstein für „die Akademie der persischen Sprache“ فرهنگستان زبان پارسی gelegt.

Es sind Gerüchte im Umlauf, dass diese Säuberung auch den Bereich „handâcak“ هنداچک [in Deutsch: die Geometrie] (in Arabisch: hendese هندسه) erreichte; und die Gelehrten sollen auf einmal keine passenden Wörter für die geometrische Begriffe gefunden haben, daher sollen sie angefangen haben erfinderisch zu werden. Für das Wort „xatt“ خط (arabisch) [in Deutsch: die Linie] erfanden sie das persische Wort „derâzaki“ درازکی [etwa das Längliche im Deutsch], und für das Wort „dâyere“ دایره (arabisch) [in Deutsch: der Kreis] das persische Wort „gerdaki“ گردکی [etwa das Rundliche in Deutsch], dann für das Wort „momâs“ مماس (arabisch) [in Deutsch: berührend; Tangens; Tangente; Berührungslinie] benutzten sie „mâlidan“ مالیدن [in Deutsch: reiben; einreiben]. Als sie dann den Satz „xatt râ be dâyere momâs mikonim“ خط را به دایره مماس می کنیم [in Deutsch etwa: Die Gerade berührt die Kurve in einem bestimmten Punkt] ins Persische mit erfundenen Wörtern benutzen wollten, bauten sie den Satz „derâzaki râ bar gerdaki mimâlim“ درازکی را بر گردکی می مالیم [in Deutsch etwa: Das Längliche berührt das Rundliche an einem bestimmten Punkt][4]; dann gerieten diese Gelehrten angeblich selbst in Panik vor Rezâ Šah und sollen vor ihm geflüchtet sein.

Die Richtigkeit dieser Geschichte wird stark gezweifelt, denn im Dehxodâ Lexikon gibt es nicht nur ein Wort, sondern mehrere Wörter, die drei Worte „xatt“, „dâyere“, „momâs“ die das beschreiben und als Vergleiche benutzt werden können; und eine solche Geschichte dient nur dazu, die Bemühungen, die persische Sprache von Fremdwörtern zu säubern, ins Lächerliche zu ziehen.

Diese Wörter sind:

xatt: keše/kešah کشه ,keš کش , samire سمیره , kašmidah/kašmide کشمیده , kešak کشک , raj رج
xatt {neveštani نوشتنی } [Schrift]: dabire دبیره , vešte وشته , nebešte نبشته
dâyere: canbar چنبر , parhun پرهون , pargâri پرگاری , gerd گرد , gerdi گردی , irâl ایرال , damz دمز , daf دف [im Wörterbuch Ânandrâj آنندراج ist dâyere ein persisches Wort, das später ins Arabische ging]
momâs: hamsây همسای , sâyâ سایا , hambar همبر , basude/basudah بسوده , beham sâyide به هم ساییده , beham casbide به هم چسبیده

Damit Sie nicht daran zweifeln, diese Wörter könnten Erfindungen sein, können Sie sich selbst vergewissern und dafür das Dehxodâ Lexikon, die Avestâ und in Pahlavi Wörterbüchern nachschlagen. So, jetzt lautet der Satz „xatt râ be dâyere momâs mikonim“ [in Deutsch etwa: Die Gerade berührt die Kurve in einem bestimmten Punkt] in Pârsi ohne Beimischung der Fremdwörter: „Samire râ be irâl hambar mikonim“ سمیره را به ایرال همبر می کنیم , der ästhetischer als der vergleichbare Satz in Mischmasch (arabisch-persisch) ist.

Wenn wir etwas nachdenken, ist die Frage zu stellen, ob vor tausenden von Jahren in der Antike die iranischen/persischen Architekten, Baumeister und Ingenieure, um Persepolis und das Schloss Ktesiphon und anderes zu bauen, für die Begriffe wie Linie [xatt in Arabisch], Kreis [dâyere in Arabisch] und Tangente [momâs in Arabisch] und so weiter keine eigenen Wörter hatten? Oder hatten vielleicht die Araber von der arabischen Halbinsel, Persepolis und das Ktesiphon Schloss und andere Bauwerke gebaut und wir waren in den Wüsten auf der Suche nach Eidechsen und Heuschrecken unterwegs und nicht sie?!

Übrigens das Wort „hendese“ هندسه [die Geometrie] ist selbst das Wort „handâcak“ هنداچک aus der persischen Sprache; anders gesagt, die Araber hatten kein passendes Wort für den Begriff Geometrie; wäre es dann logisch, dass die persische Geometrie keine passenden Begriffe für „xatt“ [samire in Persisch], „dâyere“ [irâl in Persisch] und „momâs“ [hambar in Persisch] hätte? Sicher nicht.

Anmerkungen von ©Fartâb Pârse:

[1] In Deutsch hört es sich normal an, aber der Satzaufbau und die Definition im Persisch ist halt anders; hätte man den Satz „seine Rede ist in die Länge gezogen“ wortwörtlich ins Persische übersetzt, hätte man einen Satz, der sich nicht richtig anhört.
[2] Da, dieser Text eine Übersetzung des Originaltextes ist, empfehle ich denjenigen, die der persischen Sprache mächtig sind, eher den Originaltext zu lesen, um den Unterschied festzustellen.
[3] Für mehr Information lesen Sie bitte meinen Beitrag: Die Anpassung arabischer Wörter in der persischen Sprache
[4] Manche meinten, der Satz wäre eine Metapher für die Geschlechtsorgane; und damit brachten sie ihre Perversität zum Ausdruck und verschonten nicht mal die Mühe derjenigen, die dafür sorgen, dass die persische Sprache gesäubert wird.

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6 Gedanken zu „Wohin gehen wir?

  1. Danke Dir Fartâb.Der große Meister , der Erhabene der persischen Sprache ” piruze Parsi (Ferdowsi) ” würde sich sehr über Deinen Artikel ” Where are we going / Wohin gehen wir / ما به کجا می رویم ” freuen.
    بسی رنج بردم در این سال سی
    عجم زنده کردم بدین پارسی
    پیروز پارسی(فردوسی) بزرگوار

  2. Auch ich danke Dir.
    Sätze mit “etwas machen” also “…kardan” empfinde ich irgendwie als primitiv. Der bereinigte Satz klingt vornehm, angenehm, gehoben.
    In Deinen zwei letzten Abschnitten hast Du meine spontanen Gedanken beim lesen Der ersten Abschnitte wiedergegeben. Die in Zelten lebenden Nomaden aus der Wüste sollen den sesshaften, Städte bauenden Völkern die Begriffe der Geometrie gebracht haben?
    Absolut lächerlich.
    Zu Punkt 4 der Metapher– was soll ich da sagen- armselige Menschen, die sofort die Geschlechtsorgane im Sinn haben!

    Einen schönen Sonntag noch

    • Ich danke dir, du wirst langsam ein treuer Leser. Zum Verb “kardan” [in Deutsch: machen; tun] muss ich sagen, dass die Verwendung dieses Verbes zwischen uns Iranern die Rolle der Verben tun und machen für die Deutschen spielt! Je weniger man sich mit der Sprache richtig befasst, schreibt und vor allem liest, desto kleiner wird der Wortschatz sein und das Verb “kardan” wird daher sehr oft auch in der Umgangssprache verwendet und lässt den Satz, wie du schon erwähnt hast primitiv und unästhetisch klingen.

      Anstatt zu sagen: “Kâram râ kardam” [ungefähr in Deutsch: Ich tat meine Arbeit], ist besser zu sagen: “Kâram râ anjâm dâdam” [in Deutsch: ich habe meine Arbeit erledigt].

      Leider sind wir Iraner sehr faul geworden, was unsere Sprache betrifft! Das ist nicht nur ein iranisches Phänomen, sondern im Allgemein. Heute ist es die Zeitalter des Internets, mobile Telefone; und alle tippen ganz schnell ein paar Wörter und unterhalten sich auch telegrafisch. Man lässt sich auch keine Zeit mehr Bücher zu lesen und will sofort im Internet fündig werden und das auch noch und höchstens mit einer einzigen Seite informiert zu werden.

      Zum Anmerkungspunkt 4 muss ich dir auch Recht geben, denn in der Tat haben die Gegner der Pârsi Sprache solche perversen Witze gemacht.

      Ich wünsche dir auch einen schönen Sonntag, wenn auch er seinem Ende naht ;)

  3. Pingback: Kanon – Dâd | Online-Magazin Pârse&Pârse پارسه و پارسه

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