Zwei Jahrhunderte langes Schweigen

Zusammengestellte Passagen aus dem Buch Zwei Jahrhunderte langes Schweigen
[دو قرن سکوت]

Von: Dr. Abdolhossein Zarinkoob (* 19.05.1926 – † 15.09.1999) [عبدالحسین زرین کوب]

Bei intensivem Befassen mit der Geschichte der Araber kann festgestellt werden, dass die Araber von vornherein, um sich vor dem Einfluss der iranischen Sprache zu schützen, die iranischen Sprachen und Dialekte zu vernichten versuchten. Sie fürchteten die Sprache immer als eine Waffe in den Händen der Besiegten, welche dazu dient, das Volk eines Tages gegen sie selbst aufzubringen und ihnen ihre errungenen Besitztümer und ihre Herrschaft bis zu den weitesten Grenzen Irans aus den Händen zu nehmen.

Aus diesem Grund vernichteten sie dort Schriften, Sprachen, Bücher und Bibliotheken, wo immer sie sich auch in den Städten Irans  aufhielten. Ein Beweis des Schadens der Araber an der Schrift und Sprache der Bevölkerung ist Choresmien [Xârazm]: „Nachdem Hajjâj’s Befehlshaber, Qotaybe Ebne Moslem [1] zum zweiten Mal Xârazm durch einen Krieg eingenommen hatte, köpfte er diejenigen, die das Wissen um die Schrift, Sprache und Geschichte hatten. Er tötete geistliche Würdenträger, Gottesmänner und Parsenpriester. Er verbrannte all ihre Bücher. Nach und nach wurde so die Bevölkerung ihrer eigenen Sprache gegenüber analphabetisiert und beherrschte die Schrift und Sprache kaum mehr; die Geschichte des Landes geriet immer mehr in Vergessenheit“ [Âsârolbâqiye, Bâbâ Reyhân Biruni, S. 36, 36, 48].

Diese Ereignisse zeigen, wie sehr die Araber die Schrift und Sprache des iranischen Volkes als eine Gefahr betrachteten. Wenn das besiegte Volk diese Waffe in die Hand nehmen würde, könnte es die Sieger immer wieder herausfordern und gegen sie kämpfen. Ein weiterer Grund, die iranische Schrift und Sprache zu vernichten, sei, dass die Schrift und Sprache der „Majus“ [2] ein Hindernis sei, den Koran zu verbreiten. De Facto lernten selbst die, die die Religion Islam annahmen, nicht die arabische Sprache. Weder beteten, noch lasen sie den Koran auf Arabisch: „Die Bürger der Stadt Buchara [Boxârâ] beteten in den Anfängen des Islam auf Pârsi und sie lasen den Koran auf Pârsi. Sie lernten kein Arabisch. Beim Gebet nutzte der Vorbeter anstelle der arabischen Wörter roku’ („die Verbeugung“), Worte wie bekoni tâ („Verneigt euch“) und nakonit („Bewegt Euch nicht“) und bei der Niederwerfung beim Gebet sprach er neguniyâ neguni konit („Verneigt euch bis zur Erde“) [Târixe Boxârâ, Naršaxi, S. 75]

Doch die Liebe des Volkes zur Muttersprache war es, das nicht verwundern lässt, wie die arabischen Statthalter und Befehlshaber die persische Sprache als Affront gegen ihre Religion und Herrschaft sahen und umso mehr sich bemühten, überall im Iran die Schrift und Sprache zu vernichten. So gibt es keinen Zweifel, dass während der Invasion der Araber viele Bücher und Bibliotheken im Iran vernichtet worden sind. Beweise gibt es dann zuhauf in der Geschichte. […] Was nutzten den Arabern, die nur das Wort ihres Gottes erkannten, auch die Bücher der „Majus“? Mit Sicherheit galten sie als Mittel zur Verwirrung, nicht würdig geschützt und aufbewahrt zu werden. […] Es wurden Bücher, die zu der damaligen Zeit in Bereichen der Medizin, Astronomie, Soziologie und Ethik am fortschrittlichsten waren, durch leichtsinnige und einfältige Kinder vernichtet, die aus der Hölle der arabischen Wüste in das Paradies Iran kamen, vernichtet. Jene handelten entsprechend, wie man es aufgrund ihres Verstandes und ihrer Vernunft erwartet hätte.
[…]

In dieser islamischen Epoche waren Fertigkeiten wie Lesen und Schreiben eine Seltenheit, wie konnten die Araber also den Wert eines Buches oder einer Bibliothek schätzen und Interesse zeigen. Alles deutete darauf hin, dass die Araber keinen Nutzen aus der Literatur und der Sprache aus der Epoche der Pahlavi ziehen würden, sonst hätten sie jene Bücher respektiert und für ihren Erhalt gesorgt. Darüber hinaus war das Wissen in den Händen der Würdenträger und religiöser Kasten. Mit dem Sterben der Kasten blieb der Schutz der Bücher und Wissenswerke aus. […] Waren nicht die religiösen Kasten und ihre Gottesmänner diejenigen, die durch die arabische Invasion ihre Würde und Reputation verloren haben und nieder gemetzelt wurden?

[…]

Da jetzt die Kasten vernichtet worden sind oder in alle Welt geflüchtet sind, fanden Araber jene Bücher und Wissenschaftskenntnisse nutzlos und es gab keinen Grund sie zu wahren. Es gibt einige Bücher aus der Sassaniden Dynastie, deren Titel zwar in einigen Werken zitiert werden, aber sie existieren nicht mehr. Sogar ihre Übersetzungen, die in den ersten Jahren der Abbasiden Dynastie existierten, wurden vernichtet. Die islamische Gesellschaft von damals empfand sie als Bedrohung gegen die eigene Existenz.

„Nachdem Sa’d Ebne Abi Vaqqâs [3] die Hauptstadt Ktesiphon übernahm, entdeckte er eine hohe Anzahl an Büchern. Er schrieb Omar Ebne Xattâb einen Brief und fragte, was er mit diesen Büchern anstellen soll. Omar schrieb ihm zurück: „Werfe sie alle ins Wasser; auch wenn diese Bücher den rechten Weg zeigen, denn der Gott hat uns den Koran geschickt, der der beste Wegweiser ist. Und wenn diese Bücher nichts weiter als irreführend sind, dann möge Gott uns vor ihnen schützen. Deswegen wurden all diese Bücher entweder ins Wasser oder Feuer geworfen“ [Al-Moqaddima, Ebne Khaldun, S. 285].

Anmerkungen von ©Fartâb Pârse:
[1] Die Epoche des Kalifats von Abdolmalek (Herrschaft 685 – 705 n.
Chr.) aus der Umayyaden Dynastie und seine grausamen Befehlshaber wie Hajjâj Ebne Yusof Saqafi und Qotaybe Ebne Moslem Bâheli ist die Zeit des intensiven, arabischen Chauvinismus; eine Zeit, in der die nicht-arabischen Muslime sehr litten. Die zwanzig jährige Tyrannei von Hajjâj und das viel Blutvergießen von Qotaybe in dieser Zeit in Chorasan und Transoxanien festigte die Säule der Umayyaden Herrschaft, die in diesen Gebieten noch keinen festen Boden gefunden hatte. Eine große Anzahl an Iranern wurde unter dem Vorwand des iranischen Nationalismus, der Liebe zum Vaterland oder dem Bündnis mit den Feinden der Umayyaden getötet und ihre Bücher vernichtet. Siehe: Xândâne Noubaxti, Abbâs Eqbâl S. 63 u. 64, Ahvâl va aš’âre Rudaki
Samarqandi, Sa’id Nafisi S. 254 – 258
[2] Majus ist die veränderte, arabisierte Form des Persischen „Mazdeyasnâ“. Die Anhänger der Zarathustra Religion heißen auch Mazdeyasnâ-Gläubige.
[3] Omar gab Sa’d Ebne Abi Vaqqâs den Befehl zur Invasion in den Iran. Sa’d Ebne Abi Vaqqâs war der Befehlshaber, der die muslimische Armee bei der Schlacht Kadesia [persisch: Kâdosi; arabisch: Qâdesiyya] geführt hat.

Das Buch Zwei Jahrhunderte langes Schweigen wurde erstmals 1952 veröffentlicht. Die zweite Auflage, die bis heute unverändert veröffentlicht wird, wurde 1958 veröffentlicht. Erst mit der Welle der Aufklärung in den letzten Jahrzehnten schenkt man dem Autor und seinem Buch große Aufmerksamkeit. Die Inhalte dieses Buches werden heute von vielen Historikern und Forschern mit neueren Quellen belegt und bestätigt.

About these ads

7 Gedanken zu „Zwei Jahrhunderte langes Schweigen

  1. Danke Dir Fartâb für Deine Übersetzung von ” Zwei Jahrhunderte langes Schweigen ” .Du hast bestimmt viel dafür gearbeitet . Zwei Jahrhunderte langes Schweigen von Zarinkoob (* 19.05.1926 – † 15.09.1999) wird immer wieder durch das islamisch faschistische Regime zensiert .

    • Nimâye gerâmi,

      ich habe zu danken. Es ist in der Tat schwierig persischen Texte ins Deutsch zu übersetzen und dabei versuchen die Pointe nicht zu verlieren. Besonders Texte, die ja sehr alt sind, denn sie sind eher prosaischen Texte, nach deren Stil heute nicht mehr geschrieben wird. Oder das Buch Zwei Jahrhunderte langes Schweigen ist auch so, zwar nicht deftig und schwer wie der Stil von Gardizi, Tabari oder Ebne Asir, die vor Jahrhunderten gängig war, gehört aber zu der Epoche des iranischen Stils nach Mašrute Zeit, so wie zende yâd Ahmad Kasravi geschrieben hat. Die heutigen Aufklärer schreiben für die heutige Zeit und mit dem heutigen Stil in der persischen Sprache. Daher zerbreche ich manchmal wirklich den Kopf, wie ich nun solche alten Texte übersetzen muss, daher beinhalten manchmal meine Übersetzungen eine große Anzahl an Anmerkungen, damit die Leserschaft besser versteht, worum es geht, wenn z. B. Naršaxi in seinem Buch Târixe Boxârâ über bekoni tâ und nakonit schreibt. Ich darf dabei auch nicht vergessen, dass eine Anzahl der Leserschaft Iraner sind, die ihre Muttersprache nicht so sehr beherrschen, daher lohnt es sich die Mühe.

      Ich bin den nächsten und übernächsten Generationen der Iraner verpflichtet gegenüber, was aber die Generation meines Vaters vermasselt hat und für Barbaren auf die Straße gegangen! Sie verjagten Âhurâ Mâzdâ und brachten auf ihren Schultern mit Freude den Ahriman und Zahhâk nach Hause!

  2. Pingback: Das goldene Zeitalter des Islam | Pârse & Pârse پارسه و پارسه

  3. Pingback: Abu Moslem Khorasani und seine Epoche | Pârse & Pârse پارسه و پارسه

  4. Pingback: Die türkische Sprache in Iran | Online-Magazin Pârse&Pârse پارسه و پارسه

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s