Xosrow und Shirin و شيرين ‎خسرو

Der  iranische Universalgelehrte und Dichter Neẓāmī Gandshawī (Nezâmi Ganjavi) [نظامی گنجوی] erzählt uns im 12. Jahrhundert in seinem Epos über Xosrow und Shirin die Liebesgeschichte einer großen Liebe zu Lebzeiten Shah Xosrow II [خسرو] im sassanidischen Iran Ende des  6. Jahrhunderts.

Nezâmi-e Gandshawī ist der Meister der Beschreibung des körperlichen Genusses. In diversen Versen über die Liebe sieht er die Frau wie einen glänzenden und strahlenden Diamanten, aber genauso auch kalt und regungslos; die Frau sieht er als einen wunderschönen Engel, in dessen Adern anstatt Blut Eis fließt. Aber zwischen den verschiedenen Heldinnen seiner Liebesverse ist Shirin sicherlich eine Ausnahme, die zwar eine edle und feine Dame hinter dem Vorhang sitzend ist, sich aber dieser Eigenschaft wohl bewusst und sehr stolz darauf ist. Trotzdem beschreibt Nezâmi seine Heldin als eine flammende Sehnsucht nach enger Umarmung, liebreizenden Spielen und der Liaison. Für die damalige Zeit war das Werk von Nezâmi ein sehr gewagtes Werk in einem von islamischen Unsitten beherrschten Persien.

Niemals zuvor ist in der Islamischen Welt die Liebe zwischen Mann und Frau mehr zum Thema gemacht worden als in diesem Epos, dessen Inhalt zu Lebzeiten Neẓāmī-e Gandshawīs bereits mehr als sechshundert Jahre alt war. Neẓāmī Gandshawī zeigt uns in diesem Epos auch, dass die Welt vor dem europäischen Imperialismus schon einmal eine Welt war und die Globalisierung schon einmal stattgefunden hatte. In lyrischer Sprache erzählt er uns die zauberhafte Geschichte einer großen Liebe und von Intrigen und Schicksalsschlägen. Xosrow und Shirin oder auch bekannt unter dem Epos Farhad und Shirin gehört zu den großen Werken der Weltliteratur und berichtet uns auch von sehnsuchtsvollem Werben und schmerzvoller Entsagung. Es ist die Geschichte  von Shirin (Širin) [شيرين], dem Ideal weiblicher Perfektion in Verbindung mit Treue und Leidenschaft. Es ist auch die Geschichte eines Königs, von Macht und Ohnmacht im Kampf um die Liebe Shirins und es ist die Geschichte vom einfachen Architekten und Bildhauer Farhad (Farhâd) [فرهاد], von übermenschlichen Leistungen und von unerfüllter Liebe eines Mannes, der unsterblich in Shirin verliebt war.

Der Kern dieser Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit im sassanidischen Iran des späten 6. Jahrhunderts: Shirin (deutsch: süß, ursprünglich: wie Milch) galt als legendäre Schönheit. Sie wurde als Christin in Kushistān im Südwesten Irans geboren, wuchs bei ihrer Tante Mahin Banu in Armenien und Aran auf und gehörte der assyrischen Kirche des Ostens an, sie war die Lieblingsfrau von Shah Xosrow II.

Xosrow und Shirin

Xosrow der junge sassanidische König galt schon in seiner Jugend als edel und gerecht und Ahura Mazda der Gott aller Güte hatte ihm dazu die Schönheit und den Geist von tausend anderen gegeben. Im Traum soll ihm in seiner Jugend sein Großvater Anuschirwan (Anuširvân) [انوشیروان] erschienen sein und ihm unter anderem prophezeit haben, dass ein Herzlieb an seiner Seite sitzen wird, wie man zu keiner Zeit ein süßeres sah. Eines Tages besuchte den jungen Prinzen ein Freund und Zechgenosse mit Namen Shahpur (Šâhpur) [شاهپور], der von den Ufern Al Maqrebs,  durch das Land der Rum, bis an die Grenzgebiete Turkestans gereist war und viel gesehen hatte und erzählte ihm von der Schönheit und Anmut Prinzessin Shirins, der Nichte Mahin Banus die in  Armenien und Aran [Arrân], nordwestlich des Kaspischen Meeres herrschte:

„…Salz haben ihre Lippen wenn sie lacht, Salz ist nicht süß, sie hat es süß gemacht…Rose ihr Antlitz, Rose auch ihr Hauch. Süß ihre Lippen, süß ihr Name auch, die ihre Lippen süß wie Honig nennen, als Mahin Banus Thronerbin sie kennen…“

aus Nezamis „Xosrow und Shirin“

Die Erzählung über Shirin hatte ihn  aufgewühlt und eine unermessliche Sehnsucht nach Shirin entfacht und er bat seinen Freund Shahpur nach Armenien zu reisen um festzustellen, ob Shirin ein liebes oder eisernes Herz hat und um herauszufinden ob sie einen Mann suche, damit er nicht an kaltem Eisen schmiede. Shahpur machte sich daraufhin auf den beschwerlichen Weg zu Shirin. Nach seiner strapaziösen Reise die ihn von Tisfun (Ktesiphon) [تيسپون] der sassanidischen Hauptstadt ausgehend, durch Sand- und Steinwüsten, durch Gebirge, vorbei an den ewig grünen Hängen des Alborz, über Aran bis nach Armenien führte, rastete Shahpur in einem Kloster in der Nähe des Palastes in dem Shirin lebte. Dort fragte er die Mönche wo sich Shirin und ihre Zofen gerne aufhalten und begab sich, wie ihm geraten, zu einer Aue, am Fuße eines felsigen Gebirges, umgeben von einem dichten Wald, zu jener moschusduftenden Weide wo sich Shirin und ihre Zofen, die in Gestalt und Antlitz Feen glichen, gerne vergnügten. Es war ein Platz der vor lüsternen Blicken sicher war und an dem Shirin und ihre Zofen in Wein und Spielen Zerstreuung suchten. Shahpur zeichnete ein Porträt ungeahnter Schönheit von Xosrow, neben dem die gesamte chinesische Malkunst verblasste und heftete es an einen Baum der in jener Weide stand. Shirin fand das Bild, verliebte sich unsterblich in das Portrait und die Zofen glaubten, dass böse Feen dieses Porträt gebracht hatten, zerrissen es und verbrannten Raute in einer Räucherpfanne um die bösen Feen zu vertreiben. Insgesamt dreimal wird Shahpur ein Portrait Xosrows zeichnen und aufhängen und die Zofen Shirins versuchten dann auch das dritte Portrait Khosrows vor Shirin zu verstecken; aber wie könnte man die Sonne hinter Blumen verstecken? Shirin entdeckte auch dieses Portrait und nun wollten Shirin und ihre Zofen wissen, was es mit diesem Portrait auf sich hat. Plötzlich erschien der listige Shahpur, der sie eine Weile aus der Ferne beobachtet hatte und er vertraute sich im Gespräch Shirin an und gestand ihr was es mit dem Bild auf sich hat und erzählte ihr von Prinz Xosrow im fernen Tispun und seiner Sehnsucht nach ihr. Auch in Shirin war die Sehnsucht nach Xosrow, dem welterleuchtenden Glanz erwacht und sie wollte nach Tispun um Xosrow aufzusuchen und floh mit ihrem Rappen Shabdez [Šabdiz] (Nachtfarben), mit dem der heftigste Sturm nicht mithalten konnte, vom Hofe Mahin Banus nach Tispun.

„Sie trieb Ihr Ross, den Bergkoloss, zu solcher Windesschnelle, der Wind wo sie vorüberschoss stand bergstarr auf der Stelle“

aus Nezamis „Xosrow und Shirin“

Lange hatte Xosrow von Shahpur nichts gehört und er beschloss, vom Hof in Tispun unter dem Vorwand einer Jagd zu fliehen um sich auf den Weg nach Armenien zu machen um Shirin zu finden. An einem Weiher unweit von Tispun hielt Shirin Rast, nahm ein Bad im Weiher und begegnete dort zum  ersten Mal Xosrow, der zufällig ebenso dort rasten wollte und keiner wusste zunächst wer der andere war, denn im alten Persien war es üblich, dass auch der König auf der Jagd normale Kleidung trug und beide waren sichtlich voneinander begeistert. Sie erahnten erst später, wer wohl jeweils der andere war.

Noch ehe es Abend war trug Shirin ihr nachtschwarzer Rappen Shabdez davon. In Tispun angekommen, betrat Shirin den Palast  und für die Palastbewohner war es als ob das heilige Feuer Ahuras den Palast betreten hätte. Dort erfährt sie von der Flucht Prinz Xosrows, der mittlerweile am Hofe Mahin Banus in Armenien eingetroffen war und dort verweilte. Dort findet er seinen Freund Shahpur wieder. Shahpur erzählt ihm von seinem Zusammentreffen mit Shirin und berichtete, dass Shirin nach Tispun aufbrach, um ihn zu besuchen. Xosrow beauftragte daraufhin Shahpur, Shirin nach Armenien zu holen. Doch das Schicksal das sich zu erfüllen hoffte, wurde durch den Tod Xosrows Vaters Shah Hormizd [Hormoz] überschattet und Xosrow machte sich auf dem Weg nach Tispun um den Thron seines Vaters zu besteigen. Während er in Tispun nun als welterleuchtender Glanz, wie einst Dschamshid [Jamšid] herrschte, brachte Shahpur die Prinzessin Shirin zurück nach Armenien zu Mahin Banu und gab dem Himmel die Sonne und dem Auge das Licht zurück. Mahin Banu [Mahin Bânu] war überglücklich über die Rückkehr ihrer Nichte und tadelte sie wegen ihrer Flucht nach Tispun nicht, denn sie wusste, dass hier die Liebe ihr zauberhaftes Spiel trieb.

In Tispun wandte sich zur selben Zeit das Schicksal gegen Xosrow, denn wenn der Schöpfer einem einzigen Menschen die Schönheit und den Geist vonTausend anderen gegeben hat, dann wird derjenige die Sonne noch fürchten müssen: Bahram Chobin [Bahrâm Cubin] beanspruchte seinen Thron und wiegelte die Menschen in Tispun gegen Xosrow auf, so dass er nach Aran flüchten musste, wo er Shirin bei einer Jagd wieder sieht und am Hofe Mahin Banus Zuflucht findet und endlich Shirin nahe sein konnte. Doch Shirin öffnete sich ihm nicht und er verließ enttäuscht den Palast und machte sich auf den Weg nach Byzanz, um seinen Thron zurückzugewinnen. Shirin teilte Xosrow mit, dass sie erst dann bereit für ihn  ist, wenn er bereit ist ihre Bitten zu erfüllen, die Erfüllung seiner Herrscherpflichten war dabei eine der zentralen Forderungen. Später, viel später wird sie ihn heiraten und Xosrow zwei Söhne gebären. Die Erhaltung der Macht wird ihn dazu zwingen zwei andere Frauen vor ihr zu heiraten.

Kaiser Maurikios in Byzanz gewährte Xosrow Unterstützung und persische und römische Truppen gingen zum ersten und einzigen Mal in den gemeinsamen Kampf und besiegten den Usurpator Bahram Chobin in  Tispun der sich zum Shah hatte krönen lassen. Im Jahre 591 n. Chr. wurde Xosrow II erneut zum Shah gekrönt und es folgte ein Jahrzehnt freundschaftlicher Beziehungen zwischen Römern und Persern. Nach der Ermordung Maurikios in Byzanz wird Xosrow, aus Rache für seine Ermordung, gegen Ostrom marschieren und ab 610 n. Chr. eilten die Sassaniden von Sieg zu Sieg gegen Ostrom. Erst im Jahre 630 n.Chr., nach dem Tod Xosrow II im Jahre 628 n. Chr., werden die Sassaniden alle eroberten Gebiete wieder an Ostrom verlieren.

Shirin und Farhad

Shirin im fernen Armenien lernte inzwischen den Architekten und Bildhauer Farhad kennen, der für seine Fertigkeiten sogar in ganz Byzanz bekannt war. Unter seinem Beil wurde Felsgestein zu Wachs und seine Bildhauerarbeiten schuf er so fein im Gestein, dass es den Gemälden des Mani in Arzhang [Aržang] glich. Als er Shirin zum ersten Mal sah, geriet sein Blut in Wallung und seitdem war er der Liebe zu ihr verfallen. Von Liebe getrieben machte er sich an die Arbeit, ihren Auftrag, einen Kanal auszuheben, um die Entfernung zwischen dem Weideplatz der Schafe und dem Palast Shirins zu verkürzen, zu erfüllen. Dieser erlesene Kanal, den Farhad in nur einem Monat schuf, war dermaßen präzise, als ob Ahura Mazda selbst diesen Kanal gegraben hätte. Als Farhad sein Herz der Liebe zu Shirin erfolglos hingab, verstrich ihm qualvoll die Zeit und die Arbeit wollte ihm nicht mehr von der Hand gehen. Wie sollte ein gewöhnlicher Architekt und Bildhauer auch das Herz einer Frau von königlichem Geblüt gewinnen? Wenn er heimlich den Namen seiner geliebten „Süß“ nannte, küsste er hundertfach den Staub. Wenn er in Richtung des Palastes, indem Shirin lebte blickte, zerriss er statt seiner Kleidung die eigene Seele. Nachts ging er zu dem mit Milch gefüllten Becken in jenem Kanal, trank daraus Milch und umkreiste es nächtelang in Gedanken an Shirin, der Diebin seines Herzens. Es war unvermeidlich, dass Shah Xosrow II von Farhad und seiner Liebe zu Shirin erfuhr und Xosrow ließ Farhad an den Hof nach Tispun kommen. Nachdem er ihn weder mit Gold noch mit Juwelen von Shirin abbringen konnte, beauftragte Xosrow Farhad eine Schneise in einen Berg zu schlagen der eine Straße versperrte. Farhads Bedingung für die Erfüllung dieser Aufgabe war, dass nach getaner Arbeit Xosrow auf Shirin verzichten möge. Was hatte Xosrow denn zu befürchten? Schließlich handelte es sich um Felsen und nicht um Lehm und wie sollte Farhad die Felsen abtransportieren? Es war eine Aufgabe die praktisch unerfüllbar schien, doch Farhad machte sich auf den Weg nach Bisotun, 30 km östlich von Kermânšâh und begann beflügelt durch die Liebe zu Shirin und der von Xosrow in Aussicht gestellten Belohnung mit den Arbeiten.

Er meißelte dabei Bilder von ungeahnter Schönheit und Präzision von Shirin, Xosrow und Shabdez in den Fels, dann begann er den Berg zu spalten, die Felsbrocken waren dabei so groß, dass sie auf keiner Waage Platz gehabt hätten. Als Xosrow durch einen seiner zahllosen Späher erfuhr, dass Shirin Farhad in Bisotun besucht hatte und seine Späher ihm berichteten, dass Farhad in etwa einem Monat die Schneise in den Berg getrieben und vollendet haben wird, griff Xosrow zu einer List: Seine Berater rieten ihm jemanden zu Farhad zu schicken und ihm mitteilen zu lassen, dass Shirin Tod sei, das dürfte ihm die Hände lähmen und Aufschub gewähren, dachten sie. Xosrow sandte einen kaltherzigen Mann, blutfleckig vor Missgunst, mit einer schwarzen Seele, die selbst Ahriman, das Böse beschämt hätte. Er überbrachte  Farhad die unselige Botschaft. Es war als ob das gesamte Universum auf Farhad herabstürzen würde als er hörte, dass das Licht seiner Geliebten erloschen war. Wie durch tausende von Nadelstichen drangsaliert schmerzte sein Körper, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, im Schmerz und im Bewusstsein des sinnlosen Seins ohne seiner „Süß“ für die er alle Mühen der Welt auf sich genommen hatte. Die Sonne erblich und er stürzte sich in die Schlucht.

„Doch im Schein will ich im Tode leben, mit einem Schritt mich in den Tod begeben.“

aus Nezamis „Xosrow und Shirin“

Hoch oben, in den Bergen Kurdistans, dort wo die Krähen durch die Lüfte streifen und Schneekristalle im Frühjahr auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen treffen, endet die Geschichte von Farhad und Shirin auf tragische Weise. Als Shirin vom Tod Farhads erfuhr trauerte sie von ganzem Herzen und ließ den Leichnam Farhads bergen, kleidete ihn festlich, bestattete ihn und errichtete eine Kuppel über seinem Staub. Von allen Seiten wurde Xosrow zugetragen, dass nun der Weg zu Shirin frei sei und die Welt von diesem lästigen Tor befreit ist. Da bereute Xosrow was er getan hatte und die Pein, die er Farhad zugefügt hatte, begann nun ihn zu peinigen.

Wenig später stirbt Maryam, Xosrows erste Frau und er heiratet eine Frau namens Shakkar, doch sein sehnsuchtsvolles Werben um Shirin setzte sich fort, bis er alle Forderungen Shirins erfüllt hatte. Endlich konnte er Shirin heiraten, viele Jahre waren seitdem sie sich das erste Mal begegneten vergangen und in Tispun wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das die Sonne mit all ihrem Glanz beschämte. Während ihrer Ehe mit Xosrow hatte Shirin erheblichen Einfluss auf das politische Wirken Xosrow II.

Der Tod Xosrows und Shirins

Ab 603 n. Chr. kam es erneut zum Krieg gegen Ostrom und in einer Nacht im Februar des Jahres 628 n. Chr. hatte Ahriman das Böse die Welt verdunkelt.

Durch eine Luke stieg im Palast eine Dämonenfratze herab, entkleidet von Liebe, blutbefleckt vor Missgunst und feuerspeiend wie Naphtawerfer. Wie ein Dieb tappte er zum Lager des schlafenden Shahs, spaltete mit einem Dolch in der Faust die Leber und löschte das Licht Xosrow II für immer aus. Kaum hatte er das Licht vom Schatten getrennt, verschwand er wie eine Elster wieder durch die Luke. Der König erwachte aus dem Schlaf und fand sich gemeuchelt, das Lager blutüberströmt, brennender Durst ihn quälend und die Seele an die Lippen tretend. Als Shirin vom Meuchelmord erfuhr, weinte sie bitterlich und eilte ins Schlafgemach des Königs, mischte Rosentau mit Ambra und Moschus, goss es über den blutigen Leichnam, wusch ihn mit Rosenwasser und Kampfer und bereitete sein Lager. Shiroye [Širuye], der Sohn aus erster Ehe Xosrows mit Maryam war der Vatermörder, er ermordete auch die beiden Söhne aus Shirins Ehe mit Xosrow und bestieg den sassanidischen Thron. Bei dieser Intrige waren verschiedene Persönlichkeiten des sassanidischen Hofes beteiligt.

Shirin befahl, für Xosrow eine königliche Bahre mit Perlen und Juwelen verziert zu beschaffen und bettete Xosrow nach alter Sitte darauf. Als man die Bahre in der Kuppelhalle niedergesetzt hatte, verschloss sie hinter sich die Tür und drückte mit dem Mund an seiner Wunde an der Leber ihr Lippensiegel auf und entleibte sich mit einem Dolch in der Hand an der Bahre Xosrows. Genau an der Stelle stieß sie den Dolch in ihren Leib, an dem sie die klaffende Wunde an Xosrows Körper sah. Mit ihrem warmen Blut wusch sie seine Ruhestätte, schloss den König in die Arme, Lippe auf Lippe und Schulter an Schulter sich schmiegend, sterbend und mit letzter Kraft erhob sie ihre Stimme und rief, so dass es alle draußen hören konnten: „Leib ward mit Leib, Seele mit Seele vereint!“ Auf dem christlichen Grabstein Shirins wurde geschrieben „Hier ruht in harter Erde Shirin, wie sie hat keine aus Liebe zum Geliebten sich selbst getötet.“

Die Geschichte um Shirin wurde bereits vom persischen Dichter Abu Ali Mohammad Balami im 10 Jahrhundert aufgegriffen und im 11. Jahrhundert in Ferdowsis Shahnameh verewigt. In den Märchen aus tausendundeiner Nacht erzählt Shahrezadeh in der 390. Nacht die Geschichte von Xosrow und Shirin. Nach der Wiederentdeckung des Motivs durch den Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall setzte sich Johann Wolfgang von Goethe im West-Östlichen Divan mit diesem Epos auseinander. Xosrow und Shirin gelten als einer der großen Liebespaare der Weltgeschichte. Für seine große Liebe gründete Xosrow II in der iranischen Provinz Kermānshāh, unweit der irakischen Grenze, die Stadt Qasr-e Shirin (Shirins Palast) قصرشيرين‎, die er nach ihr benannte. Neẓāmī-e Gandshawī beschreibt in diesem Epos auch zoroastrische Werte, er erzählt uns, wie unter den Sassaniden Recht geübt wurde und selbst der eigene Sohn des Königs genauso bestraft wurde, wie jeder Fremde der gegen Gesetze verstieß. Er schreibt in seinem Meisterwerk der Lyrik „Xosrow und Shirin“:

„Ja, die Feueranbeter haben die Welt derart erwärmt, dass man sich vor ihrer Frömmigkeit schämen sollte. Wir sind Muslime: Zoroastrismus ist für uns nur ein Wort. Aber wenn das Zoroastrismus ist, wo bleibt dann das wahre Muselmanentum?

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5 Gedanken zu „Xosrow und Shirin و شيرين ‎خسرو

  1. Danke für die Übersicht des Werkes. Es ist noch anzumerken, dass eine sehr gute Übersetzung dieses Epos sowie weitere Werke Neẓāmīs im Manesse Verlag(Zürich) erhältlich sind. Die neueste Auflage stammt aus 2009:

    Ich hoffe, dass wir noch weitere Werke vorgestellt kriegen, besonders welche, die nicht auf deutsch oder englisch zugänglich sind.
    Zum Beispiel suche ich zur Zeit nach der Garšāsp-nāma von Asadi Tusi, aber dieses Epos ist einfach nicht auffindbar. Angeblich gäbe es eine deutsche Übersetzung von Kanus-Credé, aber sie ist in keiner Bibliothek und in keinem Antiquariaten zu finden – aus irgend einem Grund landet man bei der Suche in der University of Michigan. Die angebliche französische Übersetzung ist auch nicht ausfindig zu machen.

    Wenn du dir die Zeit nehmen könntest, einen Artikel über das zweitgrößte persische Heldenepos zu schreiben und eine gute Übersicht über die Abenteuer Garšāsps zu geben…

    eigentlich fände ich es noch viel besser, alte persische Werke auf lateinische und awestische Schriftzeichen umzuschreiben, sodass der Zugang auf dieses Kulturgut immens erleichtert wird und dass man auch damit Dari (Hofpersisch) lernen kann ohne diese nervigen arabischen Konsonantenlettern zu beherrschen.
    Aber das sind wohl Projekte, die ich leider auf die Zukunft verschieben muss :I

    Aber es ist immer schön, deine Artikel zu lesen. Hoffentlich werden wir einen Einblick auf andere oft übersehende Themen wie Musik, Film, Theater (Naqqal), Botanik und Esskultur kriegen.
    Wer weiß, vielleicht sogar einen Sprachkurs für Dari…

    • Hallo rumsgoetterschwert,

      schon lange nichts mehr von Dir gelesen, zu lange. Es gibt noch viel zu berichten, nur eines machen wir nicht, wir werden hier keine Spaghettischrift (awestisch) einfuehren. Diese Schrift wurde ausschliesslich fuer religioese Texte entwickelt und ist ungeeignet fuer die heutige persische Sprache, daher kommen fuer mich nur lateinische Buchstaben in Frage, alles andere ist grober Unfug.

      • Sorry für die lange Abwesenheit, aber mein privates Leben muss ich erst mal überwältigen, ehe ich weiterschreiben kann. Aber das macht nichts, ich nutze die Zeit, mich weiter zu bilden. Nächstes Jahr werde ich wieder fähig sein, einen neuen Artikel zu schreiben. Und vielleicht noch mehr, aber wird sich erst zeigen.
        Und ja, ich respektiere deine Ansicht über Awestisch. Ich würde auch lieber mit lateinischen Lettern arbeiten. Das Persisch ist wie das Griechisch eine Vokalsprache und wir brauchen eine bessere Alternative zu den arabischen Letteren. Da das Englisch im Internet zur Lingua Franca wird, ist es wohl der
        bessere Entschluss, Lateinische Buchstaben zu nehmen. Der Zugang zur Sprache wird viel mehr vereinfacht und das zählt einzig für mich!

    • Über Garšâspnâme von Asadiye Tusi werden wir in der Zukunft auf jeden Fall schreiben, denn ich habe festgestellt, dass nicht genug im Internet (deutschem Raum) darüber zu lesen gibt. Wir werden auch darüber schreiben, warum von diesem Buch nichts Brauchbares in anderen Sprachen gibt und warum nur Universitäten, wenn überhaupt, darüber verfügen.

      Über die awestische Schrift [Avestâ Din Dabire] bin ich auch vollkommen der Meinung meines Kollegen. Zu den Wurzel zu kehren und versuchen die Kultur und Sprache wiederzubeleben, heißt es aber nicht, dass wir nun eine tote Schrift erwecken müssen, die nur die wenigen Sprachwissenschaftler entziffern können. Warum diese Schrift, wie mein Kollege Ardašir so schön und triftig beschreibt, Spagetti Schrift wieder beleben, warum machen wir es nicht mit der Keilschrift! Wenn wir unbedingt zu den Wurzel kehren wollen. Das Problem ist, dass manche von unseren Landsleute denken, wenn wir nun alles Arabische tilgen, dann wird aus uns bessere Iraner, aber ich bin der Meinung, dass das defekte Gen, was die Araber während ihrer Zwangsislamisierung den Iranern gepflanzt hatten, bleibt trotzdem!

      Diese arabische Schrift, die auch nicht geeignet ist, ist sogar von den Iranern für die Araber weiter entwickelt und überhaupt brauchbar gemacht. Also, sogar darauf sollte man stolz sein, weil da die Hände der Iraner wieder im Spiel war.

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