Das goldene Zeitalter des Islam

Dieser Artikel wurde in das Italienische übersetzt.

Dieser Artikel wurde in das Englische übersetzt.

Der Zeitraum zwischen dem 8. und dem 13. Jahrhundert wird gerne als das „goldene Zeitalter des Islam“ betrachtet. Das war das Zeitalter des großen kulturellen Aufschwungs in der Philosophie, Naturwissenschaften, Baukunst, Medizin, Sprach- und Geschichtswissenschaften, der zu einer Blüte der Islamischen Welt führte. Genau in dieser kulturellen Blütezeit der islamischen Welt, liegen die Wurzeln des muslimischen Überlegenheitsgefühls gegenüber dem Westen, der sie mit Stolz erfüllt. Während den Kreuzzügen trafen die Kreuzfahrer auf eine Zivilisation, die ihnen weit überlegen war. Dann verschob sich das Gleichgewicht zu Gunsten der Europäer und die islamische Welt erstarrte in alten Traditionen, bis sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts, mit einem überlegenen Westen konfrontiert wurden.

Die Situation der Wissenschaften im vorislamischen Iran

Die persischen Wissenschaften haben schon lange vor dem Islam die griechische Philosophie befruchtet. Nicht zufällig waren die allerersten vor-sokratischen Denker, an der unter achämenidischer Herrschaft stehenden kleinasiatischen Küste, wie Thales in Milet, Heraklit, in Ephesos angesiedelt. Die liberale Gesinnung der Bewohner griechischer Kolonien in Kleinasien und die fortgeschrittenen Wissenschaften der Perser waren dafür verantwortlich. Die wissenschaftlichen Transfers von Iran nach Griechenland haben eine lange Tradition und deshalb ist die Zeit zwischen 600 – 300 v. Chr., die das kulturelle Aufleben in Griechenland beinhaltet, nicht als Wunder und griechische Errungenschaft allein zu sehen. Als in Iran bereits eine wissenschaftlich-medizinische Schule existierte, bestimmte in Griechenland noch der Aberglaube die ganze Medizin samt Pharmakologie. Labile, charakterlich zweifelhafte und unsympathische Götter, bekämpften sich in Griechenland in niederträchtiger Art und Weise. Jeden Tag ließ man in einem Dorf oder auf einer Insel einen Gott fallen. Dafür kam sofort ein anderer, der es auf das Vermögen und auf die Frauen der anderen Götter abgesehen hatte und die primitiven, anti-philosophischen Kämpfe untereinander gingen wieder von vorne los. Die griechischen Patienten mussten diese Götter um Heil und Heilung bitten. Während dieses „heillose“ Götterchaos in Griechenland weiterging, lebte man in Iran mit zoroastrischem Monotheismus in relativer Ruhe und Harmonie, und die Wissenschaft war eine funktionierende, gesellschaftliche Tatsache und Institution.

Die Geburtsstunde der Chemie

Aus den gefundenen Spuren dieser Menschengemeinschaften in der iranischen Hochebene geht hervor, dass dort bereits vor mehr als siebzigtausend Jahren Menschen gelebt haben. Diese Menschen haben vor etwa 9000 Jahren begonnen Landwirtschaft zu betreiben, die ersten Städte zu gründen (Susa, Iran) und haben etwa 5000 Jahre später ihre Erzeugnisse in andere Länder exportiert. Die sogenannte „iranische Hochebene“ ist eine Region, welche sich mit zusammenhängenden kulturellen Erscheinungen im Norden bis zum Ural, im Osten bis zum Indus, im Süden bis zum Indischen Ozean und im Westen bis zum Euphrat erstreckt. Die oben erwähnten, begünstigenden klimatischen Veränderungen schufen die ersten und wichtigsten Voraussetzungen, um Lebensgemeinschaften zu bilden. Mit der Bildung der menschlichen Gemeinschaften beginnt auch die Mythologie der alten Völker, die uns heute als eine der wenigen möglichen Auskunftsquellen der Geschichte des Altertums zur Verfügung steht. Die iranische Mythologie beinhaltet im Vergleich zu anderen Mythologien viel konkretes und auch praktisch verständliches Material. Sie führt uns ohne große Schwierigkeiten z.B. zu den Anfängen der Chemie und Pharmakologie des Altertums. Dort ist sehr bald die Rede von Metallen, die aus der Tiefe der Erde herausgeholt und veredelt werden.

Wie andere Mythologien auch, ist die iranische eine Geschichte der Bindung der Menschen an die Himmelskörper, die in jeder Hochkultur richtungsbestimmend waren. Die Metalle sind die Spuren und Zeichen der Himmelskörper auf der Erde, denn ihr Vorkommen auf der Erde ist auf die Einwirkung anderer Sterne auf die Erde zurückzuführen. Die alten Iraner glaubten, dass Gold mit der Sonne, Silber mit dem Mond usw. zu tun haben. Daher bekamen die Grundstoffe der Chemie einen Hauch philosophischen Beigeschmackes. Die philosophische Sichtweite der Materie gab den iranischen Denkern die Möglichkeit, durch die Erkennung und Analyse der Materie die Wirklichkeit des dinglichen Seins entdecken zu können. Man ging davon aus, dass die Materie verschiedene Formen und verschiedene Eigenschaften hat und man geht heute davon aus, dass diese Idee der Veränderung der Materie und die Schaffung neuer Strukturen mit neuen Eigenschaften der Beginn der Chemie ist und damit auch der Pharmakologie im alten Iran. Die Funde aus zentral iranischen Gegenden bei Kaschan (Sialk) lassen die Vermutung zu, dass die ersten Pharmakologen der Welt Frauen waren, die in den Feldern und Wäldern nach essbaren Wurzeln, Blättern und Körnern suchten und die Zeit hatten, die Eigenschaften der Pflanzen zu beobachten und ihre Wirkung am menschlichen Körper erprobten. Die ersten Hinweise dieser Art bekommen wir aus der Zeit, in der die arischen Völker, in Iran sesshaft wurden und den Ureinwohnern dieses Gebietes begegneten. Zu Anfang der Menschheit und lange später, ja, bis in unsere Zeit hat die Medizin mit religiösem Denken in Verbindung gestanden. Die damaligen Religionen haben sich besonders auf Naturbeobachtungen konzentriert. Die Sumerer, die wir als eine der ersten arischen Völker bezeichnen, haben eindeutig Sternenkunde betrieben und sie in ihre medizinischen Wissenschaften integriert. Felsinschriften aus diesen Gegenden, z.B. Ausgrabungen in Nippur / Iran beweisen, dass vor etwa 4000 Jahren mit großer Sicherheit ein genau definierter Beruf Arzt in Iran existierte. Die Hypothese wird dadurch bestätigt, dass wir beschriftete Tontafeln besitzen, die ärztliche Rezepte und Namen von medizinischen Werkzeugen zum Inhalt haben. Die soziale und humane Gesetzgebung der Sumerer verhalf dazu, den Beruf des Arztes ein besonderes Ansehen zu vermitteln. Dieses iranische Volk der Sumerer hat z. B. Jahrtausende vor der Erfindung der Seife die Asche verschiedener Hölzer mit alkalischen und fetthaltigen Stoffen vermischt und eine besondere Art Seife hergestellt.

Die Anfänge der Pharmakologie

Das Logo der Gesellschaft der Pharmazeutiker in England; links im Bild Avicenna, rechts Galenos von Pergamon

Die gefundenen Inschriften der Sumerer dokumentieren, dass vor etwa 5000 Jahren zahlreiche Rezepte existierten, die in Keilschrift Auskunft über mehr als einhundert Arzneipflanzen und chemischen Stoffen erteilten, die in der Medizin ihre Verwendung fanden. Diese Erkenntnisse aus dem Jahre 1953 verdanken wir einem Hochschuldozenten, und zwar Herrn Professor Samuel Noah, Dozent an der Universität von Pennsylvania USA. Diese traditionelle Medizin mit der dazugehörigen Pharmakologie entwickelte sich weiter, bis sie in der Zeit der Achämeniden (ab 550 v. Chr.) einen Höhepunkt erreichte. Viele in Iran wachsende und kultivierte Pflanzen, die in der Medizin ihre Verwendung fanden, mussten nach Griechenland gebracht werden. Ibn Sina [Pur Sinâ], in Europa als Avicenna bekannt, schreibt selbst, dass das von ihm hergestellte Elixier gegen bronchiales Asthma nach Griechenland exportiert wurde (Oxymel). Eines der ältesten Elixiere der Pharmazeutik ist „Mitridat“, welches in der Zeit der Parther (ab ca. 300 v. Chr.) in Iran hergestellt wurde. Das Wort Mitri, Mitra, ist ein iranisches Wort, das später zu „Mehr“ wurde. Es bedeutet „Sonne“. Die Bezeichnung Mitridat stammt von diesem Wort. Nicht nur die akademische Entwicklung der klinischen Chemie, Pharmakologie und Pharmazeutik in der Welt ist maßgeblich ein Ergebnis iranischer Wissenschaftsbemühungen, sondern auch die praktische Herstellung in der Nahrungsmittelindustrie lässt sich im Bereich der altiranischen Bemühungen nachweisen. Weder Chinesen noch Inder haben z. B. Zucker in der jetzigen Form produzieren können, wobei wir das alleinige Kochen von Rohrzucker nicht als Zuckerherstellung bezeichnen, wie es in China und Indien Usus war. Die arabischen Invasoren haben während ihres militärischen Vordringens in Iran die Zuckerherstellungsfabriken in der iranischen Provinz Khuzestan kennen lernen können. Speziell in Gondi-Shahpur [Gondišâpur], einer alten iranischen Universitätsstadt, wurde bereits seit dem sechsten Jhd. n. Chr. weißer Kristallzucker in der heutigen Form hergestellt. Die Römer haben von den Griechen viele der iranischen Wissenschaftsergebnisse geerbt und sich Jahrhunderte lang zu Nutze gemacht. Auch die Araber taten nichts anderes, obwohl sie anfänglich aufgrund ihrer Herkunftssituation zögerten. Sie zerstörten viele Bibliotheken in Iran, weil sie vor dem Islam keine Bücher, Schule oder Bildung kannten. Nach dem Islam änderte sich diese Tatsache zunächst nur geringfügig. Die islamisch-arabischen Führer erzählten ihnen, dass ein Muslim kein Buch brauche, mit Ausnahme des Qur’ans. „Sa’d Ebne Abivaqqas fragt: „Was soll man bloß mit so einer Menge Bücher der Iraner machen?!“ Omar antwortet: „Wir haben den Qur’an, der das komplette Buch aller Zeiten ist, wenn diese Bücher im Sinne des Qur’ans sind, haben wir selbst das Original, und wenn sie dagegen sind, dann brauchen wir sie erst recht nicht.“ [Târixe Tabari von Tabari, Ebne Hešâm und Ebne Khaldun in seinem Buch Al-Moqaddima]

Die Ursprünge

Über Nacht sollen also aus Analphabeten der arabischen Halbinsel plötzlich Wissenschaftler und Kulturbeflissene geworden sein. Die märchengläubigen Europäer glaubten dieses Gerücht, dass mit der islamischen Religion eine Erleuchtung alle Araber befallen habe! Und plötzlich sprach und spricht die ganze Welt im Zuge einer Pauschalisierung der Menschen von islamischer Kultur und Wissenschaft, von „Goldenen Zeiten“. All das war und ist nichts anderes als eine harmonische und kontinuierliche Entwicklung altiranischer Kultur und Wissenschaft. Nur ein unharmonischer Faktor stört diese Geschichte: Die iranischen Wissenschaftler durften auf Befehl der Invasoren jahrhundertelang ihre wissenschaftlichen Abhandlungen nur in arabischer Sprache verfassen. Da man diese arabisch abgefassten Abhandlungen in Europa vorfand, ging man arglos davon aus, dass die Autoren arabische Muslime seien. Dabei handelte es sich bei allen diesen Wissenschaftlern um eindeutig identifizierbare Iraner wie Ibn Sina [Pur Sinâ] (Avicenna); Zakaria Al-Rasi [Mohammad Zakariyâ Râzi] (Rhases), Fakhr Al-Din Al-Razi [Faxr Râzi], Abu Raihan Al-Biruni [Bâbâ Reyhân Biruni], Khayyam [Xayyâm], u.v.a. Rhases war der Chemiker und Arzt, der die Grenzen der bis dato existierenden, ausschließlichen Pflanzenpharmakologie sprengte und, erstmalig in der Welt, synthetische Stoffe in der Pharmakologie und Pharmazeutik einführte. Er hat als erster Chemiker reinen Alkohol hergestellt. Ein anderer Iraner erfand unter anderem die Methode zur Messung des spezifischen Gewichtes fester Stoffe. Der Mann aus dem 11. Jhd. hieß Biruni. Man kann die Liste der iranischen Wissenschaftler, die die klinische Chemie, Pharmakologie und damit die medizinische Therapie, die Medizin, Mathematik, Philosophie, Architektur, etc. bereichert haben, fortsetzen. Es würde eine Enzyklopädie daraus werden und den Rahmen dieses Artikels sprengen. Bei der Durchforstung der ältesten iranischen Literatur aber auch der griechischen Literatur und bei dem Vergleich der medizinischen Therapiemethoden und der Pharmakologie der beiden Länder Griechenland und Iran wird man feststellen, dass die iranische Medizin und Pharmazeutik vor Hippokrates viel weiter entwickelt und fortschrittlicher war als die griechische Medizin. Weiter stellt man fest, dass die Griechen sehr wohl später die iranische Pharmakologie übernommen haben und daraus ihren wissenschaftlichen Nutzen gezogen haben. Die iranische Herkunft der Mesopotamier im Übrigen, wird von Dr. Derakhshani [Deraxšâni], von der Universität Erewan in Armenien nachgewiesen: Selbst die Namen der Babylonier, insbesondere die ihrer Königsgeschlechter sind altiranisch. Namen waren und sind noch immer von großer Bedeutung, wenn es darum geht die alten Kulturen zu identifizieren. Palästina, Syrien, Libanon, Irak… die Menschen, die dort leben, leben auf einem Gebiet das iranisch beeinflusst war, und wo die Semiten erst mindestens 300 Jahre nach den Iranern Einzug fanden. Fast alle europäischen Sprachen sowohl die nordischen als auch Latein, Slawisch, Baltisch, Griechisch und Keltisch (Irisch, Bretonisch, Walisisch, Schottisch) haben indogermanische Wurzeln und sind eine Ableitung davon. Die Einflüsse iranischer Sprachen als auch insbesondere des indischen Sanskrit sind unverkennbar. Die Skulpturen in Babylon und Assyrien wie auch in Griechenland hatten ihren Ursprung in der ostiranischen Kultur (Baktrier, Parther, Saken…). Noch heute gibt es in den koreanischen, japanischen und nordchinesischen Sprachen altiranische Lehnwörter und Begriffe. Eine neue Blütezeit persischer Kunst erfolgte erneut in der Zeit der Sassaniden, wo Paläste und Feuertempel als Schalenmauerwerk oder Quaderbau errichtet wurden, mit großen, vorn offenen Tonnengewölben (Iwan-Vorhalle) und Kuppeln über quadratischem Grundriss.

Die Situation der Wissenschaften während der arabischen Besatzungszeit

Fälschlicherweise werden die wissenschaftlichen Errungenschaften im islamischen Raum als „goldenes Zeitalter des Islam“ [عصر طلایی اسلام] (asre talâyiye eslâm) bezeichnet. Warum sollte dafür der Islam verantwortlich sein? Der Logik der Erfinder des „goldenen Zeitalters des Islams“ folgend, müsste die Vielgötterei der Griechen zu der erhabensten Religion überhaupt erklärt werden, denn die großartigsten Werke griechischer Philosophie sind unter Zeus entstanden. Aber niemand kommt auf die Idee, die Denk- und Geistesleistung eines Sokrates und Platon mit Zeus und Aphrodite in Verbindung zu bringen. Wieso sollte dann der Islam für die Geistesleistung im islamischen Raum verantwortlich sein und warum bietet der Islam jetzt im Bereich der Wissenschaften einen so jämmerlichen Anblick? Die Antwort ist einfach: Der Beginn des sogenannten „goldenes Zeitalters des Islam“ fällt nämlich genau in die vierhundertjährige Besatzungszeit des Iran durch die Araber unter den grausamen „Omayiden“ und „Abbasiden“. Was hier als „golden“ bezeichnet wird ist nichts anderes als das, was Iraner auf Grund ihrer Geschichte und Kultur geleistet haben. Die Araber jener Zeit wussten nichts über Staatskunst, Architektur, Kunst, Mathematik, Astronomie und Zeitrechnung. Sie wussten noch nicht einmal was Münzen sind. Wie könnten sie mit nichts außer dem Qur’an in den Händen ein solches Zeitalter begründen? Als nach vier Jahrhunderten die Islamisierung Irans weitgehend vollzogen war, erlosch auch allmählich das Licht des Wissens in Iran und im ganzen Islamischen Raum.

Die Natur der Araber

Die Historiker der islamischen Welt waren schon zu Beginn der Entstehung des Islam im Unklaren darüber, ob die anfänglichen islamischen Eroberungen der Araber auf religiösen oder auf ökonomischen Gründen basierten. Heute können die bekannten und unzweifelhaften Geschehnisse jener Araber, in den Schriften des berühmten arabischen Historikers Ibn Khaldun [ابن الخلدون], nachgelesen werden. Der bedeutendste Historiker des 20. Jahrhunderts Arnold J. Toynbee sieht in Ibn Khaldun den wahren Gründer der Geschichtsphilosophie. Dr. Shojaedin Shafa zitiert in „Pas az 1400 saal“ S.299 – 301 Ibn Khaldun. Aus dem Al Moqaddama:

„Das natürliche Talent der Araber ist die Plünderung und Ausbeutung anderer; was sie im Besitz anderer sehen, veranlasst sie zu Diebstahl und Raub. Sie ernähren sich durch ihre Lanzen und Schwerte; sie kennen keine Grenze bei der Beraubung und Plünderung anderer; im Gegenteil rauben sie alles aus von Reichtümern, Hab und Gut bis zu Werkzeugen. Wenn sie ein Land bei ihren Eroberungszügen besetzen und ihre Herrschaft und Macht in diesem Land geltend machen, achten sie nicht auf die Erben der Menschen; deswegen werden die Besitztümer aller durch die Besatzer mit Füßen getreten und geraubt. So wird der Wohlstand verringert und die Zivilisation stirbt aus. Sie sind auch der Grund, weshalb der Wohlstand und die Gesellschaft verdorben wird; denn sie ignorieren die Künstler, Handwerker und verachten diese […] Der Wohlstand in einer Gesellschaft kann durch die Vernichtung solcher Berufe zugrunde gerichtet werden. Die Araber bemühen sich nicht um Gesetze oder Regeln, die den Diebstahl und die Aggressivität den Menschen gegenüber verbieten, sondern sie bemühen sich nur darum, die Besitztümer der Menschen durch Raub und Erpressung an sich zu reißen. Wenn sie ihr Ziel erreichen, walten sie keiner Gnade um des Volkes und seines Wohlergehens. Sie achten nicht darauf, die Menschen unter ihrer Führung den richtigen Weg zu weisen und halten die Missetäter nicht davon ab, weiterhin Verderbtheit über das Volk zu bringen. Wie so oft veranlasst ihre Habsucht und Raffgier sie dazu, Geldstrafen zu verhängen, aber ihr Ziel dabei ist nicht, die Gemeinschaft zu verbessern, sondern höhere Abgaben und Kopfsteuern zu erzielen und durch diese Methoden, die eigenen Reichtümer zu vergrößern. Denn Strafen zu verhängen um die Täter zu bestrafen, halten keinen ab das verbrecherische Verhalten zu ändern. Im Gegenteil helfen die Strafen, welche eher Bestechung sind, ihnen weiter zu machen. Letzten Endes lebt das von Arabern in Chaos und Anarchie beherrschte Volk so, als ob es keine gesetzliche Macht mehr gäbe. Chaos und Anarchie sind ebenso Ursache für die Vernichtung und Verderbtheit eines Wohlstands und einer Zivilisation. Dieses Volk ist von Natur aus bestimmt, zu plündern und zu vernichten; was sie finden, nehmen sie als Beute […] Aufgrund ihrer Eigenschaft der Barbarei wäre die Herrschaft über sie ebenso nur mit Grobheit, Habsucht und Rivalität verbunden, weswegen sie ungern beherrscht werden wollen. Es ist selten, dass sie wegen einer Sache übereinstimmen. Wenn es aber um ihren Glauben oder irgendein neues Land geht, lässt dieses hindernde und herrische Gefühl, und die Anmaßung und Konkurrenz nach. Sie verbünden sich leichter und begehen gemeinsam den Weg zur Errungenschaft eines Sieges oder einer neuen Eroberung. […] Und so versammeln sich diese Araber, die stolz darauf sind, Skorpione und Zecken zu verzehren, an Tagen, die nicht besser als in Qorayš sind, unter der Fahne des Propheten (Allahs Segen und Heil auf ihm) und unternahmen Eroberungszüge in Richtung des persischen und römischen Reiches. Sie besetzten diese und fingen an sich mit den weltlichen Angelegenheiten zu befassen; sie häuften große Reichtümer, dass sie bei manchen Kriegen jedem arabischen Reiter an die Tausend Goldmünzen oder im selben Wert Silber verteilten und raubten unermesslichere Beuten. Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Eroberungen der Araber immer die Zerstörung der jeweiligen Zivilisationen mit sich brachten, denn die kultivierten, blühenden und bebauten Städte wurden von ihren Bewohnern verlassen. Die Felder änderten sich zum Ödland. Das Land Jemen hat sich außer ein paar seiner Städte zu einer Ruine entwickelt. Die iranische Zivilisation im Lande Irak wurde völlig zerstört und dieselbe Situation herrscht in Syrien. Banu Hilal und Banu Sulaym, die bis nach Tunesien und Marokko eingedrungen waren und annähernd 350 Jahre für ihre Vorherrschaften gegeneinander Kriege geführt haben, und sich in diesen Ländern niederließen, vernichteten grüne Landflächen. Die Gebiete zwischen dem Mediterranen Meer und dem Sudan, die vorher bebaut und besiedelt waren, sind heute nur noch eine Wüste, worin übrig gebliebene Ruinen, Flachreliefe und ein paar Dörfer nur noch an eine Zivilisation erinnern. [ Al-Moqaddama von Ibn Khaldun, Kapiteln in der Reihe nach 27, 28 u. 21].

Diese Passagen, die aus Al-Moqaddima entnommen sind, sind einige der wenigen Kritiken des Ibn Khaldun an die Araber. Über die Natur der Araber im Qur’an, worin das Wort an den Propheten gerichtet ist, steht geschrieben: „Doch wenn sie eine Ware sehen oder ein Spiel, dann brechen sie sogleich dazu auf und lassen dich stehen.“ Sure 62:11

Die Araber, die ihre Ideologie durch Krieg, Vergewaltigung, Verschleppung, Versklavung und Mord den Menschen aufgezwungen haben, waren dermaßen kulturlos, zurückgeblieben, unwissend und gegenüber zivilisierten Iranern derart mit Hass erfüllt, dass sie nicht einmal wussten was sie mit dem erbeuteten Teppich „Baharestan“ [Bahârestân], der heute zu den Weltwundern gezählt hätte, anfangen sollten. Diese kulturlosen Araber, haben diesen wertvollen Teppich einfach in Stücke gerissen, und dessen Teile unter sich als Beute verteilt. Diese Barbaren, die Iran nach 15 Jahren Krieg besetzten, hatten weder Kultur noch sonstige Fähigkeiten, um nur im Entferntesten etwas Ähnliches wie ein „Goldenes Zeitalter“ zu begründen. Alles das, was in dieser 400 jährigen Besatzungszeit Irans im islamischen Raum geleistet wurde, verdankt die Welt Iranern und nicht dem Islam. Die Araber haben die iranischen Wissenschaftler und Gelehrten verschleppt und gezwungen ihre Bücher ins Arabische zu übersetzen, um sie als arabische und islamische Errungenschaft zu deklarieren, nachdem diese Barbaren erst nach über 100 Jahren Besatzung und Zerstörung in Iran angefangen haben zu verstehen, was Bücher überhaupt sind.

Araber, Türken und Islam reklamieren iranische Errungenschaften für sich

Viele dieser großartigen Wissenschaftler wurden, nachdem sie ihre Dienste für die Besatzer geleistet hatten, ermordet. Andere wiederum, wie Ibn Sina (Avicenna), waren ihr Leben lang auf der Flucht oder im Gefängnis und mussten so unter schwierigsten Bedingungen ihre Werke verfassen. Es sind Männer wie Ibn Sina, die die Türken und Araber im Gewand des heiligen Islam für sich beanspruchen, denn sie wollen nicht wissen, wie der orthodoxe Islam über Männer wie Ibn Sina dachte: So schrieb der Theologe Magd Al-Dine-Baghdadi: „Ich sah den Propheten im Traum. Ich fragte ihn: Was sagst du zu Ibn Sina? Er antwortete mir: Das ist ein Mann, der sich anmaßt, zu Gott zu gelangen und glaubte dabei meiner Hilfe nicht zu bedürfen. Daher habe ich ihn hinweggefegt, so, mit meiner Hand, da ist er in die Hölle gefallen“. Ein anderer Theologe Ibn Al-Athir erwähnt die Ereignisse von 1037 berichtend, die Namen der in jenem Jahr verstorbenen und schreibt: „Im Monat Shaban jenes Jahres starb Abu Ali Ibn Sina, der berühmte Arzt und Philosoph, Verfasser von Werken, welche den Lehren der Philosophen gemäß bekannt. Er diente dem Fürsten Ala Ad Dawla. Es besteht kein Zweifel daran, dass dieser ein Falschgläubiger war, weshalb in seinem Reiche Ibn Sina auch die Dreistigkeit besaß, seine von Häresien befleckten Werke wider der göttlichen Gesetze zu schreiben.“ Das größte Werk Ibn Sinas, „Der Kanon der Medizin“ sollte für die nächsten 600 Jahre das Standardwerk für Medizinstudenten im Orient wie an europäischen Universitäten in Montpellier, Paris oder Jena bleiben. Die Barbaren des Islam aber, nannten Männer wie Ferdowsi, Hafez, Saadi, Khayyam, Ibn Sina, Razi und Biruni „mortad“ (Ketzer) und sie machten deren Leben so schwer wie nur möglich.

Wesentlich zu dieser Blütezeit hat auch beigetragen, als ein chinesischer Kriegsgefangener Mitte des achten Jahrhunderts das Geheimnis der Papierherstellung verraten hat. Von nun an konnte die Buchproduktion deutlich erhöht werden, man war nicht mehr darauf angewiesen im Zentrum des Reichs, in Bagdad zu leben, um sich Wissen anzueignen. Zwischen Andalusien und Zentralasien entstanden dann Bibliotheken mit Beständen von Tausenden Bänden, zur selben Zeit waren die Mönche in den Klöstern des christlichen Europa stolz, wenn sie mit etwa 100 Büchern eine der größten Bibliotheken der Christenheit besaßen.

Die erste iranische Renaissance

Je unabhängiger die Kleinstaaten im Islamischen Reich wurden, und je mehr den arabischen Kalifen die Kontrolle über das Reich entglitt, die ab Mitte des zehnten Jahrhunderts neben- oder nacheinander in den Gebieten des Iran vorherrschten, desto schwächer wurde der arabisch-islamische Einfluss zwischen Bagdad und Buchara und umso mehr konnten Wissenschaft und Philosophie blühen. 35 Jahre lang schrieb der iranische Dichter Ferdowsi im 11. Jahrhundert am Šâhnâme [شاهنامه], dem Buch der Könige. Mit diesem Werk erhebt der Dichter, etwa drei Jahrhunderte nach dem Untergang des großartigen Weltreiches der Sassaniden, die Persische Sprache erneut zur Literatursprache und rettet damit die Persische Sprache als Gesamtes. Während die meisten der von den muslimischen Barbaren eroberten Länder ihre Kultur und Sprache für immer verloren hatten, sollte er mit diesem Werk dies verhindern. Ferdowsis Geschichte über Aufstieg und Fall von 50 iranischen Herrscherhäusern beginnt in mythischer Vorzeit und endet mit der islamisch-arabischen Eroberung als nationale Katastrophe. Dazwischen erzählt er in tausenden gereimten Zeilen von iranischen Werten, den Abenteuern Rostams, Sohrabs [Sohrâb], Siawaschs [Siyâvaš/Siyâvoš] und anderer Helden, von heldenhaften Taten; von ihren Affären mit atemberaubend schönen iranischen Frauen, schlank wie Zypressen und strahlend wie der Mond; vom ausgelassenen Leben bei Hofe, voller Musik, Tanz und Wein; und vom Dilemma guter Menschen, die unter bösen Herrschern zu leiden haben. Er erinnerte die Iraner an die Wurzeln ihrer iranischen Identität und bis heute erfährt sein großartiges Werk das Echo in den Köpfen vieler Iraner.

Manchmal war das Gefängnis die Strafe für die wertvolle Arbeit iranischer Wissenschaftler, manchmal das Exil. Von Zeit zu Zeit wurden ihre Werke ins Feuer oder ins Wasser geworfen und vernichtet oder aber ganz nach islamischer Sitte als Schlaggegenstand benutzt, bis sie starben oder schwer verletzt wurden. Den Iranern blieb gezwungenermaßen unter der 400 jährigen Besatzung nichts anderes übrig als ihre Begabungen und Fähigkeiten, die eben nicht der Ideologie der Barbaren entstammten, unter dem Deckmantel Islam zu präsentieren. Dr. Zabihollâh Safâs Buch, „Târixe Adabiyyâte Irân“ [Die Geschichte der iranischen Literatur] beschreibt hierzu das dramatische Leben und Schicksal von fünfzig iranischen Wissenschaftlern und Denkern während der arabischen Besatzungszeit.

Die gegenseitigen Überbietungen an Feindseligkeit gegen die Philosophen im Allgemeinen und den iranischen Philosophen im Besonderen, hielten zunächst bis 1218 an, dem Jahr, in dem die mongolische Invasion stattfand. Iranische Wissenschaftler trieben die Kodifizierung des islamischen Rechts voran und verfassen die erste Grammatik der arabischen Sprache. Sie stellten auch die meisten Übersetzer der neu gegründeten Bibliothek von Bagdad. Dort wurden in den kommenden drei Jahrhunderten die Texte von Aristoteles, Platon, Galen und anderen Denkern der Antike ins Arabische übersetzt. So entstand ein Kanon des Wissens in Philosophie, Mathematik, Medizin, Geschichte und Literatur, der später über Spanien und Sizilien den Weg nach Europa findet und dort zur Keimzelle einer Renaissance der Wissenschaften wurde.

Und das Ergebnis heute ist, dass die Araber und Türken, die grausame vierhundertjährige Besatzungszeit des Iran unter den blutrünstigen Omayyiden und Abbasiden als „Goldenes Zeitalter des Islam“ bezeichnen. Beste Unterstützung bekommen sie auch von zweifelhaften Gestalten, die auf Quellen verweisen, in denen die großartigen Iraner Ibn Sina, Omar Khayyam, Ferdowsi, Biruni, Razi, als Araber oder Türken bezeichnet werden.

Ein erbärmlicher und dreister Clip von Youtube, bei dem all die iranischen Wissenschaftler als die arabisch-muslimische Wissenschaftler abgestempelt werde. Das Urteil darüber überlassen wir der Leserschaft:

Die Wahrheit:

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20 Gedanken zu “Das goldene Zeitalter des Islam

  1. Ach! Wie wütend mich das manchmal macht. Ständig hört man nur “Die alten Griechen”, “die weisen Ägypter”, die “islamische Blütezeit”. Ohne überhaupt irgendetwas auch nur annähernd kritisch zu hinterfragen. Wenn ich an diese ganzen “Friede, Freude, Eierkuchen”-Dokus denke … Warum Europa dazu neigt, die alten Griechen zu heroisieren und zu idealisieren, ist ja noch ersichtlich. Immerhin leiten sie große Teile ihrer Kultur von den Griechen ab. Aber warum diese offensichtliche Verblendung, was den Islam anbelangt? Wobei, das ist ja auch jetzt nicht anders. Die meisten Menschen scheuen sich noch immer, Religionen zu kritisieren, so als sei man dadurch ein Faschist … Dass man dabei etwas toleriert, das faschistisches Gedankengut beinhaltet und dann auch noch angeblich von Gott himself unterschrieben worden ist, interessiert nicht weiter. Danke, dass Ihr hier Aufklärung betreibt. Auch, wenn es noch ein langer Weg sein wird bis zur angemessenenen Anerkennung iranischen Anteils an der heutigen Wissenschaft.

    Hast du diesen Artikel selbst ins Englische und ins Italienische übersetzt?

    • Sherry joon, danke!

      Der Artikel wurde von OD4I (Only democracy for Iran ins Englische uebersetzt. Ins Italienische hat ihn auch jemand anders uebersetzt, das siehst Du wenn Du auf den Link klickst. Den Artikel habe ich 2010 in Deutscher Sprache geschrieben und dann wurde er in anderen Laendern uebersetzt.

  2. @Sherry jân, das Problem ist, dass sobald man den Fernseher einschaltet, um einen vernünftigen Dokumentarfilm oder eine Reportage bei arte und Phoenix zu sehen, ist alles in der Tat für die Verdummung der deutschen und französischen Nation und die Verharmlosung dieser Religion, so dass eine Anzahl der Bevölkerung denkt, der Islam sei tatsächlich friedlich, und wenn man von ihnen den Grund verlangt, sagen sie sofort, dass sie bei arte, Phoenix, ZDF Info und usw Dokus bezüglich der Religion Islam gesehen habe, die das und die und jenes besagen! Du siehst also, dass die Masse dadurch beeinflusst wird und die Masse holt sich leider ihre Infos. noch durch die Mainstream und die Masse kommt nicht auf diese Idee, alles zu hinterfragen!

    Wir haben vor über diese iranischen Wissenschaftler zu berichten. Es wird mühsam sein, aber es lohnt sich. Das einzige Nutzen, was wir durch solche Aufklärung haben, ist, dass eine große Anzahl darüber informiert werden. Danke für Dein Feedback.

    • Da hast du Recht. Es wird vieles verharmlost. Religion gilt eben noch immer als “Heiligtum”, so grotesk das auch ist, man nimmt noch immer Rücksicht auf religiöse Menschen. Ich finde ja auch, man muss ihnen – ihnen als Menschen – mit Respekt begegnen, damit sie überhaupt offen für kritische Fragen sind, aber nicht alle Medien müssen mitmachen. Ich freue mich sehr auf weitere Artikel dieser Art. Khasteh nabashid vaghean.

  3. Ein ausgezeichneter Artikel von dir, Ardasir Parse! Du hast einen interessanten und aussagekräftigen Schreibstil, der einem die Thematik ganz dringlich macht und Schwarz auf Weiss die Hauptaussagen des Artikels verständlich macht. Recherchierst du selbst alleine für deine Artikel? Woher hast du gelernt solche wissenschaftliche Artikel zu schreiben?

    Was ich ganz merkwürdig finde ist, dass der Begriff “Islamischer Wissenschaftler” in der westlichen Welt sehr häufig verwendet wird, aber “Christlicher Wissenschaftler” oder “Jüdischer Wissenschaftler” (Jüdisch im Sinne der Volksgruppe, nicht der Religion!) habe ich bislang gar nicht gehört. Mit “Islamischer Wissenschaftler” oder gar “Islamische Wissenschaften” will man den Eindruck erwecken, dass der Islam Hauptantriebsfeder für die Blüte der Wissenschaft in jener Zeit war. Für mich gibt es da keine eindeutige Beziehung. Eher ist es doch so, dass die eroberten Reiche noch ein letztes Mal ihr kulturelles und wissenschaftliches Erbe “aufgebläht” haben. Seit dem 16.Jahrhundert ist ein Verfall des Islams in kultureller und wissenschftlicher Hinsicht erkennbar und dann behaupten welche der Islam war Träger der wissenschaftlichen Blüte im Mittelalter?

    Was ich noch dreister finde, ist die Bezeichnung “arabischer Wissenschaftler” für eindeutig iranische Persönlichkeiten. Da werde ich echt fuchsteufelswild!

    • Danke verehrter Bahram fuer Deinen Kommentar. Um Deine zwei Fragen zu beantworten:

      In der Regel, wie in diesem Artikel recherchiere ich alleine, aber auch meine Kollegin Fartab unterstuetzt mich oefter bei den neueren Artikeln auch fuer Recherchen. Wir arbeiten hier als Team zusammen. Ich habe zwei unterschiedliche wissenschaftliche Ausbildungen, eine davon betrifft eine ingenieurwissenschaftliche Ausbildung, die andere eine geisteswissenschaftliche Ausbildung. Hier lernt man hoffentlich wissenschaftliche Arbeiten abzuliefern, wobei diese Artikel streng wissenschaftlich genommen, die Formanforderungen einer wissenschaftlichen Arbeit nicht erfuellen. Dies auch deshalb, damit es dem Leser leichter faellt diese Texte zu lesen. Grundsaetzlich aber ist das Schreiben genau so eine Gabe, wie das Musizieren, Malen, Dichten oder Komponieren.

  4. Dem werten Vorkommentator ist zuzustimmen. Aber dieses Schicksal wurde nicht nur den vielen persischen Wissenschaftlern zuteil, sondern im Grund allen Wissenschaftlern aus Ländern, die der Islam erorbert hatte. Denn jedes Land hatte seine eigenen gewachsenen Kulturen und Denker, die voneinander lernten und sich austauschten. Hier ein Essay von Fjordman zum gleichen Thema: Hoffentlich hält der Platz des Kommentarbereichs das aus. Es könnte als eine Ergänzung und Vertiefung des hier vorgelegten sehr guten und fundierten Artikels verstanden werden. Ich versuch es mal:
    Die parasitäre Geschichtsfälschung des Islam zu seinen Gunsten
    Michael Mannheimer Blog Essays und Artikel vom 08.03.2011
    von Fjordman
    Ich habe die Ehre, hier einen der großartigsten Essays des großen norwegischen Journalisten Fjordman einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Der Essay behandelt die Frage der bewussten und massiven Geschichtsfälschungen durch den Islam, der sich bis zur Gegenwart nicht geniert, wissenschaftliche und künstlerische Errungenschaften von Griechen, Juden, Christen oder Hindus (um nur einige Beisiple zu nennen) im Nachhinein als islamische Errungenschaften zu deklarieren, wenn erst einmal der Mantel des Vergessens über die Vergangenheit der durch ihn eroberten Gebiete gefallen ist. Bis zum heutigen Tag werden Menschen über diese Tatsache durch islamische, aber auch westliche Medien und “Wissenschaft” massiv getäuscht. Michael Mannheimer
    Der Islam, die Griechen und die wissenschaftliche Revolution
    von Fjordman (Übersetzung von Eisvogel/Original vom 20. September 2007 in Jihad Watch: Islam, the Greeks and the Scientific Revolution)
    Ich habe einige Essays über den griechischen Einfluss auf den Aufstieg der modernen Wissenschaft geschrieben und darüber, warum die wissenschaftliche Revolution nicht in der islamischen Welt stattfand. Ich halte das für ein interessantes Thema, ganz besonders deshalb, weil es so viele Mythen darüber gibt, die von Moslems und ihren Apologeten heute verbreitet werden. Deshalb möchte ich mich detailliert mit dem Thema befassen. Ich habe in einem meiner vorhergehenden Essays die ägyptischen Hieroglyphen erwähnt. Ein Forscher behauptet, dass es einem arabischen Alchimisten aus dem neunten Jahrhundert gelungen sei, einige der Hieroglyphen zu entschlüsseln. Selbst wenn das wahr wäre, hinterließ seine Forschungsarbeit jedoch keinen dauerhaften Eindruck und wurde nicht von anderen weitergeführt, was an sich schon bezeichnend ist. Geschichtlich belegt ist, dass arabische Moslems mehr als tausend Jahre Ägypten kontrollierten, es ihnen jedoch nie gelang, die Hieroglyphen zu dechiffrieren, und die meiste Zeit zeigten sie auch kein Interesse daran. Der dreisprachige Stein von Rosetta diente 1822 dem französischen Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion zur Dechiffrierung der Hieroglyphen. Er wählte eine eher intuitive (wenn auch absolut korrekte) Methode des Zugangs über die koptische Sprache, die liturgische Sprache der ägyptischen Christen (die im Gegensatz zu der Sprache der arabischen Eroberer ein direkter Nachfahr der Sprache der alten Pharaonen ist), wohingegen sein englischer Rivale Thomas Young einen mathematischeren Zugang versuchte.
    Um der historischen Exaktheit Genüge zu tun, sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Außerkraftsetzung des Gebrauchs der Hieroglyphen, die das Ende einer der ältesten ununterbrochenen kulturellen Traditionen des Planeten, die mindestens bis zur Narmer Palette zurückgeht, auf der die Einigung Ober- und Unterägyptens im 32. Jahrhundert v. Chr. gewürdigt wird, auch von Christen verursacht wurde. Der Prozess begann im vierten Jahrhundert n.Chr. vor der Teilung des Römischen Reiches und wurde vom oströmischen Kaiser Justinian vollendet, der die Anbetung der Isis auf der Insel Philae im sechsten Jahrhundert abschuf. Als die ägptische Religion beendigt war, geriet auch das Schriftsystem, das mit ihr verbunden war, in Vergessenheit. Die Überreste von Platos Akademie wurden auch im Namen christlicher (niceanischer) Einigung geschlossen. An Justinian erinnert man sich ansonsten als denjenigen, der die Hagia Sophia, über fast tausend Jahre hinweg die prachtvollste Kathedrale der Christenheit, erbauen ließ und man erinnert sich auch an seine schließlich erfolglosen Versuche, die Einheit Roms durch Eroberung westlicher Länder wieder herzustellen. Das belastete die Ressourcen des Reiches und erschöpfte zusammen mit einer Pestpandemie seine Stärke. Die langen Kriege zwischen den Byzantinern und den Sassaniden (Persern) schwächten beide Staaten und waren einer der Gründe dafür, dass die Araber im siebten Jahrhundert ihre islamischen Eroberungen machen konnten.
    Der Logik nach sollte der Nahe Osten eigentlich perfekt dafür prädestiniert sein, das Wissen aller großen Zivilisationszentren der Alten Welt zu vereinigen, von der mediterranen griechisch-römischen Welt über die persische und die anderen vorislamischen Kulturen des Nahen Ostens bis hin zur indischen und den Zivilisationen des Fernen Ostens. Wie ich aufzeigen werde, haben die islamischen Denker und Wissenschaftler, deren Namen der Rede wert sind, auch genau das getan.
    Ohne die griechische hätte es niemals eine islamische Zivilisatiopn gegegeben
    Der Forscher F. R. Rosenthal führt aus:
    “Islamische rationale Gelehrsamkeit, die wir vor allem im Kopf haben, wenn wir von der Größe der islamischen Zivilisation sprechen, beruht vollumfänglich auf der klassischen Antike … im Islam besteht wie in jeder Zivilisation das wirklich Wichtige nicht aus individuellen Elementen sondern aus der Synthese, die sie in einem eigenen lebendigen Organismus vereinigt … die islamische Zivilisation, wie wir sie kennen, hätte schlicht und einfach ohne das griechische Erbe nicht existiert.”
    Griechisches Gedankengut war sicher eine wichtige Inspiration für praktisch alle islamischen Denker, aber es war nicht die einzige. Alkindus (Al-Kindi), der arabische Mathematiker, der im neunten Jahrhundert in Bagdad lebte und mehreren Abbasidenkalifen nahestand, war einer der ersten, der versuchte, den Islam mit der griechischen Philosophie, speziell der von Aristoteles, zu versöhnen, ein Projekt, das über Jahrhunderte andauerte und sich letztendlich als erfolglos erwies. Der andere dauerhafte Einfluss, den er hinterlassen hat, waren seine Schriften über indische Arithmetik und Zahlenkunde. Alkindus war einer von einer Handvoll Menschen, die vornehmlich für die Ausbreitung des Wissens über die indischen Zahlen und ihren Gebrauch im Nahen Osten verantwortlich waren.
    Weder die arabische Ziffern noch die Zahl Null sind arabische Erfindungen
    Indien hat eine sehr lange mathematische Tradition und das Zahlensystem der Hindus ist eine seiner wichtigsten Beiträge zur Weltkultur. Es wurde während des Mittelalters langsam in Westeuropa eingeführt und gewann an Auftrieb, nachdem der italienische Mathematiker Fibonacci 1202 sein Buch Liber Abaci veröffentlichte und es wurde dann während der Renaissance weit verbreitet übernommen. Europäer erfuhren durch Araber vom indischen Zahlensystem, weshalb es fälschlicherweise im Westen als arabisches Zahlensystem bezeichnet wird. Es war dem römischen Zahlensystem in mehrerer Hinsicht überlegen, eines davon ist das revolutionäre Konzept der Null. Es besteht keinerlei Zweifel darüber, dass dieses Zahlensystem den Westen über die islamische Welt erreichte, aber wir sollten auch bedenken, dass, weil der Nahe Osten zwischen Indien und Europa liegt, alle Ideen aus Indien notwendigerweise diese Region durchqueren mussten, um Europa zu erreichen. Ich weiß nicht, wie viel Ehre wir dem Islam aufgrund dieses geographischen Zufalls zugestehen müssen.
    Al-Razi war ein talentierter persischer Arzt und Chemiker, der im neunten und frühen zehnten Jahrhundert lebte. Er kombinierte griechische, indische und persische Traditionen und verließ sich auf die klinische Beobachtung seiner Patienten in der Hippokratischen Tradition. Er kommentierte und kritisierte auch die Werke von Philosophen wie zum Beispiel Aristoteles. Einige seiner Schriften wurden ins Lateinische übersetzt. Ibn Warraq schreibt in seinem Buch Warum ich kein Muslim bin: “Der größte Freidenker im gesamten Islam war vermutlich al-Razi, der Rhazes des mittelalterlichen Europas (oder Razis bei Chaucer), wo sein Prestige und seine Autorität unangefochten bis ins 17. Jahrhundert bestehen blieb. Meyerhof nennt ihn auch den ‘größten Arzt der islamischen Welt und einen der größten Ärzte aller Zeiten.’” Er stand der islamischen Doktrin auch höchst kritisch gegenüber und hielt den Koran für eine Ansammlung “absurder und widersprüchlicher Fabeln”. Darüber hinaus “haben bezeichnenderweise seine häretischen Schriften nicht überlebt und wurden auch kaum gelesen; dennoch geben sie Zeugnis einer bemerkenswert toleranten Kultur und Gesellschaft – einer Toleranz, die an anderen Orten und in anderen Zeiten fehlte.”
    Avicenna (Ibn Sina) war ein persischer Arzt, der auf den Spuren al-Razis wandelte und griechische, indische, ostasiatische und nahöstliche medizinische Forschung miteinander mischte. Sein Buch Der Kanon der Medizin aus dem frühen 11. Jahrhundert war über Jahrhunderte hinweg ein medizinisches Standardwerk. Eine bemerkenswerte Anzahl der Moslems, die einige Spuren in der Geschichte der Wissenschaft hinterließen, waren Perser, die aus ihrem stolzen vorislamischen Erbe schöpfen konnten. Der Historiker Ibn Khaldun gab zu, dass es “merkwürdig ist, dass die meisten der Gelehrten unter den Moslems, die in den religiösen oder intellektuellen Wissenschaften brillierten, mit wenigen Ausnahmen Nicht-Araber sind.”
    Es ist auch interessant, festzustellen, dass praktisch alle Freidenker und Rationalisten innerhalb der islamischen Welt, wie Avicenna oder Farabi, mit der islamischen Orthodoxie nicht einig waren und häufig dafür auch schikaniert wurden. Welche Entdeckungen sie auch immer gemacht haben, sie haben es eher trotz des Islam als wegen des Islam getan, und am Ende hat der Islam gewonnen. Ibn Warraq stellt fest: “der orthodoxe Islam ging aus dem Zusammentreffen mit der griechischen Philosophie siegreich hervor. Auf wann auch immer man diesen Sieg des orthodoxen Islam datiert (vielleicht im 9. Jahrhundert mit der Konversion von al-Ashari oder im 11. Jahrhundert mit den Werken von al-Ghazali) es war, wie ich glaube, ein absolutes Desaster für alle Moslems und sogar für die ganze Menschheit.
    Averroes (Ibn Rushd) wurde in Córdoba, Spanien (Andalusien) geboren. Er hatte vergleichsweiche progressive Ansichten zu Frauen, war in mancher Hinsicht ein Freidenker und hatte dadurch auch Ärger, er war aber dennoch auch ein Jurist der Maliki-Rechtsschule der Scharia und wirkte als Kadi, als islamischer Richter, in Sevilla. Er vertrat die traditionelle Sicht, die bei von führenden Islamgelehrten auch noch im 21. Jahrhundert aufrecht erhalten wird, der Todesstrafe für Menschen, die den Islam verlassen: “Ein Apostat … muss aufgrund der Worte des Propheten hingerichtet werden, wenn er ein Mann ist. ‘Erschlagt diejenigen, die ihren Din (ihre Religion) wechseln’. Es gibt aber die verbindliche Regelung, dass der Apostat gefragt werden muss, ob er bereut… vor seiner Hinrichtung.” Und doch erinnert man sich an Averroes vor allem wegen seiner Versuche, die Philosophie des Aristoteles und den Islam zu verbinden. Ibn Warraq zufolge hinterließ er auf die lateinischen Wissenschaftler des 13. Jahrhunderts einen tiefen Einfluss und doch “hatte er überhaupt keinen Einfluss auf die Entwicklung der islamischen Philosophie. Nach seinem Tod wurde er in der islamischen Welt praktisch vergessen.”
    Der Niedergang der Philosophie durch den Islam
    Die Philosophie ganz allgemein begab sich in den permanenten Niedergang. Einer der Gründe dafür war der einflussreiche al-Ghazali, den viele als den wichtigsten Moslem nach Mohammed selbst sehen und der behauptete, dass ein Großteil der griechischen Philosophie logisch widersprüchlich und ein Affront gegen den Islam sei. Averroes Versuche, al-Ghazali anzufechten, wurden ignoriert und vergessen. Der führende jüdische Denker dieser Ära war der Rabbi und Arzt Moses Maimonides. Er wurde 1135 in Córdoba im islamisch besetzten Spanien geboren, musste jedoch über Nordafrika fliehen, als die frommen Berber-Almohaden von Marokko her eindrangen und Christen und Juden in der klassischen Art des Dschihad angriffen. Maimonides las begierig griechische Philosophie, die teilweise auf Arabisch verfügbar war. Er schrieb auch meist arabisch. Seine Versuche, die Philosophie von Aristoteles mit der Torah in Einklang zu bringen, beeinflusste den großen christlichen Denker Thomas von Aquin, der einige Generationen später ähnliche Bemühungen unternahm, griechisches Gedankengut mit den biblischen Schriften in Einklang zu bringen.
    Es ist wahr, dass einige griechische und andere Klassiker ins Arabische übersetzt wurden, aber es ist ebenso wahr, dass die Moslems sehr speziell dabei vorgingen, welche Texte sie ausschlossen. Der iranische Intellektuelle Amir Taheri erläutert: “Es ist kein Zufall, dass frühe Moslems zahlreiche altgriechische Texte übersetzten, allerdings übersetzten sie keine, die sich mit Politik befassten. Der große Avicenna selbst übersetzte Die Poetik von Aristoteles. Es gab aber bis zum Jahr 1963 keine Übersetzung von Aristoteles’ Politik ins Persische.” In anderen Worten: Ein großer Teil des griechischen Gedankengutes hatte Europäern niemals durch Araber “übermittelt” werden können, wie es regelmäßig von westlichen Multikulturalisten behauptet wird, weil viele griechischen Werke erst gar nicht ins Arabische übersetzt worden waren. Die Moslems blendeten insbesondere politische Texte aus, weil diese Beschreibungen von Systemen enthielten, in denen Menschen sich gemäß ihrer eigenen Gesetze selbst regierten. Das wurde von Moslems als blasphemisch betrachtet, weil die Gesetze von Allah gemacht wurden und die Herrschaft seinen Repräsentanten gebührt.
    William von Moerbeke war ein flämischer Gelehrter und produktiver Übersetzer, der vermutlich mehr als jedes andere Individuum dazu beigetragen hat, dem Westen griechisches Gedankengut zu vermitteln. Seine Übersetzung von praktisch dem Gesamtwerk von Aristoteles und vielen Arbeiten von Archimedes, Hero von Alexandria und anderen ebneten den Weg für die Renaissance. Er sprach fließend griechisch und war eine Zeit lang katholischer Bischof von Korinth in Griechenland. Er fertigte höchst akkurate Übersetzungen direkt aus den griechischen Originalen an und verbesserte auch frühere fehlerhafte Übersetzungen mancher Werke.
    Seine lateinische Übersetzung von Politik, einer der wichtigen Arbeiten, die auf Arabisch nicht zur Verfügung standen, vervollständigte er im Jahr 1260. Sein Freund Thomas von Aquin nutzte diese Übersetzung für sein bahnbrechendes Werk Summa Theologica. Aquin bezog sich sowohl auf Maimonides als auch auf Averroes und Avicenna und war mit ihren Schriften vertraut, aber er stand Averroes ziemlich kritisch gegenüber und focht Teile von dessen Auslegung von Aristoteles an.
    Wie auch Aquin war William von Moerbeke ein Bruder des Dominikanerordens und hatte persönliche Kontakte zu den höchsten Kreisen des Vatikans. Mehrere Texte, darunter einige von Archimedes, wären ohne die Bemühungen von Moerbeke und einiger anderer verloren gegangen, und er tat seine Arbeit eindeutig im Auftrag der Römisch Katholischen Kirche. Ein weiterer der Gründe für seine Arbeit war, dass die Übersetzungen, die auf Arabisch vorhanden waren, unvollständig und teilweise von armseliger sprachlicher Qualität waren. Obwohl sie als frühe Wiedereinführung griechischen Gedankenguts für einige Westeuropäer dienten, “retteten” die arabischen Übersetzungen keineswegs das griechische Wissen, weil es niemals verloren gegangen war. Es war in ununterbrochener Linie von griechischen byzantinischen Christen, die sich immer noch als Römer sahen, seit den Zeiten der Klassik bewahrt worden, und konnte dort wiederentdeckt werden. Es gab damals ausgedehnte Kontakte zwischen Ost- und Westchristen, manchmal freundschaftlich, manchmal weniger freundschaftlich und gelegentlich auch regelrecht feindselig, aber es gab dennoch Kontakt. Die dauerhafte Wiederentdeckung griechischer und klassischer Studien fand als direkte Übertragung von griechischen orthodoxen Ostchristen an lateinische Westchristen statt. Es waren keine islamischen Mittelsmänner beteiligt.
    Als Ergebnis davon hatten im späten 13. Jahrhundert der Heilige Thomas von Aquin sowie andere Persönlichkeiten der frühen Renaissance wie der Dichter Dante und der Humanist Petrarch einen wesentlich vollständigeren und akkurateren Rahmen griechischen Gedankenguts zu ihrer Verfügung als auch nur einer der gefeierten islamischen Philosophen jemals hatte. Und mehr noch, viele der Übersetzungen ins Arabische wurden ursprünglich von Christen angefertigt und nicht von Moslems. Im American Thinker verwirft Dr. Jonathan David Carson teilweise den Hype um die Rolle des Islam in der Geschichte der Wissenschaft. Seiner Ansicht nach waren “die islamischen Denker, welche die ‘Naturphilosophie der alten Griechen’ übersetzten, eine sonderbare Gruppe von Moslems, da alle oder fast alle der Übersetzer vom Griechischen ins Arabische Christen oder Juden waren.” Darüber hinaus machten die meisten griechischen Texte nicht die lange Reise vom Griechischen über das Syrische oder Hebräische und das Arabische ins Lateinische, und die Westeuropäer bevorzugten (welche Überraschung!) Übersetzungen von Aristoteles direkt aus dem Griechischen, die nicht nur überlegen waren sondern auch viel schneller verfügbar.”
    In A History of Philosophy, führt Frederick Copleston aus, dass es “ein Fehler ist, sich vorzustellen, dass die lateinischen Gelehrten gänzlich von Übersetzungen aus dem Arabischen abhängig waren oder auch nur, dass Übersetzungen aus dem Arabischen immer denen direkt aus dem Griechischen zeitlich vorausgingen.” In der Tat “gingen Übersetzungen aus dem Griechischen denen aus dem Arabischen gewöhnlich voraus.” Diese Ansicht wird von Peter Dronke in A History of Twelfth—Century Western Philosophy bestätigt: “die meisten der Werke von Aristoteles wurden jedoch direkt aus dem Griechischen übersetzt und nur in Ausnahmefällen über den Umweg einer arabischen Zwischenstufe …. den Übersetzungen aus dem Arabischen muss ihre volle Bedeutung zugestanden werden, aber nicht mehr als das.” Carson sieht es so: “die große Rettung der griechischen Philosophie mittels Übersetzungen ins Arabische stellt sich als etwas heraus, das keine Rettung von Plato war, und die Übertragung lateinischer Übersetzungen von arabischen Übersetzungen der Texte von Aristoteles – entweder direkt oder aber häufiger über das Syrische oder Hebräische – traf auf eine Christenheit, welche die griechischen Texte bereits besaß und die meisten von ihnen auch schon ins Lateinische übersetzt hatte.” Darüber hinaus war die intellektuelle Neugier vollkommen einseitig. Bernard Lewis führt in The Muslim Discovery of Europe aus: “Wir wissen von keinem islamischen Gelehrten oder Schriftgelehrten vor dem 18. Jahrhundert, der auch nur daran dachte, eine westliche Sprache zu lernen, ganz zu schweigen von der Erstellung von Grammatiken, Wörterbüchern oder anderen sprachlichen Hilfsmitteln. Übersetzungen waren rar und dünn gesät. Die bekanntesten sind Arbeiten, die für praktische Zwecke ausgewählt wurden, und die Übersetzungen wurden von Konvertiten oder Nichtmoslems angefertigt.” J.M. Roberts stellt es so dar: “Warum haben islamische Gelehrte bis vor sehr kurzem keinerlei Interesse gezeigt, lateinische oder westeuropäische Texte ins Arabische zu übersetzen? (…) Es wird klar, dass die Erklärung für den europäischen Forscherdrang tiefer liegen muss als nur in der Wirtschaft begründet, so wichtig sie auch gewesen sein mag.”
    Den europäischen Wissenschaften hat der Islam auch nicht annährend Gleichwertiges entgegenzusetzen
    Über die glorreiche islamische Vergangenheit Spaniens wird ein großes Aufhebens gemacht, und doch werden heute in Spanien in nur einem einzigen Jahr mehr Bücher übersetzt als während der letzten 1.000 Jahre ins Arabische übersetzt wurden. Wie ich gezeigt habe, verdankt das, was an wissenschaftlichen Fortschritten der frühesten Jahrhunderte des Islam vorhanden ist, seine Existenz fast vollständig vorislamischem Gedankengut, und sogar in den besten der Zeiten konnten die Übersetzungen von nicht-islamischen Ideen und Büchern höchst selektiv sein. Später wurde dann auch die eingeschränkte Debatte über griechische Philosophie noch weiter beschnitten. Moslems wurden ihrer gottgegebenen Überlegenheit versichert und interessierten sich nicht für Ideen aus wertlosen ungläubigen Kulturen.
    Toby E. Huff, der Autor des Buches The Rise of Early Modern Science: Islam, China and the West, erläutert es. Ein Meilenstein in der westlichen Wissenschaft war ‘Von den Umdrehungen der Himmelskörper’ von Nikolaus Kopernikus aus dem Jahr 1543. Dasselbe Jahr brachte einen weiteren Meilenstein für den Aufstieg der modernen Wissenschaft hervor: ‘Über den Bau des menschlichen Körpers’ von Vesalius, das den Grundstein für die moderne Medizin legte. Es stellte eine empirische Zusammenstellung von Untersuchungen des Körpers aus erster Hand mittels Leichensektion (Autopsie) dar. Gemäß Huff “behauptete Vesalius, er habe mehr als 200 Irrtümer in Galens Arbeiten zur menschlichen Anatomie entdeckt” und seine Illustrationen sind allem, was sich in der arabisch-islamischen Tradition (in der die bildliche Darstellung des menschlichen Körpers als besonders suspekt galt) finden lässt, weit überlegen, oder auch dem, was aus der chinesischen und (wie ich annehme) indischen Tradition kommt.” In der Astronomie “ging Kepler weit über die Methoden des Ptolemäus hinaus und entdeckte vollkommen neue Prinzipien der exakten Beschreibung der Bewegungen der Himmelskörper,” mit denen er die elliptische (das heißt nicht perfekt kreisförmige) Umlaufbahn des Mars nachwies.
    In den Augen von Toby E. Huff, “erlebten das 12. und 13. Jahrhundert eine soziale, intellektuelle und legislatorische Revolution, welche die intellektuellen und institutionellen Grundlagen legte, auf der später die moderne Wissenschaft aufbaute. Das Herzstück dieser Entwicklung war die rechtswissenschaftliche Vorstellung der Körperschaft, einer Gruppe von Individuen, die als ‘juristische Person’ mit legitimierter Gesetzesautonomie betrachtet wird. Solchen juristischen Personen wurde das Recht gewährt, Klage zu führen und verklagt zu werden, Eigentum zu kaufen und zu verkaufen, Regelungen und Gesetze zu erlassen, mittels derer sie ihre Aktivitäten regelten, diese Gesetze rechtlich anerkennen zu lassen und sowohl nach dem Prinzip von Wahl und Konsens als auch gemäß dem römischen Sinnspruch zu operieren, dass Dinge, die jedermann betreffen, auch von jedermann bedacht werden und jedermanns Zustimmung benötigen sollten. Unter den Organisationen, denen dieser Status legitimierter Körperschaften gewährt wurde, befanden sich Städte, wohltätige Organisationen, Gilden (speziell auch für Ärzte) und natürlich Universitäten. Nichts dieser Form der gesetzlichen Autonomie Vergleichbares entstand in China oder unter dem Islam. Kurz gesagt, die Europäer des Mittelalters schufen autonome, sich selbst verwaltende Institutionen der höheren Bildung und führten dann in diesen eine methodisch machtvolle und metaphysisch reiche Kosmologie ein, die viele Aspekte der traditionell christlichen Weltanschauung direkt herausforderte und ihnen widersprach.”
    Es war auch eine Zeit, die dafür bekannt ist, dass sie das Aufkeimen des frühen modernen Kapitalismus hervorbrachte, Huff verwirft jedoch jegliche vereinfachende Verbindung zwischen Geld und Wissenschaft. Das christliche Europa zeigte eine intellektuelle Neugier, eine Begierde, die Wahrheit zu enthüllen, die man nicht einfach auf eine Sache wirtschaftlicher Interessen reduzieren kann:
    “Es gab zwar tatsächlich eine ‘Wirtschaftsrevolution’, die ab dem 12. Jahrhundert über Europa hinwegfegte, aber das erklärt kaum das große Interesse an Aristoteles in den Universitäten jener Epoche oder die Entscheidung praktischer Mediziner, Leichensektionen durchzuführen und Medizin in den Lehrplan der Universitäten einzuführen. Einen vergleichbaren Aufschwung wirtschaftlicher Aktivitäten gab es auch im 16. Jahrhundert, aber auch das erklärt kaum die Motivation der Kirchenmänner Kopernikus, Galileo, Kepler oder Tycho Brahe, eine neue Astronomie gegen die Interessen der Kirche zu entwickeln.”
    Islamische Universitäten sind keine Forschungsstätten, sondern Orte intensiver Gehirnwäsche
    Eine der bahnbrechenden Innovationen im Europa des Hochmittelalters war die Schaffung einer fortlaufenden Debatte, die ihren Mittelpunkt an den Universitäten hatte. Das macht den ganzen Unterschied aus, denn – wie Huff ausführt – ” ist es eine Sache, wenn eine Aktivität nach dem Zufallsprinzip von verschiedenen Akteuren verfolgt wird; es ist aber etwas vollkommen anderes, wenn diese Aktivität gemeinsam als Folge eines regulierten Prozesses getragen wird.” Während in islamischen Madrassen alle die Natur betreffenden Arbeiten des Aristoteles sowie auch Logik und Theologie ausgeschlossen blieben, profitierten europäische Gelehrte von “einem erstaunlichen Ausmaß an Forschungsfreiheit, die in der arabischen/islamischen Welt nicht existierte und auch heute nicht existiert.” Zentren der Gelehrsamkeit haben in der gesamten bekannten Geschichte in allen Zivilisationen existiert, jedoch besaßen die meisten davon nicht die Qualitäten, die wir heute üblicherweise mit einer Universität verbinden. Es ist möglich, dass die Chinesen, die Koreaner, die Japaner, die Inder Organisationen hatten, die man auch schon in jenen frühen Jahren Universitäten hätte nennen könne; ich bin mit asiatischer Geschichte nicht vertraut genug, um das zu beurteilen. Aber die islamische Welt hatte definitiv keine.
    Der deutsch-syrische Reformer Bassam Tibi führt aus, dass die islamischen Gelehrten, die griechischen Rationalismus entwickelten, heute in ihren eigenen Zivilisationen verabscheut werden. Wie er in seinem Buch Islam Between Culture and Politics schreibt, wurden “die rationalen Wissenschaften – im mittelalterlichen Islam – als ‘fremde Wissenschaften’ angesehen und zeitweise auch als häretisch. Heute scheinen islamische Fundamentalisten nicht zu wissen, dass die rationalen Wissenschaften im Islam auf etwas gründen, was ulum al-qudama (die Wissenschaft der Alten), heißt, das heißt die der Griechen.”
    Wissenschaft, die als islamische Wissenschaft gesehen wurde, war das Studium des Koran, der Hadithen, der arabischen Geschichte usw. Die islamischen Madrassen befassten sich nicht mit auf Vernunft basierenden Untersuchungen oder uneingeschränkter Forschungstätigkeit, sondern mit einem Lernprozess im sakralen Sinn. Tibi glaubt daher, dass es nicht korrekt ist, Institutionen wie die Al-Azhar in Kairo, die höchste Stätte sunnitisch-islamischer Gelehrsamkeit, als Universität zu bezeichnen:
    “Manche islamischen Historiker übersetzen den Begriff Madrasse fälschlicherweise mit Universität. Das ist schlicht und einfach nicht korrekt: Wenn wir Universität als universitas litterarum verstehen oder uns ohne eurozentrische Voreingenommenheit die universitas magistrorum aus dem Paris des 13. Jahrhundert vorstellen, sind wir verpflichtet, anzuerkennen, dass die Universität als Ort freier und uneingeschränkter Forschung auf der Grundlage der Vernunft eine europäische Erfindung in der Menschheitsgeschichte ist.”
    Es ist erwähnenswert, dass die ersten mittelalterlichen europäischen Universitäten sich teilweise aus Klöstern oder Religionsschulen entwickelten. Dennoch wurde hier das griechische Wissen in einer weit weniger eingeschränkten Weise übernommen als im Nahen Osten. Die frühesten europäischen Universitäten wie die Universität von Bologna in Italien oder die von Oxford in England, wurden im 11. Jahrhundert gegründet. Im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts kamen weitere hinzu, wie zum Beispiel die Universität von Paris (Sorbonne), die Universität von Cambridge, die Universität von Salamanca in Spanien und die Universität von Coimbra in Portugal. Nach Bassam Tibi hat sich die Situation weniger geändert als man annehmen sollte:
    “in islamischen Gesellschaften, in denen Institutionen der höheren Bildung eine tief verwurzelte Prozedur des Auswendiglernens zugrunde liegt, werden die Inhalte der positiven Wissenschaften, die von Europa übernommen werden, ähnlich behandelt. Koranverse werden auswendig gelernt, weil sie fehlerfrei sind und nicht hinterfragt werden sollen. Immanuel Kants Kritik der reinen Vernunft oder David Humes Enquiry, die inzwischen in arabischer Übersetzung vorliegen, werden auf ähnliche Weise ebenfalls auswendig gelernt und nicht ihrer Natur gemäß als problemorientierte Forschung aufgefasst.” Als Folge davon “haben im Gegensatz zum europäischen oder US-amerikanischen Modell Studenten aus traditionellen islamischen Institutionen weder Bildung noch Ausbildung.”
    Das ist ein Problem, das Mitglieder dieser Kultur mit sich bringen, wenn sie ins Ausland ziehen. In Dänemark beklagte Ali Nurr, ein Stadtrat von Århus, dass eine der Herausforderungen, denen sich gewisse Einwanderergruppen bezüglich des Bildungssytems gegenübersehen, die ist, dass sie mit Prüfungen, die auf einer rationalen, kritischen und analytischen Denkweise basieren, nicht vertraut sind. Raten Sie mal, wer?
    Umma vor Individuum: Das fehlende Individualbewusstsein des Islam
    Ein weiteres Thema ist der Mangel an individueller Freiheit. Ich habe Atlas Shrugged immer noch nicht gelesen, es ist ein Roman, den Amerikaner hoch schätzen, aber ich habe gegenüber Ayn Rands Philosophie gemischte Gefühle. Eine Sache jedoch, in der ich mit ihr übereinstimme, ist, dass
    “Zivilisation der Fortschritt hin zu einer Gesellschaft des Privaten ist. Die gesamte Existenz des Wilden ist öffentlich und wird von Stammesgesetzen regiert. Zivilisation ist der Prozess, der den Menschen vom Menschen befreit.”
    Ein Däne, der vor der Revolution von 1979 im Iran lebte, stellte fest, dass seine islamischen Freunde dachten, er sei verrückt, wenn er sagte, dass er eine Weile ein bisschen Privatsphäre haben wolle. Schon alleine die Vorstellung von “Privatsphäre’ war ihnen fremd, weil die beinhaltet, dass man ein autonomes Individuum mit eigenen Bedürfnissen ist. Ein Moslem ist ganz einfach ein organischer Teil der Umma, der islamischen Gemeinschaft. Dieser Mangel an Individualismus und individueller Freiheit ist einer der Gründe, warum Moslems im Vergleich zu unseren Kulturen zurückgefallen sind. Andererseits glaube ich, dass der Westen in den letzten Jahrzehnten zu weit damit gegangen ist, den Individualismus zur einzigen Basis unserer Kultur zu machen. Wenn eine Nation auf nichts weiter als eine atomisierte Ansammlung von Individuen ohne Bindungen an die Vergangenheit und ohne Verpflichtungsgefühl für zukünftige Generationen reduziert wird, wird es schwierig wenn nicht unmöglich, eine Verteidigung einer dauerhaften Gesellschaft aufzubauen.
    Buchdruck, Kompass, Schießpulver
    Gemäß der Gelehrten Lynda Shaffer “führte Francis Bacon (1561-1626), ein früher Verfechter der empirischen Methode, auf der die wissenschaftliche Revolution basierte, den rasanten Aufstieg Europas während der frühen Neuzeit speziell auf drei Dinge zurück: Buchdruck, Kompass und Schießpulver. Bacon hatte keine Ahnung, woher diese Dinge kamen, aber heute wissen Historiker, dass alle drei in China erfunden wurden. Da China im Gegensatz zu Europa diesen rasanten Aufstieg auf dem Pfad von der wissenschaftlichen zur industriellen Revolution nicht erlebt hat, fragen sich einige Historiker heute, warum diese Erfindungen in Europa so revolutionär waren und in China ganz offenbar nicht.” Die Song-Dynastie, die vom 10. bis zum 13. Jahrhundert andauerte, war wohl die dynamischste Periode in der chinesischen Geschichte. Obwohl der Buchdruck “von buddhistischen Möchen in China erfunden wurde und zuerst dem Buddhismus zu Gute kam, stellten die Buchdruckereien ab der Mitte des 10. Jahrhunderts unzählige Kopien des konfuzianischen Korpus [Textsammlung] her.” Nach Shaffer “kann der Ursprung des Systems der staatlichen Beamtenprüfungen bis zur Han-Dynastie zurückverfolgt werden, aber in der Song-Dynastie wurden von der Regierung durchgeführte Beamtenprüfungen zum wichtigsten Weg zu politischer Macht in China.
    Fast tausend Jahre lang (ausgenommen die Zeit der Mongolenherrschaft) wurde China von Männern regiert, die an die Macht gekommen waren, weil sie sich in Beamtenprüfungen über den neokonfuzianischen Kanon hervorgetan hatten. Bei jeder dieser Gelegenheiten lernten Tausende von Studenten für diese Beamtenprüfungen und es wurden dafür Tausende von preiswerten Büchern benötigt. Ohne Buchdruck wäre ein solches System nicht möglich gewesen.” Wie sie erläutert, “entwickelte China die größte und technisch am höchsten entwickelte Handels- und Kriegsmarine der Welt.” Die Chinesen “hätten die beschwerliche Reise um die Südspitze Afrikas auf sich nehmen und in portugiesische Häfen segeln können, sie hatten jedoch keinen Grund, das zu tun. Obwohl die westeuropäische Wirtschaft blühte, bot sie nichts, was China nicht auch wesentlich näher der Heimat und zu wesentlich geringeren Kosten erwerben konnte.” Im Gegensatz dazu versuchten die Portugiesen, die Spanier und andere Europäer, die Gewürzinseln, das heutige Indonesien, zu erreichen. “Es war der Gewürzmarkt, der Columbus von Spanien aus westwärts lockte und Vasco da Gama um Afrika herum in den indischen Ozean zog.” Nach Shaffers Ansicht hatten Erfindungen wie Schießpulver und Kompass auf China einen anderen Einfluss als auf Europa und es ist “unfair zu fragen, warum die Chinesen nicht zufällig über die westliche Hemisphäre (Amerika) stolperten, während sie auf der Suche nach dem Wollemarkt Spaniens nach Osten segelten.”
    Ja, Asien war in jenen Zeiten die blühendste Weltgegend. Die Europäer traten in ihr Zeitalter der Forschungsreisen exakt aus dem Grund ein, um die reichen Länder Asiens zu erreichen (und dabei islamische Mittelsmänner zu umgehen). Das ist der Grund, aus dem Christoph Columbus und seine Männer irrtümlich annahmen, sie wären in Indien gelandet, als sie Amerika erreichten. Die Asiaten hatten kein vergleichbares Bedürfnis, Europa zu erreichen. Aber das erklärt immer noch nicht, warum die Chinesen nicht in die letzte und entscheidende Phase der industriellen Revolution eintraten, wie es der Westen tat: Die Nutzbarmachung der Dampfmaschine und den Gebrauch fossiler Brennstoffe, um stärkere und effizientere Maschinen, schnellere Schiffe und schließlich Eisenbahnen, Autos und Flugzeuge zu bauen. Buchdruck und Alphabetisierung verbreiteten sich massiv während der Song-Dynastie, das erste gedruckte Papiergeld (Banknoten) wurde eingeführt, ein Kanalisationssystem und Straßen wurden gebaut, und all das schuf die Voraussetzungen für ein beispielloses Bevölkerungswachstum. Eisenherstellung und der Gebrauch von Kohle vervielfachte sich mehrmals, als China ein Stadium erreichte, das manchmal als “proto-industriell” bezeichnet wird. Und doch brachte China keinen Thomas Savery, keinen Thomas Newcomen und keinen James Watt hervor, die erfolgreiche Dampfmaschinen entwickelten, sowie auch keinen George Stephenson, der Eisenbahnlinien baute und auch keinen Karl Benz, der das erste benzinbetriebene Auto konstruierte. Obwohl in vielen Ländern rund um den Globus Experimente mit Fliegerei gemacht wurden, war das Flugzeug nur durch die Erfindung moderner Maschinen möglich, und das ist der Grund dafür, dass China die Wright-Brüder nicht hervorbrachte.
    Tausende von Jahren waren Menschen dadurch beschränkt, dass sie nur Muskelkraft von Menschen und Tieren einsetzen konnten. Später wurde das mit Windmühlen, Wassermühlen und ähnlichen Erfindungen erweitert, die wichtig sein konnten, allerdings nur in begrenztem Ausmaß. Der Einsatz von Dampfkraft für Motoren und Maschinen war eine Revolution, welche die Grundlage für enorme Verbesserungen bezüglich Ertrag und Effizienz legte. Aus irgendwelchen Gründen ging China diesen letzten Schritt nie, und obwohl das Land über Jahrhunderte hinweg blühte, kamen spätere Dynastien niemals wieder ganz an die Dynamik unter der Song-Dynastie heran. Die Betonung wurde auf kulturelle Kontinuität gelegt, und China erlebte keine kulturelle Flutwelle oder irgendein anderes Ereignis, das der Renaissance, der Reformation oder der Aufklärung in Europa vergleichbar wäre. China sah sich selber als Reich der Mitte. Es hatte ein paar lästige Barbaren an seinen Grenzen, aber keine unmittelbaren Nachbarn, die als Rivalen für seine Größe und Macht zählen konnten, und somit wenig Anreiz für Neuerungen. Das Ergebnis war eine relative (wenn auch nicht unbedingt absolute) wissenschaftliche Stagnation. China konnte es sich leisten, selbstzufrieden zu werden und das geschah auch. Im Gegensatz dazu hatten die Europäer, die in zahlreiche kleinere Staaten aufgespalten waren und in ständiger Rivalität untereinander standen, anstatt einen großen vereinten Staat zu bilden, stärkere Anreize für Erfindungen, einschließlich Waffentechnologie.
    Die Mongolenangriffe gegen den Islam: weitaus verheerender als die Kreuzzüge
    Die mongolische Invasion, die das Ende der Song-Dynastie besiegelte, wird manchmal für den Antriebsverlust verantwortlich gemacht. Nach der Eroberung Pekings im Jahr 1215 war der Boden monatelang von menschlichem Blut getränkt. Nach Dschingis Khan “ist es die größte Wonne, seine Feinde zu bezwingen und vor sich her zu jagen, sie ihres Wohlstands zu berauben und diejenigen, die sie lieben, tränenüberströmt zu sehen, ihre Pferde zu reiten und ihre Frauen und Töchter in die Arme zu schließen.” Er glaubte daran, dass man praktizieren muss, was man predigt. DNS-Untersuchungen haben ergeben, dass er möglicherweise 16 Millionen heute lebende Nachkommen hat. Die Mongolen waren für ihre Brutalität berüchtigt, aber sie hatten eine ganz besondere Abneigung gegen Moslems. Hulagu Khan war der Anführer der Mongolenkrieger, als sie im Jahr 1258 Bagdad vollkommen zerstörten, und damit dem, was vom Abbasidenkalifat noch übrig war, ein Ende setzten. Die christliche Gemeinschaft wurde weitgehend verschont, was angeblich der Fürsprache von Hulagus christlich- nestorianischer Ehefrau zu verdanken ist. Die Ironie dabei ist, dass viele Mongolen bald darauf den Islam als ihren bevorzugten Glauben annahmen. Möglicherweise war die kriegerische Natur dieser Religion reizvoll für sie.
    Es ist durchaus möglich, Mohammed und Dschingis Khan zu vergleichen. Temüjin, der sich den Titel Khan zulegte, als er im Jahr 1206 das Mongolenreich gründete, glaubte, dass er den göttlichen Auftrag habe, die Welt zu erobern, und er baute eine eindrucksvolle Militärmacht durch nichts weiter auf als dadurch, dass er zerstreute Stämme vereinigte und ihre aggressiven Energien nach außen lenkte. Er schuf eine mongolische Nation, wo es zuvor keine Nation gegeben hatte, ähnlich dem, was Mohammed mit den Arabern machte. Der Unterschied ist, dass die Mongolen keine eigene Religion in ihrem Imperium gründeten, die ihre Herrschaft überdauerte.
    Wir sollten dafür wahrscheinlich dankbar sein, denn sonst würde die Organisation der Mongolischen Konferenz heute den größten Stimmenblock in den Vereinten Nationen darstellen, in unseren Schulen würden wir über die glanzvolle mongolische Wissenschaft und Toleranz belehrt und unsere Medien würden uns ständig vor den Gefahren der Dschingisophobie warnen.
    In Europa haben die mongolischen Eroberungen in der Ukraine und Russland den dauerhaftesten Einfluss hinterlassen. Die Stadt Kiew würde verwüstet, während von Moskau aus langsam ein neuer russischer Staat wuchs. Iwan der Große expandierte den russischen Staat im 15. Jahrhundert und schüttelte das tatarische Joch ab, wie die zwischenzeitlich islamisierten Turkmongolen der Goldenen Horde genannt wurden. Die Mongolen fielen in Osteuropa ein und griffen im Lauf weniger Jahre Ungarn, Polen, Litauen, Bulgarien und Serbien an. 1241 waren sie sogar bis nach Wien vorgedrungen, als der Große Khan überraschend starb und die Heerführer umkehren mussten, um einen neuen Anführer zu wählen. Der Schwarze Tod, die große eurasische Pestpandemie verbreitete sich entlang der Seidenstraße durch das Mongolenreich und erreichte das Mittelmeer und den Nahen Osten in den 1340er Jahren. Die Seuche, die mindestens ein Drittel der Bevölkerung tötete, in manchen Gebieten sogar mehr als 70%, erreichte Europa vermutlich, nachdem die Goldene Horde biologische Kriegsführung während einer Belagerung des Schwarzmeerhafens Caffa anwandte und pestinfizierte Leichen in die Stadt katapultierte. Sie wurde dann von den fliehenden genuesischen Händlern in den europäischen Kontinent getragen. Die Mongolen sind in Westeuropa zwar nicht eingefallen, aber zumindest haben sie uns die Pest gebracht. Viele Historiker messen den mongolischen Eroberungen im großen historischen Zusammenhang große Bedeutung zu. Sie hatten gewiss einen zerstörerischen Einfluss, und die Spur der Verwüstung, die sie hinter sich ließen, entvölkerte ganze Regionen von China über Korea, Iran und Irak bis nach Osteuropa. Sie setzte der dynamischen Song-Dynastie ein Ende, allerdings gab es auch schon vor der mongolischen Eroberung nur wenige Anzeichen dafür, dass eine Entwicklung hin zum Maschinenzeitalter in China stattfinden würde. Japan, das stets viel von China gelernt hat, blieb unversehrt. Eine Reihe von Taifunen, die von den Japanern Kamikaze oder “göttlicher Wind” genannt werden, retteten das Land 1274 und 1281 vor der mongolischen Flotte, aber sie entwickelten auch keine voll entwickelte Industrie, bevor sie während der Meiji-Restauration im späten 19. Jahrhundert das westliche Modell übernahmen.
    Europa im Visier des Islam
    Darüber hinaus sollten wir uns ins Gedächtnis rufen, dass die Westeuropäer, auch wenn sie von den Mongolen verschont geblieben waren, in der jüngeren Vergangenheit Jahrhunderte der politischen Zerrüttung und des Bevölkerungsrückganges durchlebten, und zwar länger als in jeder Periode der mehrere Jahrtausende dauernden chinesischen Geschichte. Europa sah sich auch einem wesentlich länger andauernden Angriff des Islam gegenüber. Der belgische Gelehrte Henri Pirenne vertrat in seiner Arbeit Mohammed und Karl der Große die Behauptung, dass der maßgebliche Bruch zwischen der klassischen Welt und dem Mittelalter im Westen nicht der Fall des Römischen Reiches war, welcher der Teilung im Jahr 395 folgte, sondern die islamischen Eroberungen im 7. Jahrhundert. Nach Pirennes Ansicht war Westeuropa, obwohl germanische Stämme den Zusammenbruch des (Weströmischen) Reiches im 5. Jahrhundert verursachten, nicht vollkommen vom Oströmischen Reich abgeschnitten. Das Mittelmeer, das Mare Nostrum oder “Unser Meer”, wie die Römer es nannten, war immer noch ein christlicher Binnensee. Das änderte sich entscheidend während des 7. Jahrhunderts, als Nordafrika und die iberische Halbinsel unter islamische Herrschaft fielen. Obwohl die arabischen Eroberer von den Streitkräften Karl Martells 732 in der Schlacht von Tours in Frankreich, die vermutlich die wichtigste Schlacht in der westlichen Geschichte ist, aufgehalten wurden, dauerten die islamischen Attacken über weitere Jahrhunderte hinweg an, weil der Dschihad eine permanente Verpflichtung ist und in regelmäßigen Intervallen ausgetragen werden sollte. Dschihad-Piraterie, Sklavenhandel und Beutezüge quer über das Mittelmeer, begleitet von Vorstößen ins Binnenland, teilweise sogar bis in die Schweizer Alpen hinein, erschwerten die normale Kommunikation zwischen dem christlichen Westen und dem christlichen Osten erheblich. Tatsächlich blieben die Dschihad-Piraterie und die Sklaverei, die von Nordafrika ausgingen, mehr als tausend Jahre lang sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein eine ernsthafte Bedrohung für Europäer. Wie der Historiker Ibn Khaldun, ein frommer Moslem und damit antichristlich, verkündete: “Die Christen konnten im Meer kein Floß mehr zu Wasser lassen.”
    Auf den Westen traf das zweifellos zu, allerdings hielten die Byzantiner ihre Stellung in der Ägäis immer noch. Das Oströmische Reich wurde von arabischen Moslems bereits in den 630er Jahren angegriffen und verlor in schneller Folge Syrien, Palästina und Ägypten, schaffte es aber, zu überleben. Nur einige Jahre zuvor war die offizielle Sprache von Latein zu Griechisch geändert worden. Es hat sich eingebürgert, den kleiner gewordenen und hellenisierten Staat als das Byzantinerreich zu bezeichnen. Das Karolingerreich, dessen Namen auf Karl Martell (Carolus auf lateinisch) zurückgeht, war “das Gerüst des Mittelalters.” Obwohl es nicht lange überdauerte, formten die Strukturen, die Karl Martell und sein Enkel Karl der Große einführten, Westeuropa über Jahrhunderte hinweg. Während die Zivilisation Europas bis dahin ihren Mittelpunkt am Mittelmeer hatte, verlagerte sich jetzt das Machtzentrum auf die Nordseite der Alpen. Die Hauptstadt des Karolingerreiches war Aachen im heutigen Deutschland, weil Moslems den Zugang zum Meer erschwerten. Karl der Große wurde im Jahr 800 von Papst Leo III im Petersdom zum Kaiser gekrönt, aber bereits im Jahr 846 plünderten die Moslems Rom und stahlen alles Silber und Gold aus dem Petersdom. Die Araber besetzten auch mehrere Jahrhunderte lang Sizilien und griffen Neapel, Capua, Kalabrien und Sardinien wiederholt an. Pirenne weiter: “Die Küste entlang des Golfs von Lyon und hin bis zur Tibermündung, von Krieg und Piraten verwüstet, gegen die die Christen, die keine Flotte hatten, machtlos waren, war jetzt nur noch eine Einöde und Beute für die Piraten. Die Häfen und Städte waren verlassen. Die Verbindung zum Osten war unterbrochen, und mit der sarazenischen (islamischen) Küste gab es keinerlei Kommunikation. Es gab nichts außer Tod. Das Karolingerreich war das krasse Gegenteil des Byzantinerreichs. Es war eine reine Inlandsmacht, denn es hatte keinen Zugang zum Meer. Die Mittelmeerterritorien, die zuvor die aktivsten Teile des Reiches gewesen waren und auf deren Schultern das Leben des Ganzen geruht hatte, waren jetzt die ärmsten, die desolatesten, diejenigen, die ständig bedroht waren. Zum ersten Mal in der Geschichte verlagerte sich die Achse der abendländischen Zivilisation gen Norden und verblieb über viele Jahrhunderte hinweg zwischen Seine und Rhein. Und die germanischen Völker, die bislang nur die negative Rolle der Zerstörer gespielt hatten, waren nun aufgerufen, positiv zum Wiederaufbau der europäischen Zivilisation beizutragen.”
    Pirennes These wird schon seit Generationen diskutiert, und seit er sie in den 1930er Jahren veröffentlicht hatte, wurde neues archäologisches Beweismaterial entdeckt. Ich persönlich denke, dass er das Ausmaß, in dem die Zivilisation nach den germanischen Überfällen zusammenbrach, unterschätzt, aber dass er Recht damit hat, dass das Mittelmeer danach immer noch offen war und Kommunikation ermöglichte, und dass sich dies nach den arabischen Eroberungen dramatisch änderte. Doch obwohl in diesem Zeitraum die Kontakte zwischen Byzanz und Westeuropa eingeschränkt waren, sollten wir uns daran erinnern, dass sie niemals gleich null waren. Funde aus Wikingergräbern weisen darauf hin, dass es selbst zu jener Zeit Handelsbeziehungen zwischen der Ostsee und Konstantinopel gab, aber der Handel hatte sich im Vergleich zu früheren Zeiten drastisch verringert.
    Der Grund, aus dem der christliche Westen Jahrhunderte lang keinen leichten Zugriff auf die klassischen Lehren des christlichen Ostens hatte, war der, dass die Moslems und der Dschihad das Mittelmeer unsicher machten. Es ist der Gipfel der Absurdität, den Zugriff auf etwas zu blockieren und dann für sich in Anspruch zu nehmen, man habe es überliefert, und doch tun die Araber genau das. Als im Westen langsam stärkere Staaten aufkamen, wurde der Kontakt mit den östlichen Cousins schrittweise wieder aufgebaut, ausgehend von den Stadtstaaten Italiens. Und sobald der direkte Kontakt aufgebaut war, erlangten die Westeuropäer Zugriff auf die Originale der griechisch-römischen Schriften, die in Konstantinopel aufbewahrt worden waren. Sie hatten es nicht nötig, sich auf die begrenzten Übersetzungen aus dem Arabischen zu verlassen, die ohnehin von denselben byzantinischen Manuskripten angefertigt worden waren, und zwar häufig von Christen. Darüber hinaus haben Moslems mehr als tausend Jahre darauf verwendet, systematisch die griechische Kultur in der Mittelmeerregion auszulöschen, ein Prozess, der in Zypern noch bis ins 21. Jahrhundert andauert, wodurch es offenkundig lächerlich ist, wenn sie heute damit prahlen, wie viel wir ihnen dafür verdanken, dass sie “das griechische Erbe bewahrt” haben. Die Leistung der Araber wird meiner Ansicht nach gleichermaßen überschätzt wie die des Byzantinerreiches unterschätzt wird.
    Johannes Argyropoulos, der 1415 in Konstantinopel geboren wurde und 1487 in Italien starb, war ein byzantinischer Experte für griechische Geschichte, der eine wichtige Rolle beim Wiederaufleben der klassischen Lehre im Westen spielte. Er lehrte an den Universitäten von Florenz und Rom. Unter seinen Studenten war Lorenzo der Prächtige aus der einflussreichen Familie der Medici, die Leonardo da Vinci, Michelangelo und anderen förderten. Sandro Botticelli arbeitete unter dem Mäzenat der Medicis, als er 1480 Die Geburt der Venus malte. Durch die Mythologie der Griechen und Römer inspirierte heidnische Motive waren in jener Zeit in weiten Kreisen populär. Allem Anschein nach besuchte auch Leonardo da Vinci die Vorlesungen von Argyropoulos. Das Universalgenie interessierte sich leidenschaftlich für die klassische Lehre, möglicherweise ganz besonders bezüglich Wissenschaft und mechanischer Ingenieurskunst, ein Gebiet, auf dem er zahllose Erfindungen machte. Er war mit Sicherheit vertraut mit den Zehn Büchern über Architektur des römischen Ingenieurs Vitruvius, dem einzigen großen Hauptwerk über Architektur und Technologie, das aus der griechisch-römischen Welt überlebt hat, und das auch eine lebensnotwendige Inspiration für die Architekten der Renaissance Brunelleschi and Alberti war. Leonardos berühmte Zeichnung Der vitruvianische Mensch wurde von den Schriften des Vitruvius über Architektur und deren Beziehung zu den Proportionen des menschlichen Körpers inspiriert.
    In den Worten von Deno Geanakoplos, Professor für byzantinische Geschichte “wissen wir, dass bis zum 9. Jahrhundert der Schutzheilige Venedigs nicht Markus war sondern der Grieche Theodor und dass der Doge im 11. Jahrhundert byzantinische Handwerker anforderte, um die Markuskirche zu verschönern und möglicherweise sogar vollständig zu erbauen. Die Kontakte zwischen Venedig und Byzanz weiteten sich im 12. Jahrhundert aufgrund der großen venezianischen Handelsniederlassung in Konstantinopel aus.” Diese Kontakte dauerten das ganze Hochmittelalter hindurch bis in die Renaissance hinein an und “in dem runden halben Jahrhundert vor dem Fall Konstantinopels im Jahr 1453 gab es einen stetig anwachsenden Flüchtlingsstrom von Osten nach Westen. Venedig, als Herrscher über wichtige Gebiete im griechischen Osten, insbesondere über die Insel Kreta, und als der wichtigste Entladehafen Italiens, nahm den Großteil dieser Flüchtlinge auf. Dieser Flüchtlingsstrom nahm nach 1453 rasant zu.” Er hebt hervor, dass es ein Irrtum ist, zu glauben, dass nach dem Fall Konstantinopels alle griechischen Texte heraus gerettet worden waren. Die meisten Flüchtlinge, die vor dem türkischen Dschihad flohen, konnten nur wenige Besitztümer mit sich nehmen. Der Prozess der Übermittlung klassischen griechischen Wissens in den Westen zog sich über Generationen, ja sogar Jahrhunderte, hin, und wurde schließlich massiv durch die Druckerpresse mit beweglichen Lettern gestützt, die Johannes Gutenberg 1450 in Mainz, Deutschland, einführte. Es war ein großer und wichtiger historischer Glücksfall – ein religiöser Mensch würde wahrscheinlich sagen, dass es göttliche Fügung war – dass der Buchdruck in Europa exakt zu dem Zeitpunkt neu erfunden wurde, als das letzte Überbleibsel des alten Römischen Reiches an die Moslems fiel. Die Texte die von den Byzantinern tausend Jahre lang nach dem Niedergang Roms bewahrt worden waren, konnten jetzt für immer gerettet werden anstatt still und leise für immer zu verschwinden. Das stellte sicher, dass die Renaissance einen dauerhaften Einfluss griechisch-römischen Wissens auf westliches Gedankengut hatte und nicht nur einen vorübergehenden. Die Historikerin Elizabeth L. Eisenstein schreibt in ihrem gefeierten Buch The Printing Press as an Agent of Change: “Die Ausgaben der Klassiker, Wörterbücher, Grammatiken und Literaturführer, die von den Druckereien hergestellt wurden, ermöglichten die Aneignung beispielloser Meisterlichkeit in alexandrinischer Gelehrsamkeit und sogar die Grundsteinlegung für eine neue Art dauerhafter griechischer Wiedergeburt im Westen (…) Wir neigen heute dazu, es als Selbstverständlichkeit anzusehen, dass das Studium der alten Griechen weiterblühte, nachdem die Zentren der wichtigsten griechischen Manuskripte in fremde Hände gefallen waren, und versäumen es daher, zu schätzen, wie bemerkenswert es war, dass Homer und Plato nicht erneut begraben wurden sondern im Gegenteil für immer exhumiert worden waren. Wenn die osmanischen Vorstöße vor der Erfindung des Buchdrucks stattgefunden hätten, wäre das mit Sicherheit eine Katastrophe gewesen. In der näheren Umgebung verstreute Texte und Gelehrte hätten vielleicht das Studium der alten Griechen etwas verlängert, aber nur vorübergehend.”
    Nach Deno Geanakoplos “konnte im späten 15. Jahrhundert nur eine Stadt in Italien – Vendig – all die komplexen Voraussetzungen für eine griechische Druckerpresse erfüllen. Venedig besaß eine Klasse, die reich genug für den Kauf gedruckter Klassiker war und auch Müßiggang genug hatte, sie zu lesen. Venedig war dem Druck des Papstes weniger ausgesetzt als andere italienische Städte. Wichtig in den Augen des [Druckers] Aldus muss auch gewesen sein, dass die Venezianer aus der Hinterlassenschaft von Bessarion im Besitz einer wertvollen Sammlung griechischer Schriften waren – Manuskripte, die ihm als Vorbilder für seine Drucke dienen konnten. Und kaum weniger bedeutsam muss für ihn die Anwesenheit einer großen und lebhaften griechischen Gemeinde gewesen sein (…) Als Aldus im Jahr 1515 starb, hatte seine Druckerpresse der Welt praktisch alle wichtigen griechischen Autoren der klassischen Antike gegeben.” Der Historiker Bernard Lewis schreibt in seinem Buch What Went Wrong?: “In der großen Bibliographie der Schriften, die im Mittelalter aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt wurden, finden wir keine Poeten, keine Dramatiker, ja nicht einmal Historiker. Diese waren nicht nützlich und stießen daher nicht auf Interesse, sie passten nicht in die Übersetzungsprogramme. Das war ganz klar eine kulturelle Ausmusterung: man nimmt von den Ungläubigen, was nützlich ist; aber man muss sich ihre absurden Ideen nicht anschauen oder versuchen, ihre minderwertige Literatur zu verstehen oder ihre bedeutungslose Geschichte zu studieren.”
    Moslems, die Übersetzungen aus dem Griechischen oder aus anderen nicht-islamischen Werken wünschten, waren in erster Linie an Themen wie Medizin, Astronomie, Mathematik und Philosophie interessiert. Wie Lewis sagt, ignorierten sie normalerweise Stückeschreiber und Dramatiker wie Sophokles und Euklid, Historiker wie Thukydides und Herodot und Dichter wie Homer. Dieser ganze Bereich der Literatur konnte nur durch die griechischen Originale gerettet werden, die in Konstantinopel aufbewahrt worden waren. Darüber hinaus gingen die Moslems nicht nur sehr selektiv bezüglich griechischer Werke vor, sondern zeigten auch nur wenig Interesse an lateinischen Autoren wie zum Beispiel Cicero. Es gab somit ein sehr weites Feld griechisch-römischer Lehren und wertvoller Literatur, die niemals auf arabisch vorlagen.
    Es ist richtig, dass eine Reihe griechischer Werke ins Arabische übersetzt wurden, insbesondere im 9. Jahrhundert, als eine Gruppe von Moslems, die sogenannten Mutaziliten, ohne dauerhaften Erfolg versuchten, den Islam mit der Logik auszusöhnen. Ibn Warraq schreibt über sie:
    “Es ist jedoch heute klar, dass die Mutaziliten in erster Linie und vor allem Moslems waren, die im Dunstkreis islamischer Ideen lebten und von religiösen Belangen motiviert waren. Es gab keine Anzeichen eines vollkommen freien Denkens oder ein Streben – wie [der ungarische Orientalist] Goldziher es ausdrückt – ‘ die scheuernden Fesseln abzulegen und der orthodoxen Weltsicht Schaden zuzufügen’. Außerdem, weit davon entfernt, Liberale zu sein, stellten sie sich als überaus intolerant heraus und waren an der Minha, der islamischen Inquisition unter den Abbasiden beteiligt. Dennoch haben die Mutaziliten durchaus ihre Bedeutung, da sie die griechischen philosophischen Ideen in die Diskussion der islamischen Dogmen einführten.”
    Gemäß dem Schriftsteller Patrick Poole “entwickelte sich die rationale Tradition des westlichen Christentums im Mittelalter ganz allgemein als Folge der unverblümten Ablehnung des Irrationalismus, welcher der islamischen Philosophie innewohnt, und nicht aus dessen Annahme mit offenen Armen”. Seinen Ausführungen nach “begann sich unter der Interpreationsschule der Mutaliziten eine rationalistische Philosophie zu entwickeln, die sich für einen geschaffenen Koran im Gegensatz zu dem unerschaffenen aussprach. Aber Kalif al-Mutawakkil [Herrschaft von 847-861] verdammte die Mutalizitische Schule, was die Tür für die rivalisierende Asharitische Interpretation, die von al-Ash’ari (+935) gegründet wurde, öffnete, schließlich die Vorherrschaft im sunnitischen Islam zu übernehmen. Der Rationalismus fand sich auch aufgrund der Sichtweise Allahs als unberechenbare und launenhafte Gottheit in einer ungleichen Schlacht wieder. Denn “nur Allah handelt wirklich effektiv; alle scheinbar natürlichen Beobachtungen der Ursachenforschung sind lediglich Manifestationen von Allahs Gepflogenheiten, denn Allah erschafft nach seinem freien Ermessen im selben Augenblick sowohl Ursache als auch Wirkung. Diese Sichtweise wird am deutlichsten von Al Ghazali (1059-1111) in dessen Buch The Incoherence of the Philosophers ausgedrückt, den [Tariq] Ramadan zitiert.”
    Der Koran ist, strukturell gesehen, zutiefst zusammenhanglos und für den Durchschnittsleser fast unverständlich. In einem Vers wird etwas gesagt und der nächste Vers widerspricht dem. Die Vorstellung, dass Allah dem Verständnis nicht zugänglich ist und keinen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung liefert, hat einen folgenschweren Einfluss auf die empirischen Wissenschaften in der islamischen Welt. Im Gegensatz dazu hat Gott aus der Sicht von Juden und Christen das Universum im Einklang mit einer gewissen Logik erschaffen, die beschrieben und vorhergesagt werden kann. Kepler glaubte fest daran, dass das Sonnensystem nach Gottes Plan erschaffen wurde, den er zu entschlüsseln suchte. Sir Isaac Newton war leidenschaftlich an Religion interessiert und schrieb ausgiebig darüber. Sogar Albert Einstein, der sicher kein orthodoxer, religiöser Jude war, bewahrte sich immer noch einige Überreste der Vorstellung, dass das Universum anhand einer Logik erschaffen worden war, die zu einem gewissen Ausmaß auch der menschlichen Vernunft begreifbar und zugänglich ist: “Ich glaube an Spinozas Gott, Der Sich in der gesetzmäßigen Harmonie der Welt offenbart, nicht an einen Gott, Der Sich mit dem Schicksal und den Taten der Menschheit beschäftigt.”
    Kalif al-Ma’mun (Herrschaft von 813 – 833), der von der Mutaziliten-Bewegung beeinflusst war, schuf das Haus der Weisheit, das aus Bücherei und Übersetzungsbüro bestand. Die Abbasiden-Dynastie, die ihren Mittelpunkt in Bagdad hatte und im Jahr 750 die Umayyaden-Dynastie mit Mittelpunkt in Damaskus ablöste, stand der persischen Kultur näher und war vermutlich von der sassanidischen Praxis des Übersetzens großer Werke und der Schaffung großartiger Bibliotheken beeinflusst. Alkindus (Al-Kindi) wurde dazu ernannt, an der Aufgabe mitzuwirken. Philosophische und wissenschaftliche Texte wurden aus persischen und indischen (Sanskrit) Quellen, vor allem aber aus griechischen Quellen, ins Arabische übersetzt. Es wurden große Anstrengungen unternommen, wichtige griechische Werke und Manuskripte von den Byzantinern zu kaufen und zu sammeln und sie übersetzen zu lassen. In seinem Buch How Greek Science Passed to the Arabs, schreibt De Lacy O’Leary “Das Studium des Aristoteles begann eigentlich mit Abu Yusuf Ya’qub ibn Ishaq al-Kindi (gestorben nach 873), der im allgemeinen als ‘Philosoph der Araber’ bezeichnet wird. Es ist bezeichnend, dass fast alle großen Wissenschaftler und Philosophen der Araber als Aristotelianer einzuordnen sind, deren intellektuelles Erbe auf al-Kindi und al-Farabi zurückgeht.”
    Im Herzen dieser Bemühungen stand ein nestorianischer (assyrischer) Christ namens Johannitius (Hunayn ibn Ishaq). Er hatte Griechisch studiert, während er in den Ländern Griechenlands lebte, vermutlich im Byzantinerreich, und wurde im Haus der Weisheit mit der Aufgabe des Übersetzens betraut. Schon bald hatten er, sein Sohn und sein Neffe Galens medizinische Abhandlungen auf arabisch und syrisch zur Verfügung gestellt, sowie auch die von Hippokrates und Texte von Aristoteles, Plato und anderen. In manchen Fällen hat er offenbar eine Arbeit ins Syrische übersetzt und sein Sohn Ishaq übersetzte es dann weiter ins Arabische. Alle späteren wichtigen Ärzte in der islamischen Welt, einschließlich Avicenna und Rhazes, waren von diesen Übersetzungen aus der griechischen Medizin beeinflusst. Im Jahr 431 wurde Nestorius, ein christlicher Patriarch, wegen Häresie aus Konstantinopel vertrieben. Die so genannte Assyrische Ostkirche spaltete sich somit von der Byzantinischen Kirche ab. Ihre Anhänger fanden eine neue Heimat in der syrischsprachigen Welt und wurden vom persischen Sassanidenreich, dem Rivalen von Byzanz, willkommen geheißen. Sie brachten eine Sammlung griechischer Texte mit sich, darunter die Werke von Galen und Hippokrates. Es waren diese Texte, zusammen mit anderen Manuskripten, die später von Konstantinopel gekauft und erworben wurden, welche die Grundlage für die Übersetzungen vom Griechischen ins Arabische bildeten. Die Anhänger der Ostkirche, die im Westen üblicherweise als Nestorianer bezeichnet werden, bildeten in weiten Teilen des Irak, Iran und Zentralasien Gemeinden und genossen Respekt für ihre medizinischen Fertigkeiten.
    Der Gelehrte Thomas T. Allsen schreibt: “Die Nestorianer im Osten waren eng mit dem Ärztestand verknüpft. Ein beträchtlicher Teil der syrischen medizinischen Literatur, manche davon im Original und manche übersetzt, wurde in Zentralasien entdeckt. Das ist wenig überraschend, da die Ostchristen einen wichtigen und festen Bestandteil in der westasiatischen Medizin darstellten.” Die westliche Medizin in Yuan, im von Mongolen beherrschten China, die oft als “islamisch” bezeichnet wird, lag fast ausschließlich in den Händen von Nestorianern, eine Situation, die westliche Reisende erwähnenswert fanden.” Syrisch ist ein Dialekt des Aramäischen, der Sprache Jesu. Sie war einstmals die Verkehrssprache des Nahen Ostens und unter Christen weit verbreitet, aber auch unter Arabern und auch teilweise unter Persern. Sie hatte einen beträchtlichen Einfluss auf die Entwicklung des Arabischen, durch das sie später in Folge der islamischen Eroberungen ersetzt wurde. Die Nabatäer, ein semitisches Volk, das mit der berühmten Felsenstadt Petra nahe dem Toten Meer im heutigen Jordanien in Verbindung gebracht wird, waren stark vom Aramäischen beeinflusst und das arabische Alphabet entwickelte sich aus ihrem Alphabet. Unorthodoxe Gelehrte behaupten gar, dass die islamische Religion selbst sich möglicherweise eher in der Nähe dieser Region an den nördlichen Rändern Arabiens entwickelt hat und nicht um Mekka in Zentralarabien.
    Manche Forscher glauben, dass das Syrische, oder Syrisch-Aramäische auch die Wurzel des Korans war. Als er entstand, war das Arabische als geschriebene Sprache noch nicht voll entwickelt. Das Syrische hingegen war damals in der Region weit verbreitet. Ibn Warraq schätzt, dass bis zu 20% des Korans sogar für gebildete Araber unverständlich sind, weil Teile davon ursprünglich in einer anderen verwandten

  5. @Bahrâm, hier einige Passagen aus dem Buch Der Untergang der islamischen Welt von Hamed Abdel-Samad:

    “Die oft gepriesene Vielfalt des Islam ist auch oft Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Die Anpassungsfähigkeit der Theologie macht den Islam gleichzeitig zur Religion des Dschihad und des Friedens, des Verlangens nach Wissen und der Hexenverbrennung. Das macht ihn nicht greif- oder angreifbar. „Es ist eine Frage der Auslegung“, lautet die Fluchtformel, wenn man den Islam für die heutige Misere verantwortlich machen will. Es mag auch daran liegen, dass viele Iraner immer noch eine Distanz zum Islam haben, da sie die Verbindung zur vorislamischen persischen Kultur bewahren. Das drückt sich in den vielen persischen Vornamen aus, die gar nicht islamisch sind.

    Im kollektiven Gedächtnis der Iraner und in der Poesie scheint Altpersien immer noch zu leben. In den sunnitischen Staaten dagegen schaffte es der Islam, die vorislamische Periode als Zeit der Dschahiliya, der Dunkelheit und Unwissenheit, hinter sich zu lassen. Nach ihrer Konvertierung zum Islam übernahmen die Perser zwar die arabische Schrift, behielten aber die eigene Sprache, was ihnen sowohl einen Zugang zur eigenen Geschichte als auch zum Arabischen als Sprache der Wissenschaft im Mittelalter verschaffte. Die ersten Werke, die die Perser schrieben, nachdem sie den Islam angenommen hatten, waren Zarathustra-Schriften und das epische Buch Shahnama, das die Geschichte alter persischer Könige festhält. Die kulturelle Eigenständigkeit der Perser schützte sie vor einer Vereinnahmung durch die arabische Sippenkultur und garantierte eine historische Kontinuität, die im Nahen Osten und vielleicht sogar weltweit einmalig ist. Die Iraner haben ebenfalls eine starke Bindung an die islamische Mystik, die einzige Richtung, die das Hadern mit Gott zulässt. Andererseits deuten die Mystiker die Dinge der Welt so lange um, bis sie wiederum bei Gott angekommen sind, wie der Iranist Bert Fragner hervorhebt. Mystische Dichter wie Rumi und Hafez genießen im Iran fast die gleiche Stellung wie Mohamed. Hier sollte allerdings betont werden, dass auch die Mystik eine Art Opium für das Volk sein kann, da sie einen Rückzugsraum für passive Menschen bieten kann, die vor der Realität fliehen wollen.

    Ein wesentlicher gesellschaftlicher Unterschied zwischen dem Iran und den meisten anderen islamischen Staaten liegt darin, dass im heutigen Iran die Bildung von Frauen fortgeschrittener ist. Eine zivile Gesellschaft und ein ausgeprägtes Öffentlichkeitsbewusstsein unter den Iranern sieht Bert Fragner als gute Voraussetzung für eine Modernisierung. Auch die Rolle der Literatur und der Philosophie in der iranischen Gesellschaft ist nicht zu übersehen. Diese schafft eine Parallelsprache zur Sprache der Autorität und setzt die Theologie unter Druck, um mitzuziehen”.

  6. Teil 2:
    Sprache geschrieben wurden und zwar vor der Geburt Mohammeds. Ein deutscher Professor für Altsemitische und Arabische Sprachen schreibt unter dem Pseudonym Christoph Luxenberg über das Thema. Wenn man Luxenberg glaubt, sind die Kapitel oder Suren des Korans, die man üblicherweise der Mekkanischen Periode zuschreibt und die am tolerantesten und gewaltlosesten sind und damit im Gegensatz zu den viel härteren und gewalttätigeren Kapiteln der Medinesischen Periode stehen, überhaupt nicht “islamisch” sondern christlich:
    “In seinem Ursprung ist der Koran ein syrisch-aramäisches Liturgiebuch, mit Hymnen und Auszügen aus der Heiligen Schrift, das möglicherweise in christlichen Gottesdiensten benutzt wurde. (…). Seine soziopolitischen Teile, die in keinem besonderen Zusammenhang mit dem ursprünglichen Koran stehen, wurden später in Medina hinzugefügt. Anfänglich wurde der Koran nicht als Gründungsschrift einer neuen Religion betrachtet. Er setzt den Glauben an die Heilige Schrift voraus und fungierte somit lediglich als Mittel zum Eindringen in die arabische Gesellschaft.”
    [Anm. d. Ü.: Kewil hat auf Fakten & Fiktionen auch über Luxenbergs Forschung berichtet]
    Monte Cassino ist ein Kloster im südlichen Italien, das im 6. Jahrhundert vom Heiligen Benedikt gegründet wurde und das im Jahr 883 die Araber bei einem ihrer zahllosen Dschihad-Überfälle auf Westeuropa plünderten und niederbrannten und die Mönche töteten. Es wurde später wieder aufgebaut und dort übersetzte der Mönch Konstantin der Afrikaner im 11. Jahrhundert die medizinischen Texte aus dem Arabischen ins Lateinische, einschließlich der von Johannitius in Bagdad angefertigten Texte von Hippokrates und Galen. Konstantin übersetzte auch die auf Arabisch verfassten medizinischen Abhandlungen des ägyptischen Juden Isaac Israeli ben Solomon. Er war von Hippokrates , Galen, Aristoteles und Plato beeinflusst. Es ist leicht, zurückzuverfolgen, wie arabische Übersetzungen griechischer Texte von byzantinischen Manuskripten, die oft von Christen angefertigt worden waren, ihren Weg vom islamischen Osten bis in den islamischen Westen auf der iberischen Halbinsel machten, wo manche von ihnen von Christen ins Lateinische rückübersetzt wurden, zum Beispiel in der mehrsprachigen Stadt Toledo in Zentralspanien. Es ist wahr, dass einige griechische Texte über das Arabische, manchmal auch noch über den Umweg des Syrischen oder Hebräischen, wieder im Westen eingeführt wurden, aber das basierte schlussendlich immer auf Manuskripten aus dem Byzantinerreich.
    Die Arbeit unter der Leitung von Johannitius in Bagdad bewahrte einige von Galens Arbeiten, deren griechische Originale verloren gingen, auf Arabisch. Der griechische Arzt Galen, der im 2. vorchristlichen Jahrhundert wirkte, systematisierte das medizinische Wissen der griechisch-römischen Welt und erweiterte es mit eigener Forschung. Er beklagte sich darüber, dass er keine Sektionen an menschlichen Leichen vornehmen konnte, aber das war während der Römerzeit nicht erlaubt, und daher stütze er seine Studien der menschlichen Anatomie auf Sektionen an Tieren wie Hunden, Affen und Schweinen. Das ist witzig, wenn man damit vertraut ist, welchen niedrigen Status Hunde, Affen und Schweine im Islam haben, und gleichzeitig weiß, dass alle darauf folgende Medizin in der islamischen Welt von Galen inspiriert war. Da die Sektion menschlicher Leichen auch in der islamischen Welt tabu war, hatten Galens Irrtümer über Jahrhunderte hinweg bis zur Renaissance im christlichen Europa unangefochten Bestand. Leonardo da Vinci fertigte zahlreiche akkurate anatomische Zeichnungen an, teilte aber sein Wissen kaum mit Zeitgenossen. Der endgültige Durchbruch kam mit dem Anatomen Andreas Vesalius aus Brüssel, der sein auf Autopsien basierendes Buch De humani corporis fabrica (Vom Aufbau des menschlichen Körpers) im Jahr 1543 veröffentlichte. Er wird in der westlichen Welt als Vater der modernen Anatomie betrachtet.
    Joseph Needham, der große britische Experte für Geschichte der chinesischen Wissenschaft, hat über “die vier großen Erfindungen Chinas” geschrieben: Kompass, Buchdruck, Papierherstellung und Schießpulver. Obwohl Needham sehr gut die Technologie beschreibt, liefert er nicht immer ausreichende Nachweise für die Übermittlung dieser Erfindungen. Nur bei einer der Erfindungen, dem Papier, kann mit absoluter Sicherheit gesagt werden, dass sie den Westen als voll entwickeltes Produkt erreichte. Nach Professor T.F. Carter “muss der Erfindung des Buchdrucks der Gebrauch von Papier vorausgehen, und die Papierherstellung ist die am meisten gesicherte und vollständige der Erfindungen Chinas.” Lucien Febvre und Henri-Jean Martin schreiben in The Coming of the Book: “Die Erfindung des Buchdrucks wäre ohne den Antrieb dazu, der sich durch Papier ergab, unmöglich gewesen. Das Papier erreichte Europa aus China über die Araber zwei Jahrhunderte davor und war dann Ende des 14. Jahrhunderts allgemein gebräuchlich.” Im Zeitraum von 1450 bis 1550 wurde Europa zunehmend mit Papiermühlen übersät. Das traditionelle Pergament war teuer und nicht gut geeignet zur Massenproduktion.
    Während der protestantischen Reformation im 16. Jahrhundert wollten die Reformatoren, dass die Bibel in der gebräuchlichen Verkehrssprache verfügbar sein sollte und nicht nur in Latein. Martin Luther trug somit dazu bei, die moderne deutsche Sprache zu formen. Der Gelehrte Irving Fang schreibt in seinem Buch A History of Mass Communication “Buchdruck in der Landessprache brachte auch französische Leser dazu, sich als Teil Frankreichs und englische Leser, sich als Teil Englands zu begreifen.” In gewisser Hinsicht sind wir heute Zeitzeugen einer Umkehrung dieses Trends hin zur Nationalisierung, indem wir globale Ko munikation und den Aufstieg des Englischen als internationale Verkehrssprache erleben. Febvre und Martin glauben allerdings, dass ungefähr 77% der Bücher, die vor 1500 gedruckt wurden, immer noch auf lateinisch waren, wobei religiöse Schriften immer noch überwogen. Schrittweise bahnte sich der Weg für säkulare Bücher und andere Sprachen, aber “erst im späten 17. Jahrhundert wurde das Lateinische schließlich verworfen und durch die anderen Landessprachen sowie das Französische als Sprache der Philosophie, Wissenschaft und Diplomatie ersetzt. Jeder gebildete Europäer der damaligen Zeit musste französisch können.” Sie schätzen, “dass in Europa vor dem Jahr 1500 etwa 20 Millionen Bücher gedruckt wurden, und dass im 16. Jahrhundert etwa 150 bis 200 Millionen Drucke erschienen. Das ist eine konservative Schätzung und vermutlich ist die tatsächliche Zahl deutlich höher.” Das ist sogar noch beeindruckender, wenn wir uns daran erinnern, dass das Europa jener Tage weit dünner bevölkert war als heute und dass nur eine Minderheit lesen konnte. Es fand damals ganz offensichtlich ein Wandel statt, und zwar ein rasanter, verglichen zu der langsamen, teuren und manchmal auch inexakten Methode, jedes einzelne Buch per Hand zu kopieren.
    Der Buchdruck beeinflusste auch Ostasien stark, aber er löste dort nicht die gleiche Revolution aus wie im Westen. Der Buddhismus kam über China und Korea nach Japan, und buddhistische Mönche brachten neben Tee und damit den aufwändigen japanischen Teezeremonien noch andere Aspekte der chinesischen Zivilisation mit sich, unter anderem im 8. Jahrhundert den Buchdruck. Und doch druckten die Japaner bis zum späten 16. Jahrhundert ausschließlich buddhistische Schriften. Europa profitierte davon, einen vielfältigeren Buchhandel als China zu haben und auch von einem insgesamt stärkeren Wettbewerb ganz allgemein. Irving Fang führt aus: “Der Buchdruck hat das monolithische chinesische Reich nicht durcheinandergewirbelt. Die Einführung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts in Europa hätte möglicherweise auch wenig Fortschritt mit sich gebracht, wenn Europa nicht reif für den Wechsel gewesen wäre.” Ihm zufolge “kennzeichnete die Gründung der europäischen Universitäten ab dem 12. Jahrhundert das Ende des 700 Jahre andauernden klösterlichen Zeitalters. Das zunehmend säkulare Zeitalter, das folgte, erlebte den Aufstieg einer belesenen Mittelklasse und einen zunehmenden Bedarf an Büchern aller Art.”
    Der Buchdruck mit beweglichen Lettern wurde um 1040 von Bi Sheng in China erfunden, gewann aber niemals weit verbreitete Popularität. Die Natur der chinesischen Sprache mit ihrer nicht-alphabetischen Schrift erwies sich vermutlich auch als Hindernis dabei. Um diesem Dilemma zu entkommen, förderte der koreanische König Sejong der Große in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts die Buchproduktion und ordnete an, dass die Gelehrten im Gegensatz zu der chinesischen Schrift mit ihren Tausenden von Schriftzeichen ein Alphabet für das einfache Volk ausarbeiten sollten. Sie produzierten hangul – “koreanische Buchstaben”- , ein phonetisches System, das von anderen Alphabeten, unter anderem auch Sanskrit, inspiriert war. Buchdruck mit beweglichen Lettern und eine alphabetische Schrift waren also in Korea schon in Gebrauch, bevor Gutenberg damit begann, in Deutschland Bibeln zu drucken. Es gibt allerdings keine Indizien dafür, dass es Verbindungen zwischen dem gab, was in Korea geschah, und dem, was in Europa geschah. Die geographische Distanz war zu groß und der Zeitunterschied zu gering, um eine solche Verbindung für wahrscheinlich zu halten. Die Chinesen nutzten gebrannten Ton für ihre Lettern und begannen erst damit, metallene Lettern zu verwenden, als diese in Europa schon in Gebrauch waren. Gutenberg war von Beruf Goldschmied und benutzte daher naheliegenderweise Lettern aus Metall. Fang schreibt: “Was Gutenberg schuf und was in Asien nicht existierte, war ein Drucksystem. Das offensichtlichste unter seinen Elementen waren kontrollierte, exakt dimensionierte Lettern, die mittels Stempeln aus gehärtetem Stahl in weicheres Metall gestanzt wurden. Diese waren den Prägegeräten, Stempeln und Stanzen nicht unähnlich, die europäischen Lederverarbeitern, Metallschmieden und den Herstellern von Zinngeschirr bereits wohlbekannt waren.
    Obwohl sie nicht auszuschließen ist, wurde eine Verbindung zwischen der östlichen und westlichen Tradition des Buchdrucks allerdings niemals schlüssig nachgewiesen. Die unterschiedliche Beschaffenheit der beteiligten Systeme hat viele Historiker zu der Ansicht gebracht, dass sich der Buchdruck in Europa unabhängig von Asien entwickelt hat. Im Gegensatz dazu wissen wir aber mit hundertprozentiger Sicherheit, dass Moslems mit dem asiatischen Buchdruck vertraut waren. Die Mongolen ließen im 13. Jahrhundert eine Spur der Verwüstung in weiten Teilen Eurasiens hinter sich, aber ihr riesiges Reich eröffnete auch bisher nicht da gewesene Möglichkeiten zum interkulturellen Austausch. Wie der Gelehrte Thomas T. Allsen aufzeigt, bedeutet die Tatsache, dass man fremden Ideen ausgesetzt ist, nicht notwendigerweise, dass man sie annimmt. Lokale Gelehrte klammerten sich häufig an die überlieferte Tradition. Er benutzt Russland zur Zeit Peters des Großen als Beispiel dafür, wie manche Elemente dieser Gesellschaft sich allen Neuerungen fanatisch widersetzten, während andere enthusiastisch alles Fremde in die Arme schlossen. Allsen hat beschrieben, wie die Regierungsbehörden im Iran unter der Mongolenherrschaft versuchten, gedruckte Banknoten nach chinesischer Art einzuführen, aber trotz schwerster Drohungen am massiven Widerstand des Volkes scheiterten:
    “Gesichert ist, dass die islamische Welt eine aktive und dauerhafte Opposition zum Buchdruck mit beweglichen Lettern, der dem Europa des 15. Jahrhunderts und später entsprang, an den Tag legte. Diese Opposition, die sich auf soziale, religiöse und politische Überlegungen gründete, dauerte bis tief ins 18. Jahrhundert hinein an. Erst dann wurden Druckerpressen europäischer Herkunft im osmanischen Reich eingeführt und erst im darauf folgenden (19.) Jahrhundert verbreitete sich der Buchdruck in der arabischen Welt und im Iran. Dieser lang anhaltende Widerwille, dieses Desinteresse an der europäischen Typographie und das Versagen dabei, Nutzen aus den einheimischen Drucktraditionen der Ägypter zu ziehen, sprechen mit Gewissheit für eine Art grundlegender struktureller oder ideologischer Antipathie gegenüber dieser speziellen Technologie.”
    Ich bin definitiv kein Anhänger des technologischen Determinismus, aber manche Technologien haben größere Auswirkungen als andere. Eine der wichtigsten Erfindungen, die jemals gemacht wurden, ist der Buchdruck. Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass die wissenschaftliche Revolution in Europa nach der Einführung des Buchdrucks stattfand, so wie es auch kein Zufall ist, dass die Zivilisation, die einem vergleichbaren Durchbruch am nächsten kam, nämlich China, diejenige war, in der der Buchdruck zuerst erfunden wurde. Es ist wahrscheinlich, dass alleine die Ablehnung des Buchdrucks die islamische Welt gegenüber Nicht-Moslems um Jahrhunderte zurückgeworfen hat.
    David Crowley und Paul Heyer schreiben in Communication in History: Technology, Culture, and Society:
    “Die traditionelle Sichtweise war die, dass der Buchdruck zusammen mit anderen Entwicklungen den Übergang zwischen dem Mittelalter und der Morgendämmerung der Neuzeit kennzeichnete. Je mehr wir uns jedoch mit dieser bemerkenswerten Erfindung befassen, desto mehr wird uns klar, dass sie nicht nur ein Faktor unter vielen war. Auch wenn wir zögern, uns für historische “Zugmaschinen” auszusprechen, kommt die Druckerpresse jedoch dem, was mit diesem Ausdruck gemeint ist, sehr nahe. Sie war eine Technologie, die andere Technologien beeinflusste – ein Prototyp der Massenproduktion – und eine, welche die Welt der Ideen direkt beeinflusste, indem sie Wissen weit verbreitet verfügbar machte und dadurch einen Raum schuf, in dem neue Ausdrucksformen gedeihen konnten. Die Auswirkungen der Druckerpresse auf das Europa der frühen Neuzeit entstanden nicht auf eine inhärent deterministische Art und Weise. Sie waren vielmehr das Ergebnis der Existenz von Bedingungen, wobei der Buchdruck dafür sorgen konnte, dass sie gemäß ihres Potentials auch aufgenommen werden konnten.”
    Die Verbreitung des Buchdrucks in Ostasien war eng mit der buddhistischen Religion verknüpft, so wie er auch in Europa dazu genutzt wurde, Bibeln zu drucken. Doch während Buddhisten, Christen und Juden diese neue Technologie begierig annahmen, wiesen sie Moslems starrsinnig zurück. Der Kontrast ist frappierend, wenn wir das damit vergleichen, wie begierig Moslems eine andere chinesische Erfindung aufnahmen: Das Schießpulver. Schießpulver war nicht die erste chemische Substanz, die zur Kriegsführung benutzt wurde. Nach einer Legende wurde “griechisches Feuer”, eine zeitgenössische Feuerwaffe, im 7. Jahrhundert von Callinicus erfunden, einem Flüchtling aus dem arabisch eroberten Syrien. Es wurde erfolgreich zur Abwehr der arabisch-islamischen Belagerungen Konstantinopels in den Jahren 674 und 718 angewandt und half dem Byzantinerreich, so lange zu überleben, wie es überlebte. Seine Eigenschaften scheinen dem moderenen Napalm etwas zu ähneln. James R. Partington drückt in seinem Buch A History of Greek Fire and Gunpowder die Vermutung aus, dass es aus einer Mischung aus “Schwefel, Pech, gelöstem Salpeter und Petroleum bestand”. Der Begriff “griechisches Feuer” ist irreführend, weil die Byzantiner sich selbst als Römer bezeichneten. Die größte Revolution in der Geschichte der Kriegsführung kam jedoch mit der Erfindung des Schießpulvers. Nach Dr. James B. Calvert, einem Professor für Ingenieurswissenschaften, wurden “die grundlegenden Erfindungen des Schießpulvers und der Kanone um das Jahr 1300 gemacht, aber die Quellen sind rar und schwierig, auszuwerten und zu datieren und oft widersprüchlich. Die beste Vermutung ist die, dass die Erfindung des Schießpulvers schnell nach der Entdeckung des Salpeters durch chinesische Alchimisten um das Jahr 900 stattfand (d.h. nachdem ein Prozess zu seiner Reinigung entwickelt worden war) und über Handelsrouten und Reisende um das Jahr 1225 nach Europa kam, und dass die Kanone in Südeuropa noch vor dem Jahr 1300 erfunden wurde. “
    Eines der Probleme dabei, dies exakt zu bestimmen, ist, dass chinesische Schreiber genauso ethnozentrisch sein können wie westliche, manchmal sogar noch mehr. Es gibt Debatten darüber, ob das Schießpulver in mehreren Regionen unabhängig voneinander erfunden wurde, aber die meisten Historiker haben sich der Lehrmeinung angeschlossen, dass es zuerst in China hergestellt wurde. Schießpulver (Schwarzpulver) besteht aus Holzkohle, Schwefel und Kaliumnitrat – oder Salpeter – und war unmöglich herzustellen, bevor man nicht Salpeter mit hohem Reinheitsgrad herstellen konnte. Das war schon sehr früh eine Spezialität chinesischer Alchimisten. Die Entdeckung erreichte den Nahen Osten und Europa vermutlich über die Seidenstraße und wurde als “chinesischer Schnee” bekannt. Schwarzpulver blieb bis ins 19. Jahrhundert der vorherrschende Explosivstoff, bis die Entdeckung des instabilen Niroglycerins es dem schwedischen Chemiker Alfred Nobel ermöglichte, 1867 die stabilere Version Dynamit patentieren zu lassen und dadurch enormen Reichtum anzuhäufen, der später in die Stiftung für die verschiedenen Nobelpreise einging. Im 13. Jahrhundert erwähnen sowohl der englische Franziskanerbruder Roger Bacon als auch der deutsche Dominikanerbruder Albertus Magnus, beides Theologen und Wissenschaftler mit Interesse an der Alchimie, ein Rezept zur Schießpulverherstellung. Die mongolischen Eroberungen verbreiteten quer durch Eurasien die Kenntnis über die Feuerlanze, ein mit Schießpulver gefülltes Bambusrohr, das mehrere Projektile abfeuern konnte. Die Entwicklung dieser Waffe stagnierte aber in China. Gemäß James B. Calvert ist “Zeit und Ort der Erfindung der Kanone unbekannt, aber ihre Entwicklung aus der Feuerlanze unter Türken, Arabern und Europäern wird kaum angezweifelt. (…). Der früheste Einsatz der Kanone ist nicht gesichert bekannt, aber fand irgendwann zwischen 1300 und 1350 statt. Zwischen 1350 und 1400 verbreitete er sich rasant.”
    Kanonen wurden im Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England eingesetzt und türkische Moslems wandten 1453 erfolgreich Dauerbombardements mit einer massiven von einem Ungarn hergestellten Kanone bei der Eroberung Konstantinopels an, mittels der sie die Stadtmauern durchbrachen. Joel Mokyr, Professor an der Wirtschaftlichen Fakultät der Northwestern University und Autor des Buches The Gifts of Athena: Historical Origins of the Knowledge Economy, schreibt über Innovation und Wirschaftsgeschichte. Ihm zufolge (pdf) war Glas, obwohl es in China bekannt war, dort nicht sehr gebräuchlich, weil Tee aus Porzellantassen getrunken wurde und die Chinesen sich in polierten Bronzespiegeln betrachteten. Islamische Länder hatten eine bedeutende Glasindustrie, sie erfanden aber niemals die Brille: “Das Tokugawa-Japan hatte eine blühende Industrie, in der Glassschmuck und Verzierungen gefertigt wurden, aber auch dort entstanden bis zur Meiji-Restauration [ab 1867] keine optischen Instrumente. Dass sie keinen Zugang zur hellenistischen Geometrie hatten, die nicht nur Ptolemäus und Alhazen diente, sondern auch Italienern des 16. Jahrhunderts wie zum Beispiel Francesco Maurolico (1494-1575), der die Charakteristika von Linsen studierte, machten die Entwicklung der Optik für den Osten schwierig.” Die frühesten bekannten Linsen wurden aus Bergkristall, Quarz und anderen Mineralien hergestellt und wurden in östlichen und westlichen Ländern schon seit den Zeiten der Antike benutzt. Es gibt Hinweise darauf, dass Linsen in der griechisch-römischen Welt bekannt waren. Sie wurden Jahrhunderte lang als Brenngläser und Lupen benutzt und so genannte Lesesteine waren während des Mittelalters allgemein gebräuchlich, zum Beispiel die Visby-Linsen, zu Linsen geschliffene Bergkristalle hoher Qualität aus einem Wikingergrab in Gotland, Schweden. Die älteste, von der wir wissen, ist die Nimrodlinse, die im heutigen Irak gefunden wurde. Sie wird auf ein Alter von fast 3.000 Jahren geschätzt und weist darauf hin, dass die alten Assyrer ein gewisses Grundverständnis für Optik besaßen. Der Irak, Sitz der sumerischen, akkadischen und assyrischen Königreiche, ist die Heimat einer der ältesten astronomischen Traditionen der Welt. Die babylonische Astronomie hatte einen beträchtlichen Einfluss auf viele nachfolgende Kulturen des Nahen Ostens, Griechenlands und Indiens, und das (auf der Zahl 60 basierende) Sexagesimal-Zahlensystem der Sumerer hat uns bis heute nicht verlassen, es lebt in der Form der 60-Minuten-Stunde und der 360 Grad in einem Kreis fort.
    Der im Irak geborene Wissenschaftler Ibn al-Haitham, der im Westen unter dem Namen Alhacen oder Alhazen bekannt ist, hatte auf mehrere westliche Wissenschaftler einen machtvollen Einfluss. Alhazen war ein Pionier der wissenschaftlichen Methode, bei der Hypothesen auf systematischen Beobachtungen basieren. Am meisten wird seiner wegen seiner großartigen Beiträge auf dem Gebiet der Optik gedacht. Er sann über die Natur des Lichts nach, spekulierte über die Farben des Sonnenuntergangs und beschrieb die Eigenschaften der Lupe. Sein aus dem 11. Jahrhundert stammendes Buch der Optik wurde während des späten 12. Jahrhunderts ins Lateinische übersetzt und hinterließ auf Roger Bacon und andere Gelehrte des 13. Jahrhunderts einen großen Einfluss. Bacon wurde in Oxford erzogen und lehrte an der Universität von Paris, dem intellektuellen Zentrum der kleinen aber wachsenden Zahl europäischer Universitäten, über Aristoteles. Sein Lehrer, der englische Bischof und Gelehrte Robert Grosseteste, war ein Befürworter der Überprüfung von Theorien mittels Experimenten. Roger Bacon schrieb über viele Themen, einschließlich Optik, und gehörte zu den ersten, die sich dafür aussprachen, dass Linsen zur Korrektur von Fehlsichtigkeit benutzt werden könnten. Er behauptete dass “Philosophie die Provinz der Ungläubigen ist” und drängte Gelehrte dazu, arabisch zu lernen.
    Die Chinesen experimentierten auch mit Linsen und Spiegeln und stellten eine Art Sonnenbrille oder Brille mit farbigen Gläsern her. Es sieht jedoch so aus, als ob diese hauptsächlich dekorativen Zwecken dienten und keinerlei korrigierende Eigenschaften hatten. Die wissenschaftliche Optik stagnierte in China nach den anfänglichen Fortschritten. Die ersten voll entwickelten Brillen wurden in Europa hergestellt, und zwar in Norditalien ab dem späten 13. Jahrhundert. Der amerikanische Wissenschaftler und Erfinder Benjamin Franklin erfand im 18. Jahrhundert in den ersten Jahren der Vereinigten Staaten die Zweistärkenlinse. 1572 druckte Friedrich Risner einige von Alhazens Werke über Optik sowie auch ein ähnliches Werk des polnischen Ordensbruders Witelo aus dem 13. Jahrhundert, und machte damit Alhazen unter neuen Gelehrtengenerationen weit verbreitet bekannt. Erwähnenswert unter diesen war der deutsche Astronom Johannes Kepler. Der dänische Astronom Tycho Brahe, der 1601 starb, war vielleicht der exakteste Astronom der präteleskopischen Ära. In seinem letzten Lebensjahr gab Brahe seine Beobachtungen des Mars an Kepler weiter. Diese präzisen Notizen waren für Keplers Arbeiten über die Bewegung der Planeten bedeutsam, ein weiterer Durchbruch, der seine These belegte, stand jedoch kurz bevor.
    Als korrigierende Linsen für Kurzsichtigkeit ausgefeilter wurden, stieg auch der Bedarf nach Glaslinsen von hoher Qualität. In den Niederlanden des 17. Jahrhunderts hatte Baruch Spinoza ein gutes Auskommen als fachkundiger Linsenschleifer, während er an seinen philosophischen Theorien arbeitete. Das war während des Goldenen Zeitalters der Niederlande, als das Land zum Zufluchtsort für viele Gruppierungen wurde, die unter religiöser Verfolgung litten, wie zum Beispiel die (protestantischen) Hugenotten aus Frankreich. Spinoza war ein Nachkomme von Juden, die in Folge der Reconquista aus Spanien und Portugal vertrieben worden waren. Die Brillenherstellung eröffnete neue Felder auf dem Gebiet der Optik. Einem holländischen Brillenhersteller, Hans Lippershey, wird nachgesagt, er habe das erste gebrauchsfähige Teleskop gebaut und es ihm Jahr 1608 öffentlich zugänglich gemacht. Innerhalb weniger Monate nach dieser Neuigkeit baute der italienische Wissenschaftler Galileo Galilei sein eigenes Teleskop und wurde der erste Mensch, der diese neue Erfindung auf den Himmel richtete, wo er im Jahr 1610 die vier großen Jupitermonde entdeckte. Kepler entwickelte das Teleskop Galileis 1611 weiter und beschrieb die theoretischen Grundlagen der Teleskopoptik, teilweise von Alhazens Arbeit inspiriert. Das Teleskop war innerhalb von nur drei Jahren nach seiner Erfindung von den Niederlanden über Italien zu Kepler nach Prag gereist und wurde unterwegs verbessert, eine bemerkenswerte Geschwindigkeit bei der Neuerung und Wissensverbreitung. Sir Isaac Newtons Principia Mathematica aus dem Jahr 1687 und seine Grundgesetze der Bewegung und Schwerkraft wurden unter anderem von den Teleskopbeobachtungen Galileis und Keplers Gesetzen der Planetenbewegung abgeleitet.
    Der holländische Brillenhersteller Zacharias Janssen und sein Vater Hans gelten allgemein als die Erfinder des ersten Mikroskops im späten 16. Jahrhundert. Das Mikroskop wurde im 17. Jahrhundert von seinem Landsmann Antonie van Leeuwenhoek verbessert, der als erster Bakterien beobachtet hat und damit ein vollkommen neues Feld der Mikrobiologie eröffnete. Das führte wiederum zu großen Fortschritten in den Naturwissenschaften. Der deutsche Arzt Robert Koch und der französische Chemiker Louis Pasteur begründeten im 19. Jahrhundert die Wissenschaft der Bakteriologie. Das Wissen darum, dass Seuchen von Bakterien und mikroskopisch kleinen Keimen verursacht werden, zog die größten Fortschritte in der Geschichte der Medizin nach sich. Nach der freien Enzyklopädie Wikipedia wurden Lesesteine von dem Universalgelehrten Armen Firman (Abbas Ibn Firnas) in Córdoba im islamisch besetzten Spanien im 9. Jahrhundert erfunden und verbreiteten sich von da aus später durch ganz Europa. Wikipedia verkörpert sowohl die guten als auch einige der problematischen Aspekte des Internets. Ich habe dort schon mehr als einmal nützliche Informationen gefunden, aber es kann auch regelmäßig zu gewissen Themen unzuverlässig sein, was an seinen zahllosen Autoren und an dem Mangel professioneller Übersicht liegt. Lassen Sie uns für den Augenblick annehmen, dass diese Information korrekt ist. Falls ja, wie kommt es dann, dass die Linsen von Moslems nicht weiter entwickelt wurden? Das Teleskop und das Mikroskop waren Nebenprodukte der Fortschritte in der Brillenherstellung. Sie ermöglichten zum ersten Mal überhaupt das Studium dessen, was für das bloße menschliche Auge unsichtbar ist, und veränderten unser Verständnis des Universums auf radikale Weise, sowohl im ganz Kleinen als auch im ganz Großen. All das hätte in der islamischen Welt stattfinden können. Warum also fand es nicht statt, obwohl Linsen dort angeblich mindestens genau so früh bekannt waren wie in Europa und obwohl die Region einen begnadeten Wissenschaftler wie Alhazen hervorbrachte?
    Alhazen persönlich sollte man die Ehre erweisen, das er in jeder Disziplin der größte Wissenschaftler seiner Zeit war, und zwar im Osten wie im Westen, und doch wurde seine Wissbegier und seine wissenschaftliche Denkart von seinen Zeitgenossen nicht immer geschätzt. Ibn Warraq schreibt in seinem Buch Why I Am Not a Muslim, wie seine Schriften von seinen Mitmoslems aufgefasst wurden: “Ein Schüler von Maimonides, des jüdischen Philisophen, berichtet, dass er auf einer Geschäftsreise nach Bagdad erlebt hatte, wie die Bücherei eines gewissen Philosophen (der 1214 starb) dort niedergebrannt wurde. Der Prediger, der das Urteil vollstreckte, warf eigenhändig das astronomische Werk von Ibn al-Haitam [Alhazen] in die Flammen, nachdem er dort eine Beschreibung der Erde als Kugel vorgefunden hatte, die er als trauriges Symbol respektlosen Atheismus’ bezeichnete.”
    Alhazen schrieb zahllose Bücher, von denen die meisten heute verloren gegangen sind. Sein bahnbrechendes Buch der Optik ist uns in lateinischer Übersetzung erhalten geblieben. Moslems hatten somit durchaus Zugriff auf Ideen, aber sie versäumten es, sie zu schätzen und ihr Potential auszuschöpfen. Dieses Muster hat sich in mehreren Fällen wiederholt. Die ersten Windmühlen entstanden vermutlich in Persien vor der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert. Windmühlen wurden in Europa im Hochmittelalter spätestens ab dem 12. Jahrhundert eingeführt und sie verbreiteten sich rasant über Westeuropa und wurden dabei über lange Zeit hinweg ständig verbessert.
    Die Windmühle persischer Bauart verbreitete sich mit den mongolischen Eroberungen im 13. Jahrhundert von Zentralasien aus nach China, und doch teilte der führende arabische Ingenieur jener Zeit seinen Lesern mit, die Vorstellung, Mühlen können mit Wind betrieben werden, sei Unsinn. Sonnenuhren waren in Ägypten und anderen Zivilisationen schon seit prähistorischen Zeiten gebräuchlich. Wasseruhren datiert man auch auf die Antike und sie erreichten in der griechisch-römischen Welt einen gewissen Komplexitätsgrad. Die alten Griechen schufen Geräte, die einem Uhrwerk ähnelten, zum Beispiel den Antikythera-Mechanismus (aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert), der als mechanischer Computer bezeichnet wurde. Frühe Uhren (wenn auch nicht voll ausgereifte) wurden in Asien, speziell in China, angefertigt, und hätten im Nahen Osten bekannt sein können. Um das Jahr 800, beschenkte der Kalif Harun al-Rashid aus Bagdad Karl den Großen mit einer komplexen Wasseruhr mit Stundenschlag. 850 veröffentlichten die als “die drei Perser” bekannten Gebrüder Banu Musa im Rahmen der Übersetzungsarbeiten, die im Haus der Weisheit in Bagdad unternommen wurden, das Buch der genialen Geräte, in dem viele mechanischen Erfindungen aus früheren Kulturen beschrieben wurden. Sie interessierten sich für die Arbeiten des griechischen Ingenieurs Hero von Alexandria, der die erste bekannte Dampfmaschine entwickelte. Wiederum gibt es starke Belege dafür, dass Moslems sowohl das theoretische Wissen als auch praktische Beispiele zu ihrer Verfügung hatten, mechanische Uhren zu entwickeln. Obwohl sie größtenteils Zugriff auf dasselbe Wissen hatten wie christliche Europäer, entwickelten Moslems keine voll ausgereiften mechanischen Uhren. In Europa geschah das im 13. Jahrhundert. Die Erfindung verbreitete sich rasch durch Italien, Frankreich und England. 1286 wurde eine mechanische Uhr in die Alte St. Pauls Kathedrale in London eingebaut. Der englische Autor Geoffrey Chaucer aus dem 14. Jahrhundert erwähnte eine Uhr, ganz offensichtliche eine mit Stundenschlag. Man nimmt an, dass die älteste Uhr mit Stundenschlag die aus der Kathedrale von Salisbury war, die auf das Jahr 1386 datiert wird. Uhren waren anfänglich groß und wurden zur Dekoration öffentlicher Bauwerke benutzt. Um das Jahr 1500 wurde die Sprungfeder erfunden, die den Weg für kleinere Uhren ebnete. Die erste tragbare Taschenuhr in Form einer Kugel, die man wie ein Schmuckstück trug, wurde in Nürnberg, Deutschland, von dem Schlosser Peter Heinlein im Jahr 1505 gebaut. Der holländische Wissenschaftler Christiaan Huygens baute auf der Grundlage von Galileis Pendelgesetz 1656 die erste Pendeluhr, die wesentlich akkurater war als die vorhergehenden Modelle. Er erfand auch die Unruh und die Spiralfeder, die vielen modernen Uhren zugrundeliegen. Dem französischen Mathematiker Blaise Pascal wird nachgesagt, dass er die erste Armbanduhr konstruiert hat, indem er seine tragbare Uhr mit einem Band an seinem Handgelenk befestigt hat.
    Ich behaupte nicht, dass die islamische Welt überhaupt keine wissenschaftlichen Errungenschaften hervorgebracht hat. Avicennas Kanon der Medizin wurde im 12. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt und noch im 16. Jahrhundert schrieb Vesalius eine Dissertation, in der er sich auf Rhazes bezog. Es ist nicht möglich, die Geschichte der westlichen Medizin dieses Zeitalters zu schreiben ohne nahöstliche Ärzte wie Avicenna und Rhazes zu erwähnen. Was ich hingegen behaupte, ist, dass die Zahl der Errungenschaften beständig abnahm und dass ich nicht sicher bin, wie viel von den Errungenschaften, die tatsächlich hervorgebracht wurden, dem Islam zuzuschreiben sind. Moslems gelang es nicht, Uhren und Brillen zu entwickeln und sie standen dem Buchdruck aktiv feindselig gegenüber, übernahmen aber Schießpulver und Feuerwaffen umgehend (obwohl die Weiterentwicklung der letzteren später auch stagnierte). Ich glaube, dieser hochselektive Blick auf die Technologie sagt etwas über ihre Mentalität aus: Sie sahen den Wert, der im Buchdruck lag, nicht, aber sie liebten Schießpulver, weil es dazu gebraucht werden konnte, Nicht-Moslems zu terrorisieren und einzuschüchtern. Ungläubige Technologie ist in erster Linie dann interessant, wenn sie dazu benutzt werden kann, andere Ungläubige damit in die Luft zu jagen. Leider bin ich nicht sicher, ob sich die islamische Mentalität in den vergangenen 800 Jahren signifikant geändert hat. Während der letzten paar Jahrzehnte haben die Globalisierung, die islamische Einwanderung in den Westen und der massive Einfluss der Petrodollars auf islamische Länder mit großen Ölreserven es Moslems ermöglicht, Technologie zu erwerben oder zu kaufen, zu deren Entwicklung sie selber nicht in der Lage sind. Das Resultat dessen, zusammen mit einer enormen Bevölkerungsexplosion, die wiederum auch durch medizinische Errungenschaften der Ungläubigen begründet ist, war eine Flutwelle des Dschihad, die über die ganze Welt schwappt. Die Lektion für Nicht-Moslems sollte die sein: Wenn man Moslems Technologie und Know how zugänglich macht, wird das nicht dazu genutzt werden, friedliche und wohlhabende Gesellschaften zu schaffen; es wird dazu genutzt werden, einen zu töten und zu unterwerfen.
    Wie der Autor Bassam Tibi schreibt, neigen Moslems heute dazu, Wissenschaft als etwas von der Gesellschaft Abgetrenntes zu betrachten; sie glauben, dass sie moderne Wissenschaft und Technologie übernehmen oder sich aneignen können, ohne den größeren Rahmen, der dazu gehört, auch anzunehmen. Ich stimme Tibi zu. Moslems verstehen Wissenschaft nicht als die Grundlage für technologischen Fortschritt – und Redefreiheit und rationale Kritik von allem und jedem einschließlich religiöser Lehren nicht als die Grundlage der Wissenschaft. Sie sprechen über Wissenschaft, als ob sie ein Gebrauchsartikel wäre, ein Fernseher oder ein PC, etwas, das Moslems früher “hatten” und dann “verloren” oder an Westler abtraten, die es ihnen “wegnahmen”. Daher fühlen Moslems auch keine Dankbarkeit für irgendetwas, was ihnen die ungläubige Wissenschaft zur Verfügung stellt, da die Wissenschaft ja ursprünglich “ihnen gehört hatte” und sie sich nur etwas zurückholen, was ihr rechtmäßiges Eigentum ist. Aber Wissenschaft ist kein Gebrauchsartikel; sie ist eine Methode, eine Art und Weise, die Welt kritisch und rational zu betrachten. Meiner Ansicht nach kommt dieses Versagen, den Zusammenhang zwischen Ursache – Wissenschaft und eine freie Gesellschaft – und Wirkung – technologischer Fortschritt – zu sehen, aus einem fundamentalen Fehler in der islamischen Sichtweise auf das Universum: Sie sehen keine Verbindung zwischen Ursache und Wirkung, weil ihre gesamte religiöse Weltsicht auf der Vorstellung basiert, dass alles den Launen Allahs unterworfen ist und dass es keine vorhersagbare Logik dahinter gibt. Wie Hugh Fitzgerald häufig ausführt, verhindert dieser resignierte Inschallah-Fatalismus (”Wenn Allah es will, dann wird es geschehen”) zu einem großen Teil Fortschritt jeglicher Art. Die ultimative Ironie und Tragik dabei ist, dass Moslems in ungläubige Gesellschaften ziehen, um die Gebrauchs- und Konsumartikel zu genießen, die dort produziert werden, und sich doch umgehend daran machen, die Bedingungen zu zerstören, unter denen diese Fortschritte ursprünglich erschaffen wurden – politische Freiheit und menschengemachte Gesetze.
    Mindestens zwei Bedingungen sind für die Schaffung einer erfolgreichen Nation notwendig: Die Fähigkeit, talentierte Individuen mit großen Ideen hervorzubringen, und die kulturelle und strukturelle Fähigkeit der Gesellschaft, das volle Potential dieser Ideen zu erkennen und sie zu nutzen. Die islamische Welt hat sich einige Zeit lang bezüglich der ersten Aufgabe halbwegs gut geschlagen, ist aber an der zweiten kläglich und konsequent gescheitert. Auch wenn sie gelegentlich begnadete Individuen hervorbrachte, neigten diese dazu, unorthodoxe Moslems zu sein oder – wie im Fall von Rhazen – dem Islam unverblümt feindselig gegenüber zu stehen. Die Häufigkeit, mit der sie Denker vom Format Avicennas und Alhazens hervorbrachte, nahm auch stetig ab. Das weist stark darauf hin, dass “islamische Wissenschaft” wenig mit dem Islam zu tun hat, sondern die Vermengung vorislamischen Wissens griechischer, indischer, persischer, jüdischer, assyrisch-christlicher und anderer Herkunft war. In dem Maß wie Moslems zahlenmäßig vorherrschend wurden und die islamische Orthodoxie sich etablierte, wurde dieses vorislamische Vermächtnis langsam ausgelöscht, wodurch die Wissenschaft sich in den Niedergang begab und sich nie wieder erholte. Dieses Versagen war eng mit der islamischen Feindseligkeit gegenüber Neuerungen und freiem Denken verknüpft. Im Gegensatz dazu zeigten sich die christliche und jüdische Religion aufgeschlossener gegenüber neuen Ideen. Zumindest waren sie nicht so aggressiv feindselig gegenüber der Logik wie der Islam und förderten sie in manchen Situationen sogar.
    Europa brachte viele talentierte Individuen hervor, was Europa jedoch letztendlich von der islamischen Welt und sogar dem nichtislamischen Asien jener Zeit abhob, war die außergewöhnliche Verbreitungsgeschwindigkeit von Ideen, egal ob einheimisch oder importiert, und die Geschwindigkeit, mit der weitere Verbesserungen gemacht wurden, wenn eine Idee erst einmal eingeführt war. Das ist auf eine Kombination aus mehreren Faktoren zurückzuführen: Eine erfolgreiche Heirat zwischen christlichen Lehren und dem griechisch-römischen Erbe während des Mittelalters und der Renaissance, die Fähigkeit, neues Wissen hervorzubringen und es durch die Ansammlung von Kapital und mit Hilfe einer dynamischen Händlerklasse in die praktische Anwendung umzusetzen, ein institutionalisierter Rahmen für die Gelehrtendebatte durch Universitäten mit einem bedeutsamen Maß an Forschungsfreiheit, die Annahme des Buchdrucks, der die Kommunikation vereinfachte und die Ansammlung von immer exakterem Wissen erleichterte, und last not least ein höherer Grad an Individualismus und politischer Freiheit, was freies Denken und nonkonformistische Perspektiven ermutigte und als Folge davon Neuerungen. Während ich das sage, muss ich zugeben, dass ich nicht mit ehrlichem Herzen sagen kann, dass dies heute die Merkmale Europas sind. Wir wurden immer belehrt, dass es einen grundlegenden Konflikt zwischen Religion und Vernunft gäbe, was eigentlich heißt, dass wir umso rationaler werden müssten, je weniger religiös wir werden. Westeuropa ist zur Zeit weniger religiös als es jemals war, ich sehe jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass wir dadurch vernünftiger geworden sind. Wir mögen keinen formalen Index verbotener Bücher haben, wie ihn die katholische Kirche über Jahrhunderte hinweg hatte, aber wir haben einen informellen Index verbotener Themen, der bei der Unterdrückung der freien Forschung und der Erstickung von Debatten gleichermaßen effektiv sein kann. Das wird heute nicht im Namen Gottes gemacht sondern im Namen der Toleranz und der multikulturellen Vielfalt, aber im Ergebnis ist es weitgehend dasselbe. Das Ende der Religion war daher kein Vorbote für ein Zeitalter der Vernunft; es führte in ein Zeitalter säkularen Aberglaubens und neuen Formen der Hexenjagd. Man kann viel Schlechtes über mittelalterliche Europäer sagen, aber wenigstens importierten sie keine Moslems in großer Zahl, während sie sich dabei selber für ihre Toleranz beglückwünschten. Säkulare Europäer tun das.
    Andrew G. Bostom bezieht sich immer wieder auf Julien Benda und sein 1928 erschienenes Buch The Treason of the Intellectuals und darauf, wie die Aufgabe objektiver Wahrheiten totalitäre Ideologien begünstigte, die zum 2. Weltkrieg führten. Bostom erkennt heute ein vergleichbares Versagen westlicher Intellektueller, die Geschichte des Dschihad zur Kenntnis zu nehmen. Wie es sich mir darstellt, war Benda ein bisschen zu antireligiös und antinationalistisch für meinen Geschmack, aber in anderen Dingen stimme ich ihm zu: Die Probleme, denen sich der Westen heute bei der Konfrontation mit dem Dschihad gegenübersieht, wurden durch ein Versagen unseres Bildungssystems, unserer Medien und in der Tat unserer gesamten Gesellschaft verursacht, das Ideal kritischen Denkens aufrechtzuerhalten. Wenn der Aufstieg des Westens mit politischer Freiheit, rationalem Denken, freier Rede und Universitäten, die für Forschungsfreiheit standen, verknüpft war, kann der Niedergang des Westens mit dem Niedergang derselben Faktoren verknüpft werden.
    Der Autor V.S. Naipaul ist der Ansicht, dass der Islam von Natur aus parasitär ist und Jagd auf die vorislamische Kultur in den eroberten Gebieten macht. Ich möchte hinzufügen, dass er auch die Sorte von Parasit ist, die den Wirt tötet. Ich habe keinen Zweifel daran, dass, wenn es den Moslems gelingt, Europa zu erobern, dies in der Zukunft als goldenes Zeitalter des Islam gepriesen werden wird. Aber es wäre kein goldenes Zeitalter des Islam, es wäre die Abenddämmerung Europas, so wie das frühere goldene Zeitalter die Abenddämmerung der christlichen, jüdischen, hinduistischen, zoroastrischen und buddhistischen Kulturen von Nordafrika bis Zentralasien war, und wie die viel gepriesenen Leistungen der “mittelalterlichen islamischen Wissenschaft” Echos der Vermächtnisse der Ägypter, Babylonier, Perser, Assyrer und Griechen waren. Ja, ich weiß, dass die Mogulkaiser wundervolle Architektur wie zum Beispiel das Tadsch Mahal in Indien hervorbringen konnten, aber es handelte sich dennoch um einen Sklavenstaat, der auf der Ausbeutung und Verfolgung von Nicht-Moslems basierte. Und ja, es kann auch Herrscher wie Akbar den Großen geben, mit seiner religiösen Toleranz und seinem kaiserlichen Garten mit Tausenden von Geparden, aber er war exakt deswegen tolerant, weil er nur dem Namen nach Moslem war. Jedem solchen Herrscher werden frommere Moslems nachfolgen, wie es auch [bei Akbar dem Großen] der Fall mit Aurangzeb war, der die Dschizya-Steuer für Ungläubige wieder einführte und Hindutempel zerstörte. Alles Gute, was in Ländern unter islamischer Herrschaft geschieht, geschieht im allgemeinen nicht wegen des Islams sondern trotz ihm, und die guten Dinge werden auch schnell im Namen der Scharia wieder rückgängig gemacht. Auf jeden Akbar werden immer mindestens ein Dutzend Aurangzebs kommen.
    Wir sind Zeitzeugen großer weltweiter Machtverschiebungen. Aus einer makrohistorischen Perspektive betrachtet, war China vor einem Jahrtausend die führende Zivilisation, wurde aber von Europa überflügelt. Ich glaube fest daran, dass Redefreiheit und politische Freiheit langfristige Auswirkungen haben und bin daher nicht sicher, ob es China gelingt, seine wirtschaftlichen Fortschritte aufrecht zu erhalten, wenn es nicht Reformen auf den Weg bringt. Ich bin auch nicht davon überzeugt, dass die Islamisierung Europas unvermeidbar ist, aber wenn der derzeitige Trend anhält, mag es sein, dass wir im 21. Jahrhundert eine Rollenverschiebung erleben werden: China wird aufblühen und Europa wird zerfallen. Allerdings könnte in der Zwischenzeit, wenn westliche Technologien und Europas angesammelter Reichtum in die Hände von Moslems gelangen, die Welt von Großbritannien bis Thailand in einem neuem Dschihad-Zeitalter versinken.

  7. Sorry für die Überlänge. Aber ich habe keinen Link gefunden. Auf der anderen Seite ist das Lesen an Ort und Stelle immer besser für einen Blog.

    • Danke verehrter Bazillus, wie immer sind Deine wertvolle Kommentare eine Ergänzung zu unseren Artikel! Und auch wenn sie mal etwas länger sind. Man muss sich die Zeit nehmen, um sich weiter zu bilden und nicht innerhalb paar Sätze alles wissen wollen.

  8. Pingback: Abu Moslem Khorasani und seine Epoche | Pârse & Pârse پارسه و پارسه

  9. ..als ergänzung -wenn auch länger gehört schon auch das gesagt..! ansonsten wärs schon etwas einseitig und nur auf ein land bezogen..

    Koranschulen sind die einzigen “Wissenschaftszweige” des Islam

    Tarif ibn Malik erteilte 711 n. Chr. einem überwiegend aus Berbern bestehenden Heer den Befehl, nach Gibraltar überzusetzen. Nach zügigem Vormarsch kam es zur Entscheidungsschlacht am Guadalete gegen die Westgoten, in deren Verlauf deren König Roderich fiel. Der moslemische Sieg führte zur raschen Eroberung weiter Gebiete und zur Besetzung der westgotischen Hauptstadt Toledo. Die Überschreitung der Pyrenäen unterblieb zunächst und wurde 732 n. Chr. in einer Schlacht zwischen Tours und Poitiers durch Karl Martell, dem Hammer, gebremst. Dieses Zusammentreffen führte dazu, dass die Vorstöße der Araber ins Frankenreich endeten. Die Herrschaft Jusuf al-Fihris, des Statthalters von Andalusien, endete, als ein Mitglied des von den Abbasiden verfolgten Hauses der Omayyaden Anhänger gewann, 756 n. Chr. Jusuf bei Cordoba schlug und ein omayyadisches Emirat ausrief. Emir Al-Hakam I musste 818 n. Chr. in Cordoba eine Revolte blutig niederschlagen, deren Ausgangspunkt in der Vorstadt jenseits des Guadalquivir lag und die er dem Erdboden gleichmachte. Cordoba war zu dieser Zeit mehrheitlich von Christen bewohnt, aber diese Dominanz begann in Stadt und Land zu schwinden und führte zum Verblassen der lateinischen Kultur. Cordoba wurde 1236 n. Chr. von König Ferdinand III, dem Heiligen, zurückerobert. Nachdem 1485 n. Chr. Ronda, 1486 n. Chr. Loja und 1487 n. Chr. Malaga von den Katholischen Königen Isabella I von Kastilien und Ferdinand II von Aragon zurückerobert wurden, fiel 1492 n. Chr. als letzte moslemische Bastion in Spanien die Stadt Granada.

    Aneignung fremden Wissens

    Bis zur islamischen Invasion blieben viele der in der Antike berühmten Bildungsstätten in Betrieb, z. B. in Alexandria und Antiochia, wo überwiegend christliche Gelehrte tätig waren. Es wurden die Klassischen und in Persien auch die Indischen Wissenschaften gelehrt. Ein Arzt aus dem Umfeld des Propheten, Al-Harith ibn Kalada, soll der Überlieferung nach dort studiert haben.
    Üblicher Lehrort für islamisches Wissen waren die Moscheen; dort trugen die Lehrer ihren Studenten den Stoff vor. Nach der Beendigung ihrer Studien erwarben die Hörer die Befähigung zur Weitergabe des erworbenen Wissens. Es war üblich, dass sich Mäzene engagierten und Schulen stifteten, die im Arabischen Madrasa genannt werden. In der islamischen Welt sind noch heute Medresen aus den unterschiedlichen Epochen erhalten. Eine bekannte Moscheeschule hat eintausend Jahre überdauert, nämlich die Azhar in Kairo. Sie wurde von den schiitischen Fatimidenkalifen nach der Eroberung Ägyptens im 10. Jahrhundert gegründet. Unter der späteren Dynastie der sunnitischen Ayyubiden musste sich die Azhar diesen Herrschern religiös unterordnen.

    Neben diesen Lehrstätten mit streng islamischer Ausrichtung existierten wenige Schulen, welche die sogenannten fremden Wissenschaften zum Gegenstand hatten. Diese Schulen eigneten sich aus persischen, syrischen, griechischen und indischen Quellen die notwendigen Kenntnisse an. Der Kalif Harun al-Raschid, der bis 809 n. Chr. regierte, errichtete in Bagdad die sogenannte Bibliothek der Weisheit, in der fremdsprachige Schriften gesammelt und ins Arabische übersetzt wurden. Sein Sohn, der Kalif Al-Mamun, errichtete das berühmte Bait al-hikma, das Haus der Weisheit. Auch hier übertrug man überwiegend griechische Texte ins Arabische, u. a. aus den Bereichen Mathematik, Astrologie und Medizin. Unter dem Kalifen Al-Mutawakkil musste das Bait al-hikma die Lehrtätigkeit einstellen, da der Kalif von der Mutazilia, der rationalistischen Strömung des Islam, abrückte und zur konservativen Linie zurückkehrte. Die sogenannten profanen fremden Wissenschaften wurden nun streng abgelehnt. Die Geschichte der islamischen Lehrstätten zeigt, wie kurzlebig sie häufig waren und wie mit dem Tod eines Herrschers oftmals ein ideologischer Umschwung einherging.

    Cordoba

    Cordoba am Guadalquivir, das römische Corduba, war ursprünglich die Hauptstadt der Provinz Baetica. Die plündernden Araber und Berber des Tarik eroberten die Stadt 711 n. Chr. und zerstörten das iberische Westgotenreich. Ab 716 n. Chr. residierte der Stellvertreter des Gouverneurs von Kairouan in der Stadt; 756 n. Chr. wurde das omayyadische Emirat von Cordoba begründet. Die Orientalisierung des Lebens nahm damit ihren Lauf. Wegen der Unwirtlichkeit der islamischen Realität begannen im Jahr 850 n. Chr. die Christen Widerstand zu leisten und sollen in der Folge den Islam und seinen Propheten öffentlich beleidigt haben, was die moslemische Staatsgewalt mit der brutalen Hinrichtung zahlreicher Christen quittierte. 859 n. Chr. endete diese Widerstandsbewegung mit der Hinrichtung des Klerikers Eulogius.

    Cordoba genoss im christlichen Abendland hohes Ansehen. Hroswitha von Gandersheim gedachte der Stadt in ihren Werken. Kaiser Otto I, der Große, unterhielt zu der Stadt diplomatische Beziehungen. Der Hof des Kalifen Abd ar-Rahman III war ein Zentrum der damaligen europäischen Diplomatie. Berühmt war die Bibliothek Al-Hakams II mit ihren angeblich 400000 Handschriften. Die Behauptung, abendländische Christen hätten an den Lehrstätten Cordobas studiert und dadurch die islamischen Wissenschaften im übrigen Europa verbreitet, ist eine fromme Legende. Im Mittelalter waren allenfalls Mönche keine Analphabeten, denen aber die notwendigen Kenntnisse der arabischen Hochsprache fehlten. Außerdem befanden sich die islamischen Lehrstätten in Moscheen, die kein Ungläubiger, geschweige denn ein christlicher Mönch, betreten durfte.

    Aus Cordoba stammte der Historiker Ibn Haijan, der in zehn Bänden die Schriften seiner Vorgänger herausgab und ein angeblich sechzig Bände umfassendes Geschichtswerk schrieb. 1236 n. Chr. wurde Cordoba durch Ferdinand III, dem Heiligen und König von Kastilien, vom islamischen Joch befreit. Die Stadt hatte zu dieser Zeit ihre Blüte zwar längst hinter sich, fand aber trotzdem noch christliche Förderer.

    “Islamische Wissenschaft”

    Der Islam hat seit dem 8. Jahrhundert einen beachtlichen Teil des antiken Erbes aufgesogen, verarbeitet und darauf aufbauend eigene wissenschaftliche Leistungen hervorgebracht. Der christliche Mönch Gerbert von Aurillac kam in den Jahren 967 n. Chr. bis 969 n. Chr. in Kontakt mit islamischem Wissen. Nach seinem Aufenthalt in Spanien unterhielt er Beziehungen zur Benediktinerabtei Ripoll, welche erste Übersetzungen aus dem Arabischen ins Lateinische vornahm. Gerbert machte Europa mit den sogenannten arabischen Ziffern bekannt und verwies auf ihren indischen Ursprung. Dieser Vorgang deutet an, dass die Weitergabe arabischen Wissens dort geschah, wo moslemisches Gebiet von Christen zurückerobert wurde und die dort lebenden Christen, Juden und konvertierten Moslems als Träger der nun freien Wissenschaften auftraten.

    Der konvertierte Jude Petrus Alfonsi, eigentlich Moses Sefardi, hat dem europäischen Westen mit seiner Disciplina Clericalis eine Sammlung arabisch-jüdischer Erzählungen hinterlassen. Später wirkte er in Frankreich und England, wo er islamische Wissenschaften lehrte. In seinen Schriften legte er dar, dass nur wissenschaftliches Erforschen der Natur zu richtiger Gotteserkenntnis führt. Zur Zeit der Könige Ferdinand III und Alfons X begann in Toledo ebenfalls eine reiche Übersetzungstätigkeit. Christliche Spanier und Juden hatten Anteil an dieser Arbeit, die dem christlichen Abendland viele lateinische Werke zurückbrachte und das Gedankengut der griechisch-römischen Antike festhielt. Bedeutendster Vertreter dieser Zeit war Johannes Hispanus, der zwischen 1120 und 1160 n. Chr. wirkte. Später beteiligte sich Gerhard von Cremona an der Übersetzung der Autoren Al-Ghazali und Ibn Sina (Avicenna). Aristoteles wurde neu entdeckt und man begann seine Werke, sowie die des jüdischen Philosophen Maimonides (genannt Rambam) zu übersetzen. Diese Werke kamen Europa zugute und entfalteten dort ihre Wirkung. Alle damaligen Wissenschaften finden sich unter den übersetzten Werken, so z. B. Mathematik, Astrologie, Physik, Alchemie, Medizin, Philosophie und Werke der Geheimwissenschaften, wie etwa Magie. Die Erfindung des Buchdrucks führte zu einer europaweiten Verbreitung dieser Schriften. Konnten sich bisher nur wohlhabende Ärzte den Kanon der Medizin von Avicenna leisten, so wurden Bücher jetzt erschwinglich.

    Der jüdische Philosoph und Arzt Maimonides (Ibn Maimun, genannt Rambam), musste seine Geburtsstadt Cordoba 1148 n. Chr. verlassen und erlangte in Ägypten Ehre und großes Ansehen.

    Der Begriff arabische Wissenschaften ist unscharf, da jene, die sie repräsentierten zumeist Angehörige der von den Arabern überfallenen und ausgeplünderten Völker waren. Präziser ist es daher von islamischen Wissenschaften zu sprechen, da auch die Sprache des Korans, das Arabische, Sprache der Wissenschaft wurde. Der Perser Ibn Sina (Avicenna) steht als Beispiel für einen Arzt und Gelehrten, ebenso der Universalgelehrte Al-Biruni, der 1017 n. Chr. unter Sultan Machmud zusammen mit weiteren persischen Gelehrten verschleppt wurde. Letzter großer Repräsentant der islamischen Wissenschaften im Reich der Mauren war der aus Cordoba stammende Ibn Ruschd (Averroes), dessen Koranfeindlichkeit ihn zum Opfer der orthodoxen moslemischen Theologen machte. Ibn Rushd verfasste philosophische, medizinische, mathematische und naturwissenschaftliche Werke, die griechische und arabische Kommentare mit berücksichtigten.

    So stand die ins Arabische übertragene griechische Wissenschaft in einem stetigen Gegensatz zum Islam, da in der Physik die aristotelischen, in der Astronomie die ptolemäischen und in der Medizin die galenischen Schriften dominierten. In Folge der Übernahme des griechischen Wissens ergaben sich Widersprüche zu den Aussagen des Korans und der Sunna. Erreicht wurde die Bewahrung des überlieferten antiken Wissens in übersichtlicher Form, woraus Bücher entstanden, wie der Al-kanun fi at-tibb, der Canon medicinae des Avicenna oder die Elemente der Astronomie des Bagdader Astronomen Al-Farghani. Die Astronomie wurde von der islamischen Orthodoxie zögerlich anerkannt, da mit ihrer Hilfe die Zeitpunkte der rituellen Gebete, Anfang und Ende des Fastenmonats und der Verlauf des Mondkalenders abgeleitet wurden.

    Mathematische Fortentwicklungen des griechischen Erbes betrafen z. B. die Auflösung von Gleichungen durch den persischen Mathematiker Al-Charismi, der auch das Rechnen mit indischen Ziffern im Dezimalsystem einführte. Eine Abhandlung über Dezimalbrüche verfasste Al-Kaschi, der zu jenen Gelehrten gehörte, die der primitive turkisierte Mongole Timur-Leng während seiner bestialisch-grausamen Raubzüge nach Samarkand verschleppte.

    Der Koran bietet keinerlei Vorstellung über die wahre Natur von Krankheiten; seine Hygienevorschriften verfolgten nur den Zweck, gesellschaftliche Verhaltensnormen zu schaffen, die sich von den bisherigen unterschieden. Dagegen konnten die Inder und Griechen schon ein Jahrtausend vor Muhammad beachtliche medizinische Fortschritte vorweisen. Im 5. Jahrhundert vor Christus legte Hippokrates den Grundstein der medizinischen Wissenschaft in Europa. Der im 2. Jahrhundert n. Chr. lebende Arzt Galen genoss am römischen Kaiserhof hohes Ansehen. Galen trug das bisher gesammelte medizinische Wissen zusammen und ergänzte es durch eigene Forschungen. Nahezu alle Ärzte orientierten sich an den Lehren und Methoden von Hippokrates und Galen.

    Mit dem Aufkommen des Christentums wurden die bereits existierenden Hospitäler häufig in therapeutisch nutzlose Kirchen umgewandelt. Die Kirchenväter lehrten, Krankheiten seien das Werk von Dämonen und verordneten nutzlose medizinische Gebete oder Bußen als Heilmittel gegen Krankheiten und Gebrechen. Eine medizinische Behandlung wurde weitgehend abgelehnt. Stattdessen kamen Wunderheilungen durch Reliquien in Mode. Klöster und Kirchen, die im Besitz von geeigneten Leichenteilen, Skeletten oder sonstiger Hinterlassenschaften waren, gelangten zu Reichtum. So existiert eine Schar von Heiligen, die bei bestimmten Leiden helfen soll, wie z. B. bei Hunde- und Schlangenbissen, Epilepsie, Gallensteinen, Fieber, Zahnschmerzen und bösen Hälsen. Im islamischen Umfeld übersetzte Ibn Ishaq die Werke des Hippokrates und Galens ins Arabische, was die Moslems erst in die Lage versetzte, auf dem Gebiet der Medizin einige Fortschritte zu erzielen.

    Die islamischen Philosophen Al-Kindi, Ibn Ruschd (Averroes), Ibn Sina (Avicenna) und Ar-Razi (Rhazes) waren auch Ärzte und zeigten auf diesem Gebiet bemerkenswerte Leistungen. Da sich religiöser Aberglaube nicht mit der Medizin verträgt, stellten die genannten islamischen Wissenschaftler die Gültigkeit etlicher Dogmen des Islam in Frage. Die arabischen Gelehrten priesen Ibn Sina als den Galen Arabiens, die islamischen Theologen verteufelten ihn aber als Kafir, als Ungläubigen. Auf ihr Betreiben hin ließ der Abbasiden-Kalif Al-Mustarschid die Werke Ibn Sinas vernichten. Der Islam untersagt das Sezieren menschlicher Leichen und lebender Tiere. Bis ins 13. Jahrhundert hatten die moslemischen Ärzte es nicht gewagt, dieses Tabu zugunsten des wissenschaftlichen Fortschrittes zu brechen. Somit konnten sie die Irrtümer Galens nicht korrigieren.

    Auf dem Gebiete der Optik konnten die Araber beachtliche Fortschritte erzielen. Hier sind die Entdeckungen Al-Hazens (Ibn Al-Haitham) zu nennen. In der Astronomie besaßen die Chinesen, Griechen, Hindus und Ägypter des Altertums weitaus mehr Kenntnisse, als die moslemischen Gelehrten zwei Jahrtausende später. Das koranische Bild des Universums ist sehr primitiv. Die Erde ist flach und ausgebreitet wie ein Teppich. Allah hat feststehende Berge darin verankert, damit sie nicht wackelt. Die Sterne sind nicht nur als Wegweiser für die Menschen erschaffen worden; Sternschnuppen werden von den Engeln als kosmische Wurfgeschosse eingesetzt, um Satan samt den bösen Geistern zu verjagen. Der koranische Entwurf über die Erschaffung der Welt ist aus den Schöpfungsmythen der Babylonier, der Perser und des Judentums zusammengesetzt. Allah hatte keinerlei Kenntnis von Galaxien, Schwarzen Löchern oder Relativität, geschweige denn von der Quantenmechanik. Entsprechendes gilt für die Dinosaurier oder die Kontinentaldrift. Der Koran ist aber für die Moslems Allahs unveränderliches Wort und damit die Wahrheit schlechthin. Jede ernsthaft und öffentlich geäußerte gegenteilige Ansicht kann die Anwendung der brutalen Scharia nach sich ziehen. Wie infantil und rückständig der koranische Denkansatz daherkommt, wird augenfällig, wenn man erkennt, dass ein Jahrtausend vor Muhammad den Griechen die Kugelgestalt der Erde bekannt war. Erst vierhundert Jahre nach der Entstehung des Islam entwickelten einige moslemische Gelehrte Interesse an Astronomie und Geografie. Das koranische Verbot der Darstellung von Menschen und Tieren in Malerei, Bildhauerei oder anderen künstlerischen Ausdrucksformen hat die Entwicklung einer bildenden Kunst in der islamischen Welt abgewürgt.

    Einer der Wissenschaftszweige, die im Islam gefördert wurden, war die Mathematik. So hat das Abendland von den Moslems das Dezimalsystem übernommen und die Ziffern indischen Ursprungs. Ein bedeutendes Ereignis für die abendländische Mathematik war die Einführung der ursprünglich indischen Null; diese wurde wegen ihrer Wirkung im Dezimalsystem von der Kirche zuerst als Werk des Teufels bezeichnet. Wie konnte eine Zahl ohne Wert eine andere Zahl im Wert verzehnfachen?

    Vom Ableben der islamischen Philosophie

    Das, was unter islamischer oder arabischer Philosophie verstanden wird, ist die Weiterentwicklung der von Aristoteles dominierten griechischen Philosophie. Arabisch wird sie genannt, weil die wissenschaftlichen Werke in hocharabischer Sprache verfasst wurden. Zur islamischen Philosophie gehört der Kalam, der Fragen zu Allahs Allmacht beinhaltet und dieser die menschliche Willensfreiheit gegenüberstellt. Repräsentanten dieser islamischen Philosophie waren Al-Kindi, die Lauteren Brüder von Basra und der persische Arzt und Philosoph Ar-Razi (Rhazes). Ibn Sina (Avicenna) goss im 11. Jahrhundert die aristotelisch-neuplatonische Metaphysik in eine neue Form. Sein unversöhnlicher Gegner war Al-Ghazali, der die Einheit zwischen religiöser Pflichtenlehre, spekulativer Theologie und Mystik anstrebte. In Spanien entwickelte sich die arabisch-islamische Philosophie in engmaschiger Verzahnung mit der jüdischen Philosophie. Ibn Badjdja (Avempace) wurde der erste Aristoteliker des islamischen Spaniens. Ibn Ruschd (Averroes) gewann als Kommentator des Aristoteles für die christliche Scholastik größte Bedeutung und lieferte die Thesen für die philosophischen Kontroversen des 13. Jahrhunderts. Unter dem wachsenden europäischen Einfluss versiegte die eigenständige arabisch-islamische Philosophie.

    Der Islam gründet sich auf seine Offenbarungsschrift und auf die überlieferten Weisungen und Handlungen des Propheten, die als Sunna bezeichnet werden. Die koranischen Formulierungen sind überwiegend das Ergebnis geschichtlicher Erfahrungen aus der Frühzeit des Islam. Dieser suchte anfänglich durch Einsicht in die göttliche Vernunft das Unfassbare seiner Offenbarung zu ergründen. Wo liegen aber die Grenzen der menschlichen Vernunft? Über den universalen Anspruch rationalen Denkens entbrannte zwischen den islamischen Juristen, Theologen und Philosophen ein noch heute schwelender Disput.

    In den geistigen Zentren des islamischen Imperiums bildete sich aus den offenbarten und überlieferten Rechtsquellen die Logik aus und zwar weitgehend so, wie sie die antiken griechischen Philosophen überlieferten. In der Verteidigung des Islams gegen seine Feinde und zur Begründung seiner Offenbarung sahen die frühen islamischen Theologen ein Anwendungsgebiet von Logik und Vernunft. Somit bildete die arabische Übersetzung der antiken Wissensquellen die philosophische Basis für eine weiter entwickelte islamische Wissenschaftslehre in Anlehnung an Aristoteles und Plotin. Plotin und seine Schüler sahen in der Schöpfung ein ewiges Ausströmen der ersten Ursache (Emanation). Die islamische Philosophie suchte anfangs den Gleichklang mit der Gemeinschaft der Gläubigen, wurde aber zusehends zu einer Religion für Gelehrte.

    Der Naturwissenschaftler Al-Kindi bewies im 9. Jahrhundert, dass mit der Philosophie das Bekenntnis des Islam, die Einzigeinheit Allahs, begründet werden konnte. Die Gesamtheit dessen was ist setzt eine erste Ursache voraus. Al-Kindi sah im Streben nach Wissen das höchste Ziel menschlichen Handelns, den Weg zum wahren Glück. Ein Jahrhundert später begründete Al-Farabi die Philosophie des Islams, indem er Offenbarung und Prophetie in den Kosmos und in die Erkenntnis einbezog.

    Als Modernisierer des philosophischen Islam-Weltbildes trat im 11. Jahrhundert Ibn Sina (Avicenna) auf und verfasste einen neuen Wissenschaftskanon. Er konkretisierte den bisher geführten Gottesbeweis theologisch. Alles bedarf danach einer ersten Ursache, die unbedingt notwendig ist, denn mit seiner ewigen Ursache koexistiert auch der Kosmos ewig. Gleichwohl zog sich Avicenna mit dieser Aussage den Zorn der islamischen Theologen zu. Wie kann sich eine ewige Welt mit dem Glauben an den allmächtigen, Einzigeinen Allah vertragen, der die Welt am Anfang erschuf und damit die Zeit in Gang setzte?

    So verfasste der orthodoxe islamische Theologe des 11./12. Jahrhunderts, Al-Ghazali, eine Schrift gegen Avicenna. Auch er stellte die Logik der Philosophen in den Dienst der islamischen Wissenschaft, wies aber die Kosmologie der Philosophen, die Lehre von der Ewigkeit der Welt, weit von sich. Al-Ghazalis Werk von der Haltlosigkeit der Philosophie hatte eine starke Wirkung. Angesichts der unermesslichen Weisheit Allahs wies er den absoluten Wissensanspruch der Philosophie zurück und unterwarf sie dem Willen dieses Allmächtigen und damit den Einschränkungen von menschlicher Vernunft und Moral. Die traditionalistische Bewegung des 11. Jahrhunderts für die auch Al-Ghazali stand, schränkte die Vielfalt der geistigen Auseinandersetzung ein. Die Hüter der islamischen Überlieferung verknüpften das islamische Recht und den Staat mit der Sunna, entwickelten eigene Methoden der Auslegung und verurteilten die souveräne Vernunft. Die islamische Rechtgläubigkeit hat somit in der Auslegung des Rechts ihre Rechtfertigung erhalten, Avicennas Idee von der Ewigkeit der Welt beseitigt und die klassische Philosophie entmachtet.

    Ibn Ruschd (Averroes, verstorben 1198 n. Chr.), Philosoph, Theologe, Jurist und Mediziner, hielt Aristoteles für das Beispiel, das die Natur erschuf, um die menschliche Vollendung in der Materie zu demonstrieren. Er verfasste zu fast allen Werken des Aristoteles einen Kommentar und sah als Hauptaufgabe die Rekonstruktion dieser ursprünglichen Philosophie. Seine rationalistische Position zielt auf die Versöhnung von Vernunft und Offenbarung. Als Antwort auf Al-Ghazalis Schrift über die Widersprüchlichkeit der Philosophen schrieb er die Widersprüchlichkeit der Widersprüchlichkeit. Seine Verteidigung des philosophischen Weltbildes gegenüber der Kritik Al-Ghazalis und seine Gleichsetzung des philosophischen Glaubens mit dem offenbarten Islam mündete in dem Credo: Der Wahrheit widerspricht die Wahrheit nicht! Zur islamischen Rechtswissenschaft bemerkte er in seiner „Entscheidenden Abhandlung“, dass gerade die rationale Forschung vom Koran gefordert sei. Wenn eine Aussage des Korans der Vernunft zu widersprechen scheint, soll der Wissende durch Umdeutung den komplexen Sinn suchen, welcher dem gemeinen Volk vorzuenthalten ist. Der lateinische Averroismus entwickelte daraus die Theorie der doppelten Wahrheit, welche die islamische Orthodoxie zu wütenden Protesten veranlasste. Ibn Ruschd galt im europäischen Mittelalter als maßgebender Kommentator des Aristoteles. Dante Alighieri benennt ihn in seiner Commedia ebenso. Moderne moslemische Intellektuelle fordern, im islamisch-philosophischen Diskurs an Ibn Ruschd anzuknüpfen. Dieser wirkte als Philosoph und Hofarzt unter dem Kalifen Abu Jakub Jusuf und wurde unter dessen Nachfolger 1195 n. Chr. wegen der angeblichen Islamfeindlichkeit seiner Lehren verbannt; seine Bücher verbrannte man öffentlich.

    Da die islamische Philosophie sich früh mit Aristoteles befasste, verfügte sie über einen Wissensvorsprung gegenüber dem lateinischen Westen. Averroisten hat es allerdings auch nur im Westen gegeben. Ein bekannter Averroes-Kritiker war Thomas von Aquin. Avicenna entwickelte den Aristotelismus in seiner neuplatonischen Fassung weiter und trennte Materie von Essenz. Gott verleiht demnach allen Formen nur ihre Existenz. Die Unterscheidung von Essenz und Existenz oder Wesenheit und Sein ging in die lateinische Scholastik ein. Avicennas medizinischer Kanon der Medizin löste die Klostermedizin durch wissenschaftliche Verfahren ab und blieb in Europa jahrhundertelang unbestrittenen.

    Evergreen Kreuzzüge

    Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in Europa eine Orientbegeisterung, welche in Mode, Architektur, Literatur und Kunst ihren Ausdruck fand. In der Literatur glänzten Namen, wie Pierre Loti, Theophile Gautier und Flaubert. Das Bild der Orientalin verklärte sich durch den Zauber der orientalischen Märchen zum Inbegriff der erotischen Haremsdame. Die Orientmalerei schätzte als eigenes Genre innerhalb der Kunst Motive in Form des türkischen Bades, des Sklavenmarktes und des Harems. Der Orient wurde zur großen Mode; Victor Hugo bemerkte, im Zeitalter des Sonnenkönigs habe man sich antik gegeben, jetzt sei das Orientalische an der Reihe.

    Verwunderlich ist, dass die arabische Welt noch immer mit Beduinen, Kamelen und orientalischen Gewändern verbunden wird, also aus dem Blickwinkel der Orientbegeisterung des 19. Jahrhunderts. Die Kreuzzüge warfen damals wie heute einen Schatten auf diese geschönte Sicht. Man behalf sich damit, die Kreuzzüge zu negieren oder die geschichtlichen Tatsachen der verklärten Sichtweise anzupassen.

    Unter Kreuzzügen werden die im Mittelalter von der Kirche gepredigten oder geförderten Kriege gegen Nichtchristen (z. B. heidnische Slaven) und Ketzer (z. B. Katharer) zur Einführung oder Restaurierung des christlichen Glaubens römischer Prägung verstanden. Im engeren Sinn bezeichnet man die von der abendländischen Christenheit geführten Kriege zwecks Rückeroberung der von den Moslems eroberten heiligen Stätten als Kreuzzüge. Ein Anlass für den Beginn dieser Züge war die Eroberung Jerusalems 1070 n. Chr. durch die türkischen Seldschuken, die damit verbundene Erschwerung der Pilgerfahrten ins Heilige Land und die Bedrohung des byzantinischen Reichs. Ein Kreuzzug war daher kein Krieg zum Zwecke der Bekehrung Andersgläubiger, sondern aus damaliger Sicht der rechtmäßige Versuch, zu Unrecht erobertes christliches Gebiet zurückzuholen. Nur eine anerkannte kirchliche Autorität, also der Papst, konnte einen Kreuzzug ausrufen. Dieses zu bestreiten bedeutet die Rechtfertigung jener islamischen Raubzüge, welche die nordafrikanischen christlichen Gemeinden und Kirchen vernichteten.

    Ein Grund für das erfolgreiche Predigen des ersten Kreuzzuges 1095 n. Chr. lag zweifelsfrei in der Person Al-Hakims, des dritten Fatimiden Ägyptens. Während seiner Regierung von 996 bis 1021 n. Chr. ging der bereits erschütterte Glaube an die Toleranz des Islams endgültig verloren. Der offenbar wahnsinnige Herrscher sah Allahs Wesen in seiner Person vollkommener präsent, als bei seinen Vorgängern. Früh erregte sein ungewöhnliches und unberechenbares Verhalten sowie seine strikte Askese Argwohn. Al-Hakim änderte die Gewohnheiten der Gläubigen und ließ strengste Gesetze verkünden, so z. B. das totale Verbot vergorener Getränke und aller populären Lustbarkeiten. Al-Hakim ließ die Astrologen verfolgen, verbot Männern den nächtlichen Ausgang und den Frauen den Ausgang überhaupt. Zuwiderhandlungen gegen seine Anordnungen zogen die Todesstrafe nach sich.

    Schließlich begann Al-Hakim im Jahr 1008 n. Chr. mit der grausamen Verfolgung von Juden und Christen. Er verbot ihnen Wein und Schweinefleisch, führte die entwürdigenden Kleidervorschriften wieder ein, nach denen Juden eine Glocke um den Hals tragen mussten und er verbot den Moslems jede Geschäftsbeziehung zu ihnen. Schließlich kassierte er die Besitzungen von Kirchen und Synagogen und zerstörte viele von ihnen. Al-Hakim legte seine blutige Hand sogar an die Kirche des Heiligen Grabes. Pilger brachten die Kunde von diesem unglaublichen Frevel nach Europa. Die grausamen Handlungen, über welche die Pilger berichteten, waren Jahre später bei der Predigt des ersten Kreuzzuges noch nicht vergessen.

    Nach der Rückeroberung Jerusalems 1099 n. Chr. zeigten sich die Kreuzfahrer wenig christlich und massakrierten die Bevölkerung rücksichtslos. Der Erfolg des 1. Kreuzzugs und die Rückeroberung Jerusalems mit der Schaffung von christlichen Staaten waren möglich, weil die damaligen islamischen Staaten des Vorderen Orients miteinander verfeindet waren. Trotz der gegenseitig zugefügten Grausamkeiten kam es später zu einem Miteinander zwischen Christen und Moslems. Zu den für Europa bedeutenden Entwicklungen in dieser Zeit gehört die Entstehung der geistlichen Ritterorden, wie z. B. der Ritterorden der Templer.

    Sultan Saladin, ein Kurde, schlug die Kreuzritter 1187 n. Chr. vernichtend, womit Jerusalem zurück an die Moslems fiel. Der Sultan ließ alle Kreuze von den Kirchen entfernen und tilgte sämtliche christliche Symbole am Felsendom und an der Al-Aksa-Moschee. Die bestimmende Figur des 3. Kreuzzugs war Richard Löwenherz; 1191 n. Chr. wurde die Hafenstadt Akko zurückerobert. Richard handelte mit Saladin einen dreijährigen Waffenstillstand aus, wodurch die Küste wieder christlich wurde und Jerusalem den Pilgern offen stand. Später schloss Kaiser Friedrich II mit Sultan Al-Kamil einen Vertrag, der den Christen einen Teil des Königreichs Jerusalem für zehn Jahre beließ. 1244 n. Chr. ging Jerusalem endgültig verloren. Die Kreuzzugsbewegung hat sich mit dem Fall Akkos, welches als letzte Bastion im Heiligen Land 1291 n. Chr. von den Moslems erobert wurde, erledigt.

    Wirksame islamische Einflüsse

    Der deutsche Kaiser Friedrich II pflegte in seinem italienischen Stammland, dem Königreich Sizilien, die islamische Kultur. Er verfasste eine berühmte Abhandlung über die Kunst mit Vögeln zu jagen; diese beruht auf arabischen Quellen.

    Eine Grundlage des europäischen wissenschaftlichen Denkens bilden die zwar ursprünglich indischen, aber sogenannten arabischen Zahlen. Wie umfassend der arabisch-orientalische Einfluss auf Europa war, ergibt sich aus den vielen arabischen Lehnwörtern in den europäischen Sprachen. Viele arabische Begriffe entstammen allerdings ihrerseits dem Persischen oder den indischen Sprachen.

    Häufig wird das Mittelalter als eine dunkle, rückständige Zeit beschrieben. Im islamischen Herrschaftsbereich wurden auch während des Mittelalters in den Naturwissenschaften bedeutende Leistungen erzielt. Einer Phase der Bewahrung der antiken Wissenschaften folgten eigenständige Fortschritte in Astronomie, Trigonometrie, Kartografie, Algebra, Alchemie und Mathematik. Moslemische Ärzte galten als die besten ihrer Zeit. Trotz kriegerischer Verwicklungen zwischen der moslemischen und der europäischen Welt kamen über Sizilien, Spanien und dem Nahen Osten wissenschaftliche Kenntnisse und Fertigkeiten in den Westen. Auch in der Kunst des Webens von Brokat- und Seidenstoffen sowie in der Metallverarbeitung waren die Moslems den Europäern überlegen. Die Bezeichnung Damaszener-Stahlklinge verweist auf ein berühmtes Zentrum handwerklicher Kunst, auf das syrische Damaskus.

    Seit dem 9. Jahrhundert zeigten sich in Europa Fortschritte in Wissenschaft, Technik und Kultur. Romanische und gotische Kathedralen offenbarten nicht nur prachtvolle Kunststile, sondern auch eine Weiterentwicklung der Technik. Schon Kaiser Karl der Große wies den Klerus an, Bildung zu vermitteln. Die Scholastik hat im Hochmittelalter, also im 13. und 14. Jahrhundert, naturwissenschaftlich orientierte Gelehrte hervorgebracht, z. B. Roger Bacon, Albertus Magnus und Wilhelm von Ockham. Es existierten bereits Brillen, Windmühlen und einfache Uhren. Hildegard von Bingen verfasste im 12. Jahrhundert eine Schrift über die Heilwirkung von Kräutern. Im 16. Jahrhundert wurden die wesentlichen europäischen Lebensbereiche erneuert. Die Antike erschien als das goldene Zeitalter, welches nun eine Wiedergeburt erlebte (Renaissance). Ad fontes, zurück zu den Quellen, war die Losung für die textkritische Untersuchung antiker Texte durch die Humanisten. Die dann folgende europäische Aufklärung und die Säkularisierung ebneten den Weg für die modernen Wissenschaften.

    Quelle
    Reconquista-Europa
    Autor:
    Lehrer L
    Bedeutende geisteswissenschaftliche oder technische Leistungen hat die islamische Welt seit vielen Jahrhunderten nicht mehr hervorgebracht. Mangels durchlebter Aufklärung ist der Islam versteinert und bekämpft in seinem heutigen Zustand jeden Reformansatz. Eine Änderung dieses statischen Zustandes käme einer Revolution gleich. Der technische und wissenschaftliche Rückstand des islamischen Kulturkreises gegenüber den Industrienationen ist uneinholbar. Der daraus resultierende Minderwertigkeitskomplex führt zur Rückbesinnung auf archaisch-abergläubische Formen des Islams.

    • Von diesem Al-Hakim habe ich auch schon mal gehört.
      Ein bizarre Gestalt, eine Gruppe glaubte sogar seine Inkarnation Gottes:

      Die Drusen, leben heute in Israel, Libanon und Syrien.
      Ich bin ja mal gespannt was die Drusen so im Jahre 2021 machen werden ;-)

      Die Drusen:
      Als Begründer der Religionsgemeinschaft gelten die beiden schiitischen Gelehrten Hamza ibn-Ali und Mohammed al-Darazi. Von Letzterem leitet sich die Bezeichnung Drusen ab. Sie entwickelten die theologische Lehre der Drusen, worin Kalif al-Hakim Bi-Amr Allah (985–1021) als Inkarnation Gottes gilt.[1]
      Kalif al-Hakim war der Herrscher der ägyptischen Fatimiden, einer schiitischen Dynastie, die nach Fatima, der jüngsten Tochter des Propheten Mohammed, benannt war. Die Fatimiden zählen zu den Ismailiten, ein Zweig der Schiiten, und betrachteten Ismael, einen Sohn des sechsten Imam, als ihren Erlöser. Der Tod des Kalifen im Jahr 1021 wird von seinen drusischen Anhängern als Übergang in einen Zustand der Verborgenheit verstanden, aus dem er nach 1000 Jahren wieder zurückkehren werde, um die Herrschaft über die Welt anzutreten.
      Die Drusen glauben an Reinkarnation und an weitere parallele Welten. Die Umstände der Geburt eines Menschen, seine Eltern und der Geburtshintergrund sind vorbestimmt und von Gott oder einem höheren Wesen allein entschieden. Entsprechend sind Missionierung oder Konvertierung nicht erlaubt. Diese werden als Verweigerung des Gotteswillens angesehen, bzw. als Fall einer niederen Intelligenz – des Menschen –, die versucht, eine höhere Intelligenz – Gott – zu belehren. In Worten der Drusen: „Ein Umhüllter darf den Umhüllenden nicht belehren. Das kann nur Gott entscheiden.“ Es besteht ein Grund dafür, weshalb Gott die Menschen in die verschiedenen Religionen so verteilte. Dieser Grund ist nicht etwas, mit dem sich der Mensch beschäftigen sollte. Der Mensch soll sich mit der Reinigung seiner Seele beschäftigen, um eine höhere Daseinsebene zu erzielen. Auf dem Weg zu diesem Ziel und durch viele Reinkarnationen, kann der Mensch viele Rollen bekommen und verschiedene Situationen erleben. Deswegen ist es eine grundlegende Sache für Drusen, andere Religionen zu akzeptieren, wie sie sind, da sie in der nicht vom Menschen zu beachtenden Struktur eine ähnliche Rolle innehaben.

  10. Pingback: Die Araber und ihr Problem: Jean-Marc Ayrault | Online-Magazin Pârse&Pârse پارسه و پارسه

    • Mein Prinz, schön Dich wiederzulesen :)

      In der Tat gab es Wissenschaftler und Übersetzer, die nicht nur Iraner waren, sondern wir haben auch Christen und Juden gehabt, die ihr Wissen und Können unter der islamischen Herrschaft niederschrieben.

    • Brague sagt: Fremdes aufnehmen, ohne dieses oder sich selbst zu zerstören, setze voraus, dass man mit sich selbst in Frieden ist.
      Frieden gefunden zu haben, bedeutet demnach, stabil zu sein.

      Erdogan sagte zu den Türken in Deutschland:
      “Assimilation ist ein Verbrechen!”
      Damit meinte er sehr islamisch: Bewahrt euch eure Identität, euren ‘Glauben’, euer Türkischsein; gebt euch nicht auf, vermischt euch nicht, geht nicht verloren!

      Da frage ich mich: Haben meine Vorväter ein Verbrechen begangen, dass ich nun nicht mehr wiedererkenne, wieviel Hugenotten-, Goten-, Sachsen-, Vandalen-, Merowinger-, und Sonstwas-Prägung in mir steckt?
      Nun, Deutschen fällts halt leicht, auf ihre Biologie nicht stolz zu sein.
      Was hat das auch mit Leistung zu tun, hab ich mir etwa meine Eltern ausgesucht?

      C-A-F-F-E-E,
      trink nicht so viel Kaffee,
      Nichts für Kinder ist der Türkentrank,
      schwächt die Nerven, macht dich blass und krank,
      Sei doch kein Muselmann,
      der ihn nicht lassen kann!

      Ist es ein Verbrechen, wenn ich Kaffee trinke, als wäre es die deutscheste aller Gewohnheiten?
      Ich lasse mir jedenfalls keine Islamophobia einreden, ich bin schon groß:

      Das heißt also, Frieden kann man sich nehmen lassen, oder sich behalten.
      Wenn das Fremde agressiv ist, ist das ‘Frieden bewahren’ schon ein Sieg.
      Nein-Sagen gehört zum Frieden dazu!
      Große und kleine Anfeindungen, Frechheiten und Frevel kommen immer wieder vor. Will man nicht zurück schlagen, dann muss man eine Engelsgeduld haben, Aufgeben, Abstumpfen (was aber auch eine Art Aufgabe ist) oder aber Zeichen und Grenzen setzen.

      Zeichen setzen wäre m. E. – besonders bei den großen Anfeindungen – das Mindeste.

      Belästigt ein Mann eine Dame, dann darf sie dem Mann eine Backpfeife verpassen, dass es nur so schallt. Und wenn das die Umstehenden hören, ist es besonders gut! Zeichen setzen ist zum Bemerken da!
      So ist das jedenfalls in unserer Kultur.

      Zeichen setzen kann auch ein Aufschrei sein.
      Nicht mit mir, nicht noch einmal, nicht mit uns, – nicht mit einem einzigen von uns!

      Ja, auch für Solidarität, Schutz und Voraussicht (kennen wir unsere Pappenheimer?) ist ‘Zeichen setzen’ nicht verkehrt.

      In Fortsetzung käme ich dann vom Zeichen setzen zum Regeln setzen, Grenzen ziehen.
      Wenn ihr uns immer wieder so und so kommt, dann wisset vorher, …

      Und nochmal fortgesetzt, wer Regeln nicht achten will, der kann auch Rechte verwirken. Auch Konsequenz ist nicht gegen Frieden.

      Nur: Das ganze sollte durchdacht sein!
      Früh genug! Das es uns nicht aufwirble und uns den Frieden stähle!
      Hier sollte das Abendland sich noch etwas Wissen erarbeiten!
      Der islamische Beitrag dazu wäre der Impuls.

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