Auf beiden Seiten der Ahnenschrift

Von: Esfandiyâr Âdine
Übersetzung: ©Fartâb Pârse

Im zwanzigsten Jahrhundert hatte sich die Schrift für Tadschiken zwei Mal nach politischen Veränderungen im Mittleren Osten geändert. Zum ersten Mal änderte sich die Schrift von persischer Schrift zur lateinischen Schrift; und das war im Jahre 1929 mit der Gründung der neuen tadschikischen Republik, die eine von den Republiken der ehemaligen UdSSR wurde.

Zehn Jahre später im Jahre 1939 ersetzte die kyrillische Schrift die lateinische Schrift, und seitdem wird die persisch-tadschikische Sprache in kyriller Schrift geschrieben. Die Bemühung, um auf die persische Schrift (oder die Ahnenschrift, wie die Tadschiken sagen) zu schreiben, begann vor dem Zerfall der UdSSR und der Unabhängigkeit Tadschikistans, und wurde zu einem Teil der Freiheitskämpfe. Im Jahre 1989 wurde nach einem Gesetzeserlass die tadschikische (persische) Sprache wieder die Amtssprache. Nach diesem Gesetz müsste im Jahr 1996 die bisherige Amtsschrift Kyrill der traditionellen persischen Schrift (die arabische Schrift) Platz machen. Aber nach einem Bürgerkrieg wurde die Stimme derer, die für die Änderung der Schrift waren schwächer, und somit verlor im Jahr 1994 die persische Sprache als Amtssprache ihre Gültigkeit vor der Verfassung.

Damit gab es keine Notwendigkeit, die Schrift in der persischen Schrift zu schreiben; einige Regierungsbeamte und Gegner der persischen Schrift hatten weiterhin auf die Schreibweise in Kyrill beharrt. Die tadschikischen Akademiker und Politiker führten und führen bis heute sehr heftige Debatten über die Schrift und Sprache. Einige Professoren wie Mohammadjân Šokuri und Doktor Tâher Abdojabbâr sind der Meinung: „Die ehemalige Sowjet Union änderte die Schrift auf Kyrill mit dem Ziel, die persischsprachigen Völker Ostasiens von den iranischen und afghanischen Völkern zu trennen“.

Diese Gruppe ist der Meinung, die Kyrillschrift hätte die Verbindung zu ihrer alten Kultur zerrissen und eine tiefe, kulturelle Identitätskrise herbei gerufen. Abgesehen davon, besitzen die Tadschiken keine große Anzahl an alten Büchern und Werken, nicht mal in Kyrillschrift. Z. B. Masnawi von Moulavi [Masnavi Ma’naviye Xodâygâne Balxi] wurde nicht mal nach der Unabhängigkeit in kyriller Schrift herausgegeben. Andererseits sind sie der Meinung, dass die gängige persische Sprache in Tadschikistan sich von der klassischen Pârsi Sprache weit entfernt und durch die russische und usbekische Grammatik ihre Feinheit verloren hätte.

Aber die Gegner der Rückkehr der traditionellen persischen Schrift kennen diese Schrift als arabische Schrift, die wiederum der arabischen Sprache zuzuordnen ist; die aber auch „den Iranern aufgezwungen wurde“ und ihre Schreibweise sei schwer zu erlernen. Diese Gruppe zählt unter anderen die paar Buchstaben auf, die nur der arabischen Sprache angehören, und der Mangel an der Schreibweise der kurzen, stimmhaften Laute ist das Problem beim erlernen der persischen Schrift.

Die Befürworter der Kyrillschrift sind der Meinung, dass das Erlernen der Kyrillschrift viel leichter sei und sie passe zu der Art und Weise der Aussprache „der jetzigen literarischen Sprache der Tadschiken“. Sie sind der Meinung, die Kyrillschrift sei leichter, weil in dieser Schrift jeder Vokal mit einem gesonderten Buchstaben geschrieben wird, und nicht wie bei den englischen, russischen und arabischen Sprachen und auch der persischen Schrift, dass ein Buchstabe mehrere Vokale bezeichnet und ein Vokal mit verschiedenen Buchstaben geschrieben wird.

Diese Gruppe glaubt, die Tadschiken würden mit der Kyrillschrift und durch die russische Sprache die weltweite und moderne Technik und Wissenschaft besser verstehen und nutzen; denn die Rückkehr zur persischen Schrift würde Tadschikistan „für mehrere Jahrzehnte nach hinten katapultieren“.

Die Debatte über die Änderung der Schrift zwischen den persischsprachigen Intellektuellen ist älter als die russische Revolution und die sowjetische Machtergreifung und hat ihre Wurzel in den Gedanken und Debatten der iranischen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts, die die Änderung der persischen Schrift in die lateinische Schrift forderten.

Obwohl die Mühe der iranischen Intellektuellen ihr Ziel nicht erreichte, hatte die sowjetische Regierung unter dem Vorwand „der Alphabetisierung der Völker“ diese Idee durchgesetzt.

Unter solchen Umständen geht der Kampf um die Wahl zwischen der Schrift der Ahnen und der Kyrillschrift in Tadschikistan weiter.

Quelle: jadidonline

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22 Gedanken zu “Auf beiden Seiten der Ahnenschrift

  1. Wie ist die Meinung der blogbetreiber hierzu? Ich glaube dass eine Schrift wie das arabische ungeeignet ist für sprachen mit vokalreichtum. Deswegen haben es z.b. Die Türken mit dem lateinalphabet vernünftig gelöst.

    • Ich bin auch für die Änderung der Schrift, aber auch nicht die Kyrillschrift sondern eine lateinische Schrift, mit der wir auch mal hier schreiben, und sie muss natürlich auch noch mit anderen lateinischen Zeichen für Vokale ergänzt werden. Die perso-arabische Schrift ist schwer zu lernen und man ist bis ans Ende seines Lebens dabei die Wörter und ihre Schreibweise zu lernen, weil die Vokale nicht geschrieben werden. Aus dem Grund trauen sich die Iraner nicht an die alte prosaischen Texte ranzugehen und sie zu lesen und sie geraten somit in Vergessenheit!

      • Verständlich!

        ich möchte mal einen Nicht-Muttersprachler sehen der das hier versteht:

        Fschrs Frtz’ fscht frsch’ Fsch’

        oder

        Dr Ptsdmr Pstktschr ptzt snn Ptsdmr Pstktschkstn

        • Den ersten konnte ich schon mit etwas Mühe entziffern, aber bei dem zweiten Satz zwar geraten und Potsdamer verstanden, aber den Rest nicht! Und danke, so siehst Du also, wie wir es mit der perso-arabischen Schrift zutun haben! Auch als Muttersprachler! Sehr gutes Beispiel.

  2. Zeigen tu ich ihn Euch nicht, aber seie Ergebnisse:
    “Fischers Fritze fischt frische Fische”
    und
    “Der Potsdamer Postkutscher putzt seinen Potsdamer Postkutschkasten”

  3. Um nochmal auf den Artikel zurückzukommen:

    ich sehe gerade dass dort “Ismoil Somoni” geschrieben steht. Ein Samanidenherrscher von dem die Blogbetreiber wahrscheinlich mehr wissen als ich.
    Der höchste Berg Tadschikistans ist nach ihm benannt. Früher hieß der Berg mal Pik Kommunismus und war der höchste Berg der Sowjetunion.
    Musste man in der Schule noch auswendig lernen :-)

  4. Lateinisch finde ich zwar auch gut um das Persische aufs Blatt abzubilden, aber es hat einen grossen Nachteil. Und zwar ist die lateinische Schrift sehr trocken und steril; man kann nicht damit elegant und geschwungen schreiben. Das geschwungene Schreiben ist da in Iran sowas wie ein Volksport und ausserdem will ich das nicht missen. Meiner Meinung nach wäre eine rein iranische Schrift wie die Pahlavischrift oder das Avestische viel besser. Weil dort kann man die Buchstaben so schwingen lassen wie man will und es wird ausserdem von links nach rechts geschrieben so dass es nicht zu einem Kulturschock kommt. ;-) Ausserdem befürchte ich, dass bei der Einführung der lateinischen Schrift es zu einem kulturellen Abriss kommt, da die Nachkommen die geschrieben Werke in iranischer Schrift nicht mehr lesen können.

    • Natürlich müssen die Experten sich all diese Gedanken machen und danach handeln. Aber mit iranischen Werken bin ich anderer Meinung, denn sobald eine geeignete Schrift entwickelt wird, werden diese Werke auch in diese Schrift transkribiert.

        • Hey, ich bin auch Linkshänderin! :D Leider ist meine lateinische Schrift ziemlich hässlich- mal ganz objektiv gesehen… besser wird’s beim Hebräischen, da kann sogar ich recht schön schreiben.

  5. Wie wäre es wenn man wieder die Alt Persische Keilschrift benutzen würde? Die Schrift wurde für die Persische Sprache entwickelt (vielleicht noch ein bisschen verändern). Oder eine Schrift für alle Persisch Sprachigen Länder damit es keine Probleme zwischen der Kommunikation gibt. Wenn man all diese Persischen Bücher in der persisch-arabischen Schrift in eine andere übersetzen würde, würde es Jahrzehnte dauern.

    • Das ist leider nicht nur Jahrzehnte lange Arbeit, sondern es werden mindestens zwei Generationen daran arbeiten, sich eine geeignete Schrift anzueignen! Die Milliardenkosten an Umwandlung in die neue Schrift auch eine Sache! Es gibt die beste und geeignetste Schrift dafür, die auch Pahlavi-Dindabire ist, aber ich würde nie rückwärts in die Zukunft gehen! Ich persönlich bin der Meinung, dass nun die lateinische Schrift die beste Lösung ist, es geben auch sehr viele Vokale und Konsonanten, die auch später entwickelt wurden wie ein i mit zwei Punkten darauf oder ein Y mit einem Minuszeichen in der Mitte. Wichtig ist, dass diese Buchstaben keine zusätzliche Kosten verursachen, wenn man eine Schreibtastatur (am PC) dafür entwickeln muss oder Softwaresprachen! Realistisch muss man sehen! Heute verwenden die Deutschen auch nicht mehr das Alphabet, was sie vor etwa 100 Jahren benutzten!

      Ist es nicht so?

      Und die Kyrillschrift würde ich am wenigstens verwenden und lernen wollen ;)

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