Liberalismus, das Kernproblem in Iran (3)

2. Teil dieser Reihe

von Eran

Der Liberalismus in Iran: Iran sollte zerschlagen werden

Der Machtkampf der Engländer und der Russen setzte sich fort. Im Frühjahr 1911 berief das persische Parlament den amerikanischen Finanzexperten Morgan Shuster als Schatzkanzler ein. Dieser führte eine Steuergesetzgebung nach westlichem Vorbild in Persien ein, und verhalf so dem noch jungen persischen Staat zu umfassenden Einnahmen. Um die Steuerforderungen des Staates gegenüber den Großgrundbesitzern durchsetzen zu können, gründete er eine eigene Steuerpolizei, die unter der Leitung eines ehemaligen britischen Offiziers stand. Die Großgrundbesitzer, die russische Darlehen hatten, wandten sich nun an Russland, das umgehend die Absetzung Shusters forderte. Da das Parlament sich dieser Forderung nicht beugte, marschierten russische Truppen in Persien ein, beschossen die Moschee in Mashhad und lösten das Parlament auf. Shuster gab sein Amt auf. Die konstitutionelle Bewegung in Persien war zum zweiten Mal durch Russland in ihrem Vorhaben gestoppt worden. Auch dieses Mal hielt sich Großbritannien an das 1907 geschlossene Abkommen und griff nicht in die politischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und Persien ein.

Es sollte bis Juni 1914 dauern, bis wieder Wahlen in Iran abgehalten werden konnten. Im August 1914 brach dann der Erste Weltkrieg aus, Großbritannien und Russland drängten Premierminister Hassan Mostofi, den Krieg gegen das Deutsche Reich und gegen das Osmanische Reich zu erklären. Dieser weigerte sich jedoch und erklärte stattdessen die Neutralität Irans. Im Oktober 1914 marschierten daraufhin russische und britische Truppen in Persien ein. Hassan Mostofi und Ahmad Schah Qadschar wollten die Regierung nach Qom verlegen, um sich dem britischen und russischen Einfluss zu entziehen. Nachdem dies von den Briten und Russen verhindert worden war, gründeten in Kermanshah einige Parlamentarier ein Nationales Verteidigungskommittee und riefen eine Exilregierung unter dem Vorsitz Reza Qoli Khan Nezam al Saltanehs (der bereits 1907-1908 Premier gewesen war) aus. Das Parlament hatte sich inzwischen aufgelöst. Die Briten setzten bei Ahmad Schah Qadschar die Ernennung von Abdol Hossein Mirza Farmanfarma zum Premierminister durch. Am 11. März 1917 fiel Bagdad in die Hände der Briten. Die provisorische Regierung des Iran und die persischen Gendarmen mit ihren deutschen und schwedischen Offizieren flohen aus dem Westen Irans nach Kirkuk. Die provisorische iranische Regierung unter Nezam al Saltaneh stellte ihre Tätigkeit ein. Aus den im Vertrag von Sankt Petersburg von 1907 festgelegten wirtschaftlichen Einflusszonen wurden im Verlauf des Ersten Weltkrieges nunmehr Besatzungszonen. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges war ein Viertel der iranischen Bevölkerung an den Kriegsfolgen zu Tode gekommen.

Zwischenzeitlich wurde das Amt des Premierministers sieben Mal neu besetzt. Die Briten versuchten nun ihre Vormachtstellung zu nutzen und drängten die iranische Regierung am 9. August 1919 zur Unterzeichnung des Anglo-iranischen Vertrages von 1919, mit dem Iran faktisch eine britische Kolonie geworden wäre.

Der anglo-iranische Vertrag von 1919 wurde am 9. August 1919 von Vertretern der britischen und iranischen Regierung unterzeichnet. Der Vertrag sollte die Grundlage der Beziehungen zwischen Iran und dem Vereinigten Königreich neu regeln. Der Vertrag kam auf Initiative des britischen Außenministers Lord Curzon zu Stande. Die Vertragsverhandlungen erfolgten in der Hauptsache zwischen dem britischen Botschafter in Teheran Sir Percy Cox und dem Premierminister Irans Hassan Vosough, Finanzminister Akbar Mas’oud und Justizminister und später Außenminister Firuz Nosratdoleh.

Der Architekt dieses Vertrages war Lord Curzon, der die Absicht verfolgte, Britisch-Indien (Anm.: Britisch-Indien war die Bezeichnung für das von 1858 bis 1947 unter direkter britischer Kolonialherrschaft stehende Territorium der Britischen Ostindien Kompanie) durch eine Kette von Satellitenstaaten, die vom Mittelmeer bis nach Indien reichen, zu sichern. Iran kam hierbei eine Schlüsselrolle zu. Sowohl die nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches neu geschaffenen Staaten Syrien und der Irak befanden sich unter britischer Kontrolle. Einzig Iran war noch weitgehend unabhängig und hätte zum Problem werden können. Hinzu kam, dass der 1907 mit Russland geschlossene Vertrag von Sankt Petersburg zur Sicherung der wirtschaftlichen Interessen der Briten in Iran nach dem Zusammenbruch des zaristischen Russlands hinfällig geworden war.

Curzon kannte Iran besser als jeder andere westliche Diplomat, da er das Land als junger Mann von 1889 bis 1890 bereist hatte, und seine Eindrücke in einem Buch Persia and the Persian Question zusammengefasst hatte. Für Curzon war auch klar, dass der seit Januar 1919 in Versailles tagende Friedenskongress, der den Friedensvertrag von Versailles ausarbeitete, den Briten keine Rechte in Iran einräumen würde. Der einzig gangbare Weg, die “persische Frage” zu lösen, war ein bilateraler Vertrag zwischen dem Vereinigten Königreich und dem Iran.

Ahmad Schah war von Beginn an gegen das Abkommen. Statt mit den Briten zu verhandeln, entsandte er gegen den Willen des Premierministers Vosough eine fünfköpfige Delegation nach Versailles zu den Friedensverhandlungen. Die Forderungen Irans bezogen sich hauptsächlich auf Reparationszahlungen, um einen Ausgleich für entstandene Kriegsschäden zu erhalten. Die geforderten Beträge waren recht bescheiden: So sollte Russland 1.000.000 Toman, die Türkei 500.000 Toman und Deutschland 20.000 Toman bezahlen, wobei damals 10.000 Toman etwa 3.500 britischen Pfund entsprach. Wider Erwarten wurde der iranischen Delegation die Teilnahme an der Konferenz verweigert. Der Leiter der Delegation, der damalige Außenminister Moshaver al Mamalek versuchte mehrfach vergeblich mit dem in Paris weilenden britischen Außenminister Arthur Balfour oder mit Lord Curzon in London zusammenzutreffen. Lord Curzon ließ ihm mitteilen, dass er weder ihn noch irgendein anderes Mitglied der iranischen Delegation empfangen werde, und dass niemand etwas für sie bei der Versailler Friedenskonferenz ausrichten könne. So reiste die Delegation unverrichteter Dinge wieder ab.

Ahmad Schah hatte in der Frage dieses Abkommens allerdings eine schwache Position. Um dem Wunsch der Briten, Hassan Vosough zum Premierminister zu ernennen, nachzukommen, hatte sich Ahmad Schah eine monatliche Zahlung von 5.000 britischen Pfund von der britischen Regierung zusichern lassen und ab August 1918 auch erhalten. Vosough hatte für die Gefälligkeit, dass er das Amt übernimmt, von der britischen Regierung eine monatliche Zahlung von 350.000 Toman gefordert, „um die Regierungsarbeit finanziell zu unterstützen“. Auch diesen Zahlungen stimmte das britische Außenministerium zu. Am 11. April 1919 verlangten Premierminister Vosough, Finanzminister Akbar Mas’oud und Außenminister Firouz Firouz, die als Quasi-Triumvirat die Regierungsgeschäfte leiteten, 500.000 Toman „in bar und ohne weitere Fragen zu beantworten“. Der britische Botschafter konnte die Summe auf 400.000 Toman oder 131.000 britische Pfund herunterhandeln, dann wurde das Abkommen unterschrieben.

Sowohl die britische als auch die iranische Regierung hielten die parlamentarische Bestätigung des Abkommens für eine Formsache, die man erst einmal nicht weiter beachten müsse. So wurde bei der Imperial Bank of Persia ein Konto eröffnet, auf das das Darlehen von 2.000.000 britische Pfund gut geschrieben wurde. Die Bestechungssumme von 131.000 Pfund wurde von dem Darlehenskonto abgebucht und an die Begünstigten ausgezahlt. Ende 1919 machten in Teheran jedoch Gerüchte die Runde, Premierminister Vosough und Mitglieder seines Kabinetts wären von den Briten bestochen worden. Nachdem Vosough im Juni 1920 zurückgetreten war und Fatholla Akbar Sardar Mansour Sepahdar Premierminister wurde, erhielt dieser die Kopie einer Quittung über 131.000 britische Pfund, unterzeichnet von dem damaligen Finanzminister Akbar Mas’oud. Nachfragen bei der britischen Botschaft bestätigten, dass diese Summe an Premierminister Vosough und Finanzminister Akbar Mas’oud sowie Außenminister Firouz Firouz gezahlt worden sei.

Mit der konstitutionellen Monarchie wurde Tür und Tor für die Liberalen in Iran geöffnet. Nunmehr mischte die aufstrebende Weltmacht USA in Iran ebenfalls mit. So musste am Ende die britische Regierung erkennen, dass nachdem die Umstände des Zustandekommen des Abkommens bekannt geworden waren, kein iranischer Politiker sich dafür im Parlament einsetzen würde. Auch die zusätzliche Bereitstellung von Bestechungsgeldern würde nicht weiterhelfen. Das Abkommen hatte den bereits angeschlagenen Ruf Großbritanniens gründlich ruiniert. Im Februar 1921 erklärte der neue Premierminister Seyyed Zia al Din Tabatabai, dass sich die Umstände inzwischen geändert hätten, unter denen das Abkommen ausgehandelt worden sei. Er plädierte dafür das Abkommen aufzuheben. Seyyed Zia ging noch einen Schritt weiter: Er fragte bei dem in Iran inzwischen legendären Amerikaner Morgan Shuster, der in den Tagen der konstitutionellen Revolution der damaligen Regierung als Schatzkanzler gedient hatte, an, ob er die Gründung einer Landwirtschaftsbank in Iran übernehmen wolle, die später die Aufgaben einer iranischen Nationalbank übernehmen würde, und damit die britische Imperial Bank of Persia ablösen würde.

Die Britische Vorherrschaft in Iran wurde nun durch die Ambitionen der Amerikaner in Frage gestellt, die ebenfalls Einfluss auf die politischen Entscheidungen in Iran nahmen. Demnach sollte Seyyed Zia US-Techniker beim Ministerium für Post- und Telegrafie anstellen, was die britischen Interessen ebenfalls betroffen hätte, da die Indo-Europäische Telegrafenlinie, die durch den Iran führte, in britischem Besitz war. Lord Curzon telegrafierte an den britischen Botschafter in Teheran, er möge Seyyed Zia mitteilen, dass er strikt dagegen sei, dass die iranische Regierung amerikanische Berater einstelle. Seyyed Zia blieb dann nur 100 Tage im Amt und es kam nicht mehr zur Anstellung von Morgan Shuster.

Der Nachfolger von Seyyed Zia, Premierminister Ahmad Qavām, hatte seinen zukünftigen Botschafter für die USA beauftragt, der US-Regierung mitzuteilen, dass die iranische Regierung aufgrund der mangelnden Popularität des anglo-iranischen Abkommens von 1919 entschieden hätte, keine britischen sondern US-amerikanische Experten als Berater einzuladen, und dabei behilflich zu sein, eine eigene iranische Nationalbank zu gründen. Ferner wolle man in den USA ein Darlehen von USD 5 Millionen aufnehmen, welches aus den Konzessionseinnahmen der APOC zurückgezahlt werden würde. Nun war es amtlich. Der anglo-iranische Vertrag von 1919 würde dem iranischen Parlament nicht zur Bestätigung vorgelegt werden. Das Abkommen war hinfällig geworden.

Der aufmerksame Leser hat hier verfolgt, wie zunächst der Qadscharen Schah, der die Unterstützung der Russen genoss, durch den Liberalismus entmachtet wurde. So sollten die Machtverhältnisse in einem Parlament und bei den Liberalen liegen. Demnach wurde das Amt des Premierministers laufend neu besetzt. Die Vormachtstellung der Briten wurde so dann durch die aufsteigende Weltmacht USA immer mehr verdrängt.

Der Britische Liberalismus forderte zu keinem Zeitpunkt Freiheit, insbesondere die Freiheit des Individuums vornehmlich gegenüber staatlicher Gewalt, wie es doch so romantisch definiert wird und auch nicht andere Werte wie Toleranz, Gerechtigkeit, Selbstbestimmungsrecht etc. Um aber bestehende Machtverhältnisse aufzureißen, wird gerne von der Freiheit des Individuums, vornehmlich gegenüber staatlicher Gewalt gesprochen. Und die Liberalen sind die Soldaten der Kräfte vor Ort, ohne gezwungen zu sein die eigenen Armeen einzusetzen. Dabei verfallen die Menschen, die sich nach Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz etc. sehnen, dem Liberalismus und bemerken nicht oder bemerken zu spät, dass sie nur ein Spielball, eine Marionette anderer geworden sind.

Walter Russell Mead ist Mitglied des einflussreichen “Council on Foreign Relations“ in New York, einer Privatorganisation, die sich mit amerikanischer Außenpolitik beschäftigt. Mead erklärte in einem Interview: „Der fünfte Punkt ist der hinterhältig-teuflischste von allen: Man fördert rund um den Erdball liberale Institutionen. Von allen bösen Dingen, die wir anrichten, ist dies – fürchte ich – das Schlimmste. Wir fördern liberale Institutionen aus zwei Gründen: Weil das unserer Ideologie und weil es unseren Interessen entspricht. Wenn man eine globale Handelsmacht ist, dann braucht man Länder mit einem stabilen Eigentumsrecht und einem transparenten Rechtssystem – sonst können die Händler keine Verträge schließen. Wir exportieren die liberale Demokratie also aus purem Eigennutz, nicht aus sentimentalen Gründen. Aber als die Royal Navy den Sklavenhandel bekämpft hat, da hat sie das wirklich und übrigens auch sehr effektiv getan.“

Europa sieht sich als Mittelpunkt der Welt. Absolutismus, Liberalismus, Kommunismus, Republik, Kapitalismus etc. sind europäische Ideologien und somit Lösungen für europäische Probleme, basierend auf die geschichtliche und gesellschaftliche Entwicklung in Europa. Der John Locke Liberalismus steht nicht für Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz, Gleichheit und Selbstbestimmungsrecht. Das sind vielmehr Werte, die die Iranische Seele widerspiegeln.

Der Liberalismus nach John Locke interessiert sich nicht für Nationen, für Völker, für Werte oder Kultur. Der britische Liberalismus verfolgt nur ein Ziel, das Anhäufen von Reichtümern, da Geld nach John Locke nicht „verdirbt“. Demnach wird vom Liberalismus der Nationalstaat abgelehnt. Divide et impera (lateinisch, dt. Teile und herrsche) ist die politische Strategie. Um aber bestehende Machtstrukturen aufreißen zu können, ungeachtet einer Bewertung, wird von Freiheit des Individuums gesprochen, insbesondere gegenüber der staatlichen Gewalt. Mit der Blume des Liberalismus und der attischen Demokratie als Speerspitze marschieren die Liberalen in fremde Länder, um sie zu unterwerfen und auszubeuten, also um zu liberalisieren.

Das Iranische Königtum

In Iran kann es im Grunde nur zwei Herrschaftsformen geben: Eine gute Monarchie oder eine schlechte Monarchie.

Die Qadscharen Dynastie war ohne Frage eine schlechte Monarchie. Aber auch die Islamische Republik ist, obwohl sie die Bezeichnung Republik enthält, in Wahrheit ein Beispiel für eine schlechte Monarchie. Die politische Führung in Iran wird nach Khomeinis Konzeption von Velayat-e Faqih (Herrschaft des obersten Rechtsgelehrten) übernommen. In Grundsatz 5 der iranischen Verfassung heißt es: „In der Islamischen Republik Iran steht während der Abwesenheit des entrückten 12. Imam – möge Gott, dass er baldigst kommt – der Führungsauftrag (Imamat) und die Führungsbefugnis (velayat-e-amr) in den Angelegenheiten der islamischen Gemeinschaft dem gerechten, gottesfürchtigen, über die Erfordernisse der Zeit informierten, tapferen, zur Führung befähigten Rechtsgelehrten zu.“

Im Turban vom Obersten Rechtsgelehrten des heutigen Seyyed Ali Khamenei, Khomeinis Nachfolger, ist somit in Wirklichkeit eine Krone verborgen. Die Pahlavi Dynastie steht auf der anderen Seite unter dem Strich für eine gute Monarchie.

Fortschritt brachte nicht ein in England entstandener Johne Locke Liberalismus, keine von liberalen durchgeführte Revolution und kein nach europäischer Vorstellung formierter Staat, sondern nur das Hochhalten einer Flagge auf der „Iran“ geschrieben stand und nicht „Liberalismus“.

Mit dem Liberalismus, die konstitutionelle Revolution von 1905, wurde in Iran der Separatismus gefordert. Nach dem Prinzip von „divide et impera“, welcher in der Hülle des Freiheitsgedanken verabreicht wird, sollte Iran zerschlagen und geteilt werden.

Das Land war gleichzeitig ohne Zustimmung der Iraner durch fremde Mächte in Wirtschaftszonen aufgeteilt worden, und die dem Staat zufließenden Einnahmen wurden für Zinszahlungen und Schuldentilgung der von den Qadscharen Königen aufgenommen Darlehen verwendet. Das ganze legitimiert durch die Liberalen in einem Parlament.

Zum ersten Mal seit der konstitutionellen Revolution standen jedoch mit Reza Khan die nationalen Interessen vor politischen Ideologien. Reza Khan leitete zunächst als Verteidigungsminister umfangreiche Armeereformen ein, an deren Ende nicht mehr wie bislang drei voneinander unabhängige militärische Verbände, sondern eine einzige iranische Armee stehen sollte. Als erstes formierte er aus der persischen Gendarmerie und der persischen Kosakenbrigade durch deren Zusammenführung den Kern der neuen iranischen Armee. Mit Einheiten der Kosakenbrigade ging er gegen Mirza Kutschak Khan vor, der im Norden Irans eine unabhängige Sowjetische Sozialistische Republik von Iran ausgerufen hatte.

Nach dem Sieg über Mirza Kutschak Khan im Dezember 1921 ging Reza Khan 1922 gegen weitere separatistische Bewegungen vor und besiegte in Aserbaidschan Esmail Simko [Simitqu], der im Westen Irans einen eigenständigen kurdischen Staat gründen wollte. Reza Khan forderte weitere Mittel, um auch gegen die Separatisten im Süden und Osten des Landes vorgehen zu können, und reichte am 7. Oktober 1922 seinen Rücktritt als Verteidigungsminister ein, als ihm diese Mittel verweigert wurden.

Am 26. Oktober 1923 wurde Reza Khan Premierminister. Ahmad Schah ernannte seinen Bruder, den Kronprinzen Mohammad Hassan Mirza, zum Regenten und reiste am 2. November 1923 nach Europa aus. Am 29. Oktober 1923 hatte Mustafa Kemal Pascha in der Türkei die Republik ausgerufen und das Kalifat abgeschafft. Am 20. April 1924 wurde die neue türkische Verfassung in Kraft gesetzt, mit der die Scharia abgeschafft wurde. Bereits am 20. Januar 1924 war in einer türkischen Zeitung ein Artikel erschienen, in dem die Staatsform der Republik auch für den Iran gefordert wurde.

Viele halten heute noch Reza Khan zu Gute, dass auch er eigentlich beabsichtigte in Iran eine Republik zu formen. Jedoch wird zu schnell übersehen, dass auf der einen Seite Iran nicht die Türkei ist. Die Türkei ist im Grunde ein künstliches Gebilde, das sich weder auf ein Königtum noch auf ein wahrhaftiges Fundament berufen kann. Sie ist aus dem Osmanischen Reich hervorgegangen, welches einen Sultan als Staatsoberhaupt hatte. Auf der anderen Seite blieben die Liberalen auch in Türkei nicht inaktiv. Die Jungtürken waren eine politische Bewegung im Osmanischen Reich, die seit 1876 illegal auf liberale Reformen und eine konstitutionelle Staatsform hinarbeiteten. Der Auslöser der Revolution der Jungtürken war das Treffen des britischen Königs mit dem russischen Zaren in Reval im Juni 1908. Die Jungtürken glaubten, dass mit diesem Treffen der Augenblick des endgültigen Niedergangs des Reiches gekommen war, den sie mit Einführung des konstitutionellen Systems verhindern wollten, was sich allerdings als Illusion herausstellte: gleich nach der Revolution proklamierte Österreich-Ungarn die Annexion Bosnien-Herzegowinas, Bulgarien erklärte seine Unabhängigkeit, Kreta vereinigte sich mit Griechenland, 1911 besetzte Italien Tripolis und schließlich begann im Oktober 1912 der verlustreiche Balkankrieg.

Der Liberalismus führte zum Verfall und zur Teilung des Osmanischen Reiches. Resultat war der künstliche Staat Türkei und andere mit Lineal gezogenen Staatsgebiete, die sich heute Syrien, Irak, Libanon, Jordanien, Ägypten und Israel nennen, die Maschrek-Länder.

Zugleich sei noch erwähnt, dass die Väter der türkischen Bewegung für liberale Reformen drei jüdische “Denker” waren: Arthur Lumley David (aus England), David Leon Cohun (aus Frankreich), Arminius Vambery (aus Ungarn). David versuchte die Türken davon zu überzeugen, dass sie den anderen orientalischen Rassen überlegen seien. Seine Werke wurden 1851 von Fu ad und Gowdad Pasa ins Türkische übersetzt. 1869 veröffentlichte Ali Sawa ein Buch über die glorreiche türkische Geschichte, das eine Imitation von Davids Schriften war. Auch Cohun propagierte die angebliche rassistische Überlegenheit der Türken und inspirierte die “Jungtürken”, bis 1908 eine Revolution begann. Vambery spielt eine etwas größere Rolle, denn er war nicht nur ein Propagandist, sondern auch mit vielen türkischen Staatsmännern und Politikern bekannt. Auf der arabischen Seite wurden ebenfalls rassistische Werke propagiert und somit die Grundlage einer Feindschaft geschaffen, die am Ende den Zerfall des Osmanischen Reiches zum Resultat haben sollte.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass als 1924 Premierminister Reza Khan, der spätere Reza Schah Pahlavi, dem neu gewählten Parlament die Abschaffung der Monarchie und die Errichtung einer Republik vortrug, ein Geistlicher, Seyyed Hassan Modarres, den parlamentarischen und außerparlamentarischen Widerstand gegen diesen Schritt organisierte. Die Geistlichkeit lehnte die Einführung einer Republik kategorisch jedoch nur deswegen ab, weil sie darin eine Säkularisierung der Gesellschaft und damit einen Verlust an Macht und Einfluss sah.

Reza Khan, der am 13. April 1924 erneut als Premierminister bestätigt wurde, setzte mit der Entmachtung Scheich Khaz’al ibn Jabir al-Ka’bi weiter die Interessen Irans durch. Der Scheich verwaltete die Provinz Khuzestan (damals noch Arabistan) weitgehend autonom und ohne viel Rücksicht auf die Entscheidungen der Zentralregierung in Teheran zu nehmen. Finanziell unterstützt wurde er von der britischen Regierung, lagen doch in Khuzestan die Ölquellen und die Anlagen der APOC. Reza Khan gelang es durch Einsatz der Armee und der im Aufbau befindlichen Luftwaffe, die Milizen des Scheichs so unter Druck zu setzen, dass sie kampflos aufgaben. Nach diesem Sieg war Reza Khan in seinem Amt als Premierminister unumstritten. Mit seiner parlamentarischen Mehrheit nahm er nun den Aufbau Irans zu einem Nationalstaat in Angriff. Am 1. April 1925 wurde das Gesetz zur Korrektur des offiziellen Kalenders verabschiedet. Die Monate, die bislang arabische oder türkische Benennungen hatten, trugen jetzt wieder die alten persischen Namen. Am 21. April wurde per Gesetz die erste staatliche iranische Bank, die Bank Artesh später Bank Sepah gegründet. Am 5. Mai 1925 wurde das Gesetz zur „Identität und persönlichem Stand“ verabschiedet. Alle Iraner waren nun verpflichtet, einen Nachnamen zu führen und sich bei den neu geschaffenen Meldebehörden registrieren zu lassen. Alle Iraner erhielten einen Personalausweis, in dem das Datum, der Name, das Geburtsdatum und der Familienstand eingetragen wurden. Alle Qadscharentitel, auch die die als Namensbestandteil benutzt worden waren, wurden ersatzlos gestrichen. Reza Khan selbst legte seinen bis dahin als Namensbestandteil benutzten Titel Sardar Sepah ab und wählte den Nachnamen „Pahlavi“. Am 22. Mai 1925 wurde das gesetzliche Zuckermonopol geschaffen. Auf Zucker wurde eine Steuer erhoben, mit der der Bau der geplanten Transiranischen Eisenbahn finanziert werden sollte. Am 8. Juni 1925 wurde die allgemeine Wehrpflicht mit einem Wehrdienst von zwei Jahren eingeführt. Auf Anweisung Reza Khans dienten zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte Irans die Söhne der reichen Nachkommen der Qadscharen und Stammesfürsten gemeinsam mit den Söhnen ihrer Diener und Bauern.

Die Arbeit von Reza Khan ist nicht hoch genug einzuschätzen. Er hat innerhalb kürzester Zeit mehr erreicht als die absolutistisch regierenden Qadscharen zuvor und das durch den Liberalismus und seiner Konstitutionellen Revolution geschaffene Parlament.

Fortsetzung folgt

4. Teil dieser Reihe

11 Gedanken zu “Liberalismus, das Kernproblem in Iran (3)

  1. Pingback: Liberalismus, das Kernproblem in Iran (2) | Online-Magazin Pârse&Pârse پارسه و پارسه

  2. “In der Islamischen Republik Iran steht … der Führungsauftrag und -befugnis in den Angelegenheiten der islamischen Gemeinschaft dem gerechten, gottesfürchtigen, über die Erfordernisse der Zeit informierten, tapferen, zur Führung befähigten Rechtsgelehrten zu.”

    Was ist, wenn es keinen gerechten Rechtsgelehrten gibt?
    Was, wenn er die Zeichen der Zeit nicht erkennt?
    Und die Befähigung zur Führung kann wohl nur beim Führer bewiesen werden.

    Wer die Macht hat, kriegt also das Recht dafür gleich mit dazu. Zumindest dieser eine Satz sollte ihm gelehrt worden sein, damit er Rechtsgelehrter ist.

    Wenn nun in der Iranischen Republik die Öffentlichkeit ihre Res Publica, also ihre eigene Sache in die Hand nimmt, und die Führung erfolgreich ergreift, beweist sie damit auch gleichzeitig ihre Befähigung und Tapferkeit und widerlegt ihrem Vorgänger, über die Erfordernisse der Zeit informiert gewesen zu sein. Gottesfurcht vorausgesetzt würde das also diesem 5. Verfassungsgrundsatz NICHT widersprechen.

    So ein Recht auf Widerstand haben wir in der deutschen Verfassung auch. Und auch hier wird man es praktisch vermutlich nur dann wirklich erfolgreich reklamieren können, wenn der Widerstand insgesamt ebenso erfolgreich war. (Man denke nur an Steuerverweigerung als Widerstand gegen den Ausverkauf unserer Demokratie an die Kapitalmärkte …)

    “The winner takes it all”, und ist danach um schöne Worte der Begründung nicht verlegen.
    Wenn die Liberalisten “Freiheit für die Individuen!” rufen meinen sie in Wirklichkeit nur “Freiheit für uns Lobbyisten” und bringen die übrigen Individuen in (finanzielle) Abhängigkeit, machen sie also unfrei.

    Mir war 1. Kor. 7,21 schon zweimal Wegweiser: “Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht; doch kannst du frei werden, so nutze es umso lieber.”

    Mögen liebe Menschen die Erfordernisse der Zeit erkennen!

    • Das Problem ist dass in einer islamischen Republik das Recht direkt aus dem Islam (Fiqh) kommt. Deswegen haben liberale Gesetzesgrundlagen wie wir sie kennen keine Chance.
      Zuerst muss man die islamische Republik abschaffen, dann kann man über alles weitere verhandeln.

  3. “Der Liberalismus führte zum Verfall und zur Teilung des Osmanischen Reiches. Resultat war der künstliche Staat Türkei und andere mit Lineal gezogenen Staatsgebiete, die sich heute Syrien, Irak, Libanon, Jordanien, Ägypten und Israel nennen, die Maschrek-Länder.”

    Kann man so nicht sagen. Es waren ganz klar imperialistische Interessen, koloniale Interessen, die dahinterstanden. Das hat mit Liberalismus erstmal nichts zu tun.

      • Nein waren sie nicht. Hier werden zwei Ebenen vermischt:

        Die liberalen Reformen in der Türkei waren notwendig weil dieses geschlechter- und religionsapartheidssystem namens Millet

        http://de.wikipedia.org/wiki/Millet-System

        auf den Scherbenhaufen der Geschichte gehörte.
        Das Problem ist natürlich dass dadurch die Nationalismen der unterdrückten Völker angeheizt wurden.

        Die Kriege gegen die Osmanen stehen auf einem anderen Blatt.

  4. Es wäre nicht schlecht gewesen wenn der Autor sich mit den verschiedenen Spielarten des Liberalismus auseinandergesetzt hätte.
    Das es letztendlich fast immer um Machtfragen geht hängt nicht mit der Ideologie an sich zusammen sondern darum welches System besser funktioniert und welches mehr Leute politisch erfolgreich und wirtschaftlich erfolgreich einbindet.
    Ob das nun in Europa, Amerika oder in China erfunden worden ist spielt keine Rolle.

    • “Die Arbeit von Reza Khan ist nicht hoch genug einzuschätzen. Er hat innerhalb kürzester Zeit mehr erreicht als die absolutistisch regierenden Qadscharen zuvor und das durch den Liberalismus und seiner Konstitutionellen Revolution geschaffene Parlament.”

      Ja, weil er westliche Konzepte kopiert hat. Wo wurde die allgemeine Wehrpflicht erfunden?
      http://de.wikipedia.org/wiki/Lev%C3%A9e_en_masse

      Der Liberalismus ist unabdingbar wichtig für das wirtschaftliche Wohlergehen einer Nation. Aber er muss in der Nation geborgen sein.

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