Liberalismus, das Kernproblem in Iran (5)

Teil 4 dieser Reihe

von Eran

Achnacarry und Red Line Abkommen

Die Rivalität zwischen dem Amerikaner Rockefeller und den Brüdern Alfred und Ludvig Nobel prägte von Anfang an die Erdölindustrie. Der Erste Weltkrieg wurde hauptsächlich dank der Öltransporte von Rockefellers Standard Oil Company (New Jersey) gewonnen.

Als der amerikanische Magnat 1916 von der Unterzeichnung des geheimen Sykes-Picot-Abkommens also von der britisch-französischen Aufteilung des Nahen Ostens erfuhr, dessen schwarzes Gold er ausbeuten wollte, setzte er die Lieferungen aus. Großbritannien und Frankreich hatten in einem Geheimabkommen, dessen Inhalt in den Wirren der Russischen Revolution von den Revolutionären ans Tageslicht gebracht wurde, die Aufteilung des Nahen Ostens vereinbart: Sykes–Picot Abkommen.

Das Abkommen wurde im November 1915 von dem französischen Diplomaten François Georges-Picot und dem Engländer Mark Sykes ausgehandelt und sollte die Interessen der beiden europäischen Staaten im Nahen Osten festlegen. Großbritannien wurde die Herrschaft über ein Gebiet zuerkannt, das insgesamt etwa dem heutigen Jordanien, dem Irak und dem Gebiet um Haifa entspricht. Frankreich übernahm die Herrschaft über die Südost-Türkei, den Nordirak, Syrien und den Libanon. Jede Vertragspartei konnte die Staatsgrenzen innerhalb seiner Einflusszone frei bestimmen. In Anbetracht der heute ersichtlichen Staatsgrenzen ist davon auszugehen, dass die Grenzziehungen im Abkommen gerade in Zusammenhang mit den vermuteten Erdöllagern und der zu erwartenden Transportwege des Öls entstanden waren. So besetzten die Briten beispielsweise später trotz anderweitiger Zusagen die Erdölregion Mossul.

Vor dem Ersten Weltkrieg verfolgten noch fünf bis sechs europäische Großmächte ihre Interessen im Nahen Osten, teilweise auch gegeneinander. Danach waren Russland, Deutschland und Österreich-Ungarn dazu nicht mehr in der Lage. Nunmehr war der gesamte Nahe Osten für mehrere Jahrzehnte uneingeschränkt britisch-französisches Einflussgebiet.

Unter der Leitung von Calouste Gulbenkian, ein vermögender britischer Ingenieur und Pionier der Ölforschung im Nahen Osten, wurde 1914 die Turkish Petroleum Company (TPC) mit dem Ziel gegründet, um vom Osmanischen Reich eine Konzession zur Ölförderung im Gebiet des heutigen Iraks zu bekommen. Die ursprünglichen Aktienanteile hielten Anglo-Persian Oil Company (BP) 50%, Anglo-Saxon Petroleum Co. (Royal Dutch Shell) 25% und Deutsche Bank 25%. Calouste Gulbenkian selbst bekam 5% (Mr. Five Percent).

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 stoppte alle Förderpläne. Zusammen mit den Ölquellen in Iran befand sich damit der gesamte Nahe Osten unter britischer Kontrolle. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die extrahierten Anteile der Deutschen Bank von den Alliierten 1920 in St. Remo an die Franzosen übertragen (dem heutigem Mineralölunternehmen Total). Während der Verhandlungen in St. Remo wurden US Firmen, inklusive Standard Oil, vom Zugriff auf das Öl des Nahen Ostens ausgeschlossen. Dies rief deren Protest hervor.

Nach mehreren Jahren von Preiskriegen zwischen den rivalisierenden Erdölgesellschaften und der Überschwemmung des Weltmarktes, insbesondere durch russisches und iranisches Erdöl, besiegelten 1928 die Erdölmagnaten durch ein Abkommen, dessen Inhalt bis 1952 geheim blieb, die Aufteilung der weltweiten Lagerstätten.

Zunächst wurde im Juli 1928 das Red Line Agreement vereinbart. Im belgischen Ostende trafen sich die Partner der Turkish Petroleum Company (TPC) (ab 1929 Iraq Petroleum Company) und man einigte sich darauf, dass in dem Gebiet des ehemaligen osmanischen Reiches, welches die heutige Türkei, Syrien, Jordanien, Irak, Saudi Arabien und Oman umfasste; Kuwait war ausgespart (Red Line), die unterzeichnenden Gesellschaften nur gemeinsam auf Ölsuche und -förderung gehen konnten; ein alleiniges Agieren sollte nicht möglich sein. Die Vereinbarung wurde von den Amerikanern (Standard Oil) später heftig kritisiert: Das Red Line Agreement sei als ein trauriger Fall von widerrechtlicher Kartellierung zu sehen oder ein schlechtes Beispiel für internationale Zusammenarbeit und fair-sharing. Durch das Red Line Agreement wurde für zwanzig Jahre die Öl-Entwicklung über einen großen Teil des Nahen Ostens monopolisiert.

Am 18. August 1928 trafen sich dann im Schloss Achnacarry Vertreter aller internationalen Erdölförderunternehmen. Die sich nun herausbildenden „Seven Sisters“ (sieben Schwestern) bildeten ein Kartell und vereinbarten Förderquoten, das sog. Achnacarry Agreement oder As-Is Agreement. Dazu gehörte das Aufteilen der Märkte (geografisch nach dem Red Line Agreement, nach Ölfraktionen), die Festsetzung von Preisen und die Beschränkung der Ausweitung der Produktionskapazitäten. Die Vereinbarung hemmte den Ausbau der Erdölförderkapazitäten im Nahen Osten und stützte den Preis von Produkten aus Rohöl aus den USA und Kanada. Dieses System führte dazu, dass die Entwicklung der Förderkapazitäten durch die Ausbeutung bestehender Konzessionen bis zum Zweiten Weltkrieg verzögert und in den USA und Kanada Reserven ausgebeutet wurden. Die resultierende Produktionsverteilung unter den Ländern des Nahen Ostens und die sich verschärfende entkolonisierende und dýsisphobe Tendenzen in den Bevölkerungen waren in Irak und in Iran am ausgeprägtesten. Anmerkung: Als (sieben Schwestern) wurden sieben Ölkonzerne bezeichnet, die bis in den 1970er Jahren den globalen Ölmarkt beherrschten

1. Standard Oil of New Jersey (Esso) – später mit Mobil zu ExxonMobil fusioniert.
2. Royal Dutch Shell.
3. Anglo-Persian Oil Company (APOC) / (AIOC), dann British Petroleum und schließlich BP Amoco nach der Übernahme von Amoco (früher Standard Oil of Indiana).
4. Standard Oil of New York (Socony) – Später Mobil, heute ExxonMobil (s.o.)
5. Standard Oil of California (Socal) – Chevron, s
6. Gulf Oil – 1984 zerschlagen, aufgeteilt zwischen Chevron, BP und Cumberland Farms.
7. Texaco – schloss sich mit Chevron (s.o.) zusammen.

Der Zweite Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg sollte die strategische Bedeutung des Erdöls noch deutlicher werden als schon im Ersten Weltkrieg. Und so wurde der Zweite Weltkrieg für die Erdölmultis zur Quelle gigantischer Profite. Aufgrund eines korrupten Preissystems mussten die alliierten Marineverbände eine horrende Summe für die dringend benötigten Erdöllieferungen bezahlen.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erklärte Iran seine Neutralität. Die Erdölvorkommen in Iran bekamen aber eine strategische Bedeutung, Deutschland war kurz vor dem Beginn des Krieges Irans größter Handelspartner. Großbritannien forderte vom Iran, alle deutschen Staatsangehörigen auszuweisen. Nach Hitlers Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 planten die Alliierten eine Nachschublinie („Persischer Korridor“) durch den Iran. Großbritannien und die Sowjetunion marschierten daraufhin am 25. August 1941 in das Land ein und am 30. August 1941 wurde Iran von den Sowjets und den Briten in drei Zonen geteilt. Die nördliche Zone fiel unter die Verwaltung der Sowjets, die südliche Zone mit den Ölgebieten wurde von den Briten verwaltet. Unter iranischer Verwaltung verblieb ein schmaler Streifen in der Mitte des Landes rund um Teheran.

Eine von Churchill initiierte Propagandakampagne über einen im Irak stationierten britischen Radiosender versuchte die Bestrebungen Reza Schahs zu torpedieren. In den an das iranische Volk gerichteten Sendungen wurde Reza Schah vorgeworfen, dass er sein Volk schlecht regiere, es seit Jahren ausbeute und sich auf Kosten der hart arbeitenden iranischen Bevölkerung schamlos bereichere. Der Iran brauche eine liberale Regierung. Der britische und der sowjetische Botschafter forderten Reza Schah ultimativ auf, bis zum 17. September 12 Uhr zurückzutreten. Sollte dies nicht geschehen, würde Teheran besetzt, die Monarchie abgeschafft und eine Besatzungsverwaltung errichtet werden.

Die Briten und die Sowjets forderten ferner den Thronverzicht des Kronprinzen Mohammad Reza. Die Briten dachten zunächst an die Einsetzung des Qadscharenprinzen, Mohammad Hassan, schlugen dann aber vor, dass ein von ihnen bestimmter Vizekönig die Regierungsgeschäfte übernehmen sollte. Die Frage der Ablösung der Pahlavis durch einen Qadscharen wurde von den Briten sowohl in den 40er- wie in den 50er-Jahren in Betracht gezogen. Problematisch war allerdings, dass Hamid, der Sohn Mohammad Hassans, der ebenfalls als Thronprätendent in Frage kam, inzwischen den Nachnamen Drummond angenommen hatte, britischer Staatsbürger geworden war, in der britischen Handelsmarine diente und kein Wort Persisch sprach.

Am Morgen des 16. September 1941 (25. Shahrivar 1320) unterzeichnete Reza Schah seine Abdankungserklärung zu Gunsten seines Sohnes Mohammad Reza. Um 9:30 Uhr stimmte das Parlament (Majlis) der Abdankung zu. Um die Festsetzung Mohammad Rezas vor seiner Vereidigung als Schah durch britische oder sowjetische Agenten zu verhindern, wurde er in Zivil in einem alten Chrysler zwischen Vorder- und Rücksitz versteckt über den Dienstboteneingang in das Parlament gebracht. Um 16:00 Uhr schwor er vor dem Parlament den Treueeid auf den Qur‘an und übernahm ab 17. September 1941 die Regierungsgeschäfte als Schah. Leider verkennen die Iraner die für sie ausschlaggebenden Ereignisse. Viele lassen sich schnell durch ideologische Indoktrination verführen und wertschätzen nicht die Tatsachen, die von essentieller Bedeutung waren.

Die Zerschlagung Irans wurde wieder einmal durch den Mut der Iraner und durch das Hochhalten einer Flagge, auf der nur „Iran“ stand, verhindert. Es war keine politische Ideologie und auch nicht das Bekenntnis zu einer solchen, die den Iran vor dem sicheren Untergang gerettet hatte.

Nach der Thronbesteigung durch Mohammad Reza Pahlavi musste der Iran gegen separatistische Tendenzen von außen und innen entgegenwirken. Faktisch blieb der Iran bis zum Ende des Krieges in eine britische und eine sowjetische Besatzungszone geteilt. Der iranischen Armee war es zudem untersagt, in den von den sowjetischen Truppen besetzten Gebieten Nordirans eigene Streitkräfte zu stationieren. Dies hatte zur Folge, dass die Zentralregierung in Teheran die Kontrolle über den Norden Irans verlor.

Die Russen gründeten ferner eine ihnen wohlgesonne Partei, die Tudeh, die seither nicht aufgehört hat, sei es offen oder sei es heimlich, auf den Zerfall des Staates und die Demoralisierung der Nation hinzuarbeiten. Zu Beginn wurde die Partei von einem gewissen (Liberalen) Mustafa Fateh finanziert, der im Dienste der Briten und Anglo-Iranian Oil Co. stand. Er wurde auch der Berater von General Fraser, dem englischen Militärattaché, der alles in seinen Kräften tat, um den Schah als Oberkommandierenden der Armee abzusetzen.

1944 zog die Tudeh-Partei mit 8 ihrer Kandidaten in das Parlament ein. Dort unterstützte sie vorbehaltlos die Politik der UdSSR. Während die Amerikaner immerhin ihre Truppen nach dem Zweiten Weltkrieg gemäß dem Dreimächteabkommen abzogen, blieben die Russen und Engländer in Iran. Die Sowjetunion strebte eine Eingliederung Irans u. a. wegen seiner Erdölvorräte an. Dementsprechend wurde eine Autonomiebewegung in Âzarbâygân durch die Rote Armee unterstützt.

Der Leser erinnert sich noch, dass die Briten und Russen bereits 1907 mit dem Vertrag von St. Petersburg den Iran unter sich aufgeteilt hatten. Reza Schah war es gelungen den Iran nach dem Ersten Weltkrieg wieder zu einigen. Nunmehr setzte man die Untaten erneut nach dem Zweiten Weltkrieg fort, was eine Kontinuität der westlichen Politik in Bezug auf Iran zeigt. Im Jahr 1945 hatte somit der Leiter der Foreign Office (Großbritannien), Bevin, und sein amerikanischer Außenminister Byrnes Stalin in Moskau vorgeschlagen, Âzarbâygân, Kurdistan [Kordestân] und Chuzestan [Xuzestân] zu autonomen Provinzen zu erklären.

Dass die Briten und Russen erneut an ihren Plänen scheiterten, verdanken die Iraner am Ende auch der Intervention der Amerikaner. Für die Amerikaner gab es zwei Gründe in Iran politisch aktiv zu werden. Zum Einen stand man vor dem Beginn des Kalten Krieges. Für Präsident Truman stand außer Frage, dass die Kontrolle des iranischen Öls durch die Sowjetunion zu einer Verschiebung der Machtbalance in der Welt führen würde und die aufstrebende westliche Wirtschaft massiv beschädigen könnte. Zum anderen hatten sich mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Machtverhältnisse in der Welt geändert. Die USA beanspruchte nunmehr die Führungsrolle und begann die Kontrolle über das Herrschaftsgebiet der Briten zu übernehmen. Faktisch intervenierte die USA in Iran und stellte somit die Machtstellung Großbritanniens in Iran in Frage. Dabei verfolgten die Amerikaner wirtschaftliche Interessen und das Erdöl in Iran war von besonderer Bedeutung für die Erdölindustrie, schließlich hat nichts die Geschichte des 20. Jahrhunderts mehr geprägt als das Öl:

Während der letzten Kriegsjahre war Öl in Amerika rationiert worden, aber nach dem Ende des Krieges explodierte der Ölverbrauch in den USA weiter. Die Ölförderung hielt mit dem Verbrauch nicht Schritt – 1948 wurden die USA zum Netto-Ölimporteur. Das Öl aus dem Nahen Osten wurde überlebenswichtig: Saudi-Arabien, Kuwait und der Iran waren nun strategische Ziele. Damit gewann aber ein alter Streit neue Bedeutung: Wem gehört das Öl?  

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die USA begonnen, als neue Weltmacht Großbritannien als Global Player abzulösen. Die Ablösung erfolgte mit der Machtübernahme über das Herrschaftsgebiet des britischen Empires. Die US Liberalen verfolgten dabei ein Ziel, das Sichern der Erdölquellen der Welt.

Im Gefolge der mexikanischen Revolution hatte Mexiko seine Ölvorkommen bereits 1917 verstaatlicht, und 1943 erreichten die US-amerikanischen Ölfirmen in Venezuela eine neue Verteilungsformel: “fifty-fifty” Klausel. Diese Lösung wurde Ende 1950 auch in Saudi-Arabien, wo die amerikanischen Erdölkonzerne 1944 bereits die Arabian-American Oil Company, abgekürzt ARAMCO, gegründet hatten, und danach in Kuwait und in Irak akzeptiert. Die Gewinnabführung der US Ölkonzerne an die ölproduzierenden Länder führte zu einer Übernahme der Erdölressourcen durch US-amerikanische Ölfirmen.  Aber nicht in Iran, wo die koloniale Stellung der Briten den Ambitionen der Amerikaner entgegenstand.

Teil 6 dieser Reihe

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