Aufstieg und Niedergang der Arsakiden (16)

Carrhae Krieg

Der Teil 15 der Reihe

Der Krieg von Carrhae

Andromachus versuchte als Wegweiser die Römer nicht weit weg von den Parthern zu bringen, sie sollten in der Nähe der Parther bleiben, daher hat er sie hin und her laufen lassen, bis sie einen Sumpf erreichten. Einige der Römer schöpften Verdacht und wollten ihm nicht mehr folgen, daher nahm Cassius wieder den Weg nach Carrhae.

Andromachus sagte ihm: „Geh nicht! Der Mond steht noch im Skorpion. Warte, bis er in das Zeichen des Schützen eintritt!“ Cassius sagte ihm: „Vielen Dank! aber wir sind hier in der Wüste, und da ist mir der Skorpion weitaus lieber als der Bogenschütze!“ Damit waren die parthischen Schützen gemeint. Dann nahm Cassius 500 Reiter und ritt schnellst möglich in Richtung Assyrien. Octavius, ein anderer Feldherr nahm 5.000 Soldaten mit sich und marschierte in Richtung Sinnaka. Bei Tageslicht erfuhr Crassus vom Verrat des Andromachus, der ihn und seine Soldaten zu einem Sumpf brachte und sie immer wieder im Kreis hatte marschieren lassen. Crassus blieben nur noch vier Infanterietruppen, eine kleine Truppe aus Reitern und 5 Liktoren, mit ihnen erreichte Crassus die Hauptstraße, an der er nur 2,2 Kilometer von Octavius entfernt war.

Die Parther beobachteten die Römer, während Crassus einen Hügel erreichte, den er leicht besteigen konnte, aber hier bot sich ihm kein Schutz. Octavius beobachtete seinen Herrn von weitem und kam ihm zu Hilfe und kämpfte gegen die Parther, bis er sie an den Fuße des Hügels zwang. Octavius befahl den Soldaten mit ihren Schilden eine Mauer um Crassus zu bilden und schrie laut, dass „solange ein einziger Römer noch lebt, wird kein Pfeil unseren Herrn treffen“. In diesem Moment wusste Surenas, dass wenn der Kampf bis zum Einbruch der Dunkelheit andauert, seine Soldaten nicht kämpfen wollen würden und die Römer würden es schaffen über die Berge zu flüchten; daher ließ er ein paar von den römischen Gefangenen laufen, wobei er vorher verbreiten ließ, der König der Parther will nicht mehr gegen die Römer kämpfen, und er wolle schnellst möglich den Frieden mit Rom.

Die Gefangenen erzählten Crassus und seinen Generälen davon, und die Parther hörten auf zu kämpfen, und Surenas ritt in Begleitung seiner Feldherren zum Hügel, auf dem Crassus Schutz suchte. Als Zeichen der guten Absicht entspannte er die Bogensehne seines Bogens und streckte die rechte Hand zu Crassus aus, und lud ihn ein ihn wegen der Friedensverhandlungen aufzusuchen. Surenas sagte dann Crassus weiter, dass die Kämpfe, die die Tage zwischen den beiden Armeen von Rom und Iran geschahen, nicht im Sinne des Königs waren und der König hatte Surenas keine Erlaubnis dazu gegeben, diese Kämpfe wären lediglich nur Kampfproben und Manöver der iranischen Armee; und nun wäre die Zeit gekommen, dass die Römer und die Parther in Frieden miteinander leben. Crassus aber schöpfte Verdacht, dass dieser Vorschlag wieder eine List sein könnte, daher sagte er zu seinen Soldaten, sie mögen noch Geduld haben sich zu den Bergen zu bewegen, denn die schwer gepanzerten parthischen Reiter würden sie nicht mehr verfolgen können und sie würden bei Nacht leicht fliehen können. Die Römer, die den ständigen Krieg und dem Flüchten überdrüssig waren, schlugen ihre Schilder mit lauten Schreien aneinander und sagten, Crassus müsse nun mit Surenas verhandeln.

Die Verabredung Crassus und Surenas und der Tod von Crassus

Römische Soldaten

Da Crassus die Meuterei und Revolte seitens seiner Armee fürchtete, erklärte er sich bereit mit Surenas zu verhandeln, aber bevor er dies tat, sagte er zu zwei seiner Generäle Petronius und Octavius: „Ihr sollt wissen, dass ich gezwungen bin zu verhandeln. Wenn ihr es schafft euch zu retten, dann sagt es jedem, dass der Grund meines Todes nicht der Druck des Feindes war, sondern die Ungehorsamkeit meiner Soldaten“; dann stieg er in Begleitung von Petronius und Octavius den Hügel herab. Die ersten, die Crassus am Fuße des Hügels begrüßten, waren zwei persische Halbgriechen; sie begrüßten Crassus mit tiefer Verbeugung und sagten in Griechisch, es wäre besser, wenn Crassus Soldaten schicken würde, um zu wissen, ob Surenas und seine Begleitung, die auf dem Weg zu ihm waren, bewaffnet wären. Crassus antwortete ihnen, wäre er noch lebensdurstig, hätte er sich in die Obhut beider begeben. Trotzdem schickte er zwei Soldaten, die Gebrüder Roscios hießen, damit diese fragen, worüber Surenas mit Crassus reden und verhandeln wollte und wie lange der Besuch andauern würde.

Surenas befahl die beiden Soldaten zu verhaften und ritt mit seiner Begleitung zu Crassus. Als er Crassus ereichte, sagte Surenas zu Crassus: Es wäre nicht angebracht, dass wir auf unseren Pferden sitzen und der römische Heerführer zu Fuß ist“. Crassus antwortete: „Das macht nichts, jeder hat sich nach Gebrauch seines Landes zu verhalten“. Crassus wollte jemanden schicken, um sein Pferd zu bringen, aber Surenas sagte, es wäre nicht nötig, dann schenkte er Crassus sofort ein Pferd, dessen Sattel und Zügel aus Gold und mit Edelsteinen bestückt waren und sagte zu Crassus: „Dieses Pferd ist ein Geschenk des iranischen Kaisers“. Als Crassus sich aufs Pferd setzte, sagte dann Surenas: „So, jetzt sind wir gleichrangig“. Durch diese Geste war Crassus jetzt beruhigt; Surenas sagte aber sofort: „Durch dieses Zusammentreffen wollen wir einen Friedensvertrag zwischen der römischen Republik und Šâhanšâh Orodes I schließen; obwohl ihr Römer gerne einen Friedensvertrag schließt, wenn ihr verzweifelt seid und die Situation aussichtslos erscheint, und sobald es euch besser geht, vergesst ihr gerne euer Versprechen. Es wäre besser, wenn ihr für einige Tage unser Gast wäret, somit könnten wir in die Städte im Zweistromland, die jetzt in den Händen der Römer sind und besetzt wurden, reisen, und Ihr könntet mir jede Burg und jede Festung persönlich übergeben“. Dann drückte Surenas herzlich und fest die Hand von Crassus, denn diese Geste bedeutete damals „Frieden“, und Crassus war auch dankbar über das, was Surenas gesagt hatte und bedankte sich bei ihm.

Damals gehörte es zu den Sitten und Gebräuchen der iranischen Kaiser, dass wenn einer hochrangigen und wichtigen Persönlichkeit eine Audienz erteilt wurde, man eines der kaiserlichen Pferde brachte und die Person sich dann auf das Pferd setzte, sie durfte aber nicht das Pferd mit der Pferdepeitsche antreiben, denn diese Handlung wäre dann eine Beleidigung dem Kaiser und seinem Pferd gegenüber; daher wurden immer zwei kaiserliche Pferdeknechte rechts und links vom Pferd beauftragt, damit wenn es nötig sein sollte, sie das Pferd mit einer Peitsche führen. Diese Zeremonie und dieser Respekt wurde auch Crassus zuteil. Aber Octavius und Petronius wussten über diese Art der Respekterweisung der Perser nichts, daher ohne nach dem Sinn zu fragen zogen sie ihre Schwerter und Octavius tötete auf der Stelle einer der Pferdeknechte. Demzufolge brach eine Auseinandersetzung zwischen den Begleitern von Crassus und Surenas aus; Crassus stieg vom Pferd, um die Auseinandersetzung und das Blutvergießen zu beenden; Crassus fiel auf den Boden und wurde durch die parthischen und römischen Reiter zertrampelt. Rawlinson schreibt in seinem Buch Parthia auf der S. 173: „In der Verwirrung wurde Crassus getötet, ob von einem seiner Reiter oder eines parthischen Reiters, ist ungewiss“. Einer der Parther, der Pomaxarthes hieß und mit dem getöteten Pferdeknecht verwandt war, stieg vom Pferd und nutzte die Gelegenheit, zog den Körper von Crassus, der noch unter den Hufen der Pferde lag heraus, schnitt Crassus den Kopf ab und spießte ihn auf einer Lanze auf, danach schnitt er die rechte Hand von Crassus ab, und Surenas schickte den Kopf und die Hand nach Armenien, denn Kaiser Orodes I befand sich zu der Zeit in Armenien. In diesem Krieg wurden etwa 20.000 römische Soldaten getötet und 10.000 gefangengenommen. Rawlinson schreibt weiter auf der Seite 174: „Diese 10.000 Gefangenen wurden später in der fruchtbaren Oase von Margiana [Merv] als Leibeigene für die parthische Armee angesiedelt, damit sie militärische Dienste verrichten. Hier heirateten sie später die einheimischen Frauen und wurden zu parthischen Bürgern“.

Der Tod von Crassus

Das Urteil über diesen Krieg und die Expansionspläne von Crassus

Gutschmid schreibt in seinem Buch Geschichte Irans und seiner Nachbarländer, auf den Seiten 91 – 92: „Kaum 10.000 Mann [durch die Führung von Cassius] von dem ganzen Heer gelang es sich über Armenien nach Syrien zu retten; etwa 20.000 waren im Krieg getötet worden; etwa 10.000 in die Gefangenschaft der Parther geraten, die sie in Antiochia, der Hauptstadt von Margiana ansiedelten. Kopf und Hand des Crassus schickte Surenas an den König Orodes nach Armenien; es war das Siegeszeichen, und Orodes I hatte soeben mit Artavasdes Frieden geschlossen und dessen Schwester mit seinem ältesten Sohn Pakoros (Pacorus/Pacurus) [Pâkur] verlobt. Die Katastrophe der Römer war in erster Linie, genau wie in der Schlacht an der Allia, ihrer völligen Überraschung durch die nationale Kampfweise eines ihnen bis dahin fremden Volkes, und in zweiter Linie ihrer mangelhaften Leistung zuzuschreiben; die Römer suchten stets nach einem Verräter, der das Unglück verschuldet hatte. In diesem Falle fanden sie deren sogar zwei. Der eine, Andromachus von Carrhae, und er war es wirklich; er hatte Crassus auf seiner Flucht nach Norden in die Irre geführt und wurde dafür von den Parthern, die sich mit Vorliebe auf die Despoten in den griechischen Städten stützten, mit der Tyrannis seiner Vaterstadt belohnt; sein Verrat erfolgte erst, als schon alles verloren war, und er blieb selbst auf das Ende des Crassus ohne nachweisbaren Einfluss. Der andere, König Abgar II von Orrhoene [Xosrovâne], hatte allerdings den verhängnisvollen Rat erteilt, quer durch Mesopotamien zu ziehen; allein der Rat war Verrat, da es die gewöhnliche Straße war, und so töricht von Crassus war, einen Weg zu wählen, auf dem die überlegene feindliche Reiterei seinem Heere gegenüber zur vollen Geltung kommen musste, auch gegen einen Marsch den Euphrat stromabwärts ließen sich kaum minder ernsthafte militärische Bedenken erheben. Dass der Ratgeber, als die Dinge eine schlimme Wendung zu nehmen begannen, das Weite suchte, war nur natürlich, und die bei Cassius Dio (Lucius Cassius Dio Cocceianus) [im Kapitel 40] sich findende Angabe, dass die Orrhoener in der Schlacht den Römern in den Rücken gefallen seien, wird durch das absolute Stillschweigen der älteren Quellen widerlegt. Die Parther selbst scheinen die Sache wesentlich anders gesehen zu haben: Nach den Verzeichnissen der Könige des kleinen Reichs [Orrhoene], welches uns Dionysius von Telmahre bewahrt hat, endete die Regierung Abgar’s II im selben Jahr 53 v. Chr., und es folgte ein 1-jähriges Interregnum, was wohl keine andere Deutung zulässt, als dass die Parther, als sie nach dem Sieg Mesopotamien bis an den Euphrat wieder unterwarfen, Abgar wegen seiner Verbindung mit den Römern absetzten. Schlimmer noch als ihm erging es dem Sieger von Carrhae: Nicht lange nachher tötete Orodes I Surenas, dessen Ansehen über das eines einfachen Untertanen hinausgewachsen war.“

Surenas

Die Autoren Qolâmhoseyn Moqtader und Asqar Abdollâhi schreiben in ihrem Buch Janghâye haftsadsâleye Irân va Rum [Die siebenhundertjährigen Kriege zwischen Iran und Rom] auf der Seite 20: „Dieser Krieg [Carrhae Krieg] war für das junge parthische Reich von großer Bedeutung und machte seinen Namen größer denn je in der damaligen Welt, denn die Römer waren bislang immer siegreich in all ihren Kriegen gewesen und hatten alle anderen Länder eingeschüchtert, aber erlitten damals zum ersten Mal im Orient eine desaströse Niederlage; dabei verloren die Römer ihren berühmten Konsul und Feldherrn Crassus, der nach Osten kam und zum Prokonsul von Syrien wurde; und obwohl sie mit der Absicht den ganzen Orient zu erobern und Indien zu erreichen, den Krieg begonnen hatten, konnten sie nie wieder, in ihrer gesamten Geschichte, ihren Fuß über die Grenze des Euphrat setzen. Die Ergebnisse dieses Krieges waren:

1- Die Römer verloren das Gebiet des Zweistromlands bis zum Euphrat an die Arsakiden und diese machten daraus eine ständige Grenze zwischen Iran und Rom.

2- Rom verlor seinen Einfluss durch Intrigen für eine Zeitlang in Armenien und der Iran brachte Armenien unter seine Herrschaft.

3- Rom hatte wegen dieses Krieges 20.000 Soldaten verloren und 10.000 Soldaten waren gefangen genommen worden.

4- Viele Waffen und besonders römische Flaggen und Standarten waren an Iran verloren gegangen und das Verlieren der römischen Standarten war ein unermesslicher Verlust der Ehre der Römer.

5- Ab diesem Zeitpunkt bezeichnete die Welt den Iran als einen ungeheuer mächtigen Gegner Roms und die antike Welt wurde auf einen westlichen und einen östlichen Herrschaftsbereich aufgeteilt, nämlich in Rom und Iran.“

Römische Standarten

Diese politische Aufteilung der Welt sollte bis zum Ende der Spätantike und dem Untergang des sassanidischen Weltreiches andauern. Das Urteil auf der parthischen Seite, zwingt uns aber leider zu gestehen, dass hätte Orodes I den Sieg von Carrhae zur vollen Gunst Irans genutzt, indem er seinen Oberbefehlshaber Surenas nicht getötet hätte, Surenas alle Länder und Gebiete Asiens, die unter römischer Herrschaft waren, wie Syrien und Palästina und andere Länder Kleinasiens, wieder zurückerobert hätte, und den Glanz und die Erhabenheit der achämenidischen Epoche wieder aufleben lassen hätte können. Aber Orodes I war geschichts-philosophisch betrachtet kein König, der solch eine Bewegung hätte führen können.

Rawlinson schreibt in seinem Buch Parthia dazu auf den Seiten 176 – 184: „Die Parther zwangen die arroganten Römer sie zu respektieren, und die Römer waren gezwungen zu erlauben, dass es noch eine andere Nation auf der Welt gab, die ihnen auf Augenhöhe begegnen konnte. Die Parther erhielten fortan die Anerkennung der griechisch-römischen Autoren – wenn auch widerwillig und verdeckt – als zweite Weltmacht, als anerkannter Rivale Roms, als das einzig wirkliche Gegengewicht auf der Erde zum mächtigen römischen Imperium, das von den Ufern des Euphrat bis an die Küsten des Atlantischen Ozeans herrschte. […]

Man hätte  erwarten können, dass die schreckliche Katastrophe, die die römische Armee befallen hatte, und der große Triumph, den die Parther für sich erreicht hatten, weitreichende und außergewöhnliche Folgen gehabt hätten. Niemand wäre überrascht gewesen, wenn das Ergebnis die Erschütterung  der Fundamente der römischen Macht im Osten gewesen wäre, oder sogar die Territorien Asiens wiederhergestellt worden wären, nach der aggressiven Haltung Roms gegenüber dem Rest der Welt, die bereits 450 Jahre zuvor begonnen hatte. Aber die erzeugte Aufregung und Veränderung war weit weniger ausgeprägt, als man es hätte erwarten können. Mesopotamien war natürlich wieder unter parthische Herrschaft geraten, die äußerste Grenze des Parther Reiches war der Euphrat; und Armenien ging für die römische Allianz  verloren und geriet für lange Zeit in die völlige Abhängigkeit von Parthien.

Parther Reich zur Zeit Orodes I

Der ganze Osten war, bis zu einem gewissen Grad in Aufregung, und die Juden, immer schon ungeduldig unter dem fremden Joch, und vor kurzem geschädigt durch die unprovozierte Beraubung ihrer Tempel durch Crassus, griffen zu den Waffen. Aber keine allgemeine Bewegung orientalischer Völker fand statt. Man hätte annehmen können, dass die Syrer, Phönizier, Kilikier, Kappadokier, Phrygier und andere asiatische Völker, deren Herkunft allesamt orientalisch war, die Möglichkeit eines Aufstandes gegen ihre westlichen Herren ergriffen hätten und die Römer zurück nach Europa gedrängt hätten. Man hätte erwarten können, dass zumindest Parthien sofort die Offensive in Kraft setzen würde und eine entschlossene Anstrengung unternehmen würde, nachdem man die Nachbarn, so mühsam befreit hatte. Aber obwohl die Konjunktur der Umstände sehr günstig war, war Rom nicht nur im Osten gelähmt, sondern auch im aufflammenden Bürgerkrieg im Westen.

Hätten Mithridates von Pontus und Tigranes von Armenien gelebt, oder wäre Surenas König von Parthien, anstatt eines Heerführers gewesen, hätten sie wahrscheinlich die Gelegenheit ergriffen, und Rom ernsthaften Schaden zugefügt. Aber Orodes scheint weder ein ehrgeiziger König, noch ein geschickter Heerführer gewesen zu sein; ihm fehlte jedenfalls der scharfe und allumfassende Blick, der den politischen Horizont verändern hätte können, und ihm fehlte auch das Verständnis zur Beurteilung der Situation, in der selben Zeit zu erkennen, wie man das Beste aus der Situation machen kann. Er ließ die Gelegenheit verstreichen, seine volle Stärke zu entfalten, oder gar erhebliche Anstrengungen zu unternehmen; und als die Gelegenheit einmal verloren war, war sicher, dass sie nie wieder zurückzukehren würde.

Wenn es einen Mann, der in jener Zeit gelebt hatte, gegeben hat, der in der Lage war die Situation voll zu nutzen, und Rom die verdiente Strafe für ihre Tollkühnheit und Aggressivität zukommen zu lassen, dann war es der iranische Heerführer Surenas. Aber er hatte die Gunst seines Herrschers verloren. Im Osten war es für den Herrscher nicht sicher an der Spitze des Staates bleiben zu können und durch Surenas Erfolge hatte Surenas das richtige Maß überschritten. Die Eifersucht Orodes wurde durch seinen Erfolg und seine Reputation geweckt, und es dauerte nicht lange bis Orodes eine Entschuldigung für seine Übergabe an den Henker gefunden hatte.

[…] Wenn also Orodes im Jahre 51 v. Chr. den Entschluss gefasst hätte einen Schlag gegen Rom auszuführen und eine große parthische Armee unter dem jungen Prinzen Pakoros und einem Offizier von reifem Alter und Erfahrung mit Namen Osaces an das Ostufer des Euphrats zu schicken, hätte es keine Mittel gegeben ihnen zu widerstehen. Cassius hatte sein Bestes gegeben, die verstreuten Reste von Crassus Armee zu vereinen und zu reorganisieren, und in zwei schwache Legionen zu formen; aber ihn erreichte keine Verstärkung und er fühlte sich nicht stark genug dem Feind mit seiner kleinen Armee auf offenem Feld entgegenzutreten, geschweige einen Krieg gegen den Feind zu führen.

Die Parther überquerten deshalb widerstandslos den Euphrat und schwärmten in die reichen Territorien Shams aus. Die befestigten Städte schlossen ihre Tore und konnten sich halten; aber das offene Land in Syrien wurde komplett überrannt: und Nervosität und Aufregung fegten durch alle römischen Provinzen Asiens hinweg. Zu dieser Zeit waren diese Provinzen wegen des drohenden Bürgerkriegs in Italien nur unzureichend besetzt. Die meisten Bewohner dieser Provinzen waren unzufrieden und neigten dazu die Parther als Brüder und Partner anzusehen. Außer Deiotarus von Galaktien und Ariobarzanes von Kappadokien, hatte Rom klagend, wie Cicero (damals Prokonsul von Kilikien) erklärt, nicht ein Freund auf dem asiatischen Kontinent zu sein. Und Kappadokien war kläglich schwach und offen dafür an der Seite Armeniens anzugreifen. Wenn Orodes und Artavasdes im Einklang miteinander agiert hätten und hätte letzterer, während Orodes seine Armeen nach Syrien sandte, die armenische Armee in Kappadokien und dann in Kilikien nicht geschwächt (so wie es zu erwarten gewesen wäre), hätte dies die größte Gefahr für die römischen Besitzungen in Asien bedeutet.

So wie es geschehen war, war die Aufregung in Kleinasien extrem hoch. Cicero marschierte nach Kappadokien mit dem Großteil seiner römischen Truppen und bat Deiotarus mit seinen Galaktiern um Hilfe, der zur selben Zeit den römischen Senat um Hilfe nach Verstärkung anflehte. Cassius schloss sich in Antiochia ein und erlaubte der parthischen Kavallerie an ihm vorbeizuziehen und sogar die Grenze von Syrien nach Kilikien zu überschreiten. Doch die Parther schienen ihre eigenen Vorteile kaum verstanden zu haben oder sich diesen bewusst gewesen zu sein. Wahrscheinlich war ihre Informationsabteilung schwach organisiert. Anstatt sich zu vergrößern und zu verbreiten, ließen sie die Bewohner die Städte blockieren, und sie trotzten mit ihren unbesiegten Staffeln dem Feind im offenen Gelände. Für Angriffe wie Blockaden und die Belagerung von Städten, waren sie völlig ungeeignet und beschränkten sich fast ausschließlich auf das enge Tal des Orontes.

Unter diesen Umständen sind wir nicht überrascht zu erfahren, dass Cassius, sie zunächst aus Antiochia zurückgeschlagen hatte, um sie an den Ufern des Flusses in einen Hinterhalt zu führen und General Osaces getötet haben. Nach dieser Niederlage, die sie wahrscheinlich Ende September des Jahres 51 v. Chr. erlitten hatten, zogen sich die Parther aus der Nähe der syrischen Hauptstadt zurück und bezogen ihr Winterquartier in Cyrrhestica, oder unmittelbar östlich von Amanus. Hier verweilten sie während der Wintermonate unter Prinz Pakoros und es wurde erwartet, dass der Krieg mit frischer Wut im Frühjahr wieder ausbrechen würde, aber Bibulus, der neue Statthalter von Syrien, ein schlechter Heerführer und unfähiger Politiker, im Bewusstsein seiner militärischen Defizite, sähte Zwietracht unter den Parthern, um die Gedanken von Prinz Pakoros in eine andere Richtung zu lenken. Er schlug Ornodapantes, einem edlen Parther, mit dem er in Kontakt getreten war, vor, dass  Pakoros ein würdigerer Inhaber des arsakidischen Thrones als sein Vater sei, und er auch seinen eigenen Interessen gerecht werden würde, wenn er den jungen Prinzen zum König ausruft und die Armee von Syrien aus gegen Orodes führt.

Münze von Pacorus I

Pakoros war bereits in der Regierung seines Vaters involviert und sein Name erschien auf einigen Münzen, die sein Vater prägen ließ, aber dies befriedigte nicht seinen Ehrgeiz. Er schien ein offenes Ohr für die Einflüsterungen des Ornodapantes gehabt zu haben, wenn er nicht gar die Schwelle zur Rebellion überschritten hatte. Es gibt parthische Münzen mit dem Kopf eines bartlosen Jünglings mit den genauen Titeln, die unter Orodes Mode wurden und dem Prinzen aus vielen Gründen zugewiesen worden waren, und geprägt und in den Verkehr gebracht worden waren, als er seine Revolte erklärt hatte. Aber der Plan wurde im Keim erstickt. Als Orodes von den Plänen des Pakoros erfuhr, berief er ihn an den Hof und Pakoros legte die Pläne, die noch nicht reif zur Ausführung gewesen waren nieder, denn er fühlte, dass es keinen anderen Weg gab, als zu gehorchen.

Die Parther überquerten im Juli des Jahres 50 v. Chr. wieder den Euphrat. Die Gefahr für Rom war vorüber; aber weder konnte der Schandfleck auf dem Schild der römischen Ehre ausgelöscht werden, noch konnte der Ruf Roms im Osten wiederhergestellt werden. Der erste römische Krieg endete, nach einer Periode von etwas mehr als vier Jahren vollends zu Gunsten der Parther, sowohl in Bezug auf den Ruhm, als auch in Bezug auf den materiellen Gewinn. Von den Lorbeeren, die Rom bei Carrhae verloren hatte, hatte sich Rom nie wieder erholt und der Erwerb von Armenien bedeutete für die Parther einen erheblichen Anstieg ihrer Stärke.“

[Quellen: Ferdowsi, Šâhnâme; Mas’udi, Attanbih Val-Ašrâf (at-tanbīh wa-l-ašrāf); Bâbâ Reyhân Biruni, al-Athar al-baqiya an al-qurun al-chaliya; Hasan Taqizâde, Bist Maqâle (Zwanzig Artikel); Dr. Amir Hoseyn Xonji, Irânzamin; Malcolm A. R. Colledge, Die politische und gesellschaftliche Geschichte der Parther, Arsakiden oder der antiken Pahlavi Dynastie; Saint Martin, Paris 1850, Fragments d'une Histoire des Arsacides; Saint Martin, Paris 1938, Recherches Sur L'histoire Et La Géographie De La Mésène Et De La Characène; Abdüllatif Suphi Paşa 1862, İbretlerin Eki; George Rawlinson, New York 1873 The sixth great Oriental monarchy; or, The geography, history, & antiquities of Parthia; George Rawlinson, New York 1893, Parthia; Hermann Alfred Freiherr von Gutschmid, 1888, Geschichte Irans und seiner Nachbarländer von Alexander dem Großen bis zum Untergang der Arsakiden; Neilson Carel Debevoise, Chicago 1939, History of Parthia; Malcolm A. R. College, London 1967 The Parthians; Strabon Buch XI (Kleinasien); Josef Markwart, Eranshahr; Richard Nelson Frye, The Heritage of Persia; Roland G. Kent, 1953, Old Persian; Bouchon, choix des historiens Grecs, Paris 1744; Arrianus Flavius; Marcus Iunianus Iustinus; Tarn, Parthia; Leon Diakonos, Arsakiden; Strabon; Posidonius von Rhodos; N. Debevoise, A Political History of Parthia; William James Durant, Ancient Greece [Die Geschichte des antiken Griechenlands]; Hassan Pirnia, Irâne Bâstân [Der antike Iran]; Diodorus;  E’temâdos Saltane, Târixe Aškân [Die Geschichte der Arsakiden]; Sir Percy Molesworth Sykes, A History of Persia; Dr. Mohammad Javâd Maškur, Irân dar ahde bâstân;  Isidoros von Charax, Mansiones Parthicae [Parthische Wegstationen], Das Parther Reich mit seinen Provinzen (Gebieten); Michail M Diakonov, Arsakiden; Ghirshman, L’Iran et la migration des Indo-Aryens et des Iraniens; Gnaeus Pompeius Trogus Historiae Philippicae (Buch XLII), Kapitel2; Plutarch Buch Lukullus; Plutarch Buch Sulla; Qolâmhoseyn Moqtader und Asqar Abdollâhi Janghâye haftsadsâleye Irân va Rum [Die siebenhundertjährigen Kriege zwischen Iran und Rom]]

Der Teil 17 der Reihe

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