Amir Kassaei: „Die Deutschen sind zu weich mit Migranten“

Amir Kassaei war Kindersoldat im Iran-Irak-Krieg, Asylant in Österreich, BWL-Student in Frankreich, Werber in Deutschland und ist heute Kreativchef der international tätigen Werbeagentur DDB in New York. Im Cicero-Gespräch über Integration erklärt er, wie man mit Härte zum Erfolg kommt.

Herr Kassaei, Sie haben traumatische Kriegserfahrungen hinter sich, sind der Kreativchef einer großen Werbeagentur mit Büro in der Madison Avenue in Manhattan und schwerer Raucher – gibt es noch weitere Parallelen zu Don Draper, dem Protagonisten der inzwischen auch in Deutschland gefeierten US‑Fernsehserie Mad Men?
Amir Kassaei: Nein, Don Draper ist ein Weichei. Er ist paranoid und hat zu viel Angst. Deswegen ist er auch nicht so weit gekommen wie ich. Seine Agentur war ja nie an der Spitze. Ich bin viel härter als er. Sein einziger Vorteil: Er durfte im Büro rauchen.

Wer kann es in puncto Härte denn mit Ihnen aufnehmen?
Amir Kassaei: Muhammad Ali ist ein Vorbild für mich, aber gegen ihn bin ich natürlich ein kleines Licht. Als ich angefangen habe, mich mit ihm zu beschäftigen, habe ich viel darüber gelernt, wie man aufrecht durchs Leben geht. Wie man wahrhaftig bleibt und Schmerzen aushält oder sogar genießt. Er hat gezeigt, wie man mit den Konsequenzen lebt, die sich aus eigenen Entscheidungen ergeben.

Wann sind Sie zum Ali-Fan geworden?
Amir Kassaei: 1974, da war ich sechs, hat mich mein Vater nachts geweckt, und wir haben zusammen „Rumble in the Jungle“, den WM-Kampf zwischen Ali und George Foreman, im Fernsehen gesehen.

Damals lebten Sie noch mit Ihren Eltern in Teheran. Sieben Jahre später mussten Sie im Iran-Irak-Krieg an die Front und haben erlebt, wie Ihr bester Freund von einer Mine getötet wurde. Ihre Eltern haben Sie daraufhin an einen Schleuser übergeben, der Sie im Kofferraum über die Türkei bis nach Wien geschmuggelt hat.
Amir Kassaei: Da stand ich mit 14 Jahren, konnte kein Wort Deutsch. Ich habe kurz bei einem Verwandten meines Vaters gewohnt, vier Monate am Goethe-Institut Sprachkurse besucht. Dann bin ich mit 15 Jahren ausgezogen und habe mich neben der Schule mit Gelegenheitsjobs vom Kloputzer bis zum Straßenfeger über Wasser gehalten, bis ich die Matura in der Tasche hatte.

Sie haben seit Ihrer Flucht aus dem Iran in vier verschiedenen Ländern gelebt und sind durch Ihren Lebensweg gezwungenermaßen zum Immigrationsexperten geworden. Ist Einwandern eher eine Form der Holschuld oder der Bringschuld?
Amir Kassaei: Eindeutig eine Holschuld. Ich gehe sogar noch weiter: Man muss als Einwanderer ein Vorbild sein und sich deswegen sogar mehr anstrengen als diejenigen, die in dem Land geboren sind. Ich kann nicht erwarten, dass ich als Fremdkörper automatisch in das System aufgenommen werde.

Also ist Anpassungsfähigkeit die wichtigste Einwanderereigenschaft?
Amir Kassaei: Anpassen ist der erste Schritt. Besser zu sein, ist der zweite. Ich habe nie die Leute verstanden, die in ein Land wie Deutschland kommen, die dort geltenden Regeln nicht beachten und stattdessen weiterhin die eigene Kultur und Heimat in der Fremde konservieren wollen. Wenn mich jemand zu sich nach Hause zum Essen einlädt, erzähle ich ihm doch auch nicht als Erstes, wie er sein Wohnzimmer neu einrichten sollte.

Wo war es für Sie am schwierigsten?
Amir Kassaei: In Österreich, das hing auch mit dem Alter zusammen. Ich werde nie vergessen, wie ich dort in die Schule gekommen bin. Obwohl ich kaum ein Wort verstanden habe, haben mir die Kinder sofort zu verstehen gegeben, dass ich nicht dazugehöre. Daraus habe ich diesen Überehrgeiz entwickelt, die anderen in allem zu übertreffen, um Anerkennung zu bekommen. Österreicher sind aber auch deshalb so unfreundlich zu Fremden, weil sie sich immer noch als Opfer des Zweiten Weltkriegs begreifen. Sie kompensieren ihre Minderwertigkeitskomplexe dadurch, dass sie Fremde durch Gesten, Blicke, bestimmte Untertöne ausschließen. Das tut mehr weh als direkte Verletzungen. Seitdem sage ich immer: Wenn man es in Wien schafft, dann schafft man es überall.

War es denn anschließend in Frankreich, wo Sie studiert haben, und in Deutschland besser?
Amir Kassaei: In Frankreich gibt es mittlerweile auch riesige Integrationsprobleme, aber ich bin dort damals viel weniger aufgefallen als in Wien und hatte daher kaum Probleme. Deutschland war für mich die größte Überraschung, weil ich von der ersten Minute an mit offenen Armen empfangen wurde. Der Unterschied zwischen Deutschland und Österreich liegt vor allem darin, dass Deutschland sich mit seiner Geschichte auseinandergesetzt hat und dadurch viel reifer ist.

Mittlerweile sind Sie in den USA , dem Einwandererland schlechthin, angelangt.
Amir Kassaei: Unter der Bush-Regierung wurde ich nach dem 11. September 2001 bei jeder Einreise rausgezogen und musste drei Stunden jedes Mal dieselben Fragen beantworten. Als gebürtiger Iraner mit einem EU-Pass erfüllte ich das Raster des potenziellen Schläfers zu 100 Prozent. Mittlerweile hat sich das wieder entspannt. New York als Stadt bezieht seine Magie für mich aber genau daraus, dass es hier eben nicht zählt, woher du kommst, sondern vielmehr, was du kannst. Aufgrund dieser Einstellung werden die Amerikaner die Krise auch schneller überwinden als die Europäer.

In Deutschland wird gerade wieder vonseiten der Wirtschaft der Fachkräftemangel beklagt. Zu einer offensiven Einwanderungspolitik kann man sich aber trotzdem nicht durchringen und streitet lieber über die Gefahr von Parallelgesellschaften. Wie müsste sich Deutschland aus Ihrer Sicht als Werber darstellen, um qualifizierte Arbeitnehmer anzulocken?
Amir Kassaei: Deutschland muss weiter daran arbeiten, in der ganzen Welt als weltoffenes, einladendes Land angesehen zu werden. Es ist auf diesem Weg schon sehr weit gekommen. Fast alle Amerikaner, mit denen ich spreche, haben höchsten Respekt vor Deutschland. Das Land hat in der ganzen Welt ein viel freundlicheres Image als noch vor zehn Jahren. Nur in einem Punkt machen die Deutschen noch einen Fehler: Sie sollen jeden willkommen heißen, müssen aber auch allen, die sich nicht an die in Deutschland geltenden Regeln halten, sagen, dass sie wieder gehen müssen. In diesem Punkt sind die Deutschen zu weich.

Wie könnte eine entsprechende Kampagne aussehen?
Amir Kassaei: Der beste Protagonist wäre die Fußballnationalmannschaft, in deren Stammelf die Hälfte der Spieler Einwandererkinder sind. Die zeigen doch, dass man auch als Immigrant in Deutschland Großartiges schaffen kann.

Sie arbeiten als oberster Kreativer für DDB, eine Agentur mit 14.000 Mitarbeitern in 280 Büros weltweit, und sind häufig in Asien unterwegs. Kann es sein, dass Deutschland irgendwann zum Auswanderungsland wird und wir uns nach China und Indien aufmachen müssen, um Arbeit zu finden?
Amir Kassaei: Wir erleben momentan das Ende der Alten Welt mit einer Verschiebung der Macht nach Asien. Das spürt man insbesondere, wenn man dort ist. Das dauert noch zwei, drei Jahrzehnte. In diesem Sog wird vieles infrage gestellt werden. Die Chinesen sind unglaublich hungrig. Ein 22-jähriger Werber in Schanghai arbeitet 18 Stunden am Tag und würde am liebsten noch sechs weitere dranhängen. Sein Counterpart in New York oder Berlin lässt um 18:30 Uhr den Stift fallen, weil er zum Grillen verabredet ist. Es war aber schon immer so: Große Reiche scheitern an ihrer Dekadenz.

Haben Sie nie das Bedürfnis, sich mit Freunden zu treffen oder Zeit mit Ihrer Frau und den Kindern zu verbringen?
Amir Kassaei: Doch, aber ich will nicht Zweiter sein. Ich gebe immer alles, um zu gewinnen. Indem ich diese Einstellung vorlebe, versuche ich sie gleichzeitig der ganzen Agentur einzuimpfen. Wenn die Mitarbeiter sehen: Der Wahnsinnige genießt den Schmerz, der macht das selbst auch, dann wissen sie, dass ich es ernst meine. Das versuche ich gerade. Der Vorwurf, wahnsinnig zu sein, ist dabei das größte Kompliment für mich.

Aber ist der Preis, den Sie zahlen, nicht zu hoch? Ist Ihr Vorbild Muhammad Ali diesbezüglich nicht eher ein mahnendes Beispiel, dass man es auch übertreiben kann?
Amir Kassaei: Nein, da sind wir wieder bei der Frage der Unabhängigkeit. Ali hat sicher ein paar Kämpfe zu viel gemacht, aber darum geht es nicht. Irgendeinen Preis müssen Sie immer zahlen. Bei mir ist es einfacher: Ich dürfte eigentlich gar nicht hier sitzen, und damit meine ich nicht nur, dass sich eine Karriere vom Kloputzer zum Kreativchef nicht planen lässt. Ich dürfte nicht hier sitzen, weil ich normalerweise im zarten Alter von 13 in einem Minenfeld hätte sterben müssen. Alles, was danach kommt, ist für mich Kür. Der größte Luxus ist für mich, komplett frei zu sein von jedwedem Zwang. Ich habe keine Angst, etwas zu verlieren, und nur so kann ich mutige Entscheidungen treffen. In so einem Kreativjob wie meinem gelingt Ihnen nie etwas Neues, wenn sie angstgetrieben sind, weil sie dann immer nur den Status quo verteidigen.

Muss man mit dieser Einstellung nicht auch hin und wieder scheitern?
Amir Kassaei: Doch, ständig. Man riskiert sein Ansehen in der Öffentlichkeit, verliert Freunde, Jobs und Ämter, und es gibt genauso viele schlechte Momente wie tolle Situationen dadurch. Das muss man aushalten können, wenn man wahrhaftig bleiben will. Andere fahren lieber mit dem 911er zum Golf.

Und wie lange halten Sie das noch durch?
Amir Kassaei: Ich werde sicher nicht den Rest meines Lebens diesen Job machen, aber ich werde, egal, was ich mache, immer dafür sorgen, dass alles, was ich wirklich brauche, in eine kleine Tasche passt. So bleibt man wach und wird nicht satt. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum ich gerade hier alles gebe. Diese Räume, in denen wir sitzen, sind für mich heilig, weil es das ehemalige Büro von DDB-Gründer Bill Bernbach ist, dem Erfinder der kreativen Werbung. Er war der erste Jude, der in New York eine Agentur aufgemacht hat. Seine VW‑Käfer-Kampagne „Think small“ hat die Werbung revolutioniert. Und wissen Sie, wie der Titel der Präsentation lautete, mit der er den Auftrag von Volkswagen ergatterte? „How to sell a Nazi-Car in Jewish Manhattan“ – auch eine erfolgreiche Einwanderungsgeschichte.

Quelle: Cicero

Auch hier zu lesen: Nicht alle Iraner sind Kameltreiber, Hinterwäldler und Dorftrottel

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8 Gedanken zu „Amir Kassaei: „Die Deutschen sind zu weich mit Migranten“

  1. Tolles Interview, dem Inhalt kann ich in weiten Teilen aus Erfahrung zustimmen. Das hat mich an meine Kindheit erinnert: „Amir Kassaei: 1974, da war ich sechs, hat mich mein Vater nachts geweckt, und wir haben zusammen „Rumble in the Jungle“, den WM-Kampf zwischen Ali und George Foreman, im Fernsehen gesehen.“ Das hat mein Vater auch getan, jedes Mal wenn Mohammad Ali boxte.

        • Jah! Und meiner wollte unbedingt, dass ich zur Armee seiner Majestät Mohammad Rezâ Šâh Pahlavi gehe und die Auswahl lag dann bei mir, ob ich in der Marine Universität studiere oder bei der Landstreitkräfte! Alles war fertig und da kam die zerstörerische Revolution!

  2. Nein, ich kann Herr Kassaei in einigen Punkten überhaupt nicht zustimmen! Außerdem wirkt er auf mich wie ein sehr ungesunder und ausgeglichener Workaholic, der aufgrund alter Verletzungen das Wesentliche in seinem Leben aus den Augen verliert, auch wenn das Interview jetzt selbstbewusst und straight wirkt. [Danke übrigens dafür.]

    Nun zu meiner Ansicht: Wir müssen aus der Perspektive des „Wir sind nur Gäste“ rauskommen. Wir gestalten dieses Land schon längst mit, wir bereichern es [ja, vor allem mit unserer Kultur], wir schaffen Arbeitsplätze und bringen unseren Intellekt, unsere wirtschaftliche Rafinesse und unseren Forschungsdrang mit ein. Ich werde mich nicht mehr als Gast behandeln lassen, sondern als Bereicherung. Als Mensch, der genauso wie ein Deutscher Fehler machen darf, sich nach einem Fußballspiel daneben verhalten darf, ohne direkt auf die schwarzen Haare und die dunklen Augen verwiesen zu werden. Und ich darf auch in meinem Kreis und in meiner Familie soviel iranische Kultur ausleben wie ich will. Und ich darf sogar noch mehr: Ich darf meinen Mitmenschen auch sagen, was ich an meiner iranischen Kultur besser oder schöner finde als an der Deutschen, und ich darf auch sagen, was ich an der Deutschen besser finde als an der Iranischen. Ich kann mich hier an Wahlen beteiligen, Kritik an der deutschen Gesellschaft ausüben, über gewisse Eigenarten schimpfen, die mir zum Halse raushängen [z.B. eine gewisse Unterkühlung, mit der ich nicht klar komme! Und dem ewigen Misstrauen, und dieser „Meine Baustelle, deine Baustelle“-Mentalität, die ich gelinde gesagt scheiße finde!], immerhin muss ich ja auch die selben Pflichten erfüllen wie ein normaler Deuscher. Nur, weil man hier auf die Welt gekommen ist, heißt das nicht, dass man resistent gegen Einflüsse und Kritik anderer Kulturen sein sollte. Die ureigene Fremdenskepsis der deutschen Gesellschaft, die ja historisch bedingt zu sein scheint, darf nicht auch noch gefördert werden, indem wir uns selbst als Bittsteller degradieren. Ohne eine anständige Reflektion der deutschen Gesellschaft zu dieser Haltung wird es entweder weiterhin zur Überskepsis bei gleichzeitiger Maulkorbmentalität aufgrund der Nazivergangenheit in Bezug auf andere Nationen kommen oder eben zu einem Ausbruch der Fremdenfeindlichkeit, sobald die Hemmungen fallen und sich die Gelegenheit dazu bietet. Das ist der falsche Weg.

    Weder muss man erlauben, dass phallusartige Moscheen aus jeder Ecke herausragen und es in den Schulkantinen kein Schweinefleisch mehr gibt [btw., ich finde Schwein schmeckt bäh!], noch sollte man den Menschen eine Sonderstellung geben, nur weil sie hier auf die Welt gekommen sind. Sonst werden wir immer, immer, immer in versteckten „Kasten“ leben. Dazu bin ich nicht bereit. Ich bin genauso viel wert wie ein Deutscher, und ich habe das selbe Mitgestaltungs- und Kritikrecht für dieses Land, in dem ich lebe, arbeite, forsche und zahle, und immer wieder zahle und zahle.

    Ich werde auch niemals vergessen, warum ich hier bin und nicht in meiner Heimat. Und ich werde auch niemals die Beteiligung Europas an diesem Desaster vergessen, und auch nicht an Europas Beteiligung am Iran-Irak Krieg. Wenn wir immer nur das Gefühl haben, dass wir uns ergeben sollten, nur weil Deutschland so „nett“ war, uns aufzunehmen, dann sollten wir uns nicht wundern, warum immer mehr Iraner Identitäts- und Selbstwertprobleme haben. Wir sollten vielmehr selbstsicher sein und ab und zu vielleicht auch die Perspektive wechseln und sagen: „Im Grunde hat Deutschland von der Islamischen Revolution soviel gehabt und mitgeholfen, dass es das Mindeste ist, was sie für uns Iraner tun können! Uns hier leben zu lassen und als gleichwertig zu betrachten. Und wir uns selbst auch.“ Nein, Herr Kassaei, ich bin absolut nicht Ihrer Meinung! Und trotzdem danke ich Ihnen für das Interview, denn Ihre Perspektive war dennoch eine Interessante, und es war ja auch nicht alles falsch, sondern nur dieser eine Punkt.

    P.S.: Ich habe mit meinem Papa Boxen und Ringen trainiert. Später kam Fußball dazu, ich war dann im Verein. Hahaha.

    • „P.S.: Ich habe mit meinem Papa Boxen und Ringen trainiert. Später kam Fußball dazu, ich war dann im Verein. Hahaha.“

      Liebe Sherry,

      das haettest mir aber schon vor 7 Jahren sagen koennen, dann waere ich nicht immer so frech gewesen bei INN:-)

  3. Pingback: Was denkt die zweite Generation der Iraner in Deutschland? | Online-Magazin Pârse&Pârse پارسه و پارسه

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