Jašne Mehregân – das vergessene Fest Irans

 

Pârse & Pârse – Auch in diesem Jahr wird man am 16. Mehr im 7. Monat Mehr (Oktober) des iranischen Kalenders vergeblich nach Jašne Mehregân [جشن مهرگان]‎, dem alten mithraistischen Festtag suchen. Heute steht im iranischen Kalender an diesem Tag „ruze jahâniye mostaz’afân“ [Internationaler Tag der Bedürftigen] und „ruze welâdate emâme 12“ [Der Geburtstag des 12. Imam der Schiiten]. Kein Wort über dieses sehr alte, seit Jahrtausenden im Iran gefeierten Festes, dafür aber dürfen wir uns in der Islamischen Republik Iran an diesem Tag auf die Wiederkehr des 12. Imams der Schiiten, Emâm Zamân [Imam des Jüngstes Gerichts] freuen.

Mehregan war und ist weit mehr als nur ein Jahreszeit bedingtes Erntedankfest, das die Menschen feiern, weil Ahura Mazda [Âhurâ Mazdâ ] den Menschen die Früchte ihrer Arbeit gab, um die kommenden Wintermonate zu überleben und es ist auch weit mehr als ein religiöses Fest zu Ehren Mithras (Mehr), des alten iranischen Sonnengottes, dem Gott des Lichtes, der Liebe und der Freundschaft.

Der Sieg von Fereydun und Kâve über Zahhâk

Es ist auch der Tag, wie uns eine alte persische Sage erzählt, an dem König Fereydun [‏فریدون] und Kâve [كاوه] der Schmid sich gegen die Tyrannei des 5. Urkönigs Zahhâk [ضحاک] erhoben und ihn besiegten. Als Kâve  zu König Fereydun kommt, schmückt dieser die Schürze des Schmids mit aus goldenen Fäden gewebtem Stoff, auf dem Juwelen genäht sind. Diese geschmückte Lederschürze nannte Fereydun Derafše Kâviyâni [درفش کاویانی](Kâves Flagge). Später fügte jeder neue Herrscher weitere kostbare Stoffe, Perlen und Juwelen hinzu. So wurde aus Kâves Schmiedeschürze am Ende die Staatsflagge des iranischen Sassaniden-Reiches, das sog. Kâviyâni Banner. Im 7. Jahrhundert ist sie bei der Niederlage der Sassaniden gegen die islamischen Araber als Kriegsbeute verloren gegangen. Zahhâk galt als Symbol für die Assyrer. Diese beherrschten eine Zeit lang den Westen Irans. Deren Hauptstadt Ninive wurde am 10. August 612 v. Chr. von Medern und Babyloniern erobert und das Reich der Assyrer wurde damit für immer beseitigt.

„Am Glückstag, dem ersten vom Monat Mehr

Setzt’ er aufs Haupt sich der Krone Zier.

Die Zeit ward ohne Sorge vor Leid

Sie wandten sich all zu Gottseligkeit.

Sie leerten das Herz von Kriegesbraus

Und machten ein neues Fest mit Schmaus. …

Die Mehrganfei’r hat er eingesetzt

wo man ruht und mit Wein sich letzt.

Das blieb uns von ihm zum Angedenken

Da lass nicht Sorg’ und Müh’ dich kränken“

Ferdowsi, aus dem Šâhnâme, Sage VI

Der iranische Dichter Ferdowsi erzählt uns im Šâhnâme, dass Ahriman [der Teufel], ganz nach arabischem Brauch, die Schulter von Zahhâk, dem assyrischen Urkönig küsste und ihm daraufhin auf seinen Schultern zwei Schlangen wuchsen, die jeden Tag das Gehirn von zwei iranischen Jugendlichen als Opfer verlangten. Doch am 16. Mehr im Monat Mehr besiegten Fereydun und Kâve, der seine Schmidschürze als Flagge des Aufstandes benutzte, Zahhâk in einem gerechten Kampf und verbannten ihn und seine Schlangen auf den Demawand [Damâvand], wo sie ihn und seine Schlangen töteten. Der Sieg Fereyduns und Kâves über Zahhâk ist Teil eines großen jahreszeitlichen Zyklusses in der iranischen Mythologie. Zu Nowruz, dem iranischen Neujahrsanfang am 20. oder 21. März wurde Jamšid, der mystische iranische König, von Zahhâk besiegt und nun zu Mehregân im Herbst, wird Zahhâk von Fereydun, mit Hilfe Kâves besiegt und damit wird, so wie der Herbst das Gleichgewicht zum Frühling schafft, das Gleichgewicht zwischen Unrecht und Recht zu Mehregân wieder hergestellt.

Die Bedeutung Mehragâns im Zoroastrismus 

An diesem Tag so glauben die Zoroastrier, soll Gott, Maši und Mašiyâne aus dem Samen Gayomarts [Gayumarta] erschaffen haben und diese Geschichte wird später in die nordische Mythologie als Ask und Embla und von den abrahmitischen Religionen als Adam und Eva in ihre heiligen Bücher eingehen. Nach dem zoroastrischen Schöpfungsmythos war Gayomart der erste Mensch den Ahurâ Mazdâ, der Gott aller Güte, geschaffen hatte; er ist damit der Vater von Maši und Mašiyâne und genauso von Ask und Embla und von Adam und Eva und damit von allen Menschen.

Im antiken Iran gab es die „Woche“ in der heutigen Form nicht, denn die Iraner kannten auch keine Wochentage von Montag bis Sonntag. Im antiken iranischen Kalender hatten die Monate 30 Tage und jeder von diesen 30 Tagen hatte einen Namen wie Amordâd, Âzar, Soruš, Rašn, Farvadin, Šahrivar, Sepandâr Mazd, Mehr etc. Der heutige Begriff „Woche“ (persisch: Hafte) hat seine Wurzeln in den semitischen Traditionen. Die Semiten glaubten, Gott hätte in 6 Tagen die Welt erschaffen und am siebten Tag hätte er sich dann ausgeruht. Aus diesem Grund nannten sie den siebten Tag in Hebräisch Schabbat/Sabbat, die „Ausruhen, Freizeit, Feierabend“ bedeuten. Der sechzehnte Tag eines jeden Monats im iranischen Kalender trägt den Namen „Mehr“ und am Tage „Mehr“ im Monat „Mehr“ wurde schon lange vor Zarathustra das „Mehregân-Fest“ abgehalten. Neben Nowruz und Šabe Yaldâ zählt dieses Fest zu den ältesten traditionellen Festen aller alt-iranischen Völker.

Die Bedeutung von Mehregân in der Antike und heute

In der achämenidischen Epoche wurde Mehregân am 23. September zum Herbstanfang prunkvoll in Persepolis gefeiert und die Völker aus allen Teilen dieses riesigen Weltreiches brachten an diesem Tag ihre Geschenke dem Großkönig, denn am 22. oder 23. September eines jeden Jahres läuft die Sonne durch den Herbstpunkt und überschreitet den Himmelsäquator von Norden nach Süden. Danach befindet sie sich auf der südlichen Himmelshälfte, das heißt die Südhalbkugel der Erde ist der Sonne zugewandt, an diesem astronomischen Datum sind die Tage und Nächte gleich lang. In diesem Jahr 2013 fiel die Tag- und Nachtgleiche im Herbst auf den 22. September 22.44 Uhr MEZ. Es war auch damals wie heute Brauch sich gegenseitig, aber auch die Armen im Reiche zu beschenken. Bis zur sassanidischen Epoche war Mehregân sogar das Neujahrsfest und erst in dieser Epoche wurde Mehregân ersetzt und Nowruz zum neuen Neujahrsfest gekürt. Während der Zwangsislamisierung und nach dem Untergang der Sassaniden, zu Zeiten der arabischen Abbasiden, erfuhr Mehregân eine erneute Renaissance. Die abbasidischen Kalifen ließen sich in die Zeremonien des Mehregânfestes unterrichten und es wurden Lobeshymnen zur Ehrung dieses Festes gedichtet! Bis heute heißt „die Feierlichkeit“ in der arabischen Sprache „mehrejân“ [مهرجان], also die eingearabischte Form Mehregâns! Erst nach der mongolischen Invasion im Jahre 1218 verlor Mehregân zunehmend an Bedeutung. Seit den 60er Jahren hatte die iranische Post bis zur Islamischen Revolution unter dem Šâh Briefmarken zur Erinnerung an dieses Fest drucken lassen. Heute wird Mehregân nur noch unter Zoroastriern gefeiert. Dabei trägt man an diesem Tag schöne, speziell für Mehregân geschneiderte und gefärbte blumenverzierte Kleidung und man dekoriert die Ecken eines bunten Gabentisches mit wildem Majoran. Auf diesen Tisch gehört auch ein Spiegel, eine Kopie der Awesta, sormedân (Kajal), neben Äpfel und Rosenwasser auch Süßigkeiten, Blumen, Gemüse und Obst, wie Granatäpfel aber auch Nüsse, wie Mandeln oder Pistazien, ein paar Silbermünzen und man platziert auf dem Tisch eine Schale mit Wasser, indem sich duftender Majoranextrakt zusammen mit Lotussamen befindet.

Mittags, wenn dann die Zeremonie beginnt, betet man vor dem Spiegel und dann wirft man sich gegenseitig wilden Majoran und die Samen des Lotus über die Köpfe und umarmt sich. Man beschenkt sich an diesem Tag und es wird mit Musik und Tanz gefeiert. Es ist wie alle iranischen Feste ein fröhliches Fest und wird mit viel Wein begossen. In vielen Teilen Europas, wie England, Island, Italien und allen Ländern die an der Donau liegen, war der Mithraismus bis zum 4. Jahrhundert n. Chr. die offizielle Religion. Als Konstantin I das Christentum zur Staatsreligion erhob, geriet der Mithraismus in Vergessenheit, doch sein Einfluss auf die christliche Religion ist bis heute ungebrochen. Heute ist Mehregân auch ein politischer Tag, denn an jenem Tag, des 16. Mehr im Monat Mehr, an dem Fereydun und Kâve, Zahhâk besiegten, symbolisieren sie den Kampf gegen die Tyrannei und gegen die Unterdrückung durch fremde Invasoren. Aus dem Šâhnâme, dem Buch der Könige von Ferdowsi lernen wir mit der Sage über Zahhâk, Fereydun und Kâve, dass das Unrecht nicht ewig währt, die Fremdbesatzer und ihre Schergen untergehen und das Recht über das Unrecht letztlich obsiegt.

Wir werden noch einmal einen Mann wie Fereydun, und noch einmal einen Mann wie Kâve benötigen, um noch einmal Zahhâk und seine Schlangen zu vernichten. Das Volk wird bald wieder auf die Straße gehen, werden dann auch sie kommen?

Advertisements

9 Gedanken zu „Jašne Mehregân – das vergessene Fest Irans

  1. The Persian rite in the autumn / Das persische Ritual im Herbst / آئین ایرانی در پائیز

    The Persian rite in the autumn
    Das persische Ritual im Herbst
    آئین ایرانی در پائیز
    Danke an Euch für den wertvollen Artikel

    • Nimâ jân,

      be yâriye ahurâ mazdâ in ruzhâye xubo zibâ dobâre dar sâlnâmeye irâni daftarine (sabt) xâhand šod.

      Idun bâd.

      Mehregân farxonde bâd.

  2. Pingback: Iran, die vergessene Glorie | Pârse & Pârse پارسه و پارسه

  3. Pingback: Nouruz, das Fest der Liebe | Pârse & Pârse پارسه و پارسه

  4. EILAKTION
    Schluss mit der legalisierten Pädophilie in der Islamischen Republik Iran!
    Machen Sie mit bei unserem Protest am 11. Oktober 2013

    TWITTERN:
    #Iran #No2LegalPaedophilia

    HIER BITTE UNTERSCHREIBEN:

    https://secure.avaaz.org/en/petition/An_end_to_legalised_paedophilia_and_child_rape_in_Iran

    Am Sonntag, den 22. September 2013, einen Tag vor Beginn des neuen iranischen Schuljahres, hat die Madschles-e Schora-ye Islami, das ist das Parlament der Islamischen Republik Iran, ein Gesetz verabschiedet, das jedem Stiefvater erlauben soll, sein adoptiertes Kind zu heiraten.

    In Verteidigung dieses Gesetzes sagte ein Mitglied der Madschles, des Parlaments: “Nach dem Islam wird ein adoptiertes Kind nicht als wirkliches Kind betrachtet. Sowohl der Fiqh, das ist die Islamische Jurisprudenz, als auch das von Allah gegebene Schariagesetz erlauben es dem Vormund, das Stiefkind zu heiraten und mit ihm Geschlechtsverkehr zu haben.”

    Dieses skandalöse Gesetz wird zu einem Anstieg an Kinderheiraten ermutigen und ist nichts anderes als legalisierte Pädophilie und Kindesvergewaltigung. Es wird zusätzlich dafür sorgen, das Wohlergehen der Mädchen zu gefährden und ihre Grundrechte zu verletzen. Es wird Kindern jedes Gespür für häusliche Sicherheit und familiäres Wohlergehen zunichtemachen.

    CHILDREN FIRST NOW und FITNAH – Movement for Women’s Liberation verurteilen dieses unmenschliche Gesetz entschieden. Am 11. Oktober, dem Internationalen Mädchentag, werden wir die Weltöffentlichkeit und alle Menschenrechtsorganisationen dazu aufrufen, diese legalisierte Pädophilie und Kindesvergewaltigung zu verdammen. Dieses Gesetz, wie so viele andere Gesetze des Islamischen Regimes im Iran, verletzt die Würde und die Rechte von Kindern und muss in jedem Fall verhindert werden.

    http://jacquesauvergne.wordpress.com/2013/10/05/353/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s