Jašne Cahâršanbe Suri – Der rote Mittwoch

Am Vorabend des letzten Mittwoch vor Nowruz [نوروز], dem persischen Neujahrsfest am 20. oder 21. März eines jeden Jahres, finden die letzten Feuerfeierlichkeiten des iranischen Jahres mit Namen Cahâršanbe Suri [چهارشنبه سوری] – „Der rote Mittwoch“ statt. Dieses Fest entstand in der frühzoroastrischen Ära, etwa um 1700 v. Chr. im antiken Iran. Es wurden bei Sonnenuntergang Feuer angezündet, die die ganze Nacht brannten, um das Licht bis zum Sonnenaufgang am Leben zu halten. Man sammelte zuvor trockene Grashalme und Dornbüsche und entfachte ein Feuer in den letzten kalten Winternächten und verbrachte mit dem heiligen Feuer Ahuras die Nacht, um bald das neue Jahr „Nowruz“ zu begrüßen und um Ahrimans Armee, der Dunkelheit, den Kampf zu erklären.

Brauchtum in den Cahâršanbe Suri Feierlichkeiten

Kurz vor Nowruz werden auch heute noch die Häuser gesäubert und man gedenkt seit je her an Cahâršanbe Suri auch der Seelen der Verstorbenen. Kinder verkleiden sich mit Leichentüchern und schlagen auf Töpfe und Pfannen mit einem Löffel, das man im Persischen Qâšoqzani [قاشق زنی] nennt, während sie durch die Straßen ziehen und an den Türen der Häuser um Süßigkeiten bitten. Genau wie im keltischen Halloween auch, hat an diesem Tag die Wahrsagerei Hochkonjunktur. Auch im keltischen Halloween wurde der Verstorbenen an diesem Tag gedacht, die Kinder verkleideten sich und Freudenfeuer wurden entzündet und so sind einige der Halloweenbräuche mit dem Brauchtum in den iranischen Cahâršanbe Suri Feierlichkeiten identisch. Aus dem keltischen Halloween und seinem ähnlichen Bezug zum Totenreich ergaben sich später die christlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen, die in Europa erst im 8. Jahrhundert eingeführt wurden und dessen Datum erstmals von Papst Gregor III im 8. Jahrhundert auf den 1. November verlegt wurde. Heute ist deshalb Halloween der Vorabend von Allerheiligen, genau wie im Iran auch der Vorabend von Cahâršanbe Suri gefeiert wurde und wird. Heute gehen die Menschen am Vorabend von Cahâršanbe Suri auf die Straßen, zünden kleinere Feuer an und springen über diese Feuer, während sie als Reinigungsritual singen:

سرخی تو از من و
Das Rote (Gesundheit) in Dir ist für mich! Und
زردی من از تو
das Gelbe (Krankheit) in mir ist für Dich!

An diesem Tag isst man genau wie zum alt-iranischen Regenfest Tirgân [تیرگان] eine Nudel-Fleisch-Kräutersuppe mit Namen Ash-e Reshteh [š Rešte]  und man isst eine Mischung namens Âjil [آجیل] aus sieben Sorten Nüssen und getrockneten Früchten, wie Feigen, Aprikosen, Rosinen und gerösteten Kichererbsen.

Cahâršanbe Suri im antiken Iran

Im vorislamischen Iran sprang man an diesem Tag nicht wie heute über das Feuer, denn das Feuer ist ein heiliges Element, das neben Erde, Wasser und Luft, den vier Grundelementen, nicht verunreinigt werden darf. Damals bildete man einen Kreis um das Feuer und alle sangen Hand in Hand religiöse Hymnen Zarathustras. Den vier Grundelementen Feuer, Wasser, Erde und Luft kommen im Zoroastrismus eine besondere Bedeutung zu, denn man ging davon aus, dass Materie charakteristische Anteile der vier Grundelemente enthält. Die vier Grundelemente hatten auch einen Hauch philosophischen Beigeschmacks, die bald über die unter persischer Herrschaft stehenden Küstenmetropolen Ephesus und Milet in Kleinasien ihren Weg nach Griechenland gefunden haben: Dem Feuer wurde Zielstrebigkeit und Ehrgeiz zugeordnet. Wasser war das sanfte Element, das nachgiebige und weiche, das Luftelement war flexibel und letztlich stand Erde für das Starre und Beständige und diese vier Grundelemente hatten später die Basis für eine neue Wissenschaft, die Chemie begründet. Das Fest Cahâršanbe Suri geht bereits auf das Hamaspathmaedaya Fest zurück, das in den letzten fünf Tagen vor der Frühjahrs- Tag und Nachtgleiche im antiken Iran schon zu Zeiten der assyrischen Herrschaft als Seelenfest gefeiert wurde. In der altiranischen Glaubensvorstellung des Mithraismus und später des Zoroastrismus stellte man sich die Verstorbenen als im Himmelsraum verweilende Seelen der Ahnen vor, die zu diesem Fest auf die Erde zurückkehren. Auf die Macht dieser Seelen, die Ahurâ Mazdâ, dem Gott aller Güte im Kampf gegen Ahriman dem Bösen zur Seite stehen, beruhte die damalige iranische Gesellschaft – ja aus zoroastrischer Sicht, sogar die gesamte Weltordnung. Cahâršanbe Suri gehört auch zu den Gahanbâr-Feierlichkeiten [گهنباران], die jeweils 5 Tage lang gefeiert wurden, den jahreszeitlichen Festen und damit zu den Hauptfesten der zoroastrischen Religion. Im Mittelpunkt stand Ahurâ Mazdâ, der Gott aller Güte und die Schöpfung. Sechs Mal im Jahr verbanden die Gahanbâr-Feierlichkeiten die Gläubigen mit ihren Wurzeln und erinnerten diese daran Gutes zu tun. In ihrer Reihenfolge reflektieren diese Feste zugleich den Weltschöpfungsmythos des zoroastrischen Glaubens. Nach diesem erschuf Ahurâ Mazdâ zunächst das Unsichtbare und Geistige. Dem folgte die Erschaffung des sichtbaren Teils der Welt in der folgenden Reihenfolge:

1. Himmel mit den Sternen, Mond und Sonne
2. Wasser und Ozeane
3. Erde
4. Pflanzen (Flora)
5. Tiere (Fauna)
6. Menschen

Lange vor der Entstehung der christlichen Religion, hatte das Wasser im Zoroastrismus bei den Gahanbâr-Feierlichkeiten eine rituelle Bedeutung, in der das Wasser sozusagen sakralisiert, also geheiligt und geweiht wurde. Später wird sich auch die christliche Religion des geweihten Wassers für rituelle Zwecke bedienen. Während eines Gahanbârs geschieht diese Weihung des Wassers sowohl vor als auch während des Yasna (Primärliturgie des Zoroastrismus) durch genau festgelegte Riten, die durch einen „Messdiener“ ausgeübt werden und nur in der Zeit zwischen Sonnenaufgang und Mittag durchgeführt werden dürfen. Während der arabischen Besatzungszeit wurde dieses Fest im Namen des Islam verboten, um das in den Augen der arabischen Moslems „feueranbetene Volk“ zu islamisieren. Doch an jedem letzten Mittwoch eines jeden Jahres, zündeten die Iraner während der arabischen Besatzungszeit auf ihren Dächern Feuer an, um diese Tradition am Leben zu halten. Die Araber glaubten, dass der Mittwoch (Cahâršanbe) ein Pech bringender und schlechter Tag ist und dies steht im völligen Widerspruch zur zoroastrischen Kosmologie, in der alle Tage heilig waren. Für die Iraner war Cahâršanbe Suri daher eine göttliche Tradition, an der man nicht nur der Verstorbenen gedenkt und Ahurâ Mazdâ, den Gott aller Güte ehrt, sondern sich auch vorbereitet, das neue Jahr Nowruz willkommen zu heißen.

Cahâršanbe Suri heute – das Fest der Verderbenstifter auf Erden

Cahâršanbe Suri ist heute der Tag in Iran, an dem die Kluft zwischen der iranischen Bevölkerung und den islamischen Fremdherrschern besonders deutlich wird. Seit der islamischen Revolution hatten islamische Kleriker immer wieder versucht diesen Feiertag abzuschaffen und ihn sogar durch den sog. „Siegestag“ der Revolution 1979 zu ersetzen. Einer der Chefideologen Ajatollah Motahhari, einst Schüler von Ayatollah Ruhollah Khomeini bezeichnete die Jahrtausende alten Feste Irans wie das Neujahrsfest Nowruz als “anti-islamischen Tag” und Cahâršanbe Suri als „Tag der Idioten“. Die gegenseitigen Überbietungen an Feindseligkeit gegen die iranische Kultur und gegen die iranische Bevölkerung werden auch in diesem Jahr wieder Hochkonjunktur feiern.

Auf dem unteren Video hören wir die Worte Motahhari, wie er das iranische Volk beleidigt und sehen Bilder von islamischen Bräuchen, die vielmehr das Prädikat idiotisch verdienen:

Vor zwei Jahren bezeichnete Chefmollah Ayatollah Ali Chamenei, Cahâršanbe Suri als „bar jeder religiöser Wurzeln und Grund für großen Schaden und Verderbnis, man müsse vermeiden dieses Ereignis zu feiern“. Ayatollah Sobhani bezeichnete dieses Fest als „abergläubische Riten, die dem Islam und der Logik widersprechen, die Sitten, die für diesen letzten Mittwoch des Jahres in Iran zur Tradition geworden sind, seien rückständig, und die Schäden seien für jeden deutlich erkennbar“.

Wohl wissend, wie gefährlich solche Feste für die weitere Existenz der Islamischen Republik sind, hatte man vor zwei Jahren ein Versammlungsverbot für diesen Tag erlassen und angekündigt, dass alle aus diesem Grund Verhafteten nicht vor Ende der Nowruz-Feierlichkeiten, die über zwei Wochen andauern, wieder freigelassen werden würden. Nichts desto trotz wurden an diesem Tag in den Straßen Irans Feuer angezündet. Presseberichten zu Folge sangen und tanzten Männer und Frauen miteinander und illegale westliche Musik war aus den Autos zu hören; an diesem Tag verhaftet zu werden ist in Iran etwas völlig normales. Wann immer die Menschen, die in den Straßen dieses Fest feierten, die Sittenpolizei, bärtige turko-arabische Basiji Moslems im Anmarsch sahen, flohen die Menschen in die Nachbarhäuser, um einer Verhaftung zu entgehen; es war und ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Spiel mit dem Feuer. Vor zwei Jahren kam es an diesem Tag zu Zusammenstößen der „grünen Bewegung“ mit der Polizei in den Straßen Teherans und die Menschen verbrannten im heiligen Feuer Ahuras Bilder des obersten religiösen Führers Ayatollah Ali Chamenei und des Staatspräsidenten Mahmud Ahmadinejad. Die Islamische Republik hat seit langem der iranischen Kultur, seinen vorislamischen Kulturgütern und ganz besonders diesem vorislamischen Fest den Kampf angesagt und sich die Beseitigung dieses Festes zum Ziel gesetzt, um den Iranern das einzige Fest, indem sie sich noch einen letzten Rest Fröhlichkeit bewahren konnten, auch noch zu nehmen, denn im Islam gibt es keine Feiertage, dafür aber 365 Trauertage.

Cahâršanbe Suri farxonde bâd.

Gratulation zum Cahâršanbe Suri-Fest.

جشن چهارشنبه سوری فرخنده باد.

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3 Gedanken zu „Jašne Cahâršanbe Suri – Der rote Mittwoch

  1. Pingback: Nowruz, das persische Neujahrsfest | Pârse & Pârse پارسه و پارسه

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