Jordanien: Frauen der „Märtyrer“

Ayscha Bildquelle: Tanya Habjouqa

Ayscha
Bildquelle: Tanya Habjouqa

Ramtha Jordanien – In einer staubigen jordanischen Grenzstadt, kämpfen die „Frauen der Märtyrer“ – Frauen, jener Männer, die sich den internationalen Terrorbanden in Syrien angeschlossen haben und getötet wurden – um für ihre Familien zu sorgen und ihr zerstörtes Leben wieder aufzubauen.

Ayscha, 30 Jahre alt, ist nach 11 Jahren Ehe mit Abu Leila, ein Kämpfer der Terrororganisation der freien syrischen Armee (FSA,) seit einem Jahr verwitwet. Hier zeigt sie eine Tätowierung auf der Schulter, die lautet: „Warum hast du mich verlassen, als ich dich brauchte?“ Das Tattoo bezieht sich auf einen dramatischen Streit, den die beiden jungen Teenager einst hatten. Beide tätowierten jeweils dieselbe Nachricht als Erinnerung, wie schrecklich die Trennung nach dem Streit damals war, auf ihre Schultern. Sie hätte sich nie vorstellen können, welche ergreifende Bedeutung die Tätowierung Jahre später haben würde.

Bildquelle: Tanya Habjouqa

Bildquelle: Tanya Habjouqa

Nadia, 25, lebt mit 17 vertriebenen Familienmitgliedern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Am Fenster hängte ihre Mutter ein Negligé auf, das einzige ihrer intimen Gegenstände welches sie aus Syrien schmuggeln konnte – sie bot an, es mit Nadia zu teilen, wenn ihr Sohn zurück von der Front kommt. Nadia betet den Bruder nicht zu verlieren, ihre Schwester Ayscha trat nach dem Tod ihres Mannes den „Frauen der Märtyrer“ bei.

Layla und ihre Schwester Sama Bildquelle: Tanya Habjouqa

Layla und ihre Schwester Sama
Bildquelle: Tanya Habjouqa

Ein Bild von Layla (unverschleiert) und ihrer Schwester Sama zwei Jahre zuvor, im Alter von 13 und 15, kurz nach der Nachricht vom Tod ihres kämpfenden Vaters im Bürgerkrieg. Die Mutter von sechs Kindern war sofort unter Druck ihre beiden ältesten Töchter zu verheiraten. Layla wurde von einer syrischen Armee-Einheit aus dem Schlaf gerissen und getreten, als sie ihr Haus stürmte, auf der Suche nach ihrem Vater, bevor sie nach Jordanien geflohen waren.

Layla  Bildquelle: Tanya Habjouqa

Layla
Bildquelle: Tanya Habjouqa

Layla, 15,  allein im Niqab, den sie erst seit kurzem trägt. Ihre 17-jährige Schwester hat gerade geheiratet und ließ sie allein im Haus mit ihrer verwitweten Mutter und ihren Geschwistern zurück. Heiratsanträge wurden ihr bereits gemacht. Sie träumte davon, ihren Abschluss an der Hochschule zu machen und Lehrerin zu werden. Sie sagt, „dass, während frühe Heiraten in Daraa immer schon üblich waren, früher (unter Bsahar Al Assad) wenigstens die Mädchen mit der Erlaubnis ihrer Familien, sich frei in ihrer Gemeinde bewegen und zur Schule gehen konnten.“

Syriens Witwen kämpfen um ein Gefühl der Normalität im staubigen jordanischen Grenzort Ramtha, schmerzhaft nahe an ihrem alten Zuhause und ihrem alten Leben, das sie einst In Daraa im Südwesten Syriens gelebt haben. Die seelischen Belastungen der Gewalt sind in ihren spärlichen Habseligkeiten allgegenwärtig, schwerwiegende Andenken erinnern an jene, die sie im Krieg verloren haben. Im digitalen Zeitalter blieben ihnen nur digitale Medaillons: gehegte Handy Bilder toter Väter, Ehemänner und Brüder, verloren in Syriens blutigem Aufstand, den die westliche und arabische Welt initiierte und finanzierte.

Hala Bildquelle: Tanya Habjouqa

Hala
Bildquelle: Tanya Habjouqa

Oben sehen wir Hala 19 ein klassisches Synonym für diesen Krieg. Von ihrem Mann nur 25 Tage lang getrennt, wurde sie von der Familie gezwungen, ihren gewalttätigen Cousin zu heiraten, nachdem ihr Vater getötet wurde. Sie fühlt, dass sie einen langsamen Tod in der Wohnung eingesperrt stirbt und ihr einziger Zugang zur Öffentlichkeit war ein Laptop, den sie verwendete, um Gedichte zu schreiben und mit Syrien in Kontakt zu bleiben. Ihr Onkel wurde nach der Entdeckung des Computers wütend, zertrümmerte ihn, schlug sie, und warf ihre Kleider wütend aus dem Fenster.

Quelle: „Das Privatleben der syrischen Krieg-Witwen von Tanya Habjouqa, Fotografin und Publizistin in Ost Jerusalem.

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Ein Gedanke zu „Jordanien: Frauen der „Märtyrer“

  1. Die Verlierer im Krieg, egal, welcher Couleur, sind immer die rechtlich Schwächsten, hier die Frauen. Unsinnige Kriege, die durch die Angehörigen wohl nur ertragen werden können, wenn die Männer als „Märtyrer“ verehrt werden wie hier im Westen die ehemaligen Sodaten als „Helden“, um die Sinnlosigkeit und die Perversion des Krieges nicht voll gedanklich erfassen zu müssen.
    Die frühen „Kinderehen“ gehen auf den Propheten selbst zurück. Zwangsehen sind in Kriegszeiten leichter durchführbar, weil die Frauen wieder verheirtatet werden müssen; da ist dann auch der Gewalttätigste gerade recht. Wie es den Frauen dabei geht, ist der Gesellschaft wohl egal, in Kriegszeiten wohl noch egaler als sonst. Zwangsehen sind nichts anderes als legitimierte Vergewaltigungen auf Dauer. Dass da Seelen zerbrechen können, ist praktisch vorprogrammiert.

    Es ist gerade wieder eine der vielen Heucheleien des Westens, die medial wieder zutage getreten sind. Foltervorwürfe, die sogar teilweise in den USA bestätigt wurden. Aber Assad genau diese Foltereien vorwerfen (was natürlich stiimmte) und Syrien in die Achse des Bösen aufnehmen, selbst aber nicht besser handeln. Ist die US-Folter menschengerechter als die Assad-Folter? Wohl kaum! Assad waren Diktaturen reinsten Wassers, aber die Bevölkerung konnte relativ ruhig und sogar im Vielreligionenstaat relativ friedlich nebeneinander leben. Jeder konnte davon ausgehen, dass die Gefangenen in den Gefängnissen nicht gut behandelt und teilweise gefoltert wurden. Die USA gibt jedoch vor, ein Land zu sein, das die Menschenrechte achtet. Jetzt stellt sich heraus, dass die USA noch heuchlerischer handelt in dieser Frage als Assad und seine Schergen.

    Jetzt regiert das Märtyrertum und die Heldennummer. Die Frauen und Kinder sind DIE Verlierer auf allen Seiten. Darum frage ich mich, warum hier immer junge kräftige Kerle als Asylanten hierherfinden und weniger Familien mit Kindern. Warum finden hier nicht alleinerziehende Frauen, deren Männer im Krieg gefallen sind, mit ihren Kindern Asyl, sondern meistens Kerle.
    Ich denke, diese Frauen bräurchten unsere Hilfe besonders, nicht die alleinstehenden jungen Männer, die frei und ungebunden sich Schleusergelder erarbeiten oder egaunern können, um dann hier Asylanträge zu stellen.

    Wir sollten lieber Frauen und Kinder hierher holen aus syrischen Flüchtlingslagern, die besonders arm dran und ohne Beistand ihr Leben dort fristen müssen. Das wäre sinnvolle Asylpolitik.

    Selbst in diesem Artikel wird von leichteren Lebensweisen unter Assad berichtet.
    Die Tragik und Sinnlosigkeit eines jeden Krieges zeigt sich auch in diesem Bericht.
    Danke.

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