Adam Lauks – eine DDR-jugoslawische Geschichte (2)

Dieses Bild hatte der damalige Direktor der SPIEGEL-Vertretung in der DDR Ulrich Schwarz in der Wohnung des Vaters von Adam Lauks gemacht. Er kam aus Berlin in den Schwarzwald im April 1986 um mit ihm ein Interview zu machen.

Bildquelle: Ulrich Schwarz – Dieses Bild hatte der damalige Direktor der SPIEGEL-Vertretung in der DDR,  Ulrich Schwarz, in der Wohnung des Vaters von Adam Lauks gemacht. Er  kam aus Berlin in den Schwarzwald im April 1986 um mit ihm ein Interview zu machen.

 

Teil 1

Ein Interview von und mit Ardašir Pârse und Adam Lauks

Ardašir Pârse: Herr Lauks, können Sie uns noch mehr über Ihre Verhaftung sagen?

Adam Lauks: Während der Fahrt kann ich mich nur noch an den einen Gedanken erinnern; ich habe gewusst, dass mein bisheriges Leben hier für immer zu Ende ging. Als der Wagen vor einem großen eisernen Tor hielt und sich das Tor hinter uns schloss wusste ich, dass die Zeit der Abrechnung gekommen war. Ich wusste nur nicht wofür diese Verhaftung sein musste. Eines wusste ich, dass die Zeit gekommen war um mich von dem Makel der Verdächtigung des Vertreters von „GORENJE“ Borislav Pajic, die in der Versammlung der Parteiorganisation BdKJ im JUGOBÜRO fiel, an dem Tag als man unter anderen Tagesordnungspunkten auch über zwei Anträge zur Aufnahme beraten und entschieden werden sollte, zu befreien.

Als erster und wichtigster Punkt an der Tagesordnung waren Disziplinarmaßnahmen und der Ausschluss aus der Partei der vier Söhne von drei Wirtschaftsvertretern Jugoslawiens. Die Botschaft erhielt aus dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten auf eine diskrete Art und Weise eine Empfehlung. Eine indirekte Aufforderung, wie das unter befreundeten Staaten so üblich ist, dass die Familien Pajic und Disovski aus Skopje und Djordjevic aus Belgrad in einem angemessenen Zeitraum die DDR verlassen möchten. Es wurden angeblich Beweise des Ministeriums für Staatssicherheit vorgelegt, dass sich vier Söhne an der Schleusung von DDR Bürgern und Bürgerinnen beteiligt hätten. Mitglieder der Wirtschaftsvertretungen Jugoslawiens waren alle beim MfAA ( Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR) akkreditiert und hatten demzufolge eine Art halb-diplomatischen Status. Man erhielt einen grünen Ausweis – eine Klappkarte die einen berechtigte ein personengebundenes Fahrzeug vorläufig zu importieren und zuzulassen und mit blauen Kenzeichen war man von der Zollkontrolle völlig befreit. Es reichte beim Grenzübertritt nur den grünen Ausweis gegen die Scheibe aufgeklappt zu drücken. Grenzer hatte nur zu salutieren und durchzuwinken. Das war dann schon die Kontrolle des Ministeriums für Staatssicherheit. Ein Zollbeamter trat erst überhaupt nicht in Erscheinung.

Das hatten die vier jungen Männer ausgenutzt und weil Übermut zum Leichtsinn führte, nahmen sie zuerst – um anzugeben – ihre DDR Freundinnen oder Bekanntschaften im Kofferraum der väterlichen Autos mit und fuhren über den Check Point Charlie nach Westberlin… ins Kino (!?), oder um eben am Kudamm zu schlendern oder shoppen zu gehen. So manche von den Freundinnen blieben dann im Westen. Der Straftatbestand der Schleusung oder Beihilfe zur Republikflucht war damit erfüllt und belegt. Bis zu 15 Jahre Haft standen auf dieses Delikt laut StGB der DDR. Dies hatte ich erst nach meiner Verurteilung erfahren als ich aus der U-HA – Untersuchungshaftanstalt Haf I – Berlin Rummelsburg in den Strafvollzug in das Haus 6 kam. Um mich herum waren lauter Westberliner oder Westdeutsche die fast alle wegen Schleusung einsaßen, behaftet nach meiner Meinung mit drakonischen, langjährigen Strafen.

Die Jungs sollen dann mitbekommen haben, dass man damit auch viel, sehr viel Geld verdienen kann. Die waren so dumm, dass sie nach dem sie die Grenze passiert hatten, in der Friedrichstrasse gleich hinter dem Häuschen der Alliierten anhielten und die Geschleusten aus dem Kofferraum mitten in der Friedrichstrasse aussteigen ließen, vor den Ferngläsern und Augen der STASI vom Wachturm auf der Ostseite. Die Bilder wurden geschossen.

Ich kannte Djordjevic lediglich flüchtig, der auch immer genügend DDR Geld für die Kollegen in DM tauschen konnte; mir hatte er auch ein paar Mal den Gefallen getan. Die Brüder Pajioc Milijan und Dragan kannte ich nur vom Sehen, persönlichen Kontakt hatte ich auch mit dem Sohn von Kiril Disovski nicht. Das Büro des Direktors der Repräsentanz unserer Bank war in der 4. Etage des Bürogebäudes in der Warschauer Straße 8, wo im Erdgeschoß sich die Firma ASIMEX befand – ein Stützpunkt des Ministeriums für Staatssicherheit, wie man nach der Wende erfuhr. Mein Direktor Dr. Frank Slapnik war Parteisekretär in Berlin. Was ich als Anfänger – es war meine erste Arbeitsstelle – nicht wissen konnte war, dass Dr. Slapnik – Slowene und Herr Borislav Pajcc Serbe war – und beide waren Mitarbeiter des KOS – des militärischen Abschirmdienstes Jugoslawiens.

In der Versammlung sollte über die Strafen für Jungkommunisten zu Gericht gesessen werden. Zu Wort meldete sich der Vater der beiden Brüder Pajic, der sich dann mit jeder Parteistrafe einverstanden erklärte, außer für die Rückgabe der Parteibücher, weil sein älterer Sohn in seinem Parteibuch die Unterschrift von Präsident Tito trug. Dann geschah etwas Ungeheuerliches. Herr Pajic wollte zur Tat seiner Söhne nicht Stellung nehmen, weil im Saal jemand saß der die Söhne der Botschaftsangehörigen und Wirtschaftsvertreter in den Berliner Bars und Gaststätten ausspionierte und an die STASI verriet. Das war eine infame Lüge und Anschuldigung, die sofort ihre Wirkung zeigte. Über meinen Aufnahmeantrag wurde nicht mehr diskutiert.

Nach der Sitzung kehrten wir ins Büro zurück und ich stellte meinen Direktor, als Direktor der Ljubljanska Banka und als Parteisekretär energisch zur Rede und verlangte energisch mit mir SOFORT zu Pajic zu gehen und ihn zur Rede zu stellen. Er kam meiner Aufforderung nicht nach, auch nicht als ich ihn fragte ob er das nicht kapiert hätte, dass Pajic behauptete, dass in seiner / unserer Vertretung ein STASI-Spitzel arbeitet!? Zu der Aussprache kam es letztendlich nicht, was nur durch die Zugehörigkeit zum damaligen KOS erklärbar war. Diese Verleumdung und Anschuldigung schmerzte bis ins Herz hinein und jeder Versuch mich davon reinzuwaschen wäre nur eine Schutzbehauptung.

Deshalb war ich im tiefsten Inneren meines Wesens auch ziemlich ruhig, denn wenn ich hier rauskommen sollte, dann sauber und makellos. Die Familien Djordjevic und Disovski verließen in den nächsten vier Wochen die DDR und auch die Söhne von Pajic, deren Vater aber durfte doch bleiben, was wiederum Zweifel und die Frage entstehen ließ: WIESO?

Als Ergebnis dieses nie dagewesenen Skandals zeigte sich der Botschafter Jovic dem Bruderland sehr zuvorkommend und war bereit, Wiederholungen von Schleusungen wenigstens durch die Angehörigen der Wirtschaftsvertretungen künftig zu unterbinden. Es wurden alle grünen Ausweise eingesammelt und der Status der kontrollbefreiten Person war unwiederbringlich dahin. Dies geschah im Jahre 1977 als es noch keine Quarzuhren auf dem Markt gab.

Ardašir Pârse: Wie verlief die Vernehmung durch die DDR-Behörden?

Adam Lauks: Als ich in den Raum geführt wurde, wurde ich eigentlich durch die Anwesenheit einer dritten Person positiv geschockt. Ich durfte zum Staunen der beiden Vernehmer den Dolmetscher herzlich begrüßen. Herr Kappes – ein Volksdeutscher, ein Landsmann aus meiner Heimat war der Dolmetscher von Erich Honecker für Serbo-Kroatisch. Er hatte die Diplomarbeit meines Direktors aus dem Slowenischen ins Deutsche übersetzt. Damit wurde sie zur Dissertation, die Dr. Slapnik dann an der Hochschule für Ökonomie „Bruno Leuschner“ mit Summa cum Lauda verteidigte und mit dem Dr. Titel geehrt wurde. Eigentlich sollte ich die Arbeit übersetzen, aber weil ich die Slowenische Sprache nicht beherrschte und erst von meinem Direktor erlernen musste, lehnte ich ab. Einige Male durfte ich als Mädchen für alles für Herrn Kappes Kaffee kochen und ihn mit einer Flasche CESAR- Cognac oder Flasche MANASTIRKA oder EXCELENCIA beschenken. Die Peinlichkeit musste erst überwunden werden.

Die Erstvernehmung ist im Content einsehbar. Kommissar Ehlert und sein Vorgesetzter dessen Name ich mir nicht gemerkt hatte und den ich danach nur noch zwei-drei Mal gesehen hatte, haben bis auf die Aussagen von Marek Rudnik und Jaqueline Boas nichts in der Hand gehabt und nicht einmal die wurden mir vorgehalten. Aus der Akte geht eindeutig hervor, dass aus der Abteilung der Hauptverwaltung Zoll – Abteilung Zollfahndung kommende Genosse Wunderlich, meine Verhaftung am 19.5.1982 angeordnet bzw. erwirkt hatte. Dies geschah nur anhand der zugearbeiteten, bzw. „erarbeiteten“ Informationen die alle von einem „Sohn der Partei“, der aus dem Wachregiment Berlin „Feliks Dzierzynski“ nach dem er drei Jahre als UaZ–Unter-Offizier auf Zeit gedient hatte, ein Emporkömling des Ministeriums für Staatssicherheit wurde und sich am operativen Vorgang „Merkur“ vom Hauptmann zum Major an mir „hochgearbeitet“ hatte, Klaus Fritzsche aus der HA VI-OPD ( Operative Dienststelle Berlin ).

Ich kann mich nur daran erinnern, dass der Kollege von Kommissar Ehlert mir zu steil kam, sich drohend im Ton vergriffen hatte und ich dann gesagt hatte. „ Wenn Sie mit mir weiter so zu sprechen gedenken, werde ich ab sofort gar nichts mehr sagen.“ Er ging sogar auf mich zu und Ehlert ging dazwischen, Bis dahin hatte ich nur eine Begegnung mit einem VOPO (Volkspolizisten) in der DDR 1975 – Ende September in Bernau als mein Besuchsvisum abgelaufen war und man mir die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängern wollte, und mir sogar die Verhaftung angedroht hatte.

Als Ersttäter konnte ich nicht dieses Schema erkennen. Immer sind sie zu zweit, einer ist dann der „Bad Boy“ und der Andere ist der Gute. Ehlert war so gut, dass er den Anderen aus dem Raum verwies und weiter mit mir machte. Er ließ Kaffee und Kuchen bringen, Mittagessen wurde auf einem Tablett rein gereicht. Mir war weder nach Kaffee noch nach Essen. Damals war die STASI für mich nur ein imaginäres Wort, worunter ich mir nichts Konkretes vorstellen konnte. Die Vernehmung klemmte, irgendwie kam man nicht voran. Ich verlangte sofortigen Kontakt mit meiner Botschaft. „Natürlich können Sie Kontakt mit Ihrer Botschaft haben, schreiben Sie einen Brief!?“ kam fast hämisch vom Vernehmer. Bevor der Böse aus der Vernehmung geschasst wurde fragte ich, ob ich einen Rechtsanwalt herbeirufen kann. Die Antwort war: „Sie schauen offensichtlich zu oft Krimis im Westfernsehen, einen Rechtsanwalt werden Sie dann bekommen wenn wir das entscheiden und für richtig halten!“ Ich bestritt dass ich mit Quarzuhren zu tun hatte – und log auch nicht – die letzte Bestellung hatte ich an die wahre Nummer 1. Karlo Budimir vor 7 Monaten – am 17.11.1981- abgegeben, ich hatte zu dieser Zeit nichts mehr mit Quarzuhren zu tun. „Wir können auch eine Hausdurchsuchung machen“ versuchte mich Ehlert einzuschüchtern. „Und da könnten noch einige Tausend Uhren herumliegen!??“ antwortete ich frech. Vielleicht ist diese Bemerkung etwas gewesen, die mir die Einschätzung „arrogant“ einbrachte. 30 Jahre später bekam ich Beschlagnahme / Durchsuchungsprotokoll zur Einsicht. Tatsächlich wurde Pause gemacht und zwischen 15.30 Uhr und 17.30 Uhr waren sie in unserer Wohnung zur Durchsuchung angetreten – ohne Richterlichen Durchsuchungsbefehl (?) Der Durchsuchungsbefehl wurde erst am 20.5.1982 unterschrieben. Man legte dem Richter ihn mit dem Ausstellungdatum 19.5.1982 vor. Es ist auch gesetzeswidrig, dass keine unbeteiligte Person dabei war. Als Ehlert zurückkam dauerte die zweite Vernehmung kaum 20 Minuten. Glücklich schien man mit dem Ergebnis nicht gerade gewesen zu sein.

Ardašir Pârse: Sie bekamen eine Hausdurchsuchung, was war das Ergebnis der Ermittlungsbehörden der DDR?

Anlage 1 – Durchsuchungsprotokoll

Anlage 1 – Durchsuchungsprotokoll

Anlage 1 – Durchsuchungsprotokoll

Anlage 1 – Durchsuchungsprotokoll

Anlage 1 – Durchsuchungsprotokoll

Anlage 1 – Durchsuchungsprotokoll

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Adam Lauks: Es gab in der Wohnung nichts das Hinweise über einen nichtgenehmigten ambulanten Handel mit Quarzarmbanduhren westlicher Prägung enthalten würde. Ein einziges Mal hatte ich ein Paket mit 400 Stück mit in die Wohnung nehmen müssen, weil sie falsch verpackt waren. Meine Frau schimpfte deswegen und das mit recht: „Musst Du die Scheiße in die Wohnung bringen damit auch die Kinder sehen womit Du dich beschäftigst, sollten die Dich verhaften, lasse ich mich von dir scheiden!“, sagte sie. Sie ließ sich nicht scheiden, aber ich versuchte es bereits 1983, beauftragte meinen Rechtsanwalt die Scheidung einzureichen – er lehnte es ab. Ja den Rechtsanwalt bekam ich fast einen Monat nach der Verhaftung- den Besten den die DDR hatte, Fernsehrechtsanwalt Dr. Friedrich Wolff, auf Empfehlung der Kanzlei des Menschenhändlers Oberst Dr. Vogel. Meiner war nur IMS – inoffizieller Mitarbeiter-Sicherheit mit dem Decknamen „Jura“ – des Markus Wolf und seine HVA, das werde ich erst 20 Jahre nach meiner Befreiung erfahren. ( RA Dr. Friedrich Wolff  war Informant der HVA von Markus -Mischa Wolf – ehemaliger berüchtigter Leiter der Auslandsaufklärung des MfS ).

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Ich unterschrieb das Vernehmungsprotokoll nicht. Eindeutig NICHT. Nach 30 Jahren konnte ich die Prozessakte einsehen und die erste und zweite Seite – das Deckblatt trug meine gefälschte Unterschrift- STASI-Speziallisten des OTS (Operativ-technischer-Sektor) haben ganze Arbeit geleistet. Ich fand auch die Durchschrift des Deckblattes, da hat man sich nicht mehr bemüht auch meine Unterschrift hinzuzaubern. Waren sie schon damals so sicher, dass die Prozessakte das Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit nicht verlassen wird!? Wer sollte diese eigentlich nach meiner Liquidierung überhaupt anfordern?

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Beweis für die Fälschung der Unterschrift für das Gericht

Beweis für die Fälschung der Unterschrift für das Gericht

Ardašir Pârse: Sie wurden nach Ihrer Vernehmung direkt in U-Haft genommen, wie haben Sie den ersten Tag empfunden?

Adam Lauks: Nach der Vernehmung ging es nicht nach Hause, was ich auch nicht geglaubt und nicht gehofft hatte. Ich wurde in eine Dunkelkammer in einem Barkas (MB 1000 ein kleiner Kasten LKW) verfrachtet und fuhr wieder durch Berlin ohne zu wissen wohin. Wieder ging ein massives eisernes Tor auf und runter und ich wurde durch einen Treppenaufgang hochgeführt. Da lernte ich das erste Mal den Geruch von Bohnerwachs kennen. Ich sah das erste Mal Eisengitter in meinem Leben. Der VOPO (Abkürzung für Volkspolizist ) öffnete auf der linken Seite eine Tür, nahm mir die Handschellen ab und riegelte zweimal zu und drehte zweimal den Schlüssel um an der Tür, die von innen und auch von außen keine Klinke hatte. Immer noch wusste ich nicht wo ich mich befand. In der Zelle war an der linken Wand eine mit Kunstleder gepolsterte Holzpritsche. So etwas wie in einer Ausnüchterungszelle. Ob es ein Waschbecken und Toilette gab weiß ich nicht mehr. War ein Laken dabei oder eine Decke, weiß ich auch nicht mehr, hatte ich mich überhaupt ausgezogen? Ein Fenster aus Glasbausteinen mit einer 5-8 cm breiten Luftklappe, das war meine Übernachtungsmöglichkeit in der UHA Keibelstraße – im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, mitten im Herzen Berlins.

Ich lag wach und weinte mein ganzes vorheriges Leben ab. Gedanklich verabschiedete ich mich von allem und allen. Mit den Tränen um Julchen und Dani, die ich schmerzlich und am meisten zu vermissen begann, schlief ich irgendwann auch ein. Ich hatte keinen blassen Schimmer was als Nächstes passiert, wie es weitergehen soll. Der Haftbefehl wurde am 20.5.1982 erlassen.

Am nächsten Morgen wurde erst Frühstück gebracht, das ich nicht einmal angerührt hatte. Auf dem Flur herrschte Stille, ich war scheinbar der einzige Häftling da oben. Das Zeitgefühl verschwand. Ich wusste nicht wie spät es gewesen sein muss als die Zellentür aufging und ich zum Mitkommen aufgefordert wurde. Ich ging hinaus und durfte gleich in die Zelle nebenan eintreten. Linkerhand durfte ich Herrn Kappes begrüßen mit Handschlag. Geradeaus war ein Tisch an dem zu meiner linken ein Mann saß und rechts daneben eine Frau hinter einer Schreibmaschine. Ich hatte auch keinen blassen Schimmer, dass der Mann der Haftrichter war und dass jetzt mein Haftbefehl unterschrieben wird. Jedenfalls musste ich lachen als ich die Quarzuhr in Form einer kleinen Kugel an einem Kettchen um den Hals der Schreibkraft hängen sah. Der Richter murmelte unverständlich seinen Namen und eröffrnete mir: “Herr Lauks Sie wissen warum Sie hier sind ? Und worum es hier geht!?“ „Nein ich weiß es nicht.“ stammelte ich und versuchte mein Lachen zu unterdrücken, ich fand die Situation makaber und lustig zugleich. „Ihnen wird der Schmuggel und illegale Handel mit Quarzuhren vorgeworfen“ legte er los. Beim Wort Quarzuhren fiel ich ihm unhöflich ins Wort: „Herr, Genosse … haben Sie schon eine solche schwarz gekaufte Uhr gesehen?“…“Was gibt´s da zu lachen, Ihnen wird das Lachen schon vergehen, beantworten Sie meine Frage.“..fuhr er fast herrisch fort, seines Amtes waltend. „Wenn Sie noch keine bis jetzt gesehen haben, schauen Sie mal Ihre Sekretärin hat eine um den Hals hängen. Das ist eine schwarz gekaufte Uhr, die ich ihr nicht verkauft hatte…“ Die Frau lief rot an, der Richter lief rot an und mein Landsmann Herr Kappes senkte den Blick zu Boden, auch errötet wie ein Erstklässler, der am ersten Schultag eingepinkelt hatte, weil er den Lehrer nicht fragen durfte wo die Toilette ist. Die Peinlichkeit hatte ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Ich setzte nach: „Schauen Sie, Ihre Sekretärin darf nachweislich keine Westkontakte haben und die Uhr die sie an ihrem Halskettchen trägt ist eine schwarz verkaufte, illegal eingeschmuggelte Uhr! Von mir hat sie die nicht gekauft!?“ Diese Szene hat sich so tief in mein Gedächtnis eingebrannt, dass sie auch nach 34 ein halb Jahren so abrufbar ist.

Meine Forschungsarbeit hat nach 35 Jahren zu Tage gefördert, dass die STASI die wenigen beschlagnahmten Uhren, die sie zu 300 und 450 M DDR begutachten ließ um den Wirtschaftsschaden zu bemessen, eingekrallt hatte um sie an die eigenen Mitarbeiter zu 70 M DDR zu verkaufen. Unter den Uhren die in der Wohnung von  Gabi Kiederer gefunden wurden und die dem unschuldig verurteilten Ilija Jovanovski aus Skopje angedichtet wurden befanden sich unter anderem auch 9 solche Uhren die um den Hals der Justizsekretärin baumelte.

Ardašir Pârse: Was geschah nach dem Erlass des Haftbefehls?

Adam Lauks: Mein Haftbefehl wurde erlassen, ob er mir vorgelegt oder vorgelesen wurde ist gelöscht. Auch wie der zweite Tag in der Keibelstrasse verlief weiß ich nicht mehr. Ob ich etwas später aus meiner Zelle geholt wurde und zum Zellentrakt gebracht wurde oder erst am Morgen des 21.5.1982 kann ich mit Sicherheit nicht behaupten. Der Eindruck als man mich dorthin führte und ich das erste Mal das wahre Innenleben der U-Haftanstalt Berlin – Keibelstrasse erblickte, mit all den verriegelten Türen und zwischen Etagen gespannten Netzen sah, wähnte ich mich in einem tatsächlich amerikanischem Knastfilm zu sein, oder so hatte ich die Knäste in den amerikanischen Filmen gesehen, oder so ähnlich. Ich kam in eine Zelle mit einem weiteren U-Häftling. Ob ich da eine Nacht übernachtet hatte weiß ich nicht mehr. Was in Erinnerung blieb, ist der Antritt zum Abtransport. Die Tür die fortan als „Brett“ zu nennen war, sprang heftig entriegelt auf: „Sachen Packen – fertigmachen für Transport“ rief ein Mann in schwarzer Uniform und führte uns irgendwo hin. Als die letzte Tür aufging betraten wir ein Spalier mit bewaffneten Polizisten, auch einige Schäferhunde an ihrer Seite. Am Ende des Spaliers stand ein LKW W-50 – später werde ich lernen dass er „Anton“ liebkosen genannt wurde. Mein Anzug und Krawatte und rotbraunem Aktenkoffer erregte unter den Mithäftlingen Aufsehen. Zu zweit durch die Handschelle gebunden – die wird fortan „die Acht“ genannt- mussten wir in den Laderaum klettern. Der Laderaum war der Länge nach durch einen Maschendraht geteilt und es gab ein „Hallooo“ in der linken Hälfte saßen Frauen und Mädchen, die auch auf Transport waren. Manche der Männer hatten seit Jahren keine Frau mehr gesehen. Ich ließ mich auf der Holzpritsche nieder. Mir hallte noch die Belehrung des VOPO oder Bullen im Ohr, die vor dem  Einstieg begonnen wurde: „Ihr geht jetzt auf Transport. Den Befehlen der Bediensteten ist Folge zu leisten, beim Fluchtversuch wird von der Waffe Gebrauch gemacht“ die Tonlage ließ keine Zweifel über die Ernsthaftigkeit aufkommen. Ich war unter Verbrechern – ich war gerade einer davon geworden; was habe ich denn eigentlich verbrochen?

W 50 dröhnte über den Asphalt, über das Kopfsteinpflaster und die schlechten Straßen von Ostberlin. Mehrmals öffneten und schlossen die Eisentore, manche wurden aufgerufen und stiegen aus, manche stiegen wieder zu. Wir wurden immer weniger. Beim letzten Halt stieg ich auch aus mit meinem Aktenkoffer und stieg um in die kleine „Minna“ – so nannte man den BARKAS-Lieferwagen, dessen Ladefläche buchstäblich in 5 senkrecht stehenden Fischbüchsen umgebaut wurde oder besser in Särge in denen man zusammengekauert nur sitzen aber nicht stehen konnte – sollte man auch nicht. Meine Reise in die andere Welt, ins Jenseits ging für mich immer weiter. Beim Besteigen der Minna sah die Polizistin meine Tränen in den Augen: „Ich kann verstehen wie es ihnen geht?“ sagte sie.

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Ihr Mitleid war nicht gespielt. Ich saß im Dunklen und konnte nicht ergründen wo wir unterwegs sind. Jedenfalls ging es für kurze Zeit auch über die Autobahn. Als Minna die Autobahn verließ und nach mehreren Abbiegen vor dem letzten eisernen Tor hielt, dass sich öffnete um uns rein zulassen, hörte ich den Fahrer oder Beifahrer sagen: „Wir haben einen KA-Weer dabei.“ Ich stieg als Einziger, geblendet von der Nachmittagssonne aus. Ich stand auf dem Hof eines zweistöckigen Gebäudes. Von irgendwo drang über die Hofmauer Kinderlärm. Alle Fenster waren vergittert. Man führte mich ins Gebäude. Ein ziemlich enger Treppenaufgang führte in die zweite Etage. „Bleibn se stehen!“ herrschte mich ein Bulle an. Der Bulle schloss eine Zellentür auf, nahm mir die Handschellen ab und ließ mich in die Zelle wo mir die staunenden Blicke der drei Insassen begegneten. Das Brett fiel zu. „Ich bin Adam und ich komme aus Jugoslawien…“ Einen mit Anzug und mit Krawatte hat man hier noch nicht gesehen. Einer reichte mir die Hand sogar und beantwortete die Frage die ich noch nicht gestellt hatte: „Ich bin der Peter, willkommen in Königswusterhausen.“ Der Ortsname war mir nur vom Autobahnschild bekannt. Königswusterhausen liegt südlich von Berlin. Ich bekam das Bett unten rechts zugewiesen und ließ mich nieder in der anderen DDR, von einer anderen Welt, die man fast Jenseits nennen konnte oder noch besser Unterwelt. Ein zweiter Drahtzaun und eiserner Vorhang schloss sich um mich herum, mein jugoslawischer Pass half mir nicht die Tore zu öffnen. Ich war abgeschnitten von der Außenwelt und von der Welt, beinahe wäre ich das für immer gewesen. Ich ging ans Fenster wo es von außen noch keine Blenden gab und konnte auf den Schulhof schauen wo der Kinderlärm herkam. Ich musste an mein Schulkind Dani denken und an Julchen und versuchte gar nicht erst die Tränen zu unterdrücken Mein Herz schrumpfte in der Brust zusammen, die Kehle zog sich zu….das war es. Das Leben von Adam Lauks endete an jenem 19.5.1982.

Ardašir Pârse: Herr Lauks, vielen Dank für den 2. Teil des Interviews und den Schilderungen, die Ihnen mit großer Bildgewalt gelungen sind. Wir freuen uns auf den 3. Teil und wünschen Ihnen bis dahin alles Gute.

Teil 3

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3 Gedanken zu „Adam Lauks – eine DDR-jugoslawische Geschichte (2)

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