Irans Wirtschaft im Aufschwung?

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Tehrân

 

ein Kommentar von Ardašir Pârse

Tehrân – Zwar zeigten die Lockerungen der illegalen Wirtschaftssanktionen der USA Anfang 2016 bereits eine deutliche Belebung einzelner Wirtschaftszweige, vor allem auf dem Öl- und Gassektor, aber dennoch blieben viele der geplanten Großprojekte Irans mangels Finanzierung nicht realisiert.

Trotzdem besitzt Iran das höchste Wirtschaftswachstum am Persischen Golf und als Hegemon ist er die größte wirtschaftliche und militärische Macht der Region und mutierte in den letzten Jahren zum Globalplayer des Nahen- und Mittleren Ostens. Ein BIP-Plus (Bruttoinlandsprodukt) von 5% erscheint im iranischen Kalenderjahr 2016/17, das am 21. März 2016 begann, durchaus noch möglich. Die hohe Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung, blieb bislang aber bestehen. Um diesen schwarzen Fleck zu beseitigen, wäre eine weitere Beschleunigung des Wachstums, aller wichtigen Sektoren der diversifizierten iranischen Wirtschaft, notwendig. Die neuen US-Sanktionen von Donald Trump könnten die iranische Wirtschaft weiter belasten.

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Eine erneute Rezession konnte 2015/16 durch ein von der Regierung Rohani im Herbst 2015 verabschiedetes Konjunkturpaket und durch die seit Januar 2016 gestiegene Rohölförderung gerade noch verhindert werden, das BIP legte dabei um 1,3% zu.

Der IWF-Report von Oktober 2016 erwartet für den Zeitraum 2016 bis 2021 ein durchschnittliches Wachstum in Iran von 4,2%, für 2016 und 2017 werden 4,5% beziehungsweise 4,1% prognostiziert. The Economist Intelligence Unit prognostiziert zwischen 2016 und 2021 eine Beschleunigung des BIP-Wachstums von 4,6 auf 5,9% und fällt damit optimistischer aus. Irans neuer Fünfjahresplan (2016/17 bis 2020/21) strebt jedoch ein durchschnittliches BIP-Wachstum von 8% an.

Vor allem der Öl- und Gassektor trägt nach der Lockerung der Wirtschaftssanktionen zum BIP-Wachstum bei. Nach iranischen Angaben wurden im Oktober 3,92 Mio. bpd (barrel per day) Rohöl gefördert, es kommen 0,5 Mio. bpd Ölkondensate hinzu. Das im 1. Quartal 2016/17 erzielte BIP-Wachstum von 4,4% wurde durch ein Plus von 57% im Öl- und Gassektor erst möglich.

Die verarbeitende Industrie ist ebenso durch ein Wachstum gekennzeichnet, verursacht insbesondere durch die steigende Automobilproduktion. Im Ölsektor jedoch muss im verarbeitenden Gewerbe berücksichtigt werden, dass sich die Zuwächse auf Basis der in den letzten Jahren stark gesunkenen Produktion ergeben. In den meisten Industriebranchen wird 2016/17 das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht werden.

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Die Bereitschaft der ausländischen Investoren in Iran zu investieren ist so niedrig wie seit 2002/03 nicht mehr. Die Rohani Administration geht davon aus, dass höhere Wachstumsraten, ohne erhebliche ausländische Investitionen und Finanzierungen, sowie ausländischem Technologietransfer unwahrscheinlich sind. Das im neuen Fünfjahresplan angestrebte BIP-Wachstum von durchschnittlich 8% erfordere ausländische Kapitalzuflüsse von über 300 Mrd. USD, so die Einschätzung iranischer Wirtschaftsexperten.

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Gemäß UNCTAD-Statistik erreichte der Zufluss ausländischer Direktinvestitionen 2011 mit 4,3 Mrd. USD einen Höhepunkt, jedoch im Jahr 2015 waren es nur noch 2,1 Mrd. USD. Die Regierung hofft für 2016/17 auf 8 Mrd. USD, eine eher unwahrscheinliche Zahl, nach dem Amtsamtsanritt von Donald J. Trump, denn die US-Wahl, die damit verbundene erneute Verschlechterung der Beziehungen und Trumps gestörtes Verhältnis zu Iran, bedeutet für ausländische Investoren in Iran ein deutlich höheres Investitionsrisiko.

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Nachdem der Konsum in den Jahren 2012 bis 2014 gesunken war und die Inflationsrate bei 30 % lag, litt Irans Einzelhandel in den vergangenen Jahren stark. Die deutliche Verringerung der Inflation nach dem Amtsantritt von Hassan Rohani, ließ den privaten Konsum 2014/2015 und 2015/2016 um 3,1 beziehungsweise 2,5% ansteigen. Die Belebung der Konjunktur hat jedoch bei den Arbeitnehmern nicht zum erhofften Anstieg der Realeinkommen geführt. Im 1. Quartal 2016/2017 stiegt der private Konsum deshalb auch nur um lediglich 0,7% an.

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Der Arbeitsmarkt in Iran jedenfalls, zeigt noch keinen Aufwärtstrend. Im 2. Quartal 2016/2017 stieg die Arbeitslosenquote weiter auf 12,7% an, in der Altersgruppe der 15- bis 29-jährigen waren es sogar 26,7%.

Irans Importe fielen 2015/2016 auf den niedrigsten Wert seit 2006/2007, während die Exporte das Niveau von 2005/2006 nicht mehr erreichten. Die Ausfuhren werden 2016/17 aufgrund der höheren Ölexporte nun mit einem deutlichen Plus abschließen. Die Einfuhrentwicklung war in den ersten Monaten 2016/17 weiter rückläufig. Die Bankenkrise in Iran und in vielen anderen Sektoren, verbunden mit einer insgesamt weiterhin schwachen Konjunktur, bremsten die Importe.

Iran hat jetzt Daten zum Nicht-Öl-Außenhandel für die ersten sieben Monate 2016/2017 (21.3. bis 20.10.) veröffentlicht. Demnach lagen die Einfuhren mit 24,5 Mrd. USD (cif) auf dem Niveau der entsprechenden Vorjahresperiode. Die wichtigsten Lieferanten waren die VR China (5,7 Mrd. USD), die Vereinigten Arabischen Emirate (5,09 Mrd. USD; vor allem Re-Exporte über Dubai), Korea (Rep.; 1,9 Mrd. USD), die Türkei (1,6 Mrd. USD) und Deutschland (1,3 Mrd. USD). Die Nicht-Öl-Exporte sind im Siebenmonatszeitraum um 4% auf 24,7 Mrd. USD (einschließlich Kondensate) gestiegen (Quelle: Central Bank of Iran).

Nach Angaben von Eurostat sind die Iran-Ausfuhren der EU28 Gruppe in den ersten neun Monaten 2016 um 20% auf 5,6 Mrd. Euro gestiegen, Deutschland verbesserte sich um 22% auf 1,8 Mrd. Euro. Die VR China meldet einen Rückgang der Iran-Exporte bis September vergangenen Jahres um 5% auf 11,5 Mrd. USD.

Die hohen Erwartungen Deutschlands an den Absatzmarkt Iran scheinen sich langsam zu erfüllen. Im September 2016 sind die Lieferungen aus Deutschland in den Iran um 82 % gegenüber dem Vorjahrszeitraum gestiegen, berichtete die Deutsch-Iranische Handelskammer.

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“Die deutschen Unternehmen im Iranhandel sehen mit den hohen Septemberzahlen, die Trendwende in den bilateralen Wirtschaftsbeziehungen. 80 % Zuwachs in einem Monat, das hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben“, so Michael Tockuss, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Deutsch-Iranischen Handelskammer e.V. in Hamburg. Insbesondere seien die deutschen Lieferungen in die Automobilindustrie und die Petrochemische Industrie in Iran dafür verantwortlich. Mit den starken Septemberzahlen, liegen die Exporte in den Iran für den Zeitraum Januar – September 2016 um 21,43 Prozent über den Zahlen aus dem Jahr 2015. Und der Trend hält an, die Zuwächse der Importe aus Deutschland nach September 2016 bis Januar 2017 lagen zwischen 60 % bis 80 %.

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Auf dem Bildungssektor kann Iran eine positive Bilanz ziehen. Die islamische Republik ging hier einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung, den bereits Shah Mohammad Reza Pahlavi gegangen war und sorgte für mehr Bildung der iranischen Bevölkerung mit einem sehr erfreulichen Ergebnis, wie sich der obigen Statistik entnehmen lässt.

Der Schlüssel zur wirtschaftlichen Wiederbelebung Irans liegt auch in Zukunft in der Mobilisierung und in der Generierung von ausländischen Investitionen. Die seit Jahrzehnten kränkelnde Wirtschaft, verursacht durch Fehlentwicklungen wie geringes Wachstum, ständige Arbeitslosigkeit, steigende Preise, eine generell niedrige Produktivität, Defizite im Haushalt und Defizite bei den Auslandszahlungen, sowie die Involvierung in die Kriege gegen den US-Saudi Terror in Syrien und Jemen, hat die US-Sanktionen überlebt. Die Effektivität des US-Embargos ist als gering einzustufen, auch weil sich viele andere westliche Industrienationen  nicht an diese Sanktionen hielten.

Die US-Sanktionen sind und waren ein zusätzliches Hemmnis in der Entwicklung der Wirtschaft Irans. Dennoch konnte Iran seine Außen- und Wirtschaftspolitik durchsetzen und wurde im Laufe der vergangenen Jahre zu einem ernstzunehmenden Globalplayer. Viele der großen wirtschaftlichen Opportunitäten, konnte Iran jedoch nicht profitabel realisieren, dies war besonders im Erdgassektor der Fall. Auf der anderen Seite wurde allerdings eine erfolgreiche Diversifikation der Handelskontakte in die Dritte Welt erreicht und somit die schwache Position gegenüber dem Westen, wenigstens teilweise kompensiert.

Die Inflation war ein auffälliges Merkmal der iranischen Wirtschaft schon seit den 1970er Jahren und betrug zeitweise bis zu 60 %. Die Inflation steht jedoch in direktem Zusammenhang zur politischen Instabilität des Landes. Die makroökonomischen Indizien zeigen, dass die eingeleiteten staatlichen Maßnahmen, die Währung wenigstens stabilisiert und die Inflation gesenkt haben, ohne negative Konsequenzen für die Produktion und das Wachstum zu generieren.

Ein über hundertfacher Wertverlust der iranischen Währung ist seit der islamischen Revolution zu verzeichnen. Die breite Masse der Iraner hat mit Inflation und einer großen Arbeitslosigkeit seither zu kämpfen. Eine Mittelklasse als Rückgrat der Gesellschaft ist kaum vorhanden.

1978 noch, zählte Iran zu den 10 reichsten Ländern der Welt. Politische Instabilität, der britische Liberalismus, der sozio-islamische Liberalismus, Korruption, der Iran-Irak Krieg 1980 – 1988, die Kriege in Syrien und Jemen, und US Sanktionen schafften es, dass Iran heute nach Angaben der Vereinten Nationen auf Platz 59 der ärmsten Länder der Welt liegt, obwohl Iran auf Platz 8 der Länder mit den größten Goldreserven der Welt steht, Iran ist auf Platz 6 der größten Energieproduzenten der Welt, Iran hält die drittgrößten Erdölreserven und zweitgrößten Erdgasreserven der Welt. Es ist das Land das auf Platz 1 steht, mit der größten Wachstumsrate im Bereich „Wissenschaft und Technologie“ (Science Metrix Report). Knapp 4 Mio. Iraner standen 2010 unter Waffen, damit besitzt Iran die siebtgrößte und eine der schlagkräftigsten Armeen der Welt.

Eine fundamentale Restrukturierung der Wirtschaft, des Rechtssystems und des Staatswesens auf iranische Bedürfnisse hin zugeschnitten wäre nötig, um die Probleme der Gegenwart und Vergangenheit zu bewältigen – in einer Weltwirtschaft, die dominiert wird von technologischer Innovation, aggressiven Großkonzernen, politischen Marktschreiern und Globalisierung.

Die allgegenwärtige Bedrohung eines Machtverlustes und Verlustes der staatlichen Souveränität ist Iran entschieden entgegengetreten, zu einem sicher hohen Preis und tut es immer noch, indem seit Mitte der 1990er Jahre von einer konsequenten Liberalisierung der Wirtschaft Abstand genommen wurde. Die aktuellen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme in Iran sind nicht durch eine politische Ideologie, wie dem Liberalismus zu lösen. Verblendet und unbedacht sehen viele Iraner irrtümlich die Modernität Europas als Alternative und sind so bestrebt, westliche politische Systeme auf Iran unüberlegt zu übertragen. Der Liberalismus wird zunächst als eine politische Ideologie und Bewegung, die eine freiheitliche, politische, ökonomische und soziale Ordnung anstrebt, definiert. Unkritisch setzt man aber den Liberalismus gleich mit Freiheit, Toleranz, Selbstbestimmungsrecht und Rechtsstaatlichkeit, ohne sich aber bewusst zu werden, dass der Liberalismus vor allem nur eines ist: eine politische Ideologie.

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