Das Schicksal yezidischer Mädchen und Frauen im ISIL

 

Bildquelle: Human Rights Watch Vertriebenes yezidisches Mädchen ausserhalb von Dohuk im Nord-Irak

Bildquelle: Human Rights Watch
Vertriebenes yezidisches Mädchen ausserhalb von Dohuk im Nord-Irak

Ninive – Im August des vergangenen Jahres konnte die Welt mit Entsetzen beobachten, wie extremistische, von westlichen und arabischen Staaten bewaffnete Gruppen des Islamischen Staates, auch als ISIS bekannt, die irakische yezidische Gemeinschaft angriffen. Tausende flohen ohne Nahrung und Wasser in die nahe gelegenen Sinjar Berge, aber die ISIS Kämpfer lauerten viele Flüchtlinge auf, exekutierten die Männer und entführen Tausende von Menschen, vor allem Frauen und Kinder. Gerüchte über Zwangsheiraten und Versklavungen der yezidischer Mädchen und Frauen machten die Runde, und wurden später von den wenigen Frauen und Mädchen, die dem Martyrium entrinnen konnten, bestätigt. Bis heute gehen die entkommenen Frauen und Mädchen in die Hunderte. Human Rights Watch befragte 20 dieser Frauen und Mädchen über ihr Schicksal.

Die Yeziden ئێزیدی  leben auf dem Land in der irakischen Provinz Ninive, an dem Ort, an dem vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden das Persische Imperium unter den Achämeniden geboren wurde. Sie praktizieren eine alte monotheistische Religion und wurden im Prinzip seit Jahrhunderten verfolgt, Weil viele Muslime sie für Ketzer halten. Doch die heftigsten Angriffe gegen Yeziden in der  Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts durch sunnitische Extremisten, eskalierten erst nach der US-geführten Invasion in Irak im Jahr 2003. Wie überall auf der Welt, wo immer die Amerikaner Krieg führten, herrschen nach Ihrem Erscheinen nur Chaos, Tod, Vertreibung und Anarchie.

Bildquelle: Human Rights Watch Yezidisches Mädchen nach heftigem Regen im Arbat Camp für Vertriebene

Bildquelle: Human Rights Watch
Yezidisches Mädchen nach heftigem Regen im Arbat Camp für Vertriebene

In Irak verfügen die Yeziden nach Angaben des obersten Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen nicht über eine eigene Interessenvertretung im gegenwärtigen zentralirakischen Regierungsgefüge mehr, nachdem das frühere Ministerium für Religionsangelegenheiten unter Saddam Hussein, zugunsten dreier neugeschaffener Ressorts für die Angelegenheiten der Schiiten, Sunniten und Christen aufgelöst wurde.

Am 14. August 2007 hatten vier gleichzeitig gezündete Autobomben mehr als 300 Yeziden getötet und verwundeten mehr als 700 Personen in den Sinjar Bezirksgemeinschaften. Einige der yezidischen Aktivisten wurden auch mit Einschüchterungen und Drohungen von mehreren kurdischen, und von Deutschland bewaffneten Regierungstruppen, eingeschüchtert, hier hatte man wieder einmal keine Gewissenbisse darüber nachzudenken, wen man bewaffnet. Kurdistans Behörden sind der Auffassung, dass Yeziden Kurden seien und daher das Land auf dem die Yeziden leben, Teil der Region Kurdistan in Irak sei. Tausende von yezidischen Familien sind nach Syrien und Jordanien geflohen, oder anderswo hin, viele nach Europa und in die USA. Seit dem Jahr 2003 aber, schon vor dem jüngsten Anschlag der ISIS auf die Yeziden, ist deren Anzahl in Irak von rund 700.000 auf 500.000 gesunken. Es gibt wahrscheinlich jetzt noch weniger.

Bildquelle: Iran Human Rights Watch Eine yezidische Familie lebt in einem unfertigen Gebäude

Bildquelle: Iran Human Rights Watch
Eine yezidische Familie lebt in einem unfertigen Gebäude

Niemand weiß, wie viele Yeziden von der ISIS ermordet worden sind,  man findet immer wieder Massengräber. Sehr wenig Informationen stammen aus den von der  ISIS kontrollierten Gebieten. Jede Familie ist betroffen, hat einen Mann oder Sohn verloren, der ermordet wurde, eine Tochter die entführt wurde oder Verwandte die fliehen mussten. Human Rights Watch besuchte informelle Siedlungen und das Hauptlager, Khanke, in der Nähe von Dohuk, das mehr als 18.000 Yeziden beherbergt. Die Yeziden werden in einem Meer von Zelten und unfertigen Bauten, die auf windigen Hügeln thronen untergebracht, Türen und Wärme fehlen. Die Aussicht von den Gipfeln ist atemberaubend, an einem sonnigen Tag, aber es gibt wenig, um die Menschen dort vor der Kälte zu schützen. In den Lagern wurden Frauen und Mädchen, die der ISIS entkommen sind und den Weg zurück nach Hause gefunden haben, befragt. Was  mit ihnen in den Händen der ISIS geschah ist eine Tragödie.

Es gibt Geschichten von Missbrauch durch ISIS Mitglieder,  von Schlägen, Vergewaltigung, Elektroschocks, Zwangsheirat und Zwangsprostitution. Die meisten Mädchen sagten, sie wurde, von einem Ort zum anderen gebracht, schließlich lebten sie dann in großen Häusern oder Hallen mit zwischen 5 und 60 anderen Mädchen. Im Laufe des Tages kamen ISIS Kämpfer, wählten ein Mädchen zum Sex aus, und wenn sie sich weigerten, wurden sie geschlagen und verprügelt.

Bildquelle: Human Rights Watch Khouaf weit über 60 Jahre alt, war eine der 200 Frauen die nach fünf Monaten Gefangenschaft der ISIS frei kam

Bildquelle: Human Rights Watch
Khouaf weit über 60 Jahre alt, war eine der 200 Frauen die nach fünf Monaten Gefangenschaft der ISIS frei kam

Was ist mit diesen Mädchen geschehen, als sie nach Hause kamen, vor allem angesichts des moralischen Gewichtes das auf ihre Jungfräulichkeit auch bei den Yeziden gelegt wird? Jungfräulichkeit ist ein riesiges Problem in der gesamten Region. Es gibt eine Stigmatisierung der entführten Frauen, weil sie sexuelle Gewalt von den ISIS-Kämpfern erlebt haben, die sich bis zu ihren Familien erstreckt. Wir wissen, dass in Konflikten auf der ganzen Welt, Gemeinschaften sich an den Frauen förmlich rächen, wenn sie Opfer sexueller Gewalt geworden sind oder nicht der kranken gesellschaftlichen Norm aller Gesellschaften der Welt entsprechen. Männer verlassen ihre Frauen, Familien verlassen ihre Töchter. Dank des yezidischen Religionsführers Baba Sheikh aber, wurden viele dieser Frauen wenigstens nicht gewaltsam von der eigenen Gesellschaft nach der Rückkehr behandelt. Er ordnete in der yezidischen Gemeinschaft an, nicht denen zu schaden, die entführt wurden, gezwungen wurden zu konvertieren oder vergewaltigt wurden. Über Jahrhunderte hinweg, mussten Yeziden vor zahlreichen Angriffen sunnitischer Muslime fliehen. Diese Tragödie heute, ist nur eine Fortsetzung dessen.

Die meisten Familien, wollen einfach wieder vereint werden. Sie hatten schon so viele Familienmitglieder durch die ISIS verloren oder sie waren entführt worden, sie wollen einfach nur ihre Familien zurück und überleben. Es ist schwierig für sie, denn sie haben schreckliche Misshandlungen erlitten. Am tragischsten ist, wenn sie über die fehlenden Eltern sprechen, oder darüber, wie ISIS Männer sie von ihren Schwestern trennten, und die Ungewissheit wo die Schwestern sein könnten und was mit ihnen geschehen ist. Es ist schrecklich, wenn junge Mädchen  entführt werden und sie schreckliche Misshandlungen erleiden müssen, aber dann auch noch ihre Familien zu verlieren, ist der Gipfel und ein nicht hinnehmbarer Auswuchs menschlicher Gesellschaften. Einer der gemeinsamen Gefühle dieser Mädchen ist, dass ihr größter Wunsch es ist, mit ihren Familien wieder zusammengeführt werden. Es gibt eine breite Palette von Misshandlungen, des seit Jahren im Krieg geplagten Irak, die dokumentiert wurden, von US- Folter in Geheimgefängnissen bis hin zum Missbrauch der Menschen die durch die Kämpfe vertrieben, geschlagen, gequält, ermordet oder vergewaltigt wurden.

Die Geschichte eines schüchternen 12-jährigen Mädchens nimmt eine herausragende Stellung an Traurigkeit im Kapitel der Vertreibung und Kindesmissbrauch ein. Der Mann, der sie entführt hatte sagte ihr, „sich nicht zu sorgen, dass er sie behandeln würde, als sei sie seine eigene Tochter.“ Dann betäubte er sie und als sie aufwachte, waren die Schenkel zwischen ihren Beinen blutverschmiert.

Viele der ISIS-Kämpfer sind irakische Araber, daher arbeitet man mit lokalen Aktivistinnen, die schon die Frauen und Mädchen kannten, und zu beruhigen wissen. Empfindlich wird darauf geachtet, die Überlebenden nicht erneut zu traumatisieren. Es gibt Frauen die schwanger waren als sie entkommen waren, und es werden immer mehr diese Fälle bekannt, je mehr Mädchen und Frauen den ISIS Kämpfern entkommen. Abtreibung ist illegal in Irak, aber es ist unter bestimmten Umständen, beispielsweise wenn das Leben einer Frau in Gefahr ist, erlaubt. Das Gesetz muss dann so interpretiert werden, um Fälle von Schwangerschaft, als Folge von Vergewaltigungen zu decken. Wenn die Frauen entscheiden, die Kinder doch haben zu wollen, sollte es einen Plan für sie geben, um das Baby behalten zu können.

Man will erreichen, dass jede, die zurückkommt, eine angemessene medizinische und psycho-soziale Behandlung erhält, sowie Schulbildung für Mädchen und Beschäftigungs- Qualifizierungsmaßnahmen sollten diese Frauen ebenso erhalten. Darüber hinaus müssen die Ärzte, bei der Untersuchung von Frauen, die sexuell missbraucht wurden, besser ausgebildet sein, so die Forderung von Human Rights Watch. Der Zweck der Untersuchungen muss an die von Frauen und Mädchen erklärte Einwilligung, nach Aufklärung von ihnen gebunden werden, und die Ärzte sollten die Zustimmung vor und während der Untersuchung sicherstellen. Andernfalls könnten die Untersuchungen schädlich und demütigend für die Frauen und Mädchen sein, denn sie glauben, keine Kontrolle mehr über ihren Körper zu haben, denn das ist, was sie fühlten, als sie von der ISIS entführt, missbraucht und vergewaltigt wurden.

Man fand auch einige Nicht-Regierungsorganisationen und Journalisten ohne Erfahrung in der Befragung traumatisierter Opfer vor, die ihre Geschichten dokumentierten. Einige nahmen ihre Aussagen auf Video auf, was die Gefahr in sich birgt, dass diese Frauen nun öffentlich identifiziert und in der yezidischen Gemeinschaft diskreditiert werden könnten.

Bildquelle: Human Rights Watch "Noor" 16 Jahre alt, sie wurde von einem ISIS Kämpfer mehrfach vergewaltigt

Bildquelle: Human Rights Watch
„Noor“ 16 Jahre alt, sie wurde von einem ISIS Kämpfer mehrfach vergewaltigt

Ein Mädchen, von dem Human Rights Watch berichtet, sie gaben ihr den Namen „Noor“, hatte eine schreckliche Geschichte hinter sich. Sie wurde im Alter von 15 Jahren entführt, und nachdem man sie von einem Ort zum andern geschickt hatte, brachte man sie in ein Haus mit anderen Mädchen, die zwangsweise verheiratet oder verkauft wurden –  eine nach der anderen. Sie und eine Freundin machten einen Selbstmordversuch zusammen, sie zeigte die Narben an den Handgelenken, aber ein ISIS Mitglied bemerkte das und rettete die Beiden. Als ihre Freundin ausgewählt wurde, um von einem ISIS Mitglied mitgenommen zu werden, bat das Mädchen, die Männer, auch sie mitzunehmen, so konnte sie bei ihrer Freundin bleiben. Sie waren einverstanden und nahmen beide Mädchen in ein anderes Haus. Dort erzählten zwei andere Männer ihnen, „Ihr seid an uns verkauft worden.“ Dann schlugen und vergewaltigten sie die Beiden fünf Tage lang, bis sie entkommen konnten, sie brachen die Tür auf, während die Männer weg waren um zu kämpfen, und sind geflohen.

Als sie in das Lager kam, sah sie wie ein Geist aus, erzählten die Menschen. Sie war wieder bei ihren Eltern, die ebenso traumatisiert waren, nachdem Noors Bruder, vor ihren Augen hingerichtet worden war. Aber Noor hatte die Unterstützung ihrer Eltern. Sie sagte, „sie war mehrere Male im Krankenhaus, erhält regelmäßig Beratung und nimmt an einem Nähkurs teil. Ihre Freundin, mit der sie geflohen war, wohnt in einem separaten Lager, und ihr Vater hat sie mitgenommen, um die Freundin zu besuchen. Manchmal nehmen sie NGO-Aktivisten aus dem Lager für soziale Aktivitäten, wie ein Besuch im Einkaufszentrum, mit.“ Sie sagt, „sie hat immer noch Alpträume, aber ihr ginge es schon besser. Sie sieht sich auch als Überlebende nicht nur als Opfer.“

In gewisser Weise ist „Noor“ wieder zum Leben erweckt worden. Und das Leben im Allgemeinen nimmt in den Lagern Gestalt an. Sie können Vieles sehen, darunter Marktstände an denen Kaugummi verkauft wird, und wie sie die Zelte zu einem Zuhause Hause mit Teppichen und Kissen werden lassen. Sie halten ihre Räume sauber. Sie hatten den Winter überlebt mit kalten Regenfällen. Es ist wahrscheinlich, dass sie Monate oder Jahre, dort verbringen müssen.

Bildquelle: Human Rights Watch Layal, 4 Jahre alt und ihre Grossmutter in einem Flüchtlingscamp im kurdischen Nord Irak. Nachdem ihr Dorf von ISIS Kämpfern angegriffen wurde sind immer noch 25 Personen ihrer Familie vermisst

Bildquelle: Human Rights Watch
Layal, 4 Jahre alt und ihre Grossmutter in einem Flüchtlingscamp im kurdischen Nord Irak. Nachdem ihr Dorf von ISIS Kämpfern angegriffen wurde sind immer noch 25 Personen ihrer Familie vermisst

Von den 300 Frauen und Mädchen die zurückgekehrt sind, konnten nur 100 von den Gesundheitsbehörden identifiziert werden Bei den anderen 200 wissen wahrscheinlich ihre Familien nichts von der Verfügbarkeit dieser Hilfsorganisationen und Camps. Es muss mehr verbreitet werden.

Die Yeziden Camps sind im irakischen Kurdistan, und sie werden von kurdischen Kräften geschützt. Viele lokale Beamte versuchen zu helfen, die Behandlung der Frauen und Mädchen zu unterstützen, damit diejenigen, die entkommen sind, sicher nach Hause zurückkehren. Sie wollen die Hilfe von Experten im Umgang mit Fällen von Vergewaltigung und Traumatisierung, und sie brauchen die Hilfe von Experten und Ausbildung, insbesondere in der Psychotherapie. Sie wollen wissen, wie Sie helfen können.

Die Berichterstattung der Nachrichtenagenturen über das Schicksal der Yeziden in der Welt  stoppte leider vor sechs Monaten, obwohl die Krise nach wie vor mit all ihren Schrecken existiert. Es gibt eine enorme Anzahl von Menschen, die Hilfe brauchen, vor allem, weil immer mehr Frauen und Mädchen von der ISIS fliehen und in den Camps Zuflucht suchen, wenn sie eines erreichen.

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