Iranische Mythologie I – Das Ur-Rind der iranischen Mythologie

Gāve-iektā-āfaride_Malerei von Hamid Fâm

Gāve-iektā-āfaride_Malerei von Hamid Fâm

Von: Bahrâm

In den Mythologien vieler Völker existiert das Konzept des Ur-Rindes, welches am Anfang der Welt das erste erschaffene Tier ist. Auch wenn die Vorstellung und das Schicksal des Ur-Rindes in diesen unterschiedlichen Kulturen stark variiert, so verweist das Konzept des Ur-Rindes auf einen verbreiteten alten Rinderkult, der in dieser Form einen starken Wiederhall in den Mythologien dieser Kulturen fand.

Das Rind war ein nützlicher Lieferant für Kleidung, Fleisch und Milch und ein unentbehrlicher Faktor für die Betreibung der Landwirtschaft, die die Sesshaft-werdung des Menschen erst ermöglichte. In dieser Hinsicht kann man durchaus behaupten, dass die Entwicklung der menschlichen Zivilisation maßgeblich durch die Rinderhaltung angestoßen wurde. So ist es kein Wunder, dass Rinder in antiken Mythologien besondere Verehrung genossen. Dabei spiegelt die Vorstellung eines Ur-Rindes in den Schöpfungsmythen die kollektive Erinnerung jener Völker an die Rolle des Rindes als Ernährer und Träger der menschlichen Zivilisation wieder.

 In der persischen Mythologie, welche uns durch die Schriften der zarathustrischen Tradition zugänglich ist, findet man das Konzept des Ur-Rindes in der Gestalt von Gāve-iektā-āfaride (mittelpers. „Gāvivdād“). Dieses Wort stammt aus der avestischen Sprache und lautet in seiner Urform „Gāv-aēvō-dāta“. Dieser avestische Begriff besteht aus folgenden zwei Wortbestandteilen; „Gāv“ und „aēvō-dāta“. Ersteres wird richtigerweise mit Rind übersetzt (Es kann nämlich auch allgemein für Vieh stehen), wobei letzteres so viel bedeutet wie „einzig geschaffen“ bzw. „einzigartig geschaffen“. Demnach bedeutet Gāv-aēvō-dāta wörtlich „Einzig geschaffenes Rind“ bzw. „Einzigartig geschaffenes Rind“. Sinngemäß darf man es auch als „Ur-Rind“ übersetzen.

 Gāve-iektā-āfaride spielt eine sehr wichtige Rolle in der iranischen Schöpfungsgeschichte; es ist der Urahn aller heutigen Tierarten und Hervorbringer einer ganzen Reihe wichtiger Nutzpflanzen für Mensch und Vieh. Das Wesen des iranischen Urrindes ist aufs engste mit dem Mond verbunden, der selbst ein Izad [1] ist; namentlich

„Māh“ [2]. Diese Verflechtung wird besonders durch einen einzigartigen Akt offenbar gemacht, der in der iranischen Mythologie schon seit frühester Zeit fest verankert ist; die Übergabe des Samens von Gāve-iektā-āfaride an den Mond nach seinem Ableben durch Ahriman [3]. Der Mond nimmt den Samen auf und beschützt ihn vor der Vernichtung; später pflanzt er den Samen in die Erde ein, woraus dann die heutige Vielfalt an Tierarten der guten Schöpfung hervorgegangen sein soll.

Die Hauptquelle für die Sage von Gāve-iektā-āfaride ist das mittelpersische Werk Bondaheš [4]; in diesem Text wird ausführlich über die Erschaffung, das Schicksal und die Rolle des  Ur-Rindes berichtet. Da das Bondaheš nachweislich frühestens aus der spät-sassanidischen Zeit stammt, könnte der Eindruck entstehen, dass die Sage von Gāve-iektā-āfaride relativ jung ist.

Jedoch finden sich verstreute Hinweise auf das Schicksal des Ur-Rindes schon in den alten Avesta-Texten und sogar in den Gathas von Zartošt, welche bezüglich der Sage des Urrindes mit dem Inhalt des Bondaheš übereinstimmen. Ich werde sie im weiteren Verlauf des Textes zu Wort kommen lassen.

Die Erschaffung von Gāve-iektā-āfaride

Nachdem der iranische Gott Hormazd [5] die geistige Welt erschaffen hat, nahm er sich der Erschaffung der materiellen Welt an. Die materielle Schöpfung war am Anfang ein Wassertropfen; aus diesem Tropfen erschuf er zuerst den Himmel, zweitens das Wasser, drittens die Erde, viertens die Pflanzen, fünftens Gāve-iektā-āfaride und sechstens anschließend Kiumars.

Gāve-iektā-āfaride wurde dabei in der Mitte der Erde, in Irān-Viĵ [6], erschaffen und zwar auf dem rechten Ufer des Flusses Veh-Rūd [7], der den Mittelpunkt der Erde kennzeichnet. Das „Einzig geschaffene Rind“ wurde mit einem weißen Fell gesegnet, welches schimmerte wie der Mond. Es muss sich bei Gāve-iektā-āfaride um ein stattliches Wesen gehandelt haben, da seine Körpergröße 3 Nāy [8] betrug, was umgerechnet 9 m entspricht. 1

Für die Erschaffung von Gāve-iektā-āfaride benötigte Hormazd genau 75 Tage; und zwar vom Tage Hormazd des Monats Ābān bis zum Tag Day-par-Mehr des Monats Day. Er [Hormazd] ruhte sich anschließend für 5 Tage aus; bis zum Tage Bahrām.“ 2

Bezüglich des Geschlechts von Gāve-iektā-āfaride wird in keinem der Texte Auskunft erteilt; jedoch aufgrund der Tatsache, dass es sowohl Milch und Samen produziert, ist es naheliegend sich das Ur-Rind als einen geschlechtsneutralen Hermaphroditen vorzustellen. Gāve-iektā-āfaride vereinigt als der erste Vertreter der tierischen Lebewesen beide Geschlechter. Aus diesem Grund sollte man bei dem mythischen Wesen Gāve-iektā-āfaride nicht vom „Ur-Stier“ der iranischen Mythologie sprechen, wie in vielen Übersetzungen der Texte über iranische Mythologie zu lesen ist. Stiere sind nämlich ausnahmslos männlichen Geschlechts; die Verwendung des Wortes „Ur-Rind“ ist zutreffender da es geschlechtsneutral. ist

Über das weitere Schicksal des Ur-Rindes weiß das Bondaheš nur zu berichten, dass es die ersten 3000 Jahre friedlich sein Leben neben Kiumars in Irān-Viĵ am Fluss Veh-Rūd fristete. Dies änderte sich jedoch abrupt durch das Eindringen von Ahriman und seinem dunklem Heer in die reine Schöpfung von Hormazd.

Der Tod von Gāve-iektā-āfaride

Nachdem Ahriman am Tage Hormazd im Monat Farvardin (1. Tag des neuen Jahres) in die materielle Welt der guten Schöpfung einbrach, griff er die einzelnen 6 materiellen Schöpfungen in genau derselben Reihenfolge an, wie sie Hormazd erschaffen hat. Zuerst peinigte er den Himmel, dann das Wasser, dann die Erde, dann die Pflanzen und anschließend Gāve-iektā-āfaride.

Ahriman war, aufgrund seiner sadistischen Natur, bestrebt Gāve-iektā-āfaride durch allmählichen Verfall dahinsiechen zu sehen. Dazu „ließ er die Dämonen Neid, Gier, Verfall, Hunger, Krankheit und Apathie auf Gāve-iektā-āfaride losstürzen.3

Dem besorgten Schöpfergott Hormazd war bewusst, dass dem Ur-Rind durch den geballten Angriff der Dämonen des Ahriman grauenhafte Schmerzen drohten; um sein Leid zu verringern, gab er Gāve-iektā-āfaride ein pflanzliches Heilkraut namens „Mang“[9] zum kauen. Außerdem zerrieb er einen Teil des „Bang“ dicht vor den Augen des Ur-Rindes, damit dieser im Angesicht seiner baldigen Vernichtung durch Ahriman friedlich und ohne jede Qual ableben kann.

Gāve-iektā-āfaride wurde infolge des Angriffs sehr krank und seine Milch versiegte.4 Anschließend starb er friedlich; so wie es Hormazd für sein Geschöpf gewollt hatte.

Nach einer anderen Version, die im 21. Fargard des Vendidād enthalten ist, ist es die Dämonin Jeh [10] persönlich, die für den Tod des Ur-Rindes verantwortlich war:

„Welchen Jahi [Jeh] tötet, der sehr schädliche, unreine und schlechte Mensch, der Gottlose.“ 5

Diese Version (wonach Gāve-iektā-āfaride durch die Hand von Jeh stirbt) verträgt sich auch gut mit dem Inhalt des 5. Kapitels des Bondaheš. Denn zu Anfang des Kapitels wird gesagt, dass Ahriman, nachdem er mit der Überlegenheit und Herrlichkeit von Hormazd und seiner geistigen Schöpfung konfrontiert wurde, sich vor lauter Angst in die dunkelste Dunkelheit zurück begab. Dort verharrte er 3000 Jahre in völliger Apathie; selbst als seine zahlreichen untergebenen Dämonen ihn aufforderten sich gegen Hormazd zu erheben, tat er es nicht, „aus Angst vor dem wohltätigen Mann [Hormazd]).“ (Bahar, 1369, S. 51)

Erst Jeh konnte ihn schließlich am Ende des ersten Zeitalters (3000 Jahre) überzeugen, die Schöpfung von Hormazd anzugreifen; dazu sagte sie wörtlich:

„Erhebe dich, unser Vater! Denn ich werde in diesem Kampfe (gegen die materielle Schöpfung) dem „Einzig-Geschaffenen-Rind“ und dem „Wohltätigen Menschen“ (Kiumars) derart Schmerzen zufügen, dass sie durch mein Zutun, nicht sollen leben dürfen!“ 6

Wie dem auch sei; wir können aufgrund der dürftigen Quellenlage nicht beweisen, ob Gāve-iektā-āfaride primär durch die Hand von Jeh oder Ahriman starb. Die Benennung von Jeh als Haupttäterin im 21.Fargard des Vendidād zeigt eine tragende Rolle der Jeh bei der Tötung des Rindes auf. Diese Version erscheint mir persönlich auch in Übereinstimmung mit dem Bondaheš stimmiger als die andere Version.

Die Klage des Ur-Rindes

Als nun Gāve-iektā-āfaride starb, knickte er mit seinem rechten Vorderbein ein und fiel so auf dem Boden. 7

Sein Leid war jedoch mit seinem Tod nicht vorbei, denn „seine Seele trat aus seinem Leib aus und verblieb dort. Er stieß sodann einen Schrei aus; so als ob 1000 Männer in einem einzigen Augenblick schreien würden; er klagte dem Hormazd auf diese Weise sein Leid.“8

Gāve-iektā-āfaride sorgte sich nach seinem Ableben um den Schutz der zukünftigen Geschöpfe, denn er fragte Hormazd:

Wem hast du die Führerschaft über die Geschöpfe übertragen, jetzt, wo [aufgrund des Einbruchs von Ahriman] die Erde bebt, die Pflanzen vertrocknen und das Wasser verschmutzt wird? Wo ist der Mann, den du versprachst zu erschaffen; damit er Schutz [über die Geschöpfe] ausspricht?“ 9

Die Klage der „Seele des Rindes“ (Goušurvan [11]), ist schon im Kontext der Gathas eingesponnen. In den Gathas Ahuna Vaiti steht folgendes über Goušurvans Klage:

Gegen euch [den Yazdān] klagte die Seele des Stieres: Für wen habt ihr mich geschaffen, wer hat mich geschaffen? Mich verunreinigt Aešma [12], Haza, Remo, Dere und Tavi.“ 10

Weiter geht es dann so:

Darauf fragte der Bildner der Kuh [Hormazd] den Aša: Wo hast du einen Herrn für die Kuh? (…) Wen, heil sei dir, hast du gemacht zum Herrn, der den Aešma zu den Bösen schlägt?“ 11

Aša antwortet ihm: „Nicht gibt es einen Herrn für die Kuh, der ohne Peinigung wäre.“ 12

Damit wird gesagt, dass jetzt bei dem Einbruch von Ahriman in die gute Schöpfung, kein Mann sich gegen die Vermischung mit dem Bösen wehren könnte. Die Macht der Dämonen und das Leid, das sie der Welt antun, sind zu jener Zeit gerade zu stark.

Im Bondaheš antwortet Hormazd auf die Klage von Goušurvan so: „Du bist krank, Goušurvan! Krank durch Ahriman! Und blind vor Rache gegenüber den Dämonen! Wenn man den Mann (der die Geschöpfe beschützen kann) schon zu jener Zeit erschaffen hätte können, dann wäre Ahriman nicht mit derartiger Schrecklichkeit über die Welt gekommen.“ 13

Sowohl in den Gathas als auch im Bondaheš wird also gleichsam gesagt, dass der Mann zum Schutz der Geschöpfe, nicht zu jener schrecklichen Zeit erschaffen werden konnte, um das Ur-Rind zu schützen.

Wie man leicht voraussehen kann, war Goušurvan mit dieser Antwort vom Schöpfergott ganz und gar nicht zufrieden. Daraufhin „ging er in Richtung der Sternenspähre und klagte dort sein Leid; dann stieg er weiter nach oben und richtete seine Klage an den Mond; schließlich begab er sich in die Sonnenspähre und klagte auf dieselbe Weise.“ 14

Hormazd wurde dadurch bewusst, wie sehr Goušurvan unter seinem Schicksal litt und er fand es achtenswert, dass die „Seele des Rindes“ sich so mutig für den Schutz der zukünftigen Geschöpfe einsetzte.

Um die Seele des Rindes zu besänftigen „zeigte er ihm schließlich den Fravahar [13] des Zartošt und sprach: „Ich werde ihn [den Mann] erschaffen, der Schutz [über die Geschöpfe] ausspricht. Goušurvan ward daraufhin zufrieden und sprach: Ich werde die Geschöpfe nähren; d.h., er war über die erneute Schöpfung der Tiere auf der Welt einverstanden.“ 15

Mit dem Mann (der die Geschöpfe schützt) ist also die ganze Zeit Zartošt gemeint gewesen.

Die Identifikation des „einen Mannes“ als Zartošt ist nicht nur im Bondaheš belegt; sie tritt auch in den Gathas auf, die von Zartošt selbst verfasst sein sollen. Nachdem in der 1. Hymne der Gathas darüber debattiert wird, welcher Mann dafür geeignet ist den Schutz der Geschöpfe zu übernehmen, wird schließlich eine Entscheidung gefällt:

„Dieser ist mir bekannt, der allein unsere Lehren hörte: Zartošt, der Heilige, er begehrt von uns, dem Mazda und Aša, Hilfsmittel zur Verkündigung, ihn will ich geschickt machen in der Rede.“ 16

Doch Goušurvan ist damit nicht zufrieden: „Darauf klagte die Seele des Stieres: Ich bin nicht erfreut über den unmächtigen Herrn, die Stimme des nicht vollendeten Mannes, da ich wünsche einen unumschränkten Herrscher. Wie soll nun der sein, welcher ihm tätige Hilfe bringt? 17

Es scheint so, dass Goušurvan nicht Zartošt an sich anzweifelte. Es ist jedoch nicht davon überzeugt, dass der noch nicht geborene Zartošt (als Fravahar) genug Macht besitzen würde um die Geschöpfe vor weiteren Peinigungen durch Ahriman zu bewahren. Was Goušurvan forderte war die Erschaffung des Zartošt, damit dieser in materieller Form direkt auf Erden Hilfe leisten kann. Der Bondaheš und die Gathas berichten jedoch wie schon erwähnt, dass Hormazd nicht dazu fähig war, diesen Zartošt rechtzeitig (also vor dem Ableben von Gāve-iektā-āfaride) oder zumindest in nächster Zeit zu erschaffen, da seine Zeit noch nicht gekommen war. Die Gathas und das Bondaheš stimmen darin überein, dass Goušurvan anfangs die „Rechtfertigung“ von Hormazd, also dass dieser Zartošt noch nicht erschaffen werden kann, nicht akzeptierte. Nur im Bondaheš ist dann überliefert, dass Goušurvan erst durch den Anblick des Faravahars des Zartošt sein Klagen beendete und zufrieden ward.

Übergabe des Samens von Gāve-iektā-āfaride an den Mond

Als nun Gāve-iektā-āfaride zufrieden ward, wurde der Samen des (Ur)-Rindes zur Mondsspähre gebracht. Dort wurde der Samen vom Mond gesäubert.“ 18

Aus diesem Grund wird der Mond in der zarathustrischen Tradition oft mit dem Beinamen „den Rindersamen enthaltend“ versehen. Dieser Aspekt (Bindung des Ur-Rindes mit dem Mond) scheint eine sehr wichtige zu sein; sie wird in der Avesta oft genug erwähnt, wie z. B im Māh-Nyāyeš (Gebet an den Mond):

Preis, dem Ahura Mazda, Preis den Amesha-cpentas, Preis dem Monde, der den Stiersamen enthält (…) Für den Mond, der den Stiersamen enthält, für den eingebornen Stier, für Stiere von vielen Arten (…) Der Mond, der den Stiersamen enthält, den reinen, Herrn des Reinen preisen wir.“ 19

Im Māh-Yašt, das sich direkt an den Izad Māh wendet, finden sich ähnliche Passagen:

Zufriedenstellung bekenne ich für den Mond, der den Stiersamen enthält, für den einzig-eingebornen Stier, für den Stier von vielen Arten (…) Den Mond, der den Rindersamen enthält, den reinen, Herrn des Reinen preisen wir (…) Opfer, Preis, Kraft, Stärke erflehe ich dem Monde der den Stiersamen enthält, dem eingebornen Stier, dem Stiere von vielen Arten. Ashem Vohu. Ihm sei Glanz. 20

Dieser Aspekt macht wie es scheint einen großen Teil der Verehrung des Mondes aus. Immer wenn der Mond angerufen wird, erwähnt man seine Funktion als Beschützer und Reiniger des Samens des einzig-geschaffenen Rindes, der der Urahn aller heutigen Rinder und anderer Geschöpfe ist.

Warum der Samen des Urrindes speziell dem Mond übergeben wurde, scheint willkürlich, aber der Bondaheš hat hierfür eine „Erklärung“, denn „das einzig-geschaffene Rind war so weiß und hell wie der Mond.21

Im Bondaheš gibt es eine weitere Stelle die erklärt, wieso der Mond und das Ur-Rind dieselbe Eigenschaft der weißen Leuchtkraft besitzen: „Hormazd ergriff (nach dem Tode des Ur-Rindes) den Körper und Āine [14] des Ur-Rindes und übertrug sie dem Mond. Dies ist das Mondlicht, welches auf die Erde scheint.“ 22

Erst durch diesen Akt leuchtet also der Mond auf die Weise, wie er uns scheint – demnach hatte der Mond vor dem Tode von Gāve-iektā-āfaride nicht seine bekannte weiße Leuchtkraft. Dieses ausstrahlende, weiße Licht war dem Ur-Rind eigen; als es dann starb, hat Hormazd wie im Zitat ersichtlich ist, den Leib und Āine des Rindes auf den Mond übertragen, der dann prompt die Eigenschaft (weiße Leuchtkraft) des Rindes annahm.

Nachdem nun der Samen von Gāve-iektā-āfaride vom Mond geläutert wurde, wurde die erneute Schöpfung der Tiere in Angriff genommen.

Die Erschaffung der Tiere

Nachdem nun Gāve-iektā-āfaride, der Fravahar des Zartošt gezeigt wurde, war er mit der erneuten Erschaffung der Tiere einverstanden. Da alle Tiere, damals wie heute, vom Samen von Gāve-iektā-āfaride abstammen, gilt er in der zarathustrischen Tradition als Urahn aller Tiere. Über die Erschaffung der Tiere aus dem Samen des Ur-Rindes weis das Bondaheš folgendes zu berichten:

„Zuerst wurden (aus dem Samen) zwei Rinder erschaffen, ein männliches und ein weibliches. Daraus gingen dann die einzelnen Tierpaare der Arten in Irān-Viĵ hervor.“ 23

Im gleichen Kapitel wird dann ausführlich über die Tiergattungen und Tierarten berichtet; die so aus dem Samen von Gāve-iektā-āfaride entstandenen Tiere gehören zur Gruppe der „guten Schöpfung“. Dazu gehören nützliche Zug- und Lasttiere (Rind, Schaf, Ziege, Pferd, Esel), insektenfressende Arten (Igel, Wiesel), der hoch angesehene Hund, die meisten Vögel und auch fast alle Fischarten.

Wichtig ist es zu wissen, dass die meisten insekten-, amphibien- und reptilienartigen Tiere und jede Art von Wölfen der „bösen Schöpfung“ angehören und eigens als Xerafstar bezeichnet werden. Sie wurden von Ahriman selbst erschaffen und fielen in die gute Schöpfung ein, als er die Welt angriff.

Hervorbringung der nützlichen Pflanzen

Noch bevor die Tiere aus dem Samen von Gāve-iektā-āfaride neu erschaffen wurden, wuchsen aus den verschiedenen Organen und Gliedmaßen seines toten Leibes verschiedene heilsspendende, gegen das Böse in der Welt wirksame Pflanzen:

„Es wird in der Religion gesagt, dass nachdem Gāve-iektā-āfaride ablebte, dort wo sein Mark hinfiel, 55 Getreidearten und zwölf Heilspflanzen hervorwuchsen. Es wird gesagt, dass aus seinem Hirn die Sesampflanze hervorkam, die aufgrund ihrer „hirnischen“ Natur, auch als „Hirnig“ bezeichnet werden. Aus seinen Hörnern erwuchsen die Früchte, aus seiner Nase Lauch und aus seinem Blut die Weintraube, aus der man Wein herstellt. Deswegen (also aufgrund Herkunft der Traube aus dem Blut) verwendet man den Wein zur Vermehrung und Kräftigung des Blutes. Aus seiner Lunge erwuchs die Bergraute, aus der Mitte seiner Leber kam Pelugium zutage, für das Zurückdrängen des Gestankes von Akuman [15] und der Bekämpfung von Schmerzen. Andere [Pflanzen] erwuchsen aus dem Rind, wie es im Avesta dargestellt ist.“ 24

Der Leib des Ur-Rindes ist also noch nach seinem Tod von großem Nutzen für die Tiere und Menschen, die später erschaffen werden. Sein Leib dient als Substrat für bedeutende Pflanzenarten, die sich grob gesehen in drei Bereiche gliedern lassen: Nutzpflanzen, aromatische Kräuterpflanzen und medizinische Heilpflanzen. Von den landwirtschaftlich interessanten Nutzpflanzen sind in diesem Mythos die 55 Arten Getreide die prominentesten Vertreter; sie sind elementar für die menschliche Landwirtschaft; aus ihnen wird um nur zwei Beispiele zu nennen Brot und Viehfutter hergestellt. Da die Pflanzen solcher Art Hunger beseitigen, werden sie besonders verehrt. Denn Hunger (wie auch Durst) sind ein Produkt von Ahriman. Unter anderem ist Gāve-iektā-āfaride an Hunger gestorben.

Wohlriechende Kräuter wie Pelugium und die Bergraute werden eigens hervorgehoben, weil sie mit ihrem Aroma den, durch die Dämonen hervorgerufenen, Gestank, vertreiben. In der zarathustrischen Religion, wie auch in vielen anderen Religionen, finden derlei Kräuter Verwendung in der Liturgie zur Abwehr der bösen Mächte. Noch heute wird in Iran das Ritual des „Espand“ [wilde Raute] zelebriert, wann immer man Unglück abwenden möchte. (Unglück wird auf den Einfluss der Dämonen zurückgeführt). Dabei wird ein spezielles Kraut angezündet und der Duft in der ganzen Wohnung verbreitet.

Die Heilpflanzen haben aufgrund ihrer medizinischen Wirksamkeit, einen hohen Status in der iranischen Mythologie. Sie heilen die Krankheiten vieler Arten, welche von den Dämonen herbeigeführt werden, um die Lebewesen zu schwächen. Darüber hinaus haben sie auch schmerzlindernde Eigenschaften. Für Ahriman und seinen Dämonen ist dies unerfreulich, denn sie ergötzen sich an die Peinigungen der Lebewesen; dafür haben sie den Schmerz schließlich in die Schöpfung gebracht.

Die Rolle des Ur-Rindes

Wir sind nun zum Ende meiner Ausführungen gelangt. Es sollte jedem ersichtlich geworden sein, wie bedeutend die Rolle des Ur-Rindes in der iranischen Mythologie ist. Gāve iektā āfaride ist nicht nur der Urahn der Tiere der guten Schöpfung, sondern auch Hervorbringer allerlei Pflanzenarten mit großem Nutzen für Vieh und Mensch. Seine Funktion als Lieferant dieser nützlichen „Güter“ konnte es jedoch erst mit seinem Tod erfüllen. Es sieht so aus, dass dies von Hormazd selbst gewissermaßen vorgesehen war; Gāve iektā āfaride musste geopfert werden, damit die heutigen lebenden guten Tiere aus seinem vom Mond gereinigten Samen und die Nutzpflanzen vieler Art aus seinem toten Leib entstehen konnten. Ich persönlich erblicke da eine gewisse Parallelität zu dem Schicksal eines anderen mythischen Rindes namens Hadayoš. Dieses Wesen lebt am kosmischen Ozean Farāxkard [16] und wird von einem Zentaur vor dem Einfluss Ahrimans beschützt. Wenn schließlich Feraškard [17] eingetreten ist, wird Hadayoš von dem zukünftigen Sušiāns [18] geopfert; sein Fett wird mit dem weißen Haoma [19] gemischt. Die wiederauferweckten Toten werden so durch den Verzehr dieses „Misch-Getränks“ Unsterblichkeit erlangen.

In beiden Fällen müssen also die Rinder sterben, damit sie ihre spezifische Funktion erfüllen können. Der große Unterschied ist jedoch, dass „Gāve iektā āfaride“ nicht im Rahmen einer Opfer-Zeremonie stirbt, sondern durch den Angriff von Ahriman. Nichts desto trotz zweifele ich nicht daran, dass sein Tod durch Hormazd bewusst einkalkuliert wurde. Hormazd ist nämlich allwissend und wusste schon vorher von dem Einbruch Ahrimans in seine Schöpfung; hätte Hormazd beabsichtigt Gāve iektā āfaride weiter leben zu lassen, hätte dieser entsprechende Vorkehrungen getroffen.

Im Grunde genommen ist „Gāve iektā āfaride“ jedoch nicht wirklich gestorben; es lebt in den Tieren und Nutzpflanzen weiter fort und wirkt heute noch aktiv auf der geistigen Ebene. Die „Seele des Rindes“ Goušurvan ist in den Kreis der Yazdān aufgenommen worden und hält seine schützende Hand über das Vieh. Zu diesem Zwecke wird es in der Liturgie angerufen.

Es liegt auf der Hand, dass Gāve iektā āfaride in seiner schon oben erwähnten Funktion in einer von Ackerbau und Viehzucht beherrschten Gesellschaft, wie es die altiranische war, besondere Verehrung genoss. Denn gemäß der Überlieferung wäre ohne Gāve iektā āfaride die Landwirtschaft nicht möglich gewesen; und damit auch nicht die Entstehung der menschlichen Zivilisation. Darüber hinaus wacht seine Seele noch heute über das Vieh, die dem Menschen nach wie vor mit Fleisch versorgt.

Leib und Seele von Gāve iektā āfaride werden aufgrund ihrer Funktion hoch geachtet, wie diese Stelle im Yasna beweist:

Hier preisen wir nun des Stieres Seele und Körper, dann unsere Seelen und die Seelen des Viehs, welche uns am Leben zu erhalten wünschen, für welche diese, welche für jene da sind.“25

Leider hat sich die Sage des iranischen Ur-Rindes, anders als die des iranischen Ur-Menschen Kiumars, nicht im Bewusstsein der heutigen Iraner verankern können. Dies liegt unter anderem daran, dass Gāve iektā āfaride im Ŝāhnāme, welches für die breite Masse der Iraner die Quelle der iranischen Mythologie ist, mit keinem Wort erwähnt wird.

Die Zarathustrier jedoch haben ihn nicht vergessen; sie wissen noch wie wichtig sein Tod für die menschliche Zivilisation war. Seine Verehrung wird im folgenden Abschnitt aus dem Vendidād, mit dem ich meinen Text abschließen möchte, klar verdeutlicht:

„Preis sei dir, o heiliger Stier, Preis dir, wohlgeschaffene Kuh, Preis dir, der du vermehrst, Preis dir, der du wachsen machst, Preis dir, Geschenk des Schöpfers, für den besten Reinen, für den noch nicht geborenen Reinen!“ 26

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Anmerkungen:

[1] Izad bzw. Yazdān (von avest. Yazata –> „Verehrungswürdige“);  bezeichnet eine Gruppe von geistigen Wesen, die vom obersten Gott Hormazd zur Vermehrung und Erhaltung der materiellen und der geistigen Welt (Giti und Minu) erschaffen wurden; in ihrer Stellung und Funktion sind sie am ehesten mit den christlichen Erzengeln vergleichbar. Die Yazdān sind zudem Namensträger der 30 Tage eines Monats

[2] Māh (avest. Mavangh); in der zarathustrischen Religion die Personifikation  des Mondes und als ein Izad Namensträger des 14. Tages eines jeden Monats

[3] Ahriman (von avest. Angra Mainyu –> „zerstörerischer Geist, schlagender Geist“) ; ein aus der dunkelsten Dunkelheit geborenes geistiges Wesen, das aufgrund seiner destruktiven und neidischen Natur im ständigem Kampfe mit der guten Schöpfung steht. Auf Ahriman geht die Vermischung des Bösen mit dem Guten auf der Welt zurück

[4] Bondaheš (von avest. Bundahišn –> „Urschöpfung“); ein mittelpersischer Text aus post-sassanidischer Zeit über die iranische Schöpfungsgeschichte, Kosmogonie und Weltsicht aus der Feder des Mobeds Farnbagh Dādagi; sie fasst im Wesentlichen den Inhalt des verlorengegangen Dāmdād-Nask („Erschaffung der Schöpfungen“) zusammen; zu einem kleinen Teil finden sich aber auch dort Inhalte des ebenfalls verlorengegangen Čehrdād-Nask, welches neben des sassanidischen Werks Xodānāme die Hauptquelle für das Ŝāhnāme von Ferdousi war

[5] Hormazd (von avest. Ahura Mazda –> „der Herr der Weisheit“). der eine Schöpfergott in der zarathustrischen Religion

[6] Irān-Viĵ bzw. Erān-Viĵ in mittelpersischen Texten (von avest. Aryanām Vaēĵa à „das weite Land der Arier“); das erste der 16 vollkommenen Länder, welche im 1. Fargard des Vendidād aufgezählt werden. Irān-Viĵ gilt in der Avesta als die Urheimat der Arier.

[7] Veh-Rūd (avestisch: Veh-Dāhiti); zusammen mit Arvand-Rud der erste Fluss, der von Hormazd erschaffen wurde. Er fließt in östlicher Richtung bis an das Ende der Welt und mündet dort in den kosmischen Ozean „Farāxkard“.

[8] Altpersisches Längenmaß, 1 Nāy entspricht 3,048 m

[9] Über die Identität des „Mang“-Heilkrauts gibt es verschiedene Vermutungen; viele setzen es mit „Cannabis sativa“ gleich, andere identifizieren „Bang“ mit den Pflanzen Hyoscyamus niger oder Datura stramonium.

[10] Jēh (avest. Jahika); eine mächtige weibliche Dämonin (Druĵ) der Unzucht mit dem Beinamen „die Hure“; sie hat von allen Dämonen die innigste Beziehung zu Ahriman; sie wird daher gelegentlich als die Gemahlin von Ahriman bezeichnet.

[11] Goušurvan (avest. Geuš urvan –> „Seele des Rindes“); die Seele des gestorbenen Ur-Rindes, welche als Izad eigens verehrt wird und im Zusammenwirken mit dem weiblichen Izad Drvaspa („mit stabilen Pferden“) für den Schutz des Viehs zuständig ist, Namensträger des 12. Tages jeden Monats.

[12] Aešma (avest. für „rasender Zorn oder „Raserei“), schrecklicher Dämon des Zornes, seine Bedeutung ist noch im neuper. Wort „Xašm“ für Zorn erhalten.

[13] Fravahar spirituelles Abbild eines Menschen, das in der zarathustrischen Tradition klar von der Seele (Ravān) unterschieden wird; ein Foruhar besteht schon lange vor der Geburt eines Menschen und geleitet nach dem leiblichen Tod die Seele des verstorbenen Menschen in das Jenseits

[14] Āine; bedeutet so viel wie „Gedankenhaltung“

[15] Akuman (avest. Aka Manah –> „böse Gedanken“]; eine der von Ahriman erschaffenen 6 Erzdämonen; er ist der Erzfeind des Amašāspand „Bahman“ und verkörpert die bösen Gedanken, welche die Quelle für böse Taten sind

[16] Farāxkard (von avest. Vouru-kasha“); der kosmische Ozean in der iranischen Mythologie

[17] Feraškard (von avest. Frašokereti –> „Welterneuerung“); das Endzeitalter, in der das Böse endgültig vernichtet wird; die wiederauferweckten Toten erlangen die Unsterblichkeit und leben dann in ewiger und friedlicher Einigkeit mit Hormazd

[18] Sušiāns (von avest. Saoshyant –> „einer der Wohltaten bringt“), Figur im Zarathustrismus, der die Toten am Ende des dritten Zeitalters wieder erweckt

[19] Haoma (avest: „Pressen“) neupers: Hom; bezeichnet gleichzeitig eine Pflanze und den dazugehörigen Izad, die Pflanze, welche noch nicht einheitlich bestimmt werden konnte, wurde schon im vor-zarathustrischen Religionsystem der Iraner in einem Mörser zerstampft; der anregende, stimulierende Saft wurde dann für Liturgiezwecke ausgetrunken (vgl. das „Soma“ in der vedischen Glaubenslehre)

Literaturverzeichnis:

1 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 40

2 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 41

3 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 52

4 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 52

5 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band I, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1852, S. 259

6 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 51

7 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 52

8 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 53

9 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 53

10 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band II, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1859, S. 115 – 116

11 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band II, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1859, S. 116

12 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band II, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1859, S. 116

13 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 53

14 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 53 – 54

15 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 54

16 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band II, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1859, S. 117

17 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band II, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1859, S. 117

18 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 78

19 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band III, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1863, S. 13

20 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band III, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1863, S. 62 – 63

21 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 40

22 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 69

23 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 78

24 BAHAR, MEHRDAD , Bondaheš, Universität Teheran, Šerkat Sahāmi Čāpe Offset, 1369, S. 78

25 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band II, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1859, S. 139

26 SPIEGEL, FRIEDRICH, Avesta Band I, Leipzig, Verlag von Willhelm Engelmann, 1852, S. 259

Die Redaktion von Pârse & Pârse haftet nicht für den Inhalt dieses Artikels und die angegebenen Quellen. Der Autor selbst ist verantwortlich für den Inhalt des Artikels und die Quellenangaben.

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29 Gedanken zu „Iranische Mythologie I – Das Ur-Rind der iranischen Mythologie

  1. Ein durchaus interessanter Einblick in die Mytologie des Irans. Imponiert hat mir der Glaube an die „Seele“ des Rindes. Diese Auffassung vermisse ich bei allen monotheistischen Religionen. Das „Macht Euch die Erde untertan“ mit der Billigung von Opfertieren aus dem AT ist leider zu wörtlich genommen worden und führte zu einem willkürlichen Umgang mit Tieren und Pflanzen, wie wir ihn heute so perfide in Schlachthöfen und der grenzenlosen Umweltverschmutzung in vielen Teilen der Erde feststellen können. Tiere galten als seelenlos, Pflanzen als seelenlos usw.

    Nur dem Menschen wurde eine Seele zugeordnet. Schon das ist ein Akt der Selbstherrlichkeit, welcher unbedingt zurecht gerückt werden muss. Dieses Wort aus dem AT hat so wenig die Begrifflichkeit „Verntwortung für“ enthalen, sondern in diesem schwingt eher die Willkür mit. Hat der erste Schöpfungsbericht der Bibel noch gesagt, dass Mensch und Tier sich von Pflanzen ernähren sollen, was im Grunde die bessere Variante gewesen wäre, so ist der Verzehr von Fleisch im 2. Schöpfungsbericht göttlich legitimiert.

    Das ist m. E. leider viel zu kurz gegriffen. Ob nun Tiere eine individuelle Seele besitzen oder eine kollektive, sollte nicht wichtig sein. Ich bin fest davon überzeugt, dass auch Tiere und Pflanzen sowie alles Erschaffene von Gott beseelt wurden. Denn sie tauchten bereits im Paradies neben Adam und Eva auf. Wenn schon in jeder „toten“ Materie Göttliches mitschwingt, wieviel mehr in jder „lebenden“ sich selbst reproduzierenden Schöpfung.

    Insofern verlangt dieser Artikel Respekt vor der Schöpfung ab und tut letztlich gut daran, einem Tier wie hier dem Rind, eine Stimme gegenüber seinem Schöpfer zu geben. Gefällt mir von der religiösen Denkweise her. Das Rind aber selbst als heilig zu verehren wie es wohl noch in Indien praktiziert wird, ginge mir doch ein wenig zu weit. Dieser Artikel macht es aber verständlicher, wie dieser Rinderkult grundiert gewesen sei könnte.

    Die Bibel gibt leider keine einheitliche Regelung für den Umgang mit Tieren. Da widerspricht sie sich selbst. Aber sie enthält durchaus ernstzunehmende Verse, die mit folgendem Link dem Leser nicht vorenthalten werden sollen:

    http://www.vegane-beratung.com/vegetarismus-in-der-bibel.html

    Mir geht es jetzt nur um die Verse, nicht um den Vegetarismus. Ich selbst esse hier und da gern auch Fleisch. Aber ich „bedanke “ mich bei den Geschöpfen, die ich esse, deren Tod mein Leben, mein Weiterleben sicherstellt und natürlich bei Gott, der diese Geschöpfe für uns erschaffen hat. Diese Denkweise erhöht die Ehrfrucht vor allen Nahrungsmitteln, die hier in den Wohlstandsländern viel zu gering geachtet werden. Und der Umgang mit Schlachtvieh lässt eh zu wünschen übrig.

    Aus dem Tod erwächst Leben bereits im Hier und Jetzt ,wie die iranische Mythologie so sympathisch beschreibt, sondern auch aus Jesus selbst. Somit eine konsquente Fortsetzung des rein Irdischen in das Transzendent-Religiöse. Alles ist Wandlung, nichts ist Vernichtung, bereits hier auf Erden in unserer täglichen Erfahrung, ohne religiös angehaucht zu sein, nicht umsonst Stoffwechsel genannt, nicht Stoffvernichtung, wie viel mehr im Jenseits.

  2. Und schon habe ich mich selbst dabei ertappt, wie unser Sprachgebrauch wie selbstverständlich unser Bewusstsein zum Ausdruck bringt, als ich schrieb: … der diese Geschöpfe für uns erschaffen hat“. Hat er das wirklich? Da ist schon Arroganz herauszuhören: Alles für uns. Zumindest bedenkenswert.

    Da kann ich noch eine kleine Geschichte aus dem persönlichen Bereich beisteuern. Diese Story hat mich als Kind sehr beeindruckt, so dass meine Eltern uns Kindern bei Strafe verboten, irgendwelche Lebensmittel wegzuwerfen, sie auch nur unachtsam zu behandeln. Mein Vater erzählte mir eine Begebenheit aus der Gefangenschaft., die mir wahrscheinlich auch das Denken über den Umgang mit Lebensmitteln eingestanzt hat.

    Ein Mitgefangener aß immer besonderes bewusst in großer Beherrschung, fast mit religiösem Ernst sein Brot, während es andere, weil Hunger herrschte, verschlangen. Das veranlasste einen weiteren Mitgefangenen zu bemerken, als er feststellte: „Wie andächtig er sein Brot verzehrt, als wäre es der Leib des Herrn“.

    Ja, das hat nicht nur meinem Vater imponiert, sondern auch mir. Aus diesem Grund will ich es den Lesern dieses Blogs nicht vorenthalten. Was mich geprägt hat, kann auch andere prägen. Deshalb kann ich nur raten: Mehr Ehrfurcht vor der Schöpfung Gottes und natürlich auch vor diesem selbst. Nichts, aber auch garnichts, in diesem Leben ist selbstverständlich.

  3. Vielen Dank für euer Lob! 🙂 Sepas Fartab-Jan, dass du meinen Artikel bearbeitet und hier reingestellt hast! Ich werde leider erst heute Abend Zeit haben ausführlich auf eure Kommentare zu antworten. Bis dahin; Ruz xosh! 😉

    • Bahrâm jân, ich habe lediglich nur ein Bild für Deinen Artikel ausgesucht und den Artikel für das WordPress formatiert. Der Inhalt ist unberührt! Daher habe ich auch den Vermerk unter dem Artikel geschrieben. 🙂

  4. @Bazillus
    Danke für deine schönen Worte! Im Bondahesh selbst wird auch in einem Kapitel ausdrücklich gesagt, dass die Tiere der guten Schöpfung eine eigene Seele besitzen! Und ich habe auch vor, meinen Fleischkonsum zu reduzieren oder sogar auf fleischliche Produkte gänzlich zu verzichten.

    @Ardasir, Fartaab
    Ich arbeite schon gerade an einen Artikel über Gayomard und die Entstehung der Menschheit; momentan bin ich durch meine Bachelorarbeit zeitlich etwas eingeschränkt, so dass die Bearbeitung meines Textes länger dauern wird. 😦 Aber weitere Artikel sind geplant, da könnt ihr euch sicher sein! 😉

    • Ich finde das toll, dass Du Dich diesem Thema annimmst, es ist wenig ueber die Mythologie des antiken Iran bekannt und Du fuellst hier durchaus eine Luecke in diesem Blog. Ich bin schon gespannt auf weitere Artikel. Lass Dir Zeit, es gibt keinen Druck, es soll ja auch Spass machen und wir wissen hier wie lange man fuer einen Artikel braucht und wie vlel Arbeit in so einem Artikel steckt.

    • Werter Bahram,
      gern geschehen. Was gut ist, wird auch als gut gelungen empfunden. Mich hat der Text sehr zum Nachdenken gebracht und mich an die leider viel zu wenig entwickelte Ehrfurcht vor der Schöpfung erinnert. Dafür herzlichen Dank.

  5. Werter Bahram,
    Dankeschön, sehr interessanter Artikel, der uns allen hier einen schönen Einblick in die persische Mythologie erlaubt.
    Interessant wäre es diesbezüglich aber auch, an dieser Stelle den Mithraskult zu erwähnen oder eben die Sumerer.
    Die Sumerer lebten in Mesopotamien ab ca. 4000 v.Chr. und übten schon sehr früh einen starken, vor allem mythologisch-religiösen Einfluss auf die iranische Kultur aus. Ins Besondere auf Elam. Und schon in dieser sumerischen Kultur, taucht der „Himmelsstier“ und zwar definitiv „Himmelsstier“- nicht Rind auf. Und dann gab es bei den Sumerern auch noch die „Himmelskuh“, als weibliches Pendant zum Himmelsstier.
    Der Himmelsstier bei den Sumerern jedoch, galt nicht als „Gottheit“ sondern als das „Haustier“ eines bestimmten mächtigen Gottes- dessen Name mir dummer Weise jetzt aber gerade irgendwie entfallen ist- auf. Und dieser Stier ist ein ziemlich zerstörungswütiges, aggressives Wesen, jedoch nur eben auf Befehl dieses einen Gottes. Indessen hat dieser Gott jedoch auch eine „Göttergemahlin“ und deren „Haustier“ ist eben dann die Himmelskuh, die jedes mal dann ausgesandt wird um wieder „neues Leben“ zu sähen, nachdem das Haustier ihres Mannes wieder einmal viel Zerstörung und Elend über die Menschen brachte. Sie spielt also die Rolle der „fruchtbaren Wiedergutmacherin durch die Himmelskuh“ und er den „kriegerischen Zerstörer, durch seinen Himmelsstier“.
    Die Tochter aus dem Samen dieser beiden sumerischen Götter ist dann „Inanna Ischta“- Stadtgöttin von Uruk, Fruchtbarkeits- und Kriegsgöttin, Schutzpatronin der „freien“ Frauen (ja so nannten sie ihre Prostituierten) und selbst eine kleine linkische Aphrodite, die- laut dem Gilgamesh Epos zumindest- nur allzu gerne auch König Gilgamesh vernascht hätte um ihn zu ihrem Knecht zu machen, wogegen er sich jedoch sträubte und sie sich dafür wiederum an ihm rächte, indem sie ihm seinen innigsten Freund (auch Geliebten) Enkido nahm.
    Erst im Mithraskult, werden dann der Himmelsstier und die Himmelskuh zu einem Geschlechtsneutralen göttlichen Wesen. Doch auch bei den Mithras ist es dann aber der „Sonnengott“ Mithras selbst (oft als blonder Jüngling dargestellt) der- nach einer elend langen Verfolgungsjagd- den zerstörungswütigen Stier stellt und töten muss, woraus resultierend sich auch erst dann die „weibliche- fruchtbare“ Seite des Stieres entfaltet, da erst mit seinem Tod und durch sein Blut, die Meere, Flüsse und Seen entstehen, die die „Erde“ erst fruchtbar machen, um aus sich selbst heraus zu erblühen. Deshalb wuschen sich die Anhänger des Mithraskultes auch gerne mal mit Stierblut (nämlich wirklich gemeint : Stier- nicht Kuh) ihre Sünden vom Leibe. Und der Mithraskult war jener Kult, der auch zeitgleich mit der avestischen Sprache, den geschichtlichen Spielplan des alten Perserreiches betrat. Dieser Kult jedoch, sprach beabsichtig nur deshalb vom Stier, so dieser ein extrem stark patriarchalischer Kult war. Nur Männer waren Priester, nur Männer durften die Kultstätten betreten, nur Männer durften teilhaben am geheimen Wissen des Sonnengottes „Mithras“. Und das gesamte, vor allem aber neutestamentarische Christentum, baut auf diesem persischen Urkult auf. Dieser hatte jedoch ursprünglich nichts mit „Zarathustra“ am Hut. Im Gegenteil, dieser Kult wurde von Zarathustra noch bekämpft. Und auch Zarathustras Gataha, gehören eigentlich nicht zu den Avestas, denn diese sind eigentlich schon wesentlich älter, als die Avestas. Sie wurden aber dennoch an den Anfang der Avestas gesetzt, dies geschah jedoch erst im Laufe der Entstehung des Perserreichs. Aus diesem Grund legt auch „Dr.Bahram Varza“, der im Jahr 2008 eine wundervolle Übersetzung der Gataha in einem Buch veröffentlichte „Gatha- Die Lehre Zarathustra“ dem Leser stets ans Herz, die Gatha ausschließlich unabhängig von den Avestas und den Schriften: Yasna, Visparad, Yashtha und Vandidad, zu lesen. So die Gatha als philosophische Lehre des Zarathustra, für sich selbst steht und mit späteren avestischen Werken eben nichts am Hut hat. Diese entstanden alle erst, sehr lange nach Zarathustras Tod. Stark beeinflusst sind all diese Werke jedoch vor allem, auch vom Mithraskult. Sie vereinen den Glauben an jenen Sonnengott der stetig in Konflikt mit Ahriman steht, mit der philosophischen Lehre des Zarathustras, der in seinen originalen Gatha’s jedoch mit keinem Wort, den Himmelsstier oder das Himmelsrind erwähnt. Ebenso wenig wie Ahriman (also den Teufel) oder sonstige mythische Wesen. Er spricht nur von allumfassender Weisheit (Mazda), der Weltordnung und Wahrhaftigkeit (Asha), sowie von Armaity (Friedlichkeit, Harmonie, Ausgeglichenheit), wie auch von Bendova (Zarathustras Widersacher, der ein Priester, also Mensch war). Und natürlich auch von einer „Schwelle der Entscheidung“ oder einem Scheideweg im menschlichen Gewissen (unter Tshinowat bekannt). Zarathustras Lehre erwähnt also keinerlei „mythologische Wesen“ ausser die „arischen Götter“ (Da’eva) gegen die er jedoch Partei ergreift. Und auch Mithras ist eine solche „Gottheit“. Ansonsten aber finde ich diesen Artikel wirklich ausgesprochen gut gelungen und wirklich, wirklich sehr interessant.
    Glg. Evelucas

    • Ach ja, das hätte ich fast vergessen. Das Wort „Syushant“, stet in der Gatha eigentlich für: Förderlicher, weiser Mensch, also einen Lehrer. Und „Wohuman“ für: Gute Gedanken, sowie „Wokhashatra“ für: Förderliche Macht, Gerechter Herrscher, aber vor allem für : Die Beherrschung des eigenen Willens- also des „Selber Denkens“ in Verbindung mit einem der Welt und allen Menschen „Gut gesinnten Gewissen“ steht. So meinte Zarathustra das ursprünglich.
      Lg. Evelucas

  6. @Eve Lucas

    Über den Mithras-Kult und die sonstige Traditionen der vor-zarathustrischen Kultur ist mir nicht viel bekannt; ich werde mir bei Gelegenheit mal den ersten Band des Dreiteilers „History of Zoroastrianism“ von Mary Boyce bestellen. Ihr Wissen und ihrer Ausführungen sind goldwert! Da lernte ich z.B erstmal dass in vorzarathustrischer Zeit eine Göttertriade aus Mithra, Ahura Mazda und Apam Napat bestand, welche die 3 Ahuras genannt wurden. Ursprünglich war Apam Napat derjenige der die Menschheit erschuf (analog zu Varuna in alt-vedischer Zeit); er wurde dann spätestens in dieser Position durch Ahura Mazda ersetzt.

    Das Problem ist, dass in der iranischen Religion und Mythology es sehr schwer ist EINE einheitliche Überlieferung abzuleiten, da es unzählige lokale, teils widersprüchliche Überlieferungen aus vorzarathustrischer, zarathustrischer und nachazarthustrischer Zeit existiert. Mit diesem Artikel habe ich erstmals versucht einen Aspekt der iranischen Mythology in einer stimmigen Überlieferungsform den interessiertem Leser näher zu bringen.

    Du hast hier auch schon den „konflikt“ zwischen den Gathas und den Avesta-Texten klar deutlich gemacht, wobei übrigens schon in den Gathas von der „Seele des Rindes“ gesprochen wird! Weisst du; für mich sind die Gathas der Kern der iranischen Religion und somit das, was vor allen anderen Texten Vorrang hat. Aber die Gathas ALLEINE sind viel zu vergeistigt und abstrakt; deshalb konnten sie den lebendigen, bildhaften Volksglauben und die antike iranische Mythology nicht vollständig ersetzen. Deshalb haben die Priester später diese Texte miteinander zu einem Gesamtwerk zusammengefügt, damit Zarathustras botschaft sich im Iran verankern konnte.
    Für mich macht die Mythology einen großen Teil der Kultur aus! Man darf als heutiger Leser die Mythology auch nicht wörtlich bzw. ernst nehmen, sondern sinngemäß. Die Mythologie eines Volkes ist ihr spiritueller Fußabdruck, das gemeinsame kollektive Gedächtnis eines Volkes! Deshalb ist es für mich von höchster Priorität, dass die iranische Mythologie in Iran wieder ins Volk gebracht wird!

    • Hi wieder,
      Ja das kann ich auch vollends nachvollziehen und ehrlich gesagt, über Mary Boyce’s Schriften habe ich diesbezüglich auch nur äusserst wenig Ahnung. Das Problem ist auch, das es glaube ich zwei, wenn nicht sogar drei Stämme von Mithraskulten gab. Einer zeigt deutlich mehr „indischen“ Einfluss und ein weiterer wiederum mehr „ägyptischen“ Einfluss. Und dann wären da noch die Skyten im russischen Raum Asiens, deren Kultur wiederum, viel Gemeinsames zu diesem Mithraskult hätte. Ich denke jedoch, die „Wurzel“ dieser Kultur, war in allen zwei- drei Stämmen ein und die Selbe, auch glaube ich das die ziemlich viel miteinander interagierten um sich auszutauschen. Und bei den Römern findet sich der Sonnengott „Mithras“ dann ja auch plötzlich in Aurelians (Soldatenkaiser um ca. 200 n. Chr.) Kriegsgott „Sol Invictus“ wider- das war die erste Annäherung der Römer an einen „monotheistisch geprägten“ religiösen Glauben. Aurelian baute ihm einen Tempel und stellte diese „Gottheit“ dann auch schon über alle anderen römischen Götter. Und seine Nachfolger hielten diese neue Göttertradition auch aufrecht, bis schließlich Konstantin kam und mit ihm auch schon bald das „Christentum“. Im ersten innerchristlichen Konzil von Nicäa, wurde dann der Geburtstag von Jesus Christus, auf den 25. Dezember verlegt und beschlossen. Zufälliger Weise ist das aber auch dasselbe Geburtsdatum von „Mithras“ und den ersten Tempel für „Sol Invictus“ den Aurelian erbauen ließ, weihte selber auch am 25. Dezember. Ja, es ist schon beeindruckend wie lange sich dieser derart streng patriarchale Kult über ein Jahrtausend hinweg sehr erfolgreich aufrecht hielt. Dieser Kult findet sich in extrem vielen, großen Religionen, immer wieder mit neuen Besonderheiten oder in rituellen Abwandlungen Auszugsweise wieder. Sehr deutlich in unserem heutigen Christentum spürbar. Es ist wirklich faszinierend. Der persische Kultureinfluss dieses Kultes blieb (teils sogar noch bis heute) im gesamten babylonischem, als auch syrischem Raum erhalten und findet sich dadurch wohl auch in vielen anderen, späteren Glaubenskulturen wieder. Das Stiermotiv (Mithras als Jüngling, der den Stier tötet, dabei aber weg sieht, als täte es ihm leid), ist eines der ältesten Motive dieses Kultes. Lg. Evelucas

  7. Was mich noch verwirrt ist, dass Mithra ursprünglich der Hüter der Verträge (Mithra —> Vertrag) war, welcher darüber wachte, dass diese nicht gebrochen wurden. Mithra stammt noch aus der Zeit, als die Iraner und Indier zusammenlebten; als diese sich trennten behielten sie den Mithra als Gott bei, wobei jedoch die Rolle und Konzeptualisierung von Mithra in beiden Völkern sich unterschiedlich entwickelte. Im achämenidischem Reich bildete Mithra zusammen mit Ahura Mazda und Anahita eine Triade, die die höchste Ehrerbietung zugewiesen bekamen. (Apam Napat wurde wohl von Anahita und Ahura Mazda langsam verdrängt). In parthischer Zeit jedoch bekam Mithra die Eigenschaften eines Sonnengottes, weil er in dem fruchtbaren Austausch des hellenistischen und iranischen Götterpantheon zur Zeit der Seleukiden und Parther mit Helios (?) in seiner Rolle „verschmelzt“ wurde (Synkretismus). Und das obwohl die Iraner für die Sonne einen eigenen Gott besaßen nämlich „Xorshid“ (avest. Hvare kshaeta), der dann von Mithra verdrängt wurde.

    Interessant finde, dass der Geburtstag von Mithra einfach zum Geburtstag zum Jesus wurde. 😉

    lg

    • Ja, da gibt es einen ganzen Haufen interessanter Sachen bezüglich der Mithras, auch ihre absolut undurchschaubaren Mythen und Riten gehören da dazu.
      Ich wusste aber gar nicht das Mithras ursprünglich der Hüter der Verträge war. War das tatsächlich noch vor den Archämeniden, oder geschah das erst mit ihnen? Und wie gesagt, der Mithraskult waren ja mehr. Es gab eben diesen indischen und auch diesen ägyptischen Einfluss und dann noch jenen dieser Nomaden aus russischem Gebiete. (Skyten, Tadschiken usw.) Aber vielleicht liegt deren Ursprung ja tatsächlich im alten „Indien“.
      Is ja äusserst spannend. Da ist ein Hüter der Verträge der darüber wacht das diese nicht gebrochen werden und dann später wird dieser plötzlich zu einem Sonnengott, der jetzt nicht mehr darüber wacht, sondern überhaupt schlicht, einfach Gesetzte beschließt und zu einer Art Hauptgott umfunktioniert wird. Aber ja, jede Art oder auch nur ähnliche oder annähernd monotheistische Religiosität fand langsam und schleichend Einzug in unsere menschlich spirituellen Lehren, niemals abrupt, von einem Tag zum anderen. Und auch der Mithraskult hat irgendwann mit „vielen“ Göttergestalten angefangen und langsam verschwanden die eben alle aus deren Kult, bis nur noch Ahriman und Mithras übrig blieben und dann schnell mal Zarathustra als Puffer zwischen sich einschoben. *ggg*
      Ja der Geburtstag des Mithras (jedoch bei den Römern dann eben unter dem Namen „Sol Invictus“) wurde tatsächlich zu Jesus Christus Geburtstag auserkoren. *ggg* Die Römer haben das unter Konstantin einfach so beschlossen und zwar erst lange nachdem Jesus Christus schon wieder längst am Kreuze gestorben war – hat also mit dem Ur-Christentum eigentlich nix zu tun, nur mit den Römern. Da gab es ja unglaublich viele Ungereimtheiten schon in den ersten Atemzügen des Christentums, alle möglichen jüdischen Gruppen und dann später auch nur christlichen Gruppen kämpften um die Vormachtstellung „IHRES“ Glaubens. Und sie alle wollten von den römischen Machthabern einfach hören, das nur ihre Version stimmt und daher auch nur die einzig mögliche Wahrheit sein muss usw. Einig oder harmonisch, war das Christentum- aber auch das Judentum- im Grunde nie. 😉 (ja, ja das „wahre Gotteswort“- da gab es aber viele solche „wahren“ Worte von unserem Himmelspapa- eine einzige Farce war das und ist es noch *gggg*) lg. Evelucas

      • Ach Herrje! Natürlich muss Mithras noch ganz lange vor den Archämeniden als Hüter der Verträge gegolten haben, solange der starke indische Einfluss da war. Er müsste sich jedoch auch relativ bald darauf schon in diesen „Sonnengott“ umgewandelt haben. Der Name Mithras taucht nämlich schon 1400 v. Chr., also noch ganz ganz lange vor den Archämeniden als eine der beliebtesten Gottheiten etwaiger Kulte auf und da galt er schon als „Sonnengott“. Und soweit ich weiß, zumindest laut dem Zend Avesta- nämlich jener Version von Johann Kleuker, der diese erstmals soweit ich mich entsinnen kann irgendwann Mitte oder auch erst im letzten viertel des 18. Jarh. in die deutsche Sprache übersetzt, veröffentlichte- wird Mithras namentlich ja im Grunde kaum bis gar nicht erwähnt. Ich hab nur diese ein Szene im Kopf als er Zarathustras Mutter als lichter Jüngling in ihrem Alptraum erscheint und alle Ungeheuer darin vernichtet, die ihr das Kinde (sie war ja laut diesem Text schon im fünften Monat schwanger) aus dem Leibe zu reissen gedachten um Zarathustra nach dem Leben zu trachten. Und diese Ungeheuer widerspiegelten ja sämtliche Götter-Tiergestalten die für andere mächtige Kulte im Iran standen. In diesem Traum nahm Mithras (jedoch unter einem anderen Namen) eigentlich schon die Gestalt des „Verkünders“ an. Also im Grunde die selbe Position wie sie der Erzengel Gabriel in der Bibel einnimmt, um auch Maria im Traum zu erscheinen und ihr die Geburt von Jesus Christus zu verkünden. Das ist alles äusserst spannend. Aber gut, jetzt komm ich da irgendwie etwas vom Thema ab. Hier soll es ja um das persische Ur-Rind gehen, nicht um Zarathustras Geburt. *gggg*

        Is immer schwierig nicht abzudriften, wenn man schon dauernd all diese Querverbindung im Hirn hat.

        Lg. Evelucas

        • Eve Lucas: „Is immer schwierig nicht abzudriften, wenn man schon dauernd all diese Querverbindung im Hirn hat.“

          Das ist das Faszinierende daran, wenn man so viel Wissen irgendwo zusammen gehäuft hat 😉

  8. @Eve Lucas. Jetzt kann ich wieder eine Nacht nicht schlafen ;-). Bin wieder mal überfordert mit den widersprüchlichen, nicht zusammen gesetzten Puzzle über die Figur von Mithra. Ich werde in ferner Zukunft mal einen Text über die „ursprüngliche“ Konzeption des iranischen Mithra schreiben; das interessiert mich gerade sehr. Das bedeutet viel viel Recherche ;-). Und ja; die älteste Quelle über Mithra ist aus dem 14. Jahrhundert erhalten geblieben und dort ging es über einen Vertrag, der unter dem Schutz des Mithra gestellt wurde (siehe Wikipedia-Artikel zu Mithra). Mithra selbst heißt soviel wie Vertrag, „Freundschaft“ (Peyman). Ich glaub in der Achämenidenzeit war er noch kein „Sonnengott“; es gab ja noch Xorshid, den iranischen Gott des Sonne. Aber irgendwann hat Mithra Änderungen in seiner Fogur erfahren, so dass er dann mit der Sonne assoziiert wurde ( sein mittelpersisches Name Mehr, Mihr bedeutet denn auch Licht). Im Mehr Yasht gibt es auch noch sehr viele Informationen über Mithra. Auf jeden Fall ist es für mich ein Muss das Buch von Mary Boye über die präzarathustrische und achämenidenzeitliche Glaubenswelt der Iraner zu lesen; da lernt man kennen was der ursprüngliche Glaube und die originale Konzeption der iranischen Götter war. Das Avesta und die sonstige Zand-Literatur eignet sich dafür weniger, weil diese erst spätere Perioden der iranischen Glaubenwelt darstellt -.- .

    • Na dann freue ich mich sehr Bahrâm jân für den nächsten Artikel. Wichtig ist, dass Du schlaflose Nächte bekommen hast und willst die Sache tiefer forschen und versuchst nicht hier mit einigen Worten und typischer Abtuerei für uns Iraner irgend ein Zeug schreiben. Auf solche Forscher bin ich sehr stolz und ehrlich gesagt, ich habe seit gestern durch eure Kommentare hier viel gelernt und einiges, was ich wusste, wurde wieder bestätigt. Ich danke euch beiden. 😉

      • @Fartab-Jan; Wissensaustausch ist ja der Sinn eines Blogportals ;-). Und so wie es aussieht, machen wir in dieser Hinsicht alles richtig. @Eve Lucas. Ich hab wegen Mithra nochmal im Mehr-Yasht im Avesta nachgeschaut. Auch dort erscheint Mithra nicht als Sonnengott. Vielmehr wird Mithra mit dem Sonnenlicht bei Tagesanbruch in Verbindung gebracht; er wird auch als Hüter der Zeit Havani bezeichnet (Zeit von Sonnenaufgang bis Mittag). Mit seiner mächtigen, ahurischen Waffe vertreibt er die Divs, wenn der Morgen anbricht (weil diese nachts ihr meistes Unwesen treiben). Die Wohnstätte von Mithra ist auf dem Hara berezaiti (heute Alborz); dort wo es keine Finsterniss, noch Kälte gibt. Am ehesten könnte man Mithra als Lichtgott bezeichnen aber selbst das ist noch so richtig. Denn seine wichtigste Aufgabe ist es, die Truggenossen (wie z.B Vertragsbrecher) zu bestrafen und allgemein über die Wahrheit und Rechtschaffenheit auf der Welt zu wachen. Dazu hat er 1000 Ohren und 10 000 Augen. Mir scheint es, dass der „römische“ Mithra(s), der als „Sol Invictus“ bezeichnet wird, eine Adaptation ist, welche mit dem ursprünglichen iranischen Mithra wenig gemeinsam hat; denn im iranischen Glauben gibt es für die Sonne einen eigenen Genius namens Xorshid, der unsterblich genannt wird und auf einem Wagen mit Pferden gedacht wurde (wie Helios). Auch dass Mithra in dem römischen Mithraismus in dunklen Höhlen angebetet wurde ist „abweichend“, denn im Iran wurde Mithra mit Licht assoziiert. Aber ich werde bald mich ausführlich mal darüber beschäftigen :). Lg

        • Hi Bahram,
          …*gggg* herrlich so viele Widersprüche und das schon nur innerhalb einer einzigen mythischen Göttergestalt. Welch gefundenes Fressen für geschichtliche Aufklärungs-Hobby-Forscher. Und ja stimmt, Sonnengott war eine etwas fehlgedeutete Interpretation von mir in Bezug zu Licht. Lichtgott ist selbstverständlich die bessere Beschreibung. Das war das Sol für Sonne in der
          latinisierten Variante dieser Gottheit bei den Römern, weswegen ich zum Sonnengott tendierte. Auch weiss ich das die Avestas nie so die hundert Prozent sicheren Quellen – weder zu Mithras noch zu Zarathustra- darstellen um da mal näher an deren Wurzel heran zu kommen. Und der römische Mithras (Sol Invictus) war mit Sicherheit wesentlich stärker vom ägyptischen Mithras beeinflusst, der dann aber wiederum auch die persische Variante des „Lichtgottes“ Mithras beeinflusste.
          Der geschichtliche Hintergrund zum römischen Mithras ist vermutlich darauf zurückzuführen, das sich die Kornkammern Roms in Unterägypten befanden.
          Mithras taucht in Europa zum ersten mal im ca. 4. Jahrhundert vor Christus auf. Das war ungefähr um jene Zeit, nach dem Kriegszug Alexander des Großen, der ja, wie wir alle wissen das Archämeniden Reich der Perser zerstörte. Also jener Zeitpunkt zudem durch den aufkommenden Hellenismus, nach Alexanders Tod in Babylon, das Seleukidenreich (hellenistisches Vassallen Reich- also mehrere griechische Stadtstaaten), sowohl in Mesopotamien, als auch im Iran an die Macht kam. Und Alexander war, trotz seiner feindlichen Gesinnung den Persern gegenüber, dennoch ein begeisterter Fan der persischen Kultur. Daher war auch das der Zeitpunkt, als Mithras nach Europa überschwappte. Und innerhalb des Seleukidenreiches, vermischten sich alle möglichen kulturellen Einflüsse aus Persien, Ägypthen, Indien und Babylon. Das waren vermutlich auch die Wissensquellen, an denen sich schließlich auch die Römer orientierten, die im übrigen immer schon so eine kleine Hassliebe zu den dann viel späteren Sassaniden hatten. Sie bekriegten sich, dann gab es wieder Friedensabkommen, bekriegten sich wieder und dann wieder anders herum usw. In jener Zeit entstand dann auch ungefähr, das NT. der christlichen Bibel. Und der stark persische, als auch ägyptische Einfluss auf das röm. kath. Christentum, spiegelt sich für mich vor allem in der Geschichte Jesus Christus wider. Er ging übers Wasser, eins seiner aufregendsten Wunder, das er vollbrachte. Nun, ein solches Wunder jedoch, vollbrachte in den Avestas auch schon mal Zarathustra. Die entstanden jedoch ganz lange vor Jesus Christus Geburt. Da waren also eine ganze Menge undurchschaubare kulturelle Einflüsse im Spiel.
          Umso mehr freue ich jetzt schon auf deinen weiteren Artikel zum Mithraskult. Und Mary Boyce, muss ich mir jetzt auch unbedingt anschaffen, trotzdem sie von vielen wissenschaftlichen Kreisen, ab und an ziemlich grob und streng kritisiert wird.

          Lg. Evelucas

          • Ach ja und bezüglich Lichtgott und wann er dazu wurde, hm, das müsste dann aber zumindest schon ziemlich am Anfang der Archämeniden Dynastie passiert sein. Um ca. 500 v. Christi, zu Zeiten des Kyros II. gab es die Avestas schon. Ungefähr ein Jahrhundert später, starb immerhin die avestische Sprache aus.
            Also müssten diese Texte irgendwann zwischen dem 14. Jahrhundert v. Chr., als diese Sprache also aufkam, und dem 4. Jahrhundert v. Chr. entstanden sein.
            Oh wow! Das ist der Zeitraum eines ganzen Jahrtausends, indem die Avestas entstanden sein könnten. Na prost Mahlzeit, das ist ein ganzer Haufen Geschichte, die man da durchkämmen müsste und dann auch noch in einem Zeitraum, von dem man kaum etwas weiß.
            Na gut, dann fang ich halt mal an. *gggg*
            Lg. Evelucas

  9. @Eve Lucas. Was alles erschwert ist auch, dass die Quellen für die Ursprünge der iranischen Glaubensvorstellungen sehr undurchsichtig sind; eine Rekonstruktion des alten iranischen Mithra-Kultes ist nicht sicher zu bewerkstelligen. Für mich ist der präzarathustrische Paganismus der Iraner weitgehend noch Neuland; wenn ich mit meiner aktuellen Artikelreihe fertig bin lese ich mal das erste Band von Mary Boye über die Geschichte der iranischen Religion. Ich habe mal in das E-Book reingeschnuppert; mir hat ihr Schreibstil sehr gefallen. Mir erscheint sie als eine sehr seriöse Autorität über den Zarathustrismus; leider ist sie vor einigen Jahren gestorben. Hier ist mal das e-Book des ersten Bandes, wenn du Interesse hast: http://books.google.de/books?id=F3gfAAAAIAAJ&pg=PR7&lpg=PP1&hl=de&output=html_text

    • @ Bahram: Super! Ich dank dir. Werd da mal übers Wochenende auch gleich mal rein schnuppern. Sie ist ja eine sehr anerkannte Forscherin, aber wie das eben nun mal so ist mit den klassischen „Wissenschaftskreisen“, gibt es da immer mehrere Gruppen, die alle eine jeweils andere These zum selben Thema aufstellen und vertreten. Das wirklich schwierige daran ist für mich immer, das fast all diese „Thesen“ stets recht plausibel und auch nachvollziehbar klingen. Das sind dann immer die Augenblicke, in denen ich mir dann doch wünschte, studiert zu haben um selber bei etwaigen Übersetzungen oder Ausgrabungen dabei sein zu können und mir ein ganz, ganz unabhängig eigenes Bild von all dem zu machen. *ggg*
      Danke nochmals für den Link. Bin schon gespannt.
      Lg. Evelucas

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