Der Iran–Irak Krieg 1980 -1988

Es waren die Panzerdivisionen Saddam Husseins, die am 22. September 1980 den Arvandrud (Shatt-El-Arab) überquerten und in der iranischen Provinz Chuzestan einfielen, um sich die Provinz mit einer der größten Rohölvorkommen der Welt einzuverleiben. Diese Mission scheiterte jedoch an der beispiellosen Opferbereitschaft der Iraner und nicht zuletzt am Todesmut der Kindersoldaten. Es waren vor allem die „todesfreiwilligen“ Kinder, deren Aufopferung in den irakischen Minenfeldern Khomeinis Gegenoffensiven ermöglichten. In diesem Krieg wurden mehr als 45.000 iranische Kinder von irakischen Minen zerfetzt.

Vorgeschichte

Vor der Ausdehnung des Osmanischen Reiches gehörten Teile Mesopotamiens dem von der Aq Qoyunlu-Dynastie regierten Persien an. Das aufsteigende Osmanische Reich unter Murad IV. annektierte das Gebiet des heutigen Irak im Jahre 1638. Der schwache safawidische Herrscher von Persien, Safi I. konnte dies nicht verhindern. So entstand ein lang andauernder Grenzkonflikt; zwischen 1555 und 1918. 1918 unterzeichneten Persien und das Osmanische Reich insgesamt 18 Abkommen zur Neuregelung des Grenzverlaufs.

Der moderne Irak entstand, als das Osmanische Reich endgültig zusammenbrach, unter Einfluss Großbritanniens. Dabei erbte der Irak auch die Grenzkonflikte an seiner Ostgrenze. Abd Al Karim Qasim, erklärte am 18. Dezember 1959: „Wir möchten uns nicht auf die Geschichte der arabischen Stämme in Al-Ahwaz und Mohammerah (Khoramshahr) beziehen. Das Osmanische Reich hat Mohammerah, das Teil des irakischen Territoriums war, an den Iran übergeben.“ Der Irak begann, abtrünnige Bewegungen in Chuzestan zu unterstützen und brachte seine Territorialansprüche auf einer Sitzung der Arabischen Liga vor. Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus. 1969 erklärte der Vize-Premier des Irak: „Iraks Auseinandersetzung mit dem Iran bezieht sich auf Chuzestan, das Teil des irakischen Bodens ist und während der Fremdherrschaft von Iran annektiert wurde.“ Bald darauf sendeten irakische Radiosender ihre arabische Propaganda gezielt nach Chuzestan hinein und ermunterten arabisch-stämmige Iraner und sogar Belutschen, sich gegen die iranische Regierung zu erheben. Fernsehsender aus Basra zeigten die Provinz Chuzestan als Iraks neue Provinz namens Nasiriyyah und gaben allen iranischen Städten arabische Namen.

Im Abkommen von Algier im Jahre 1975, hatte seine kaiserliche Hoheit Mohammad Reza Shah Pahlavi die Grenzstreitigkeiten vorerst beigelegt. Erst nach der Islamischen Revolution wagte Saddam Hussein im völligen politischen Chaos des Iran und der praktisch aufgelösten iranischen Armee, mit westlicher Unterstützung einen Angriffskrieg, und glaubte in den Wirren der Revolution diesen erfolgreich führen zu können. Ayatollah Khomeini hingegen sah in diesem Krieg eine Möglichkeit die Islamische Revolution in andere muslimische Länder zu exportieren und eine persönliche Rechnung mit Saddam Hussein zu begleichen, als dieser ihn kurz vor der Revolution von den heiligen Stätten in Nadjaf ins Exil im fernen Paris schickte, um seine Revolutionsambitionen in Iran zu erschweren.

Der Kampf, zwischen Arabern und Persern, die Befreiung Arabistans, wie Saddam Hussein dieses Stück Iranzamin nannte, und der Befreiung der mehrheitlich arabisch-stämmigen Bevölkerung von der vermeintlichen Fremdherrschaft, wollte Saddam Hussein ideologisch nutzen. Doch die iranischen Araber leisteten zum Großteil erheblichen Widerstand. Diese Ideologie war insofern auf irakischer Seite erfolgreich, da schiitische Iraker gegen schiitische Iraner das Kampfgeschehen bestimmten und schiitische Iraker für Saddam Hussein wohl weniger wert waren. Am 17. September 1980 kündigte Saddam Hussein das Abkommen von Algier und beanspruchte die volle Souveränität über den Arvandrud. Als Gegenleistung zur Einstellung der kurz darauf beginnenden Kriegshandlungen forderte Saddam Hussein vom Iran, neben der Rückgabe der Tunb-Inseln und Abu Musa an die Vereinigten Arabischen Emirate auch die volle Souveränität des Irak am Arvandrud. Saddam Hussein spielte häufig auf die islamische Expansion der Araber in Iran an und propagierte damit seine „anti-persische“ Haltung. Am 2. April 1980, ein halbes Jahr vor Kriegsausbruch, zog Saddam Hussein während seines Besuchs in der al-Mustansiriyyah-Universität in Bagdad Parallelen zur persischen Niederlage im 7. Jhd. in der Schlacht von Al-Qadisiyah und erklärte: „In eurem Namen, Brüder, und im Namen der Iraker und aller Araber sagen wir diesen iranischen Feiglingen und Zwergen, die sich für Al-Qadisiyah rächen wollen, dass der Geist von Al-Qadisiyah sowie das Blut und die Ehre der Menschen von Al-Qadisiyah, die ihre Sendung auf ihren Speerspitzen trugen, größer ist als ihre Bemühungen.“

Der Kriegsverlauf

Zunächst besetzte die irakische Armee den Arvandrud und in den kommenden Wochen etwa 14.000 qkm iranischen Bodens. Sie führte über eine Frontlänge von 1.325 km und betraf die Provinzen Chuzestan, Ilam, Bachtaran, Kurdistan und Westazerbaidschan. Erst 1982 gelang es iranischen Truppen die völlig zerstörte Stadt Khoramshahr und die einst größte Erdölraffinerie der Welt in Abadan zurückzuerobern. Diese vernichtenden Niederlagen Saddam Husseins sollten die Wende in diesem Krieg bedeuten. Die westliche Welt hatte massiv den Irak unterstützt, allen voran die USA durch Weitergabe militärischer Geheimnisse des Irans, aber auch Frankreichs High-Tech-Lieferungen und Deutschlands Technologietransfer für die Produktion chemischer Kampfstoffe richteten sich gegen Iran. Die daraus resultierende militärische Überlegenheit der Iraker musste Iran mit dem Einsatz von vermehrtem Humankapital kompensieren. Der erwartete Kollaps des Iran trat wider Erwarten nicht ein und zwar erst recht nicht, als sich Saddam Hussein über die „Genfer Konventionen“ völlig hinweg setzte. Die schlimmsten Verstöße gegen die „Genfer Konventionen“ lagen in einem Krieg der Städte, Raketenangriffe auf zivile und industrielle Einrichtungen, dem Einsatz chemischer und biologischer Waffen und den Angriffen auf die zivile Schifffahrt im Persischen Golf. Der Krieg erstarrte sodann in einem Stellungskrieg in den Sümpfen des Arvandrud, der von 1983 bis 1988 anhalten sollte und wobei keiner der Parteien die Oberhand gewinnen konnte. Durch die „Irangate Affäre“ haben die USA letztlich einen irakischen Sieg über den Iran verhindert. Endlich begann der Iran am 18. Juli 1988 nach 8 Jahren Krieg die UNO-Resolution 598 der Vereinten Nationen zur Beendigung des Krieges zu akzeptieren, vorangegangen waren bereits Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges in den Jahren 1982 und 1985. Diese UNO Resolution war allerdings alles andere als gerecht, denn sie sah keine Verurteilung des Iraks als Aggressor und damit keine Reparationszahlungen an den Iran vor, so dass es sich zunächst nur um einen Waffenstillstand handelte. Erst im August 1990 drängte Saddam Hussein auf einen Friedensvertrag, ein solcher wurde jedoch bis heute nicht geschlossen.

Kriegsschäden und ihre Folgen

Die anhaltende Wirtschaftskrise während der Kriegswirtschaft, als die Erträge aus dem Erdölexport von 21 Mrd. US$ 1983 auf 6 Mrd. US$ im Jahre 1986 fielen, hatten Ayatollah Khomeini gezwungen die UNO Resolution 598 zu akzeptieren. Desweiteren zeigte die Handelsbilanz ein Defizit von 5 Mrd. US$ im Jahre 1986. Reformen in der Wirtschaft konnten während des Krieges nicht durchgeführt werden, weil die Prioritäten anders gesetzt werden mussten. Iran war zu einer der wichtigsten Waffenimporteure der Welt geworden und die Kriegsgeschehnisse verschlangen 40% des Budgets der Islamischen Republik Iran. Die Ausgaben für diesen Krieg wurden auf etwa 110 Mrd. US$ geschätzt, also fast das Dreifache der Kosten von Bushs späteren „Operation Wüstensturm“. Dieser Krieg war einer der teuersten zwischenstaatlichen Konflikte des 20. Jahrhunderts. Das vernichtete militärische Humankapital liegt bei etwa 350.000 Menschen, hinzu kommen noch rund 500.000 Invaliden, die insgesamt die Volkswirtschaft des Iran bis heute enorm belasten. Die direkten Schäden des Krieges ohne Berücksichtigung des Humankapitals lagen bei etwa 400 Mrd. US$ und zur Deckung dieser Schäden waren Erträge aus den Rohölverkaufen von etwa 20 Jahren zu veranschlagen. Die totalen Kriegsschäden inkl. der Schäden in der Infrastruktur, den Industrieanlagen, dem Agrarland und in den Städten wurden auf etwa 1 Trilliarde US$ geschätzt. Allein 210 Mrd. US$ beziehen sich auf Schäden an Gebäuden und Maschinen. Berücksichtigt sind auch bei der Zahl von 1 Trilliarde US$ entgangene Gewinne aus Rohölverkäufen, wegen Beschädigung der Raffinerien. Desweiteren wurden ca. 300.000 Zivilisten getötet und 50.000 Iraner gerieten in Kriegsgefangenschaft. Insgesamt wurden 52 Städte beschädigt, davon 6 völlig zerstört und weitere 14 Städte zu mindestens 50% beschädigt, 4.000 Dörfer wurden Großteils dem Erdboden gleich gemacht. Noch heute gelten nahezu 600.000 Hektar Fläche mit geschätzten 16 Millionen nicht beseitigter Minen als Hinterlassenschaft der Iraker.

Iraner haben ihr Leben gelassen, damit Franzosen, Engländer und Deutsche sowie weitere 34 Nationen sich an diesem Krieg bereichern konnten, die Kriegsparteien selbst gingen beide als Verlierer hervor. Khomeinis Versuch, die Niederlage von Kerbela und damit den Tod Hossein Ibn Alis nach 13 Jahrhunderten zu rächen, blieb in den Sümpfen des Arvandrud liegen. George W. Bush sollte später genau die Intention erfüllen, die  Hossein Ibn Ali 13 Jahrhunderte zuvor nach Kerbela führte und übergab den irakischen Schiiten die heiligen Stätten in Kerbela. Dieser Krieg, mit seinen enormen Kosten für den Irak, war dann ursächlich für die Besetzung Kuwaits, des 2. Golfkrieges und letztlich für das Ende der Herrschaft Saddam Husseins und der Bath Partei in Irak. Kämpfer aus 26 Nationen gelangten in diesem Krieg in iranische Kriegsgefangenschaft. Was hatten sie hier verloren? Wer hat sie bezahlt?

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17 Gedanken zu „Der Iran–Irak Krieg 1980 -1988

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  15. Das Öl hatte, hat und wird sicher immer eine äußerst wichtige Rolle in diesem Konflikt spielen. Aber der uralte Konflikt zwischen den seßhaften Iranern und den nomadisierenden Arabern, heute sichtbar durch den religiösen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, also den die Kultur des vorderen und mittleren Orients seit über 2000 Jahre bestimmenden Iranern und den Arabern der Wüste, bleibt der Hauptgrund für den erbitterten Kampf auch noch heute.

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